10.05.2008

SCHAUSPIELERPutzi und Pamßo

Eine neue Biografie feiert Götz George und verrät viel mehr über den verschwiegenen Star, als ihm lieb sein kann.
Es ist eine Szene wie aus einem ambitionierten Psycho-Film über früh verbogene Kinderseelen.
Der Junge, vier oder fünf Jahre alt, will nachts nicht schlafen und quengelt. Seine Mutter - Kosename Tusch - ist hilflos. Der Junge ruft immer wieder "Tusch ist doof". Der Vater wird informiert. Er zerrt sein Kind aus dem Bett ins Badezimmer, legt es über eine Bank und züchtigt es mit der Reitpeitsche. Der Vater sagt kein Wort. Stumme, schmerzende Strafe.
Das Kind bleibt allein zurück und sieht im Badezimmerspiegel die tiefen, roten Striemen. Erst jetzt beginnt es zu schreien.
Mehr als 60 Jahre später noch brennt das Erlebnis in der Erinnerung. Aber der Sohn hält das Verhalten des Vaters, der stirbt, als der Junge sieben Jahre alt ist, unbedingt für richtig. Durch die Züchtigung stehe der Vater ihm heute noch "plastisch vor Augen".
Der Junge wird sein Leben lang im kalten Schatten des gewaltigen, gewalttätigen Vaters leben.
Der Vater ist Heinrich George (1893 bis 1946), einer der größten Schauspieler Deutschlands. Sein Sohn Götz ist heute eine TV-Legende. Für viele bleibt er Horst Schimanski, der "Tatort"-Kommissar aus Duisburg. Doch in der Familie heißt Götz bis heute Putzi; Heinrich George wurde Pamßo genannt; Tusch, die Mutter, ist Berta Drews, eine bedeutende Theater- und Filmschauspielerin.
Zu Putzis 70. Geburtstag im Juli erscheint jetzt eine dicke Biografie des Journalisten Torsten Körner, die auf langen Gesprächen mit Götz George beruht, auch über die Badezimmer-Szene*.
Doch es sind nicht die gesagten Sätze, die in diesem Buch am schwersten wiegen, sondern das, was George verschweigt, unbenannt lässt oder über das er hinweggeht.
Der Biograf, der jeden Film und jede TV-Rolle, die vielen Theater- und Tournee-Auftritte minutiös beschreibt, ausführliche Inhaltsangaben der Stoffe liefert und Fakten aneinandergehäuft hat, mag seinem Helden nur ungern auf die Psycho-Pelle rücken. Er hält sich an das, was George selber öffentlich gemacht hat - und an das, was gegen dessen Willen bekannt wurde.
Eine ehemalige Lebensgefährtin, die ihre Erlebnisse der Presse verkauft hat, muss zwangsläufig auftauchen, genauso wie ein kurzer Hinweis auf eine Liaison mit einer verheirateten Frau, die einen erfreulich toleranten Mann hat. Die Geschichte stand in allen Zeitungen.
Die Seelennot mit dem abwesenden und dennoch überpräsenten Vater ist eine im Buch hingegen weitgehend unangetastete Geschichte. Heinrich George, ein Kraftmensch, der das Vulkanische und Verletzliche in übergroßen Naturen zwingend darstellen konnte, war einer der privilegierten Paradeschauspieler der Nazi-Zeit.
Er war Intendant des Berliner Schiller-Theaters und spielte in den Großproduktionen der Ufa. Er war der Postmeister in der berühmten Puschkin-Verfilmung, stellte den Barockbaumeister Andreas Schlüter dar, und er war Joachim Nettelbeck, der Bürgermeister der pommerschen Festung Kolberg, die er 1806 bis auf den letzten Mann gegen Napoleon zu verteidigen bereit war.
"Kolberg", von Goebbels in Auftrag gegeben, war der letzte Durchhaltefilm der Nazis, er hatte am 30. Januar 1945 Premiere. Da lag Deutschland schon in Trümmern, und das Regime taumelte nur noch gut drei Monate bis zum Untergang.
Götz George hat die Rolle und die Rollen, die sein Vater bei den Nazis spielte, nie öffentlich in Frage gestellt. Es scheint, und die Biografie bestätigt das, als hätte er durch seine eigene Karriere versucht, den Vater, der 1946 elend in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager starb, auf eine verzweifelte Weise einzuholen. Ihn, wie auch immer, zu erreichen.
Man muss sich Götz George nicht als glücklichen Menschen denken. Selbstironie ist ihm, jedenfalls bei den meisten öffentlichen Auftritten, nicht gegeben. Er wirkt widerborstig, fordernd und verkrampft. Sein Vater-Schicksal mag alles erklären, erträglicher macht es sein Auftreten nicht.
Seine Biografie, das beschreibt Autor Körner prägnant, hat auch etwas von einem tragischen Zuspätkommen. Der junge George spielte in drei Karl-May-Verfilmungen den Raufbold. Der neue deutsche Film der sechziger Jahre, der Papas Kino abschaffen wollte, hatte keine Verwendung für ihn. Zu einer einzigen Begegnung ist es immerhin mit Rainer Werner Fassbinder gekommen, an einem Flipperautomaten in Berlin. Fassbinder wollte die Serie "Acht Stunden sind kein Tag" realisieren.
George kannte die Drehbücher und war an dem Projekt interessiert. Fassbinder stand also am Automaten, und Götz George redete auf ihn ein. Der Regisseur schwieg. George verschwand.
So bleibt sein Ruhm, so groß wie der des Vaters, auf 29 "Tatort"-Filme als Rabauke Schimanski gegründet und auf ein paar Filmrollen, von denen die des näselnden Reporters Hermann Willié in Helmut Dietls "Schtonk!" die komischste und die des Serienmörders Fritz Haarmann ("Der Totmacher") die wohl bewegendste ist.
George mag mit seiner Kraft und physischen Herrlichkeit eine Rüstung um sich errichtet haben, undurchdringlich ist sie nicht. Helmut Dietl hält ihn für "verletzbar" und "hochsensibel". Man brauche ihm nur in die Augen zu schauen, "dann sieht man die Angst". Die Angst vor Pamßo? JOACHIM KRONSBEIN
* Torsten Körner: "Götz George. Mit dem Leben gespielt". Scherz Verlag, Frankfurt am Main; 480 Seiten; 19,90 Euro.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 20/2008
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