10.05.2008

MENSCHENRECHTEIm Palast der Unsichtbaren

Wenn Politik das Bohren dicker Bretter ist, dann ist die Unesco der dickste Balken, der in der Welt herumliegt. Die Organisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur ist für alles zuständig, was auf der Erde passiert - aber das meiste geschieht ohne sie. Von Ullrich Fichtner
Im Tempel der Menschheit, am Sitz der Unesco in Paris, tagt in Saal X der Exekutivrat, es ist seine 179. Sitzung seit dem Zweiten Weltkrieg, ein stürmischer Montag im April. Es hat geschneit am frühen Morgen, dann geregnet, es schien die Sonne, jetzt jagen dunkle Wolken über die Stadt. Paris draußen erholt sich von der wilden Jagd auf die olympische Flamme, im Saal drinnen, an der Stirnseite, verliest Koichiro Matsuura einen seiner letzten Rechenschaftsberichte.
Der Redetext des Generaldirektors folgt dem Rapport mit der Signatur 179 EX/4 Rev. Das sind 69 engbeschriebene Seiten voller Erfolge, Fortschritte, gespickt mit Tabellen und Resultaten, durchsetzt mit Querverweisen, Kürzeln, Zahlen. Matsuura wechselt alle zehn Minuten vom Englischen ins Französische und zurück, er klingt in beiden Sprachen wie ein Schüler, er sagt: "Wir bekommen ständig mehr und mehr Aufgaben und haben dafür weniger und immer weniger Geld." Die Uhr im Saal steht auf fünf vor zwölf. Unesco-Zeit.
In der weiten Welt draußen sind um diese Stunde 774 Millionen Menschen Analphabeten. In der Republik Kongo kommen auf einen Lehrer 83 Schüler. Jeder dritte Lehrer, der in Malawi nicht mehr zur Arbeit kommt, ist aidskrank oder bereits an den Folgen gestorben. 218 Millionen Kinder müssen arbeiten, als Müllsammler, Reispflücker, Soldaten. Mehr als 500 Millionen Menschen leben in Staaten, die als "fragil" gelten. Mehr als drei Milliarden Menschen leben in Städten, davon mehr als eine Milliarde in Slums. Für sie alle ist die Unesco, die Weltorganisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur, zuständig. Überall, immer, irgendwie.
Die Exekutivräte sitzen im Kreis in Saal X, Deutsche und Argentinier, US-Amerikaner und Mongolen, Senegalesen und Serben, Chinesen und Pakistaner, es geht alphabetisch von A wie Albanie bis Z wie Zambie. Rechts ist eine Fensterfront in den Betonbau geschnitten, links zieht sich das Band der Übersetzerkabinen hin. Kanal I: English, Kanal II: Español, Kanal III: Français, Kanal IV, V und VI: Russisch, Arabisch, Chinesisch.
Zu übersetzen sind Tischvorlagen und Reden über die Lage irakischer Studenten in Syrien, über den interkulturellen Dialog zwischen Afrika, Lateinamerika und der Karibik, über den Status der Jerusalemer Altstadt. Auf der Tagesordnung stehen Anträge Chinas zur Begutachtung eines Raumforschungszentrums in Peking, ein deutscher Vorschlag zum Ausbau der Berufsausbildung, ein iranisches Papier zum Thema Menschenrechte. Dazu Mitteilungen, Einladungen, Berichte, einer davon über "technische und juristische Aspekte eines möglichen normativen Instrumentariums zum Schutz bedrohter Sprachen".
Wenn Politik das beharrliche Bohren dicker Bretter ist, dann ist die Unesco der dickste Balken, der in der Welt herumliegt. Ihr Organigramm allein ist so kompliziert, wie man sich den Schaltplan eines Kraftwerks vorstellt. Ihre Zuständigkeiten sind in 62 Jahren Geschichte ins Kraut geschossen, wer die Unesco heute nur mit dem Siegel des Weltkulturerbes verbindet oder nur mit Schulpolitik, der unterschlägt gleich Dutzende ihrer Programme, Hunderte ihrer Aktionsfelder.
Tatsächlich ist sie zuständig für Korallenriffe und für Aidsprävention, für Mangrovenwälder und Kindergärten, für die El-Niño-Forschung und die Förderung der Soziologie. Wer Unesco sagt, sagt Tsunami-Vorwarnung und Alphabetisierung, Schutz der Pressefreiheit und des Regenwalds, die Organisation wacht über das menschliche Genom und das Dresdner Elbtal, sie behütet gesunkene Schiffe und seltene Indianertänze, sie kümmert sich um Küstenschutz und Kinderrechte, um afrikanische Lyrik, arabisches Trinkwasser, europäische Altstädte.
Die Weltagentur mit dem griechischen Tempel als Signum hat sich verzettelt, sie hat nie den einen, geraden Weg gefunden, sondern immer verschlungene Pfade genommen, Abzweigungen, Umwege. Sie hat sie nehmen müssen, weil die Mitgliedsstaaten es so wollten.
193 sind es aktuell, damit ist die Unesco die größte aller Weltorganisationen, ihre Macht müsste gewaltig sein, unübersehbar, in Schlagzeilen ständig präsent, aber sie steht in diesen Zeiten, da sich die Welt sehr schnell und immer schneller dreht, an einem toten Punkt ihrer Geschichte. Die Unesco kämpft, tagtäglich, ums Überleben. Sie sucht, im brausenden Konzert, das die zigtausend privaten und staatlichen Organisationen, die engagierten Hollywood-Stars, die wohltätigen Milliardäre, die giftigen NGOs von Greenpeace bis Amnesty heute aufführen, nach einer neuen Existenzberechtigung.
Sie brauchte, das sagen alle an der Place de Fontenoy in Paris, in ihrer Betonburg, die sich wie ein Y in den Stadtplan schreibt, "größere Visibilität". Sie brauchte Publizität, wie sie sie hatte einst, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich hier Schriftsteller, Atomphysiker, Nobelpreisträger die Klinke in die Hand gaben und die Unesco noch das eine, entscheidende Forum der Großen und Gelehrten war, ein Riese der Weltgeschichte.
Aber die Dichter und Denker fahren heute lieber zum Weltwirtschaftsforum nach Davos, sie halten ihre Reden eher vor Konzernvorständen, Aktionärsversammlungen oder verbreiten ihre Ideen gleich per Internet. Die Unesco glänzt nicht mehr. Sie leuchtet nicht. Sie wird ausgestochen von Menschen, die sich an Paläste ketten, von Studenten, die auf Schlote steigen, von Aktivisten, die in Schlauchbooten auf hoher See ihre Haut riskieren.
Wer sich durch die langen Flure der Pariser Zentrale bewegt, wer die Riege der Direktoren besucht, wer Botschafter und Mitarbeiter trifft, auch Hausmeistern zuhört, der nimmt einen Eindruck tiefer Verunsicherung mit. Eine Ahnung davon, wie sehr die Unesco in die Defensive geraten ist, ausgerechnet jetzt, wo ihr die Globalisierung in die Hände spielen müsste.
Ein weiteres Jahr lang wird der Japaner Matsuura noch im Amt sein, der Wahlkampf um seine Nachfolge beginnt in diesen Wochen, eine neue Strategie bis 2013 muss jetzt ausgehandelt werden, es ist Halbzeit auf dem Weg zum Stichtag für die Millenniumsziele, in New York und Genf werden die Pläne gemacht, wie die Uno der Zukunft aussehen soll - aber statt mitzumischen, hadert die Unesco. Es ist, als wollte die ruhmreiche Organisation irre werden an ihren tausendundein Zuständigkeiten, als grübelten alle darüber nach, was werden solle. Wie es weitergehen könnte. Ob es weitergehen wird.
"Es ist ziemlich einfach", sagt Françoise Rivière, sie ist eine von Matsuuras beigeordneten Generaldirektoren, die mächtige Herrin über das C der Unesco, Weltbeauftragte für Kultur. Sie sagt: "Entweder wir finden eine Formel, oder wir verschwinden von der Landkarte."
Rivière ist eine dünne, elegante Frau Ende 50, seit 27 Jahren schon in der Unesco aktiv, sie kann trotzdem, sagt sie, "noch immer von Liebe reden", und sie glaubt fest an den Nutzen der Organisation, an den Sinn internationaler Verträge. "Aber wenn wir, als Unesco, nicht sichtbarer werden, wenn wir uns nicht konzentrieren, wenn wir nicht Ergebnisse liefern, dann sind wir auf Dauer erledigt."
Ihr Büro liegt im elften Stock eines Nebengebäudes in der Rue Miollis, dunkle Limousinen rangieren vor dem Tor, im Foyer steht ein "Gehender Mann" von Giacometti. Immer wenn eine Krise aufbricht, groß oder klein, dann stehen hier vor Rivières Tür die Botschafter Schlange. Das Reich der Kultur ist vermintes Gelände, und wenn Uno-Blauhelmsoldaten prähistorische Steinfresken in der Westsahara beschmieren, können die Arbeitstage sehr lang werden.
"Politik ist Kultur ist Politik", sagt Rivière, sie will damit eigentlich sagen, dass sie sich das C im Namenszug der Unesco auch noch ein bisschen größer vorstellen könnte, und dabei ist es ein typischer Unesco-Satz. Die Diplomaten an der Place de Fontenoy sprechen immerfort in Rätseln, sie denken um die Ecke, und alles Gesagte kann sein Gegenteil bedeuten. Es ist eine verrückte Bühne, weil das Theater immer nur hinter den Kulissen stattfindet.
In Hinterzimmern streiten Briten und Griechen seit fast 30 Jahren über die Rückgabe des Parthenon-Frieses aus dem British Museum. Deutsche und Türken rangeln um die Sphinx von Bogazköy, Polen und Deutsche um Handschriften Luthers. Die Italiener fordern Statuen aus europäischen Museen zurück, die Thailänder drohen mit Krieg für den Fall, dass ein Tempel in Kambodscha, den sie für ihre Kultur reklamieren, zum Welterbe erklärt wird.
Fast immer unbemerkt von der Öffentlichkeit streiten die Unesco-Staaten ums Eingemachte, um ihre Kulturschätze, aber vor allem um ihre Konzepte von Kunst, Kindheit, Schule, um ihre Lebensstile, ihre Weltbilder, ihre fundamentalen Ideale. Dabei ergeben sich ständig unerhörte Allianzen, die allen Thesen von einem Clash der Kulturen hohnsprechen würden, wenn sie nur die Öffentlichkeit erreichten.
Am Rand der Konferenzen hocken Japaner und Chinesen zusammen, Pakistaner reden mit Indern, und wenn es endlich Mittag schlägt, fahren Juden und Christen, Muslime und Buddhisten, Atheisten und Kopten im Lift zur Kantine hoch und reden über Carla Bruni.
"Das Gute ist, dass ich hier zum Telefon greifen kann, und hab sofort 193 Regierungen am Apparat." Walter Erdelen sagt das, ein Franke, Zoologe, Botaniker, er steht für das S in Unesco, Abteilung Naturwissenschaften. Matsuura hat den deutschen Professor an einer Universität in Indonesien gefunden, seit 2001 ist er beigeordneter Generaldirektor. Erdelen beschreibt seine Arbeit als "Wissenschaftsreklame". Es gehe darum, sagt er, Regierungen zum Beispiel dafür zu sensibilisieren, dass Grundlagenforschung wichtig sei und dass es für guten Mathematikunterricht gute Lehrer brauche, solche Sachen.
Sein Sektor zerfällt aber in fünf Divisionen und die wiederum in fast 40 Programme, Netzwerke, Foren. Es kann passieren, dass Erdelen an einem einzigen Arbeitstag über Erdbebenvorsorge und Dürregebiete, Ozeankartierung und Wasserchemie, über den Schutz großer Affenarten und den Erhalt kleiner Inselstaaten nachdenken und reden muss. Die Liste seiner Zuständigkeiten liest sich wie das komplette Semesterprogramm einer Technischen Universität. Glaubt er wirklich daran, dass sich all diese Themen von Paris aus bearbeiten lassen? Dass sich die Welt steuern lässt? Von der Unesco?
"Steuerung", sagt Erdelen, er schmeckt dem Wort nach. "Aber das hieße ja, dass wir hier über der Welt stehen und die Sache sozusagen im Griff hätten." Er schüttelt den Kopf, er verwirft die Idee, er sagt mit seiner dünnen Stimme: "Nein, wir reden hier nicht über Steuerung. Wir reden über Strömungen, wir versuchen sie zu verstehen und zu beeinflussen."
Es koexistieren, in der Unesco, grob gesprochen, zwei Denkschulen. Die eine repräsentiert der für Kommunikation zuständige Generaldirektor Abdul Waheed Khan, ein Inder, der einst Präsident der Indira-Gandhi-Universität und ihrer 1,6 Millionen Fernstudenten war.
Er leide selbst darunter, sagt er, "dass wir von einer Konferenz in Uganda zu einer Konferenz in Bulgarien zu einer Konferenz in Indien ziehen, und am Ende kommt manchmal nur ein Hochglanzprospekt dabei heraus". Aber, sagt Khan, "wir helfen auch hundert Bauern, tausend Frauen, zehntausend Kindern, und selbst wenn wir nur einer einzigen Familie helfen würden, sich aus Armut und Unwissenheit zu befreien, dann hätten wir auch etwas erreicht". Das ist die kleine Schule.
Die große spielt ständig alles oder nichts. Für sie steht Nick Burnett, ein schmallippiger Brite, erst seit September im Amt als Unesco-Chef des Bildungssektors, er legt in schnellem Takt brillante Berichte über den Stand der Dinge vor, er ist kein Mann fürs Kleinkarierte. Er will die Analphabetenquote weltweit halbieren, die Armut komplett ausrotten, alle Kinder an Schulen bringen, ihm geht es nicht um Einzelne, sondern um alle. "Das ist das Produkt, das wir zu liefern haben", sagt Burnett, "die Mitgliedsstaaten wollen schließlich wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben."
Das Budget der Unesco ist mickrig angesichts ihrer Aufgaben. Im Haushalt für zwei Jahre stehen 631 Millionen Dollar, das ist auch nicht viel mehr, als Real Madrid mit dem Verkauf von Fernsehrechten einnimmt und entspricht ziemlich genau den Kosten des neuen Baseballstadions in Washington. Als Matsuura den Staaten im vergangenen Jahr eine Erhöhung auf 648 Millionen vorschlug, geriet die Generalversammlung in eine Debatte, so heftig, als ginge es um Krieg oder Frieden.
Tagelang, nächtelang wurde gerangelt, mit dem Ergebnis, dass Matsuura die 17 zusätzlichen Millionen - von 193 Staaten - nicht bekam. Es war eine Niederlage, mehr symbolisch als finanziell. Matsuura ist jetzt endgültig eine "lame duck", noch ein Jahr im Amt, mit nicht mehr viel Spielraum.
Auch Hans d'Orville hat den Krieg ums Budget verloren, er ist der Unesco-Direktor für strategische Planung, ein mächtiger Mann, altes Uno-Gewächs, ein Deutscher, auf den viele Berufsjahre in New York deutlich abgefärbt haben. D'Orville hat sich Kollegen eingeladen in seine prächtige Wohnung an der Pariser Avenue Foch, viel Stuck an der Decke, an den Wänden hängt moderne Kunst, auf den Tischen stehen Hummus und Petersiliensalat, Sushi, Kunstbücher und viel Wein.
Im Wohnzimmer stehen die Botschafter aller Herren Länder, vertieft in gedämpfte Gespräche in allen sechs Unesco-Sprachen. Der Tscheche ist da, der Grieche, der Deutsche Günter Overfeld, die Chinesin und die Inderin, die sie hinter vorgehaltener Hand "die Kobra" nennen. Ein junger Kanadier erzählt von seinem Projekt für eine Konferenz über Jugendgewalt in islamischen Ländern, man sagt "fascinant", "how interesting". D'Orville führt herum, stellt vor, dann raunt er, nah am Ohr, wie ein Verschwörer: "Das da drüben, das ist der zweite Mann der Amerikaner."
Der US-Vizebotschafter bei der Unesco heißt Stephen Engelken, er arbeitet seit 30 Jahren im diplomatischen Dienst, er war Vizekonsul in Saudi-Arabien, hat Jordanien, Pakistan, Italien, Australien hinter sich. Er sieht aus, als fragte er sich ständig, was er hier, bei der Unesco, in diesem Paris, eigentlich soll.
Die USA sind erst seit 2003 wieder Mitglied, sie waren ausgetreten unter Ronald Reagan, der die Organisation für eine Bande von Kommunisten hielt. Nun sind sie doch zurück, auch, weil sie in Ländern wie Pakistan oder Iran auf bilateralen Wegen keinen Fuß auf den Boden bekommen. Sie brauchen die Unesco, und die Unesco braucht die USA. Bei der Rückkehr waren sie mit einem Schlag wieder der größte Beitragszahler, 22 Prozent des Budgets kommen aus Washington, und für mindestens 22 Prozent wollen die Amerikaner folglich mitreden.
Wann immer es um Werte geht, um international verbindliche Normen stellen sie sich quer. Sie riechen den Dirigismus überall, die Staatswirtschaft, den Kommunismus. Ihr Credo heißt: Jedes Land soll nach seiner Fasson selig werden, solange es sich an ein paar Spielregeln hält, von denen die wichtigste Freihandel heißt.
Mit dieser Haltung steht die US-Delegation in der Unesco oft so isoliert da wie auf anderen Bühnen nur Nordkorea oder Burma. Manchmal scheint es, und manche Unesco-Leute sagen das laut, aber ohne zitiert werden zu wollen, als wären sie nur zurückgekommen, um den ganzen Laden von innen heraus zu sprengen.
Als sie vor gut zwei Jahren, nur mit Israel an der Seite, gegen die neue Unesco-Konvention über den Schutz der kulturellen Vielfalt stimmten, standen sie zum vorerst letzten Mal sehr einsam da. Die Konvention will den Staaten ermöglichen, ihre Kulturgüter zu schützen, seien es Volksgesänge oder eine heimische Filmindustrie. Im für die USA schlechtesten Fall könnte das aber heißen, dass es hier und da bald völkerrechtlich abgesicherte Anti-Hollywood-Quoten geben könnte. So etwas ist mit den USA nicht zu machen. Es ist Kommunismus. Gängelung. Diktatur.
Engelken, der zweite Mann der Amerikaner, trinkt Rotwein, er sagt, es sei unstrittig, dass die Unesco ein klares Profil brauche. "Nun", sagt er, "wir denken, dass dieses Profil heißen könnte: Ausrottung des Analphabetismus in der Welt, so wie die Weltgesundheitsorganisation die Pocken besiegt hat, das wäre doch was."
Aus der Unesco würde die Uneo, eine reine Bildungsagentur. Man könnte das Weltkulturerbe-Programm ausgliedern und die Wissenschaft sich selbst überlassen. Das ungefähr ist die amerikanische Agenda. Sie kommt einer Abschaffung der Unesco gleich. Sie wäre das Aus für die Hoffnung der Menschheit auf den großen Wurf.
"Weil Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden", so steht es in der Präambel von 1946, getragen vom Pathos der damaligen Zeit. Der Satz hat wenig Kraft verloren, er hat eher wieder Fahrt aufgenommen, weil die Gefahr bewaffneter Konflikte größer geworden ist und weil in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren auch das Rettende gewachsen ist.
Spätestens seit die Uno, und mit ihr die Unesco als Leitorganisation für Bildung, im Jahr 2000 die Millenniumsziele ausgerufen hat, geschehen die erstaunlichsten Dinge. Ja, es gingen im Jahr 2005 noch immer 72 Millionen Kinder in keine Schule, aber das waren schon 24 Millionen weniger als sechs Jahre zuvor. Es sterben auch noch immer 78 von 1000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag, aber 1995 waren es noch 92 von 1000.
Ein Land wie Kambodscha holt jetzt gezielt Kinder aus armen Familien an die Schulen, Mexiko geht mit Bildungsprojekten in stadtferne Provinzen, Senegal gibt heute 47 Prozent seines Staatshaushalts für Schulen aus. Es gibt Erfolgsgeschichten, aber sie werden nur sichtbar, wenn man einen Schritt zurücktritt, und viele dieser Geschichten schreibt die Unesco.
"Wir stiften Zusammenhänge, das ist mühsam", sagt Nouréini Tidjani-Serpos, er ist der "Mr. Africa" der Unesco, auch ein beigeordneter Generaldirektor, ein charismatischer Mensch aus Benin, der sich wie ein Tänzer bewegt und wie ein Dichter spricht. In seinem Regal stehen Lyrikbände aus eigener Produktion, er ist ein Gemütsmensch, gerührt erzählt er davon, dass er, in der Elfenbeinküste, einmal ein Kind hat sagen hören, die Unesco sei "der Bildungsminister der ganzen Welt. Das ist schön", sagt Tidjani-Serpos.
Die Unesco könnte eine sehr gefährliche Organisation sein. Sie könnte Diktatoren in die Parade fahren, sie könnte Menschen ermutigen, für ein würdiges Leben aufzustehen. Aber sie ist, im Schwitzkasten von 193 Nationen und deren Interessen, meistens zum Schweigen verurteilt, und redet sie doch, dann ist es wie ein Flüstern.
Sie denken nach, in diesen Wochen, jeden Tag, ob es Wege gäbe, sich irgendwie zu Tibet zu äußern, zu China. Aber dann lassen sie es doch lieber, jeden Tag aufs Neue. Sie, das ist in diesem Fall der Chef, Matsuura. Der Japaner ist ein bemerkenswerter Mann. Er hat die Unesco gerettet, und zugleich ist er ihr größtes Problem.
Als er sein Amt als Generaldirektor 1999 antrat, fand er eine inkompetente Organisation vor, überfordert und überbesetzt mit den falschen Leuten auf den höchsten Posten. 180 Direktoren schnürten über die Flure, hochbezahlte Herren über lächerliche 5000-Dollar-Programme, aus Nettigkeit und Nepotismus ins Amt gehievt.
Sie waren eine Altlast von Matsuuras Vorgänger Federico Mayor aus Spanien, der ein charismatischer Verkäufer, aber als Manager ein Dünnbrettbohrer war. Matsuura ist das Gegenteil. Er hat die Unesco, im Innern, erfolgreich umgekrempelt. Nach außen hat er sie fast zum Verschwinden gebracht.
In seinem großen Büro stapeln sich Akten auf rollbaren Beistelltischen, sie stehen zwischen Ethno-Nippes, Kopien antiker Plastiken. Ein weißer Pegasus hebt die Flügel, Symbolfigur der Dichtkunst. Matsuura ist eben zurück von einer Südseereise durch acht Inselstaaten, auf seiner inneren Uhr ist es, am Nachmittag in Paris, ungefähr vier Uhr früh. Sein Leben findet im Jetlag statt, seit fast neun Jahren, er ist ein Meilen-Millionär, ein ewig müder Mann. In den vergangenen neun Jahren hat er 80 Programme mitsamt ihren Direktoren geschleift, er hat 20 "field offices", Unesco-Außenposten, zugemacht, er hat den Pariser Wasserkopf der Organisation geschrumpft, die Gesamtzahl der Mitarbeiter auf unter 2000 gedrückt, die Zahl der beigeordneten Generaldirektoren von 20 auf 10 halbiert, und der Schock dieser Revolution wirkt noch nach.
Matsuura hat Verlierer gezeugt, die ihm nun übelwollen, vor allem weil er Schluss gemacht hat mit den krummen Verfahren, mit den heimlichen Handschlägen in Geld- und Personalfragen, er hat die Unesco neu aufgestellt, reformiert wie ein schneidiger Preuße, und damit, nicht zuletzt, hat er die USA zurückgeholt.
Wie er das geschafft hat, wird sein Geheimnis bleiben, denn er ist zugleich der unscheinbarste Mensch, der sich denken lässt. Im Sessel sitzt ein kleiner Mann, der schlecht Englisch und noch schlechter Französisch spricht, er könnte ein Schuhverkäufer aus Osaka sein, und er ist, buchstäblich, ein nichtssagender Mensch. Auf alle Fragen hat er zwei Standardantworten, die eine heißt: "Nicht unbedingt", die andere: "Nicht immer."
Nicht immer, sagt er, gebe es Ärger, wenn er sich zu heiklen Themen äußere. Nicht unbedingt lasse sich sagen, dass er 193 Chefs habe, die sich alle widersprächen. "Die Staaten sind auch Partner", sagt Koichiro Matsuura, "und sie spielen häufig eine gute Rolle."
Wenn er bei Konferenzen ans Rednerpult geht, lässt sich in den Sitzreihen nach spätestens einer Viertelstunde die Verzweiflung aus den Gesichtern lesen. Matsuura ist in der Lage, selbst brennende Sorgen in kalte Tischvorlagen zu verwandeln. Wenn draußen in der Welt heute niemand mehr so recht weiß, wofür die Unesco außer der Kulturplakette eigentlich steht, dann hat das viel mit Matsuura zu tun. Die Organisation hat kein Gesicht. Der Japaner gibt ihr keines.
In Zeiten, in denen gutes Marketing alles ist, in denen Madonna dunkle Babys in Kameras hält und George Clooney für die Menschenrechte tourt, kommt das einem Todesurteil gleich. Gutes Image bringt gutes Geld, null Image bringt null Geld. Die Staaten, die Unesco-Direktoren, die Mitarbeiter, sie alle schätzen Matsuura als ehrenwerten, guten Mann mit Verdiensten. Aber sie können den Tag nicht erwarten, da er endlich aus dem Amt scheidet.
Sein Nachfolger wird jetzt in Stellung gebracht. Nach Uno-Arithmetik müsste der nächste ein Lateinamerikaner, vielleicht wieder ein Afrikaner sein. Aber die Inder bohren auch, "die Kobra" ist auf den Fluren unterwegs, niemand weiß Genaues, alle tuscheln viel. Aber wer immer als Nächstes kommt, er oder sie wird eine Organisation vorfinden, gut geordnet, sauber organisiert - und weithin unsichtbar. Eine Organisation ohne Programm, nur mit vielen Programmen, die alten Träumen nachhängt, aber eine neue Vision braucht.
Einmal, Ende Februar, wird in Saal XI das "Internationale Jahr der Sprachen" eröffnet. Im Unesco-Foyer an der Place de Fontenoy ist eine didaktische Ausstellung aufgebaut. Fliegende Händler verkaufen Folklore. Der Tempel füllt sich mit Juden und Christen, Buddhisten und Kopten, Atheisten und Muslimen. Sie fahren im Lift auf und ab, bevölkern die Lobby, sie stehen vor den Wänden herum, an denen überall moderne Kunst von gestern hängt.
Auf dem Podium tauschen sie Freundlichkeiten aus, ein Abgesandter der Europäischen Union bekennt sich zur Unesco, ein Afrikaner in Tracht zur kulturellen Vielfalt. Dann beginnen die Sachreferate, es ziehen Wolken auf, aus denen es Worthülsen regnet, Integration, Wissensgesellschaft, Brücken bauen. Sue Williams, eine der Unesco-Pressesprecherinnen, eine Australierin, geht vor dem Saal herum, sie telefoniert und sieht ein wenig verzweifelt aus. Sie ruft, von weitem: "Und? Wie ist es? Würden Sie die Unesco noch einmal gründen, wenn es sie nicht gäbe?" Ihr Telefon klingelt wieder. Sie wartet die Antwort nicht ab.
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 20/2008
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