28.04.2008

PROVINZDas volatile Landleben

Die Proteste der deutschen Milchbauern künden vom neuen Marktdenken in der Landwirtschaft. Was früher staatlich reglementiert war, ist nun dem Auf und Ab der Weltmärkte ausgeliefert. Die deutsche Provinz globalisiert sich, manche Landwirte sind glücklich darüber. Von Uwe Buse
Ludwig Soeken, Bauer in Ostfriesland, hat in den vergangenen Wochen nicht viel Zeit auf seinem Hof verbracht. Er war oft unterwegs, traf andere Bauern in Norddeutschland, in Gaststätten und Versammlungsräumen. Dort stand er vor einer Leinwand, neben sich seinen Laptop, und versuchte, seine Zuhörer von der Notwendigkeit eines Streiks zu überzeugen.
Sein Publikum waren Bauern wie er, Milchbauern, und die meisten bewirtschaften Höfe, die seinem ähneln. Soekens Hof ist ein Familienbetrieb. Er arbeitet dort, seine Frau, sein Sohn. Im Stall stehen knapp hundert Kühe, auf den Feldern wächst Mais. Futter für die Tiere. Soeken hat den Hof von seinem Vater übernommen, im Jahr 1984. Ein Vierteljahrhundert führt Soeken ihn, und nun, am Ende seines Berufslebens, hat er nicht das Gefühl, dass es sich gelohnt hat.
Beide Knie sind kaputt, der Melkstand ist eine Antiquität, er stammt noch von seinem Vater. Ein neuer kostet 500 000 Euro, den kann sich Soeken nicht leisten. Er hat einmal seinen Gewinn umgerechnet auf die Stunden, die er arbeitet, und er hat feststellen müssen, er könne genauso gut Haare schneiden in Sachsen oder Thüringen. "Der von den Gewerkschaften geforderte Mindestlohn von 7,50 Euro wäre für mich wirklich eine Verbesserung." Die Hoffnung auf eine Veränderung seiner Lage hatte er schon aufgegeben, es war nur der Mangel an Alternativen, der ihn weiterarbeiten ließ.
Hoffnung keimte auf in Soeken, als im Sommer des vergangenen Jahres die Deutschen Butter hamsterten, damals glaubte auch er für kurze Zeit an die grundlegende Veränderung, an eine bessere Zukunft, damals, als die Milchpreise nach oben schossen, als Getreidehändler verzweifelt Ware suchten, um die Nachfrage zu befriedigen.
Entstanden war der Ansturm auf Getreide und auf Milch nicht durch den plötzlich gestiegenen globalen Konsum. Die Nachfrage nach Getreide und Milch überstieg schon seit 2005 das Angebot, doch bis zum vergangenen Jahr konnte der Mehrverbrauch durch die Lagerbestände gedeckt werden. Im Frühjahr 2007 waren die Lager dann so gut wie leer.
Die deutschen Landwirte erlebten zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt drastisch steigende Preise, und noch Anfang des Jahres, während der Grünen Woche in Berlin, war die Erleichterung über die Wende zu spüren, die Überraschung, dass ausgerechnet die Globalisierung, lange Zeit der Erzfeind des deutschen Bauern, den Wechsel befördert hatte.
Für Deutschlands Bauern waren die Landwirte in den Entwicklungsländern immer Konkurrenten. Sie produzierten billiger, forderten den Zugang zum europäischen Binnenmarkt und einen Abbau der Subventionen.
Im vergangenen Jahr stellten die deutschen Bauern fest, dass ihre Konkurrenten auch Verbündete sein können. Die Mitglieder des globalen Mittelstands konsumierten mehr und sorgten so dafür, dass Milch und Getreide zu kostbaren Gütern wurden, die Globalisierung machte die deutschen Bauern zu Gewinnern.
Doch sie brachte auch neue Risiken, sie öffnete die Märkte. Bis zu diesem Zeitpunkt ähnelte die Landwirtschaft einem geschlossenen System. Das Geld floss zwischen den Bauern, dem Handel und den Verbrauchern. Branchenfremde Investoren, Spekulanten interessierten sich nicht für die Landwirtschaft. Die Renditen waren zu gering. Das änderte sich im vergangenen Jahr, als die Spekulanten neue Gewinnchancen entdeckten.
Die deutschen Bauern sind nun abhängiger vom Dollarkurs. Sinkt er, steigt der Wert des Euro, und ist der Euro so stark wie im Moment, dann staut sich die Milch im europäischen Binnenmarkt. Asiens Händler decken sich dann vorzugsweise im Dollar-Raum ein.
Die deutschen Bauern sind abhängig von der international gehandelten Milchmenge. Deren Preis ist ein wichtiger Indikator. Sinkt er, hat das Auswirkungen bis in die lokalen Märkte. Eine Kettenreaktion setzt ein. Und dieser Indikator ist sensibel, denn die international gehandelte Menge, gemessen in Prozenten, ist klein. Rund 600 Millionen Tonnen Milch werden jedes Jahr auf der Welt produziert, sieben Prozent werden international gehandelt.
Die Bauern sind auch abhängig vom Verhalten ihrer globalen Konkurrenz. Erhöht sie die Produktion - wie es in den vergangenen Monaten der Fall war in Neuseeland, in Australien, in den USA - als Reaktion auf den Mangel, auf die hohen Preise, dann sinken die Notierungen für die international gehandelte Milch, und sie sinken schnell.
Und genau das geschah in den vergangenen Wochen und Monaten. Die Bauern im außereuropäischen Ausland erhöhten ihre Produktion, setzten die Kettenreaktion in Gang, und Deutschlands Discounter nutzten diese Situation aus.
"Volatilität" ist das maßgebende Wort der deutschen Bauern. Die Preise, die Notierungen schwanken viel stärker als früher; da waren sie oft über Monate stabil. Jetzt müssen sich die Bauern auf Preisschwankungen von 20 Prozent und mehr in zwei, drei Tagen einstellen.
Deutschlands Bauern sind nun Weltbauern. Sie reagieren unterschiedlich auf die Zumutungen des Markts, die einen rufen nach dem Staat, die anderen beschwören den Markt, noch andere beginnen sich selbst zu globalisieren.
Für einen Milchbauern wie Ludwig Soeken ist das Bewirtschaften seines Hofs nun so etwas wie ein Abenteuer, dem er sich stellt mit dem Mut eines Rebellen. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Blatt Papier, eine Kostenaufstellung. Sie zeigt, wie viel Geld er zurzeit für einen Liter Milch von seiner Molkerei erhält, es sind 32 Cent. Seine Betriebskosten, so sagt er, liegen 7 Cent höher.
Der Staat wird ihm in dieser Situation nicht helfen, davon ist Soeken überzeugt. Erst zum 1. April hat die EU die Milchquote angehoben, um zwei Prozent. Soeken war strikt gegen die Erhöhung, wie fast alle Milchbauern, denn er fürchtete, dass der mächtige deutsche Einzelhandel sie als Argument benutzen würde, um die Preise weiter zu drücken. Und genau so kam es: Anfang vergangener Woche senkten Aldi, Lidl und Rewe den Preis für einen Liter Vollmilch von 73 auf 61 Cent.
Enttäuscht vom Markt, vom Staat, hat er sich deshalb zur Revolution entschlossen, so radikal muss man es formulieren. Er hat genug von Preisen, die der Einzelhandel diktiert, die von den Molkereien an ihn weitergeben werden. Ihn interessiert nicht mehr, wo der stetig sinkende, staatlich garantierte Interventionspreis steht. Mit ihm kann er seine Kosten sowieso nicht decken. Soeken will den Systemwechsel.
Soeken plant ein Kartell, eine Milch-Opec, es gibt da eine Lücke im deutschen Gesetzesdschungel, die das möglich macht. Die Lücke wurde entdeckt vom Bund Deutscher Milchbauern, vom BDM, Soeken ist einer seiner Sprecher. Der Verband vertritt 33 000 bäuerliche Betriebe, und er droht mit einem Lieferstopp, wenn die Molkereien den Auszahlungspreis an die Landwirte nicht auf 43 Cent pro Liter erhöhen. Dies ist das erste Ziel. Das zweite Ziel ist die Milch-Opec. Die Molkereien sollen ein neues Gremium als alleinigen Verhandlungspartner akzeptieren, das Milchboard. Seine Repräsentanten, Bauern, werden den Preis für einen Liter Milch in Verhandlungen mit den Molkereien festsetzen.
Doch bleibt der Preis, wie er ist, wollen die BDM-Bauern ihre Milch wegkippen. Dann könnte die Hälfte der deutschen Milch auf den Feldern versickern. Das ist die Drohung, sie soll die Milchindustrie zu Zugeständnissen zwingen. Ob sie stark genug ist, ist noch offen. Das Angebot an Milch ist zurzeit hoch. Französische, österreichische, niederländische Bauern könnten versuchen, die Lücke zu schließen.
Aber nicht nur die Veränderungen in der Wirtschaft zwangen die Bauern in ihre neue Welt. Auch die Politiker trugen dazu bei. So zieht sich die EU aus der Förderung der Landwirtschaft zurück. Die Exportsubventionen wurden weitgehend abgeschafft. Seit 2005 leben die deutschen Bauern auch im Inland unter veränderten Bedingungen. Bis zu diesem Zeitpunkt erhielt der Bauer Subventionen für bestimmte Produkte. Nun bekommt er sie für die Fläche. Was er darauf anbaut, ist seine unternehmerische Entscheidung. Ob er seine Ernte gewinnbringend verkaufen kann, ist sein unternehmerisches Risiko.
Jahrzehntelang hatten die Bauern mit dem Gefühl leben müssen, dass sie nur geduldet werden im Industriestaat Deutschland, dass ihre Produkte zu teuer sind, ihre Branche zu unattraktiv ist für Investoren.
Diese Probleme haben die deutschen Landwirte heute nicht mehr. Heute finden die Bauern ihre Branche Tag für Tag auf den Titelseiten der Zeitungen wieder, heute gilt die Landwirtschaft als heißer Tipp unter Börsenspekulanten, heute steht sie im Zentrum einer globalen Debatte, die sich um knappe Grundnahrungsmittel dreht, um steigende Preise, um Hungeraufstände, Exportbeschränkungen, globale Verteilungsgerechtigkeit.
Aber nicht nur die Verlierer in den Entwicklungsländern, auch die vermeintlichen Gewinner in Deutschland finden sich nun auf der Straße wieder.
Der mächtigste Bauernverband des Landes, der Deutsche Bauernverband, organisiert die aktuellen Demonstrationen, aber er richtet seinen Protest nicht, wie der BDM, gegen die Molkereien - sie sind mehrheitlich in genossenschaftlicher Hand -, sondern gegen den Handel. Seine Funktionäre fordern auch keinen Systemwechsel, kein Kartell. Sie wollen einfach nur mehr Geld für die Landwirte.
Udo Folgart ist Vizepräsident des Deutschen Bauernverbands, er ist auch Präsident des Brandenburger Landesverbands, er sitzt für die SPD im Landtag in Potsdam, er kennt die EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel, hat sie durch Betriebe geführt. Er repräsentiert den Deutschen Bauernverband auf vielen Ebenen, in vielerlei Hinsicht.
Hört man Folgart zu, auf Fachveranstaltungen, in öffentlichen Diskussionen, auf seinem Hof in Paaren, nicht weit von Berlin, dann fällt ein Wort immer wieder. Es zieht sich durch seine Vorträge, seine Argumente, und nicht nur durch seine. Es findet sich in den Reden vieler Bauernfunktionäre, es ist ein zentraler Bestandteil ihres Denkens, ihrer Welt. Das Wort lautet: Planungssicherheit.
Folgart sagt es, wenn er über das Ende der Milchquote redet, über Veränderungen bei den Subventionen, wenn sein Thema die Zukunft und Rolle der EU ist.
Planungssicherheit ist wichtig für Landwirte wie Folgart, für Evolutionäre, aber sie verträgt sich nicht mit der Volatilität, dem zentralen Begriff der neuen bäuerlichen Welt.
Planungssicherheit ist das Gegenteil von Volatilität. Planungssicherheit ist ein Relikt aus der alten Welt, und Folgart will sie hinüberretten in die neue. Deshalb sucht er Kompromisse, und das ist sehr verständlich, denn mit Kompromissen ist der Deutsche Bauernverband in der Vergangenheit oft gut gefahren.
Folgart sagt, er wolle mehr Markt, denn mehr Markt sei immer besser als mehr Staat, aber er wolle nicht zu viel Markt und den auch nicht zu schnell.
Folgart ist für die Abschaffung der Milchquote, aber im selben Satz fordert er einen staatlichen Fonds, der die Folgen für die Bauern mildert.
Udo Folgart denkt über die Struktur der Molkereien in Deutschland nach. Es sind viele, über hundert, sie sind zu klein, sie können sich gegenüber dem mächtigen Einzelhandel nicht durchsetzen, sie schaffen es nicht, eine starke Front zu bilden.
Wenige größere Molkereien könnten helfen, aber der Vorschlag für Fusionen müsse von den Bauern kommen, und zuvor seien ja auch Kooperationen möglich, sagt Folgart.
So denkt er, so argumentiert er. Es ist ein ständiges "Ja, aber ...". Es ist das Verhalten eines skeptischen Evolutionärs, der den Wandel begrenzen will.
Nur einmal findet sich bei Folgart ein hartes Nein. Er sagt es, als er über den Einfluss des neuen, branchenfremden Geldes in der deutschen Landwirtschaft spricht. Dort liegt für Folgart die Grenze der zumutbaren Veränderungen. Er will die Hedgefonds-Manager nicht, die Investoren.
Folgart glaubt, dass ein Bauer mehr ist als nur ein Unternehmer, auch mehr als ein Geschäftsführer. Folgart glaubt, dass der Bauer verbunden sein muss mit dem Dorf, in dem er lebt. Er glaubt, dass er einen Bezug haben sollte zu den Menschen und dass dieser Bezug über den Arbeitsvertrag hinausgehen sollte.
Diese Haltung verwandelt Folgart, den skeptischen Evolutionär, in einen Konservativen, der bewahren will, was wohl nicht zu bewahren ist. Jährlich schwillt die Weltbevölkerung um 80 Millionen Menschen an, das ist ein neues Deutschland jedes Jahr.
Und die Menschheit wird nicht nur größer, sie wird auch wohlhabender. Der globale Mittelstand wächst. Immer mehr Menschen in den Schwellenländern verdienen zwischen 3000 und 5000 Dollar im Jahr. Das ist nach Erkenntnissen der Uno die Verdienstzone, in der Fleisch kein Luxus mehr ist, sondern ein alltägliches Lebensmittel wird. Aber die Produktion von Fleisch verbraucht Getreide. Im günstigsten Fall, bei der Geflügelmast, sind es vier Kilogramm Getreide für ein Kilogramm Fleisch.
Nimmt man den Klimawandel mit seinen extremen Wetterlagen hinzu, dann ist es nach Meinung vieler Experten fraglich, ob die Produktion von Grundnahrungsmitteln mit dem steigenden Konsum mithalten kann. Landwirtschaftliche Güter dürften also weiterhin eine interessante Investition sein, und zwar nicht nur für Bauern.
Doch Folgart misstraut dem fremden Geld. Das verbindet ihn mit Ludwig Soeken, dem Bauern, dem ein Milchkartell vorschwebt.
Die beiden Bauern wollen, jeder auf seine Art, der Globalisierung trotzen, der eine wie ein Fundamentalist, der andere wie ein Pragmatiker. Soeken möchte die Gesetze des Marktes außer Kraft setzen. Folgart ist ein Realist, der nur das befürwortet, was er sowieso nicht verhindern kann.
Hubertus Paetow dagegen ist ein Optimist, ein Bauer des dritten Wegs. Paetow sitzt auf seinem Traktor, der ist fast neu, gebaut wurde er in den USA, Marke John Deere. Lackiert ist er in Schreiendgrün, die Motorhaube ist kühn gebogen, wegen der Aerodynamik. Paetow thront in zwei Meter Höhe in seinem Fahrerhaus und schwärmt: "Im Fahrersitz steckt ein Computer. Er gleicht alle Bewegungen des Traktors automatisch aus. Die Monitore neben mir wurden für das US-Militär entwickelt. Vorn sitzt ein Sensor, der stellt automatisch den Zustand der Pflanzen fest und steuert direkt den Düngerstreuer."
Paetow kann sich schnell für Neues begeistern. Für neue Techniken, neue Absatzwege, neue Erkenntnisse. Vor einer Weile war er in Brasilien, in Mato Grosso. Er wollte sich seine Konkurrenten, über die so viel gesprochen wird, mal selbst anschauen. Ihre Betriebe, ihre Logistik. "Flächen, die sie jetzt in die Produktion nehmen können, haben sie", sagt er, "aber sie haben auch 2000 Kilometer auf schlechten Straßen vor sich, bevor sie ihre Produkte in einen Hafen bekommen."
Paetow bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau und zwei Angestellten 800 Hektar in Mecklenburg-Vorpommern, Raps und Wintergetreide. Der nächste Hafen, Rostock, ist 40 Kilometer entfernt.
1991 wurde der Hof gepachtet, von Paetows Vater, der Sohn lebt seit drei Jahren hier, führt jetzt die Geschäfte. Zuvor studierte er Landwirtschaft in Kiel und Göttingen.
Paetow repräsentiert die Zukunft seiner Branche. Er stemmt sich nicht gegen die Veränderungen. "30 Jahre gebremster Strukturwandel sind schlimm genug", sagt er. Er hat fest vor, sich mit der neuen Welt zu arrangieren, mit ihren guten, ihren schlechten Seiten.
Später am Tag zieht er sein Smartphone aus der Jackentasche, prüft bei Quote.com die Getreidenotierungen und lächelt schief: "Hätte ich meine Ernte vor drei Wochen verkauft, hätte ich jetzt 250 000 Euro mehr auf der Bank."
Seine Zuversicht ist es, die ihn vor allem von Soeken, dem Milchbauern, und von Folgart, dem Bauernfunktionär, unterscheidet.
Paetow glaubt, dass man die Dinge nur genau genug durchdenken muss, dass man sich keine Illusionen machen darf über die Zukunft, dann wird man erfolgreich sein.
Neben Paetow, dem Optimisten, Folgart, dem Pragmatiker, und Soeken, dem Fundamentalisten, gibt es unter den deutschen Bauern welche, die sind ihren Konkurrenten weit voraus. Sie verweigern sich nicht dem Wandel, sie arrangieren sich nicht nur mit ihm, sie begrüßen ihn nicht, sie fordern ihn heraus. So einer ist Erhard Schiele, zu Hause in Bayern und gelegentlich in Karlsbad anzutreffen.
Karlsbad, gelegen im Westen der Tschechischen Republik, ist ein Kurort von Weltruf. Seit dem späten Mittelalter ist die Stadt bekannt für ihre Wasserkuren. Seit gut zehn Jahren ist sie ein beliebtes Reiseziel für reiche Russen.
Wer etwas auf sich hält, nächtigt im Grandhotel Pupp, das seine Räumlichkeiten schon Johann Sebastian Bach offerierte, Zar Peter dem Großen, Bismarck und Leibniz.
Zu den in jüngerer Vergangenheit angereisten Gästen zählen Morgan Freeman, Michael Douglas, Whoopi Goldberg.
Und dann kam Erhard Schiele.
Er sitzt unten im Café, am Nebentisch ist Mohamed al-Fayed zu besichtigen, der Vater von Dodi, der Besitzer des Londoner Edelkaufhauses Harrods. Er nippt am Mineralwasser.
Schiele kam gestern aus Deutschland herüber, aus Bayern. Morgen fährt er wieder. Er trifft sich hier mit einem Geschäftspartner, einem Russen. Der bewirtschaftet für Schiele 6000 Hektar in der Nähe von Moskau. Es ist ein deutsch-russisches Joint Venture. Schiele gehören 51 Prozent, seinem Partner gehört der Rest. Sie bauen Salat an, Kartoffeln, ernten, sortieren, lagern, verpacken selbst und liefern dann direkt an McDonald's in Moskau, an Supermärkte in der Hauptstadt. Schiele hat dort 400 Angestellte. "Ist ein gutes Geschäft", sagt er. Lebensmittel sind teuer in Moskau.
"Aus Russland für Russland", so beschreibt Schiele seine Geschäftsidee. Er hat begonnen, das umzusetzen, was in nahezu allen anderen Branchen üblich ist, in der Landwirtschaft aber fehlt: die Internationalisierung der Produktion. Investmentbanker in New York wundern sich, dass die globale Farm noch nicht existiert. Ein Betrieb, verteilt auf mehrere Kontinente, unter einer Geschäftsführung.
Schiele erprobt diese Idee mit seinem Betrieb in Russland. Er hat sich selbst globalisiert. Er wartete nicht auf die Fremden, die in seine Branche einsteigen. Er selbst war der Fremde, der im Ausland investierte.
Das Geld für sein Projekt in Russland verdiente er mit seinem Hof in Asbach-Bäumenheim. Schiele erbte ihn von seinen Eltern. Es war ein bayerischer Durchschnittshof. Kühe, Schweine, ein paar Hektar Land. Schiele glaubte nicht, dass er damit würde überleben können.
Er krempelte seinen Betrieb um und begann Küchenkräuter anzubauen. Petersilie vor allem. Die lässt sich fünfmal im Jahr ernten. Seine Nachbarn hielten ihn für verrückt.
Petersilie.
Erhard Schiele ließ sich nicht beirren, er wollte sein Leben nicht als Niemand in einer riesigen Branche verbringen. Sein Ziel war es, ein Großer in einer Nische zu werden.
Das hat er mittlerweile geschafft. Heute ist die Erzeugergemeinschaft, die Schiele führt, der größte Produzent für Trockenkräuter in Europa. Schiele beliefert Nestlé, Danone. Jährlich sät, erntet und trocknet Schiele 2000 Tonnen Petersilie, sein Betrieb wächst seit Jahren zweistellig, und Schiele will, dass dies so weitergeht. Er ist kein simpler, austauschbarer Produzent mehr. Er ist ein wichtiger Faktor im Markt.
Er will es bleiben. Der Zukauf neuer Flächen ist fest eingeplant.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 18/2008
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