28.04.2008

IRAN

Sittenwächter auf Abwegen

Ausgerechnet ein Mitstreiter von Staatschef Mahmud Ahmadinedschad steht im Mittelpunkt eines bizarren Sexskandals, der in Teheran immer weitere Kreise zieht. Bei einer Orgie mit sechs Prostituierten soll der Polizeichef der Hauptstadt, Resa Sareie, 52, von Beamten des Justizministeriums verhaftet worden sein. Wie eine der beteiligten Frauen berichtete, habe Sareie ihnen befohlen, sich auszuziehen und "nackt in einer Reihe stehend vor ihm zu beten".

Der frühere Polizeichef der nordiranischen Provinz Gilan war vor drei Jahren angeblich vom Präsidenten persönlich protegiert worden und rasch zu einem der strengsten Sittenwächter des Regimes aufgestiegen. Harsche Moralpredigten im staatlichen Fernsehen machten Sareie landesweit bekannt. Bei den modebewussten jungen Frauen Teherans, die ihr Kopftuch auch gern lässig Richtung Nacken rutschen lassen, waren seine scharfen Kontrollen der islamischen Kleidungsvorschriften gefürchtet. In gut drei Jahren ließ er rund 35 000 Verwarnungen wegen Missachtung der Sitten aussprechen, etwa wenn unverheiratete Paare Händchen hielten.

Sareies Festnahme erfolgte Mitte März unter größter Geheimhaltung und auf persönlichen Befehl des Justizministers Ajatollah Haschemi-Schahrudi, der den Polizeichef wohl seit Wochen hatte beobachten lassen. Selbst der gefürchtete Staatsanwalt Sajjid Mortesawi, der als enger Freund Sareies gilt, wurde nicht informiert. Sareies zahlreiche Förderer bemühten sich, den Fall zu vertuschen. So dementierte der Direktor der Polizeibehörde, Ahmed Moghaddam, ein Schwager von Präsident Ahmadinedschad, zunächst die Festnahme. Nachdem der Justizminister die Verhaftung öffentlich bestätigte, wurden Sareies Vergehen als "minimal" und "rein privater Natur" heruntergespielt.

Der mit dem Fall betraute Staatsanwalt Mohassan Ghasi aber weitete die Vorwürfe eher noch aus. Mit seiner Anmerkung, ein verhafteter "hoher Polizeioberst" könne seine Position sowohl "materiell" als auch "privat" ausgenutzt haben, deutete er den Tatverdacht der Zuhälterei an. Tatsächlich stehen Polizei und Revolutionswächter schon länger in Verruf, im Rotlichtmilieu abzukassieren. Offiziell ist die Prostitution im Gottesstaat zwar verboten. Huren und Freiern drohen hohe Strafen, bis hin zum Tod. Trotzdem floriert das Geschäft. Allein in der Zwölf-Millionen-Metropole Teheran sollen Tausende Frauen anschaffen, viele auf dem Straßenstrich. An der Motahari-Straße im wohlhabenden Norden der Hauptstadt beträgt der Preis für eine Stunde Sex umgerechnet 20 bis 50 Euro.

Am vergangenen Mittwoch löste die Meldung über den angeblichen Selbstmord Sareies Spekulationen aus, ein gefährlicher Insider sei aus dem Weg geräumt worden. Teheran dementierte den Tod.


DER SPIEGEL 18/2008
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