28.04.2008

TitelStreber und Partytiere

Kleine Seminare, Kurse auf Englisch und gute Professoren locken deutsche Studenten scharenweise in die Niederlande - besonders an die Modell-Uni in Maastricht.
An ihrem klaren Kopf kann Wiete Eichhorn spüren, dass heute ein Mittwoch der achten Woche ist. Denn in allen anderen Wochen steigen am Dienstag die Studentenpartys.
"Nur in der achten Wochen ruht das Leben", flüstert die 23-Jährige. "Da hocken alle hier in der Bibliothek." Denn alle zwei Monate heißt es: Examensstress.
In Deutschland erreicht das akademische Treiben zweimal im Jahr, nämlich zum Ende des Semesters seinen Höhepunkt. "Nicht so bei uns an der Universität Maastricht", sagt Eichhorn.
Hier geben Tutorien den Takt des studentischen Lebens vor. So heißen die Kurse, und sie währen nur zwei Monate. Dann kommt eine Klausur, und in der Woche darauf beginnen schon wieder die nächsten Tutorien.
Überhaupt ist manches anders hier in Maastricht. Das rigide Lernschema beispielsweise begeistert Wiete Eichhorn: "Vom ersten Tag an wusste ich genau, was ich zu tun hatte." Die Hochschule mit ihren rund 11 500 Studenten rühmt sich, besonders innovativ im Lernen und Forschen zu sein - innovativer insbesondere als die Unis im deutschen Nachbarstaat.
Von dort schauen die Bildungsfunktionäre neidisch hinüber in die Niederlande, wohin es inzwischen mehr deutsche Studenten zieht als in jedes andere Land: 12 000 sind es derzeit.
Beherzt haben die Niederlande die Bologna-Reformen umgesetzt. "Im Prinzip sind wir mit dem Umbau fertig", sagt Jo Ritzen. Als Bildungsminister hatte er einst selbst am Reformwerk mitgestrickt. Jetzt ist er Uni-Präsident und residiert in einer alten, komplett entkernten Franziskanerkirche aus dem 17. Jahrhundert.
Deren ehrwürdige Fassade täuscht darüber hinweg, dass Maastricht die jüngste Uni der Niederlande ist, gegründet vor gerade einmal 32 Jahren. "Wir hatten es leichter, als ihr Deutschen mit eurem Föderalismus", sagt der joviale Uni-Chef, "wir mussten nur ein nationales Gesetz verabschieden, und los ging's."
Für Maastricht allerdings reichte ihm der Dreiklang aus Bachelor, Master und PhD nicht. Ritzen entrümpelte den Lehrplan, in mehr als zwei Dritteln aller Kurse wird seither auf Englisch gelehrt. Sein liebstes Kind aber ist das "Problem-based Learning" (PBL), zu Deutsch: problemorientierte Lernen - ein radikaler Bruch mit alten Lehrgewohnheiten.
"Dozenten wollen dozieren", sagt Ritzen und fügt hinzu: "Das haben wir ihnen abtrainiert."
Eichhorn hat das Fach European Studies belegt und gerade ihr Tutorium in europäischem Recht belegt: Niederlassungsfreiheit, freier Personen- und Warenverkehr. Was bedeutet es, wenn ein Deutscher in London arbeitet und seine mexikanische Ehefrau mitnimmt? Und was, wenn er dort ein eigenes Reisebüro aufmachen will? Fragen dieser Art denken sich die 15 Kursteilnehmer aus und recherchieren die Antworten dann selbst. "Der Dozent greift nur ein, wenn die Diskussion vom Kurs abkommt", erklärt Eichhorn.
Quasselbuden sind die Tutorien trotzdem nicht: Es wird knallhart geprüft, und wer nach zwei Jahren nicht den Anforderungen genügt, fliegt aus der Fakultät. "In einem anderen Fach wieder einschreiben läuft nicht", erklärt Eichhorn.
Vor zwei Jahren ist die gebürtige Henneferin nach Maastricht gewechselt. Vorher, an der Uni Bonn, war sie es gewohnt, in den Seminaren auf der Fensterbank zu sitzen. Der schimmlige Geruch alter Bücher in der Bibliothek ist ihr noch in gruseliger Erinnerung. "Hier ist alles sauber, der Kurs nicht überlaufen, der Professor immer ansprechbar", sagt sie.
In der schicken Mensa der Wirtschaftsfakultät trifft sie Sebastian Kruse, einen Kommilitonen aus Hilden bei Düsseldorf. "Sieht doch aus hier wie in einem Designhotel", meint der. Die Rankings in einschlägigen Wirtschaftsblättern habe er vor der Immatrikulation sorgfältig studiert, erzählt er: Die Wirtschaftswissenschaften in Maastricht rangieren unter Europas Top Ten. Absolventen starten mit 20 Prozent mehr Gehalt in ihre Berufskarriere. Solch rosige Perspektiven habe er in Deutschland nur auf einer teuren Privatuni, sagt Kruse: "Hier zahle ich 1500 Euro im Jahr und habe die gleiche Qualität und das gleiche Ambiente."
Ein Geheimtipp ist Maastricht unter deutschen Abiturienten längst nicht mehr. Ein Drittel der Wirtschaftswissenschaftler hat aus dem Osten, aus Deutschland, rübergemacht. In vielen Tutorien, die Kruse und Eichhorn besuchen, machen Deutsche schon mehr als die Hälfte aus.
Die Hegemonie der Teutonen inspirierte die Uni-Zeitung "Observant" bereits zu kulturkritischen Betrachtungen: Die Deutschen seien "seriöse Streber"; die Niederländer dagegen "Partytiere".
Universitätschef Ritzen nährt solche Stereotypen noch: Die Deutschen befänden sich grundsätzlich im oberen Leistungsdrittel, lobt er. Unbeirrt setzt er seinen internationalen Kurs fort und schickt seine Marketingtruppen auf deutsche Uni-Messen.
Auch im Orient konnte er neue Kommilitonen ködern. Gerade hat er ein Dutzend Novizen aus Saudi-Arabien begrüßt. "Wir sehen ausländische Studenten nicht als Geldquelle, sondern als kulturelle Bereicherung", behauptet er.
Längst misst sich Ritzen nicht mehr mit Bochum oder Frankfurt, sondern mit Harvard und Oxford. Diesem Statusdenken entspricht Personal wie der Psychologieprofessor Rainer Goebel. Von Unis der höchsten Liga hat er Angebote bekommen - und sie ausgeschlagen. "Ritzen kümmert sich persönlich darum, dass ich bleibe", sagt Goebel, der die flache Hierarchie und die gelenkige Verwaltung an der Uni Maastricht lobt.
Vor ein paar Tagen war Ritzen wieder bei ihm. Es ging um den Neubau eines 20 Millionen Euro teuren Hirnforschungszentrum samt 9-Tesla-Kernspintomograf. "Mit so einem Gerät wollte man mich an die Universität in Amsterdam locken", erzählt der Wahrnehmungs- und Emotionsexperte: "Damals versprach Ritzen einfach: 'Das Gleiche kriegst du hier auch.'" GERALD TRAUFETTER
Von Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 18/2008
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