05.05.2008

LEGENDEN

Die vertauschten Köpfe

Von Herwig, Malte

Seit 150 Jahren gibt es Streit um die Echtheit von Schillers Schädel. Nun legen DNA-Untersuchungen an den Gebeinen in der Weimarer Fürstengruft und an exhumierten Verwandten des Dichters den Verdacht nahe, dass Schillers Haupt von Schädeljägern gestohlen wurde. Von Malte Herwig

Drei Nächte dauerte die Suche. Heimlich, nach Mitternacht, war man eingedrungen in die Gruft des Kassengewölbes auf dem Weimarer Jakobsfriedhof. Den Besuchern bot sich kein schöner Anblick: "Ein Chaos von Moder und Fäulnis" herrsche in dieser "Werkstätte der Verwesung", berichtete der Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe, der Anführer des halblegalen Knochen-Kommandos, das im März 1826 angerückt war, um die "heiligen Reste" Friedrich Schillers für die Nachwelt zu retten.

So penetrant war der Leichengestank, dass Schwabe nur "durch eifriges Tabakrauchen" die Übelkeit bekämpfen konnte, während drei Tagelöhner und ein Totengräber zwischen zerborstenen Särgen und herumliegenden Gebeinen nach den Überresten des 21 Jahre früher voreilig im Kassengewölbe abgestellten Dichterfürsten suchten.

Endlich, in den frühen Morgenstunden des 20. März, wähnte man sich am Ziel. Schwabe hatte 23 Schädel gefunden, in einen Sack packen und zu sich nach Hause bringen lassen: "Ich stellte sie alle auf eine Tafel; kaum aber, dass dieses geschehen war, konnte ich auch schon ausrufen, auf den größten Schädel zeigend: ,Das muss Schillers Schädel sein!'"

Was der biedere Bürgermeister nicht ahnte: Sein Fund war der Beginn einer abenteuerlichen Geschichte, die einem historischen Thriller ähnelt und erst jetzt, durch moderne DNA-Untersuchungen, vor der Auflösung steht. Verschwörungstheorien, Betrug, Diebstahl und Intrigen spielen darin eine Rolle - und auch die wundersame Vermehrung von Klassiker-Reliquien. Denn seit 1914 liegen sogar zwei mutmaßliche Schiller-Schädel in der Weimarer Fürstengruft.

Zwar hatte bald eine von Großherzog Carl August einberufene Kommission Schwabes Fund als echt anerkannt. Doch schon ein halbes Jahrhundert später wurden Zweifel an der Authentizität des sogenannten Fürstengruft-Schädels laut, der 1827 - nach Zwischenstationen in der Großherzoglichen Bibliothek und auf Goethes Schreibtisch - schließlich in der Weimarer Fürstengruft landete. 1883 veröffentlichte der Hallenser Anatom Hermann Welcker eine Schrift, in der er den von Schwabe gefundenen Schädel mit Schillers Totenmasken verglich und zu einem peinlichen Ergebnis kam: Der in der Fürstengruft ruhende Kopf konnte nicht von Schiller sein.

In Weimar ließ man sich von dem Anatomenstreit wenig beeindrucken - der Schädel blieb im Sarg. Die Fürstengruft mit Schillers und Goethes Totenschreinen war längst zum Wallfahrtsort des deutschen Bildungsbürgertums geworden. Klassik-Fans pilgerten nach Weimar, um dort einen beispiellosen Reliquienkult um die Gebeine der beiden Genies zu veranstalten. Und dann sollte nicht Schiller drin sein, wo Schiller draufstand? Undenkbar.

Neue Nahrung bekam der Streit, als der Tübinger Anatom August von Froriep 1911 aus dem längst zugeschütteten Kassengewölbe 63 Schädel ausgraben ließ, einen davon für den Schillers erklärte und seine nach heutigen Erkenntnissen hanebüchene These in einem opulent illustrierten Prachtband zu belegen versuchte.

Allerdings: Weder Froriep noch Welcker hatten Zugang zum Fürstengruft-Schädel und waren bei ihren vergleichenden Untersuchungen auf den 1827 angefertigten Gipsabguss und Schillers Totenmasken angewiesen. Der von Froriep identifizierte Schädel wurde mitsamt Skelett in einem kleinen, graubraunen Holzsarg in die Fürstengruft gestellt.

Seitdem bekommen Weimar-Besucher zwei Schiller zum Preis von einem. Und seitdem wird gerätselt: Welcher ist der echte? Der "Froriep-Schädel", der "Schwabe-Schädel" - oder gar keiner von beiden?

"Das war ein unhaltbarer Zustand", sagt Hellmut Seemann, als Präsident der Klassik Stiftung Weimar oberster Hüter des dortigen Kulturerbes und Hausherr der Fürstengruft. "Die Möglichkeit einer Erbgutanalyse nicht zu nutzen hieße ja: Ich sage den 40 000 Menschen, die hier jährlich hinkommen, lieber die Unwahrheit, als den Versuch zu machen, die Wahrheit zu finden."

Anfang 2006 beauftragt das Landesfunkhaus Thüringen des MDR in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar ein internationales Team von Anthropologen, DNA-Experten und Gerichtsmedizinern mit der Arbeit. Es gilt, den genetischen Fingerabdruck des Dichters zu finden und so das Rätsel um die Gebeine in der Fürstengruft ein für alle Mal zu lösen.

Am frühen Abend des 14. Juli 2006 macht sich eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern auf den Weg zum Historischen Friedhof in Weimar. Bevor sie in die Fürstengruft hinabsteigen, schlüpfen die Forscher in weiße Schutzanzüge, um eine Kontamination der Proben zu vermeiden, die in dieser Nacht entnommen werden sollen. Unten angelangt, heben die Besucher den schweren Deckel von Schillers Eichensarg, entfernen die mit Seegras und Kräutern gefüllte dunkelrote Decke und laden vorsichtig das akkurat aufgebettete Skelett in Transportkisten.

Dann dringen sie über eine kleine Treppe in den hinteren Teil der Gruft vor und öffnen dort den schlichten Holzsarg mit dem zweiten Schädel. Zwischen Stroh und alten Zeitungsausschnitten wartet die erste Überraschung: "Dass dort nicht der 1911 von Froriep gefundene Schädel lag, konnte ich gleich sehen", sagt der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich, 75, der die fraglichen Fürstengruft-Knochen bereits zu DDR-Zeiten eingehend untersucht hat und auch diesmal mit von der Partie ist. Den Froriep-Schädel entdeckt Ullrich erst Monate später eher zufällig in einem Sarkophag der Fürstenfamilie.

Die Schädel und Skelette werden ebenfalls in Transportkisten gepackt. Erst nach Mitternacht verlassen die Wissenschaftler wieder die Gruft und bringen ihre geheime Fracht in das nahe Museum für Ur- und Frühgeschichte.

Die Gebeine werden geordnet, vermessen und fotografiert. Die Forscher ziehen Zähne und entnehmen Proben aus den Knochen, die an das Institut für Gerichtliche Medizin in Innsbruck und das US Armed Forces DNA Identification Laboratory in Rockville, Maryland, geschickt werden.

In der Universitätsklinik Jena werden die Schädel und Schillers Totenmaske in einen Computertomografen (CT) geschoben und die Daten an das Institut für Humangenetik und Anthropologie der Universität Freiburg gesendet.

Dort hat die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen, 51, die regelmäßig bei Gerichtsverfahren als Expertin aussagt, in Zusammenarbeit mit dem Bundeskriminalamt eine neue Methode für die Gesichtsweichteilrekonstruktion entwickelt. Mit Hilfe der CT-Datensätze formen Wittwer-Backofen und der Gesichtschirurg Marc Metzger, 34, das Gesicht des Fürstengruft-Schädels. Es zeigt erstaunliche Ähnlichkeit mit bekannten Schiller-Porträts.

Auch die ungewöhnliche Größe des Schädels spricht dafür, dass er einst auf den Schultern des "Wallenstein"-Dichters saß. Denn der war zeitgenössischen Berichten zufolge nicht nur ein großer Geist, sondern auch einer der längsten Männer in Weimar. "Nur rund 1,5 Prozent aller Menschen haben einen Schädel in dieser Größenordnung", sagt Wittwer-Backofen.

Den Froriep-Schädel dagegen bestimmen die Forscher nicht nur als weiblich, sie entdecken auch einen stark verdickten Hinterhauptwulst, der auf krankhafte Veränderungen der Wirbelsäule schließen lässt. Die CT-Aufnahmen ergeben eine starke Ähnlichkeit mit der Totenmaske von Louise von Göchhausen, einer Kammerfrau der Herzogin Anna Amalia.

Ironie der Geschichte: Froriep hatte der Welt ausgerechnet das Haupt einer buckligen Hofdame als den angeblichen Schädel des hochgewachsenen Dichterfürsten präsentiert.

Dann passen die Freiburger Wissenschaftler das Modell des Fürstengruft-Schädels virtuell in die Totenmaske und tragen es Schnitt um Schnitt ab: Auch hier finden sich kaum Abweichungen. Wittwer-Backofen ist sich sicher: "Der Fürstengruft-Schädel gehört Friedrich Schiller."

Das glaubt auch Thomas Prohaska. Der analytische Chemiker an der Universität für Bodenkultur in Wien untersucht einen Zahn des Fürstengruft-Schädels und Proben von zwei Weimarer Schiller-Locken auf Schwermetallspuren. In allen drei Relikten findet Prohaska, 40, ähnliche Werte - ein Indiz dafür, dass Haare und Zähne vom selben Individuum stammen.

Prohaska weist eine extrem hohe Konzentration von Blei und Arsen nach - ein Ergebnis, das sich mit den Analysewerten eines giftgrünen Tapetenfetzens aus Schillers Arbeitszimmer deckt, den die Weimarer an Prohaska geschickt hatten.

Der Dichter hatte sich ausgerechnet das Zimmer, in dem er die meiste Zeit über seinem Werk brütete, mit Tapeten im dekorativen, doch hochgiftigen Schweinfurter Grün tapezieren lassen. Noch nach 200 Jahren misst Prohaska im Luftzug über dem Tapetenfetzen die hundertfache Bleikonzentration eines modernen Industriegebiets.

Prohaska errechnet, dass in Schillers Arbeits- und Schlafzimmer 15 Kilogramm Blei und 5 Kilogramm Arsen verarbeitet waren: "Schiller hat in einem potenten Giftcocktail gearbeitet. Eine chronische Vergiftung mit Blei und Arsen hat bei seinem frühen Tod neben der Lungenerkrankung sicher eine Rolle gespielt."

Weniger Glück hatten die Wissenschaftler mit dem Skelett aus dem Schiller-Sarg. Eine Strontium-Isotopenuntersuchung ergab abweichende Werte für Oberschenkel, Schienbein und Oberarmknochen. Das ernüchternde Fazit: Die Gebeine stammen von mindestens drei unterschiedlichen Individuen.

Nur beim Fürstengruft-Schädel wähnen sich die Forscher auf der richtigen Spur: Morphologie, Anatomie und Spurenelemente deuten alle darauf hin: Der gehört Schiller.

Dann treffen die ersten DNA-Ergebnisse aus Innsbruck und Rockville ein. Der Österreicher Walther Parson und der Amerikaner Mike Coble haben aus den zu feinem Staub gemahlenen Knochen die mütterlicherseits vererbte mitochondriale DNA (mtDNA) des Fürstengruft-Schädels extrahiert und mit der von Schillers älterer Schwester Christophine verglichen, die in Meiningen exhumiert wurde.

Die renommierten Forscher kommen unabhängig voneinander zu exakt dem gleichen Resultat: Christophine und der Fürstengruft-Schädel können nicht die gleiche Mutter gehabt haben. Die Schädel-DNA gehört zur Haplogruppe H6A, die Christophines zur Gruppe H*. Auch Schillers daraufhin in Möckmühl exhumierte jüngere Schwester Louise hat eine andere mtDNA als der Fürstengruft-Schädel, aber die gleiche wie Christophine.

War der Dichter etwa gar nicht der Bruder seiner Schwestern - und damit auch nicht der Sohn seiner Eltern? Ein untergeschobenes Kind?

Der Verdacht fällt schnell auf den württembergischen Herzog Karl Eugen. Der ausschweifende, wenn auch aufgeklärte Landesvater regierte seinen Staat in Schillers Jugend mit eiserner Faust und war als Serien-Schwerenöter bekannt.

"Der hat rund 200 uneheliche Kinder in die Welt gesetzt", sagt der Historiker Ralf G. Jahn, 42, der im Forscherteam für die Stammbäume und Archivrecherchen zuständig ist. "Mit der Nachbarin von Schillers hat er ja auch ein Kind gezeugt." Jahn weiß, dass es ungefähr 50 000 Schillers in Deutschland gibt. Aber er weiß auch: Nur eine Handvoll von ihnen ist mit Friedrich verwandt. 3798 Vorfahren und Verwandte Schillers hat Jahn namentlich ermittelt.

Gehört auch der Herzog dazu, den Schiller in Briefen mit "mein Vater" titulierte und dem er auf Porträts ähnlicher sieht als seinem eigentlichen Vater? War das der Grund, warum Oberst Rieger, Karl Eugens Chefkuppler, Taufpate des Bürgersohns war, der später regelrecht in die Karlsschule gepresst wurde, in die der Herzog viele seiner illegitimen Söhne holte?

Schiller und sein Landesherr mögen selbst daran geglaubt haben. Doch in der Gruft des Ludwigsburger Schlosses von Karl Eugen entnommene DNA-Proben stimmen nicht mit denen des Fürstengruft-Schädels überein. Als Schiller-Erzeuger scheidet der lüsterne Landesvater mithin aus.

Auch Schillers jüngster Sohn Ernst, der mit seiner Mutter auf dem Bonner Friedhof exhumiert wurde, ist genetisch nicht mit dem Fürstengruft-Schädel verwandt. Doch die Anthropologen beharren auf ihren Ergebnissen: Der Schädel aus dem Schiller-Sarg gleicht haargenau der Totenmaske und den Porträts des Dichters.

Ist der Schädel noch zu retten angesichts der niederschmetternden DNA-Ergebnisse? Der Genealoge Jahn rechnet die Möglichkeiten durch: "Wenn der Fürstengruft-Schädel doch von Schiller sein sollte, kann Schiller nicht der Sohn seiner Mutter gewesen sein. Zudem wären seine Söhne Carl und Ernst Kuckuckskinder von demselben Liebhaber ihrer Mutter. Dieser aber", sagt Jahn, ohne Luft zu holen, "müsste der Sohn eines Verwandten ersten Grades von Schillers Schwester Christophine gewesen sein."

Kurzum: ziemlich unwahrscheinlich.

Eine letzte Exhumierung soll Klarheit schaffen. Doch Pastor Braun aus Gerlingen, wo Schillers Vater begraben liegt, verweigert die Genehmigung.

Am 7. März dieses Jahres sind die Forscher schließlich am Ziel. In den frühen Morgenstunden beginnen drei Totengräber auf dem Stuttgarter Fangelsbachfriedhof damit, das Erbgrab der Familie Schiller auszuheben. Sie stoßen auf die Überreste von Schillers ältestem Sohn Carl, seinem Enkel Ernst sowie dessen Frau Mathilde. Am folgenden Tag werden die Funde im Leichenschauhaus geordnet und vermessen, Proben werden entnommen.

Nach einer Woche haben die Wissenschaftler Gewissheit: "Wir haben den Friedrich-Schiller-Code", verkündet Walther Parson aus Innsbruck, der inzwischen ne-

ben der Schillerschen mtDNA weitere DNA-Marker identifiziert hat.

Das Dumme: Alle untersuchten Familienmitglieder stimmen zwar miteinander überein, aber nicht mit dem Fürstengruft-Schädel. "Science is no Wunschkonzert", sagt Parson achselzuckend. "Wir wissen jetzt, dass Christophine, Charlotte, Ernst, Carl und der jüngere Ernst eine Familie sind."

Damit steht fest: Der Schädel, der 180 Jahre lang in Schillers Sarg ruhte, dies "unschätzbar herrliche Gebilde", das Goethe einst zu seinem berühmten Gedicht auf Schillers Schädel inspirierte - er gehört nicht dem Dichter. "Goethe wäre entsetzt gewesen", glaubt Stiftungschef Seemann.

Auch für die Anthropologen kommt das Ergebnis überraschend. Wem immer der Schädel in Schillers Sarg gehörte, er muss wie dieser vor 1826 im Alter von rund 45 Jahren gestorben sein, ebenso groß wie der hochgewachsene Dichter gewesen sein, einen ebenso großen Schädel gehabt und wie Schiller unter Schwermetallvergiftungen gelitten haben. "Die morphologische Ähnlichkeit ist so frappierend, dass man von einem Schiller-Doppelgänger sprechen muss", sagt Wittwer-Backofen.

Doch Walther Parson bleibt dabei, das DNA-Ergebnis ist eindeutig: "Wer das bezweifelt, der bezweifelt die Schwerkraft."

Der Film, den Ute Gebhardt für den MDR über die Odyssee der Schiller-Schädel-Sucher gedreht hat, gerät so zu einem spannenden Lehrstück über die Wissenschaft, eine Meisterklasse der Forschung: Nicht Hypothesen sind wissenschaftlich, sondern ihre Widerlegung - auch gegen allen Glauben und alle Wahrscheinlichkeit. Wissenschaft ist eben kein Wunschkonzert.

Nur Herbert Ullrich, der sich seit 50 Jahren mit Schillers Schädel beschäftigt, hat Zweifel an einigen DNA-Ergebnissen: "Der Fürstengruft-Schädel und der von Schiller-Sohn Ernst gleichen sich wie Zwillinge."

Kann man das erklären? Es gibt wohl nur eine Schlussfolgerung: "Ein so exakter Doppelgänger", glaubt Wittwer-Backofen, "kann nicht zufällig in den Sarg gekommen sein."

Kurz vor Abschluss des zweijährigen Projekts kommt unter den Forschern ein schlimmer Verdacht auf. Wurde Schillers Schädel gestohlen und durch den eines Doppelgängers ersetzt?

Die These klingt unglaublich, doch es spricht vieles für sie:

* Als Kronprinz Ludwig von Bayern 1814 den Sarg Schillers im Kassengewölbe zu sehen wünschte, erklärte ihm der Totengräber, er sei nicht mehr ausfindig zu machen.

* Als Schwabe 1826 in das Gruftgewölbe stieg, fand er Schillers Sarg nicht mehr an seinem angestammten Platz.

* 1911 grub August von Froriep 63 Schädel aus dem Kassengewölbe aus - 13 mehr, als dort aufgrund der Bestattungslisten zu erwarten waren. Dass ein möglicher Schiller-Schädel nicht entdeckt wurde, ist daher unwahrscheinlich.

* Von allen ausgegrabenen Schädeln ähnelte nur ein einziger Schiller, nämlich der Fürstengruft-Schädel, und der scheidet nach den Untersuchungen der Genetiker eben aus.

Bereits 1959 entdeckte Herbert Ullrich, dass jemand dem Fürstengruft-Schädel sieben fremde Zähne im Ober- und Unterkiefer eingesetzt hatte. Die Zähne waren an den Wurzeln passgerecht zugefeilt und fachmännisch in die leeren Zahnfächer eingesetzt worden. Auf einem Gipsabguss des Schädels von 1827 sind die falschen Zähne bereits zu sehen. Die Manipulation, schlossen die Forscher, muss vorher stattgefunden haben.

Schiller war nach Zeugenaussagen mit nahezu vollständigem Gebiss bestattet worden. Handelte es sich bei dem nachträglichen Zahnersatz nur um eine Schönheitsoperation, die Schwabe hatte vornehmen lassen, um den Schiller-Schädel präsentabel zu machen?

Schwabe aber war weder Anatom noch Zahnarzt. Doch die Manipulation war so fachmännisch durchgeführt worden, dass bis 1959 niemand den Zahnschwindel am Dichtergebiss bemerkte. Selbst Goethe glaubte, Schillers Schädel an den "eigenthümlichen horizontalen Streifen an der oberen Zahnreihe" wiedererkennen zu können.

Die "gottgedachte Spur", die Goethe in seinem Gedicht auf Schillers Schädel besang - sie war wohl handgemacht.

Aber wer hätte in Weimar einen so raffinierten Schwindel vornehmen sollen und warum?

Schon die fragwürdigen Umstände Schwabes nächtlicher Grabungsaktion im März 1826 und die Unklarheit, was darauf mit dem Schädelrelikt geschehen sollte, hatten in Weimar Aufsehen erregt. Bald machte das Wort vom "Skandal mit Schillers Leiche" die Runde, und auch Großherzog Carl August begann, sich Sorgen um die Reputation seines Musenhofs zu machen.

Der Weimarer Herrscher verfügte, dass Schillers Schädel, "statt in die verhüllende und zerstörende Erde versenkt zu werden", für immer in der Großherzoglichen Bibliothek aufbewahrt werden sollte - entgegen der ursprünglichen Absicht der Familie Schiller, das Haupt des Vaters "dem Schoße der Erde wiederzugeben".

Am 24. September 1826 ließ Goethe den Schädel in seine Wohnung bringen und behielt ihn bis zum Anfang des folgenden Jahres. Dort sah ihn im Dezember 1826 Wilhelm von Humboldt und schrieb an seine Frau: "Goethe hat den Kopf in seiner Verwahrung, er zeigt ihn niemand. Ich bin der einzige, der ihn bisher gesehen, und er hat mich gebeten, es nicht zu erzählen."

Doch nicht nur Goethe hatte ein besonderes Interesse an Genie-Schädeln. Schon kurz nach Schillers Tod 1805 reiste der Anatom Franz Joseph Gall nach Weimar, um dort vor dem gebildeten Publikum Vorträge über seine Schädellehre zu halten - und löste eine wahre Hysterie aus: "Seitdem sprechen alle unsere Damen von Organen und betasten die Hirnschädel; am Ende wird man Perücken tragen müssen, um die schwachen Seiten des seinigen zu verbergen", berichtet eine zeitgenössische Quelle.

Gall glaubte, anhand der Schädelform die Eigenschaften des menschlichen Charakters darstellen zu können. Gall und seine Anhänger waren als Schädeljäger berüchtigt. "Gefährlich wäre es freilich für einen Kästner, Kant, Wieland u. d. g. wenn mir Davids Würgeengel zu Gebote stünde", kokettierte der Mediziner mit seinem schlechten Ruf, "allein als ein guter Christ will ich mit Geduld auf Gottes langmütige Barmherzigkeit harren."

Der umstrittene Schädelsammler forderte öffentlich "jede Art von Genie" auf, ihn zum Kopferben einzusetzen, und versuchte 1827 sogar, Goethes Umgebung zu bestechen, "dass wo möglich der Kopf in Natura der Welt aufbewahrt bleibe".

Ähnliche Fälle gab es durchaus:

* 1805 ließ der Anatom Samuel Thomas Soemmering den Schädel des Schriftstellers Wilhelm Heinse ausgraben, den dieser ihm testamentarisch vermacht hatte.

* 1809 stahlen Gall-Jünger acht Tage nach der Bestattung den Schädel des Komponisten Joseph Haydn aus seinem Grab.

Auch in Weimar hat Jahn einen überzeugten Anhänger der Lehre Galls ausfindig gemacht: Ludwig Friedrich von Froriep - den Großvater des Anatomen August von Froriep, der 1911 die Echtheit des Fürstengruft-Schädels in Zweifel gezogen und der Welt einen anderen präsentiert hatte.

Froriep senior war Professor für Chirurgie in Halle und Tübingen und Leibarzt des württembergischen Königs. Er heiratete in die Familie des reichen Weimarer Verlegers und Geschäftsmanns Bertuch ein und ging 1816 als sachsen-weimarischer Obermedizinalrat nach Weimar.

Bereits 1800 hatte er eine Darstellung der "Physiognomik Galls" publiziert und musste sich von seinem zukünftigen Schwiegervater warnen lassen, dass der "Gallismus" seiner wissenschaftlichen Laufbahn abträglich sein könne.

Jahn riskiert eine Hypothese: "Froriep hat für einen Austausch des Schiller-Schädels durch einen Doppelgänger Zeit, Motiv, Gelegenheit und Kompetenz gehabt." Irgendwann zwischen 1805 und 1826, vermutet der Historiker, könne Froriep den Kopf aus dem Kassengewölbe entwendet und durch einen täuschend ähnlichen ersetzt haben. Auswahl hätte er genug gehabt: Allein in Frorieps eigener Knochenkollektion befanden sich 1811 bereits 1500 Exponate.

Froriep hatte 1805 an der nächtlichen Beisetzung Schillers teilgenommen und war 21 Jahre später der Vorsitzende ebenjener Schädel-Kommission, die die Echtheit des von Schwabe gefundenen Schädels bescheinigte.

Ist Schillers Schädel für immer in einer anatomischen Kollektion eines besessenen Sammlers verschwunden, als geheimes Studienobjekt unter falschem Etikett? "Man könnte durchaus mal in einer der Schädelsammlungen in Tübingen, Berlin oder Halle nachschauen", schlägt Jahn vor.

Am frühen Abend des 25. April kommen die Forscher ein letztes Mal in der Fürstengruft zusammen. Es ist kühl und still dort unten, als die Gruppe vor den Eichensärgen von Schiller und Goethe steht und Hellmut Seemann zu einer kurzen Rede anhebt: "Wir haben die Wahrheit herausgefunden", sagt der Präsident der Klassik Stiftung erleichtert.

Er glaubt nicht, dass jetzt die Besucher ausbleiben werden, im Gegenteil: "Es ist eine Wunderlichkeit mehr, die dieses Weimar einzigartig macht: dass hier nicht nur Dichter bei Fürsten liegen, sondern ein Dichter ein vollständiges Skelett hat und der andere gar keins."

Anders als Goethe, der sich mit weltlichen Machthabern gut zu arrangieren wusste, hat Schiller sich zuletzt aus dem Staub gemacht. Er, der Luftgeist, der seit seiner Kindheit ein Tyrannen-Trauma hatte, der "Weltbürger, der keinem Fürsten dient" - er ist der Fürstengruft entkommen. Schiller ist nicht mehr unser, er ist frei.

* Lichtdruck nach dem Gemälde Anton Graffs von 1786.* Abbildung aus der Illustrierten "Die Gartenlaube" von 1879.

DER SPIEGEL 19/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 19/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

LEGENDEN:
Die vertauschten Köpfe