26.05.2008

Titel Baby auf Bestellung

Ein Kind nach Wunsch? In den USA kein Problem: In Kalifornien vermitteln Firmen Leihmütter, Ei- und Samenspenden. Das Geschäft boomt - auch mit Kunden aus Übersee.
Taylor war in der zweiten Klasse, als sein Weltbild ins Wanken geriet. "Meine Mutter kriegt ein Baby. Und sie will es verkaufen!", erzählte er damals, vor sieben Jahren, aufgeregt seiner Lehrerin.
"Das war schwer für ihn. Er konnte es einfach nicht verstehen", sagt Shannon Hallman und streicht sich über den Bauch. Sie ist jetzt wieder schwanger, zum zweiten Mal im Fremdauftrag; und diesmal, sagt sie, seien alle ganz begeistert.
Alle, das heißt in diesem Fall: ihr Ehemann Randy, Taylor und seine Schwester - und natürlich die Eltern des Babys. Das Foto der beiden Männer, die hier im Hochsommer ihr erstes Kind abholen wollen, steht gerahmt im Wohnzimmer. "Das ist unser Paar", sagt Hallman, sie lacht dabei und strahlt: "Wir haben es richtig liebgewonnen."
Die Hallmans bewohnen in Simi Valley, einer Kleinstadt in den Bergen Südkaliforniens, einen schlichten Bungalow. Sie leben nicht im Überfluss, Randy arbeitet in einer Fabrik, Shannon betreut zwei Kleinkinder als Tagesmutter.
Und außerdem verdient sie an der Schwangerschaft. Etwa 30 000 Dollar bringt der Job als Leihmutter ein. Doch das Geld allein war nicht ausschlaggebend, so viel könnte sie in neun Monaten auch in einem normalen Job verdienen.
"Ich bin einfach wahnsinnig gern schwanger", sagt Hallman. Selbst die Einwände ihres Mannes hat sie durch ihren Enthusiasmus entkräftet - denn der war anfangs nicht gerade erfreut. "Das ist wohl so eine Männersache. Gebietsansprüche. Die wollen nicht, dass ihre Frau das Kind eines anderen austrägt", sagt sie. Echtes Verständnis dafür hat sie nicht.
Vor ungefähr einem Jahr traf Hallman zum ersten Mal Morten und Morten, zwei schwule Norweger mit ausgeprägtem Kinderwunsch. Eine Agentur aus Los Angeles brachte beide Seiten zusammen, Arzt und Anwalt aus Oslo und die kalifornische Arbeiterfrau: eine ungewöhnliche Kombination. Erst klärten die Agenturleute sie über medizinische und juristische Fragen auf. Dann gingen Hallman und die beiden Wunschväter allein Mittag essen.
Es war kein einfaches Treffen, obwohl sich alle sofort gut verstanden. Denn natürlich ist es schwer, gleich beim Kennenlernen heikle Themen zu besprechen: Was, wenn die Leihmutter - bei künstlichen Befruchtungen ist dies häufiger der Fall - mit Drillingen oder gar Vierlingen schwanger wird? Sind dann beide Seiten für Teilabtreibungen (in den USA spricht man von "selective reduction")? Und wie geht man im Ernstfall mit einer schweren Erbkrankheit des Embryos um?
"Ich bin nicht Gott. Es ist deren Baby. Sie bringen ihre Zeit, ihr Geld und ihr Leben ein. Wenn sie ein Baby mit besonderen Bedürfnissen nicht aufziehen können, ist es nicht an mir, ihnen das aufzuzwingen", sagt Hallman. Sie geht jeden Sonntag zur Kirche. Noch nie hat sich dort jemand beschwert, dass sie für Schwule ein fremdes Kind austrägt. Die Schwangerschaft verläuft genau nach Plan: Erst wurde die Eizelle einer anonymen Spenderin mit dem gemischten Sperma der Norweger befruchtet, dann wurde der Embryo Shannon Hallman eingepflanzt, für Mitte August ist die Geburt angesetzt.
Wenn es um Wunschbabys geht, ist Amerika mehr denn je das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es gibt Firmen, die Leihmütter vermitteln, und solche, die Ei-Spenderinnen mit unfruchtbaren Frauen oder schwulen Möchtegernvätern zusammenbringen. Samenbanken bieten einen bunten Katalog an Spendern an, Service-orientiert sortiert nach Hautfarbe, Aussehen, Bildung und Gefühlsprofil. Fruchtbarkeitskliniken können bei der Geschlechtsauswahl helfen und Embryos ohne schwere Erbkrankheiten erzeugen.
Und darüber stehen oft Agenturen, die sämtliche Komponenten zusammenbinden und das außerdem anfallende pfundschwere Vertragswerk betreuen.
Pauschal 120 000 bis 200 000 Dollar kostet ein Baby, wenn Ei-Spende, künstliche Befruchtung und Leihmutter gewünscht oder erforderlich sind. Dafür dürfen die Auftraggeber zum Beispiel Einfluss auf die Ernährungsgewohnheiten der Leihmutter nehmen und nach der Geburt erwarten, dass ihnen die Muttermilch per FedEx zugestellt wird.
Der Kundenkreis ist so vielseitig und bunt wie die Gesellschaft im Ganzen. Neben herkömmlichen Eheleuten mit einem Zeugungsproblem sorgen seit einiger Zeit verstärkt auch lesbische und schwule Paare für einen gewaltigen Nachfrageschub - Babys aus solchen Konstellationen werden in Amerika "Gaybys" genannt. Auch alleinstehende Frauen, die sich den Kinderwunsch gleich ganz ohne Partner auf eigene Faust erfüllen, spielen zunehmend eine Rolle - zum Beispiel karriereorientierte New Yorkerinnen, die in letzter Minute doch noch ein Baby wollen. In Szenekreisen ist dann von "single moms by choice" die Rede.
Und schließlich bringt auch die Globalisierung jede Menge neues Business ins Land. Strenge Gesetze in Europa und anderswo ließen den Fruchtbarkeitstourismus schon seit einiger Zeit erblühen. Nun bewirkt der schwache Dollar einen regelrechten Babyboom: Manche US-Agenturen machen bereits 40 Prozent ihres Geschäfts mit Kunden aus Übersee, ihre Beratungsseminare in London, Frankfurt am Main oder Paris sind regelmäßig bestens besucht.
Einer der wichtigsten Anbieter der Szene sitzt in Kalifornien, wo die Rechtslage in Sachen Babyzeugung am liberalsten ist. Hier, in Los Angeles, betreibt Andy Vorzimer seine Firma Egg Donation Inc. (etwa: Ei-Spende GmbH). Der Mann, Mitte vierzig, Typ smarter Jurist, kann sich vor Angeboten kaum retten: 40 000 Frauen haben sich allein seit 2005 bei ihm als Ei-Spenderin beworben, etliche von ihnen wohl in der Hoffnung auf schnell verdientes Geld.
Aber so einfach, wie es scheint, ist es nicht - und das nicht nur, weil die große Mehrheit der Bewerberinnen die Eignungstests nicht besteht: Nur eine von 28 ist im richtigen Alter, gesund, genetisch einwandfrei und in der Lage, genügend Eier pro Zyklus zu produzieren.
Vorzimer kann sich minutenlang aufregen über Konkurrenten, die in Universitätszeitungen Reklame schalten und 18-jährigen Studentinnen Honorare von bis zu 50 000 Dollar pro Ei-Spende bieten. "Das ist eine Schande", sagt er, die jungen Mädchen hätten überhaupt keine Ahnung, was allein an extremen Hormonbehandlungen auf sie zukomme.
Trisha ist 24, hat große Rehaugen und blinkend weiße Zähne. "Ich bin eine glückliche Lady und habe immer ein Lächeln auf dem Gesicht", schreibt sie in ihrem Online-Profil.
Scarlett, 27, liebt Tanzen, Klavierspielen und Lesen, vor allem Bücher von Oscar Wilde. Außerdem schaut sie sich gern zeitgenössische Filme aus Spanien an. Zu ihren herausragenden Merkmalen gehören, laut Profil, "volle Lippen, schlanke Beine, Mandelaugen".
Trisha, Scarlett und Hunderte weiterer Frauen haben ihr Profil online gestellt. Das Angebot ist so reichhaltig wie verwirrend. Blonde Haare, graue Augen, schwarze Haut, weiße Haut, Christen, Buddhisten, Kellnerinnen, Bankangestellte: Alles ist dabei. Die Internet-Seite von Egg Donation Inc. ist eine Art MySpace oder match.com der Baby-Industrie, zentrale Anlaufstelle für alle, die ein Kind wollen, aber auf natürlichem Weg keins bekommen können.
Es ist nicht einfach, die richtige Eizelle für das eigene Wunschbaby zu finden. Paare, die diesen Weg gegangen sind, erzählen mit einer Mischung aus Scheu und Selbstironie von dieser Erfahrung; von langen Abenden vor dem Computerbildschirm; von endlosen Diskussionen; von dem Versuch, emotional, intellektuell und optisch eine Verbindung zu erkennen zwischen sich selbst und der Spenderin.
Kennenlerntreffen sind möglich. Doch nicht alle fühlen sich wohl dabei, viele verzichten lieber darauf.
*
Sherman Oaks, ein wohlhabender Vorort von Los Angeles, Palmen, erinnert mit seinen gepflegten Gärten an den Set von "Desperate Housewives". Die Frau, die zum Interview im M Street Coffee erscheint, ist schlank, ja beinah model- dünn, das braune Haar fällt lässig über die Schultern; Wimpern, Augenbrauen sind sorgfältig gepinselt und gezupft, das Gesicht ist perfekt geschminkt.
Sarah, 24, hat gerade ihre Ausbildung zur Krankenschwester beendet, sie wohnt mit ihrem Freund Jeffrey in der Nachbarschaft, sie trinkt nicht, raucht nicht, in Bars und Nachtclubs geht sie nicht. "I'm a girly girl", sagt sie, was so viel heißen soll wie: Ich bin halt ein echtes Mädchen.
Außerdem ist sie im fünften Monat schwanger. Ganz sicher ist Sarah allerdings nicht. Und natürlich ist schwanger auch das falsche Wort.
Im vergangenen Oktober hatte sich ein Paar aus Houston in Texas für die Spenderin mit der Nummer 20299 entschieden. "Die beiden haben sich auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung ihrer Kirche kennengelernt", sagt Sarah. Beide arbeiten in der Forschung, die Frau als Laborassistentin - mehr weiß sie nicht über die anonymen Möchtegerneltern.
Und umgekehrt? Vielleicht hat den Texanern in Sarahs Fragebogen gefallen, dass sie betet und ans Jenseits glaubt. Die Spenderin eine Krankenschwester, die austragende und aufziehende Mutter Laborassistentin: Auch das passt. Oder gab einfach nur das Aussehen den Ausschlag?
Sarah wurde zeitgleich mit der Empfängerin die Antibabypille verordnet: Dadurch wird der Zyklus der beiden Frauen synchronisiert. Eine zehntägige Hormonbehandlung regte die Produktion von Eizellen an. Dann reiste sie für eine Woche nach Houston, zu den behandelnden Ärzten der Empfängerin. 20 Eier wurden entnommen. 15 waren ausgereift. 13 konnten mit dem Samen des Texaners befruchtet werden.
Das war am Freitag, dem 14. Dezember. Sarahs Job war erledigt. Sie war müde von der Betäubung, fuhr ins Hotel und schlief für den Rest des Tages. Am nächsten Morgen flog sie wieder nach Los Angeles.
Spenderin 20299 möchte sich später nicht von ihrem Kind kontaktieren lassen; deswegen soll ihr Nachname auch nicht in der Presse stehen. Und auch "ihr Kind" ist ja wieder ein falscher Begriff.
"Ich bin doch nicht die Mutter", sagt Sarah: "Es mag ja mein genetisches Material sein. Aber die Mutter ist die Frau, die das Baby großzieht."
Vertraglich ist ohnehin festgehalten, dass sie keine Verantwortung trägt und keine Rechte hat, nicht an dem Baby in Houston und auch nicht an den vielleicht elf oder zwölf Embryos, die in dem Prozess entstanden sind. Die gehören nun dem Texaner-Paar. Es kann sie einfrieren und für künftige Babys benutzen. Es kann sie einem anderen Paar schenken. Es kann sie zerstören lassen. "Die können damit machen, was sie wollen", sagt Sarah.
Was hält sie davon?
"Es ist okay für mich", sagt sie. Dann macht sie eine Pause. "So genau will ich es lieber gar nicht wissen."
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Das Huntington Reproductive Center ist eine Befruchtungsklinik in Los Angeles, es gehört zu den größten Kaliforniens. Doktor Susan Sarajari und ihre zehn Kollegen arrangieren etwa 3000 In-vitro-Befruchtungen pro Jahr - ein seit langem erprobtes Standardgeschäft. Doch ihre Praxis ist zugleich auch ein Zukunftslabor, die Ärzte hier schlagen Wege ein, die weltweit entweder eher unbekannt oder höchst umstritten sind.
Zum Beispiel das Einfrieren von Eizellen: Die Technologie hat hier in jüngster Zeit große Fortschritte gemacht. "Dieses Thema ist ganz groß im Kommen", sagt Sarajari. Vor allem junge, ledige Patientinnen interessieren sich dafür, sie sorgen so beizeiten für die Zukunft vor und müssen später nicht in Torschlusspanik geraten. Fruchtbarkeitssicherung heißt das im Klinikjargon.
Oder das Bewerten von Embryos. Fast immer ist es so, dass Sarajari für ihre Patienten eine ganze Reihe von Eizellen befruchtet, um eine größere Auswahl zu haben. Nach der Befruchtung wachsen die Embryos etwa drei bis fünf Tage im Labor. Anschließend werden sie in vier Güteklassen unterteilt, fein sortiert nach A, B, C und D. Embryos, deren Zellen am klarsten sind, erhalten die höchsten Noten.
Bevor der Gewinner eingepflanzt wird, sind weitere Tests möglich. Die menschliche Zelle enthält 24 verschiedene Chromosomen. "Auf bislang 12 davon können wir im Embryo nach Anomalien und Erbkrankheiten suchen", sagt Sarajari. In ihrer Praxis ist das mittlerweile mehr oder weniger ein Standardverfahren, um Embryos auszusortieren. "Ich weiß, dass sich aus ethischer Sicht lange darüber diskutieren lässt", sagt die deutschstämmige Ärztin, "ich glaube aber, dass wir damit viel Leiden und frühen Kindstod verhindern können."
Auch das Geschlecht kann sie schon im Reagenzglas bestimmen. Allerdings erlauben die Huntington-Mediziner nicht allen Patienten die freie Wahl zwischen Junge oder Mädchen. Nur Eltern, die schon ein Kind haben, dürfen sich frei entscheiden. "Wir nennen das 'family balancing'", sagt Sarajari.
Die übrigen Embryos werden dann in der Regel tiefgefroren. Geschätzt über eine Million Embryos lagern zurzeit in den Kühltanks der amerikanischen Befruchtungskliniken.
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Ryan Kramer war etwa zehn Jahre alt, als er begann, immer drängendere Fragen nach seinem Vater zu stellen. Fragen, die seine Mutter Wendy nicht beantworten konnte.
Sie hatte ihr Kind 1990 mit einer anonymen Samenspende gezeugt. Ihr damaliger Mann war unfruchtbar. Ein Jahr nach Ryans Geburt verschwand er aus ihrem Leben. Seither leben Mutter und Sohn allein, in einer Kleinstadt bei Denver, Colorado, wo Wendy eine Stelle als Finanzberaterin hat.
Die Suche nach Ryans biologischem Vater wurde zu einem Projekt, das ihr Leben völlig durcheinanderwirbelte. Es begann mit Recherchen im Internet vor ungefähr acht Jahren. Wendy Kramer durchkämmte das Netz, plazierte Suchanzeigen in Yahoo-Gruppen mit dem Namen der Samenbank, die sie damals benutzte, und mit der Spendernummer: 1058.
Es war alles ergebnislos.
Das Einzige, was die alleinerziehende Mutter dabei erfuhr: Da draußen sind noch mehr Menschen unterwegs, Kinder und Jugendliche, die auf der Suche nach ihrer Herkunft sind.
Also machte sie eine eigene Internet-Seite auf, das Donor Sibling Registry. Eigentlich war es als eine kleine Info- und Kontaktbörse gedacht, als informelle Anlaufstelle für all jene, die aus einer Sperma-, Ei- oder Embryo-Spende entstanden sind. Es wäre doch schön, dachte sie, wenn Ryan auf diesem Weg noch einen Halbbruder oder eine Halbschwester fände. Fast 20 000 Menschen aus aller Welt haben sich inzwischen registriert, haben ihre Kontaktinfo in die Datenbank eingetragen, den Namen der benutzten Eizellen- oder Samenbank und die Spendernummer.
Zwei-, dreimal pro Tag finden auf diesem Weg Wildfremde zueinander und stellen fest, dass sie Halbgeschwister sind. Seltener kommt es zu Kontakten zwischen Spendern und ihrer Nachkommenschaft; doch auch das passiert. Insgesamt über 5000 neuer Verknüpfungen hat es schon gegeben.
Und auch bei den Kramers selbst gab es nach langem Warten Neuigkeiten. Im März vorigen Jahres stellte eine Familie aus dem Bundesstaat New York ihre Daten in die Geschwisterbank.
Treffer! Ryan hatte eine Halbschwester gefunden. Binnen einer Stunde hingen die beiden Mütter am Telefon, kurz darauf auch Ryan und Anna, damals 16 und 13 Jahre alt.
"Wir haben einfach hallo gesagt und zu reden begonnen", sagt Ryan, "es war unglaublich cool, einfach eine wahnsinnige Erfahrung. Immerhin teilen wir die Hälfte unserer DNA."
Im Sommer trafen sich beide Familien dann zum ersten Mal, in New York, zum Spaziergang im Central Park. Man verglich das Aussehen der beiden - Augen und Kieferstellung gleichen sich -, erzählte vom Leben in Colorado und auf dem Land bei New York. "Wir waren ganz schnell wie alte Freunde", sagt Ryan.
Allerdings: Die neue Familie war damit noch nicht komplett. Ryan, heute 18 Jahre alt, weiß von einer weiteren Halbschwester in Kalifornien. E-Mails gingen hin und her, bis deren Mutter davon Wind bekam und jeden Kontakt verbot. Ein anderes Kundenpaar von Spender 1058 wollte mit den Kramers Informationen über mögliche Kinder- und Erbkrankheiten austauschen; die beiden Töchter, inzwischen im Alter von etwa 11 und 14 Jahren, durften aber nichts davon mitkriegen, sie wissen nicht, dass sie durch eine Sperma-Spende entstanden.
Nachrichten gab es irgendwann auch von der Samenbank. Insgesamt neun Kinder werden dort dem Spender 1058 zugeordnet.
Von dem Mann selbst jedoch fehlt bis heute jede Spur.
"Wie soll man damit klarkommen, dass es auf einmal eine so große biologische Verwandtschaft gibt? Einfach ist das nicht", sagt Wendy Kramer, "es ist völlig überwältigend."
Mit Hilfe des Donor Sibling Registry haben sich Clans mit 30, 40 oder 50 Mitgliedern gebildet. Manche sind über die ganze Welt verstreut. Die bislang größte Gruppe besteht aus 105 Halbgeschwistern - alle stammen vom selben Erzeuger ab.
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Cappy Rothman ist der vielleicht wichtigste Pionier der amerikanischen Befruchtungsindustrie.
Seine Samenbank ist Amerikas größte. 1977, im Gründungsjahr, diente noch eine Besenkammer als Sperma-Zwischenlager. Mittlerweile verlassen 30 000 Sperma-Ampullen pro Jahr den Firmenhof der California Cryobank, Inc.
Das Angebot ist fast unerschöpflich und liegt tiefgefroren in neun gewaltigen Metalltanks. Jeder von ihnen, rechnet Rothman stolz vor, fasst 20 000 Ampullen, jede Ampulle enthält 60 Millionen Spermien. Eine Milliarden-, ach was, Billionen-Kapazität, sagt er. "Damit kann man noch in Jahrhunderten Babys zeugen", sagt Rothman.
Früher waren künstliche Besamungen eine rein medizinische Veranstaltung. In der Regel wollten Paare schlicht einen Spender, der dem unfruchtbaren Ehemann möglichst ähnlich sah; die Auswahl trafen Ärzte wie Doktor Rothman allein.
Inzwischen wurde daraus eine globale Service-Industrie. Über 250 Spender bewirbt allein Cryobank in ihrem Katalog. Kunden weltweit wird so gut wie jeder Wunsch erfüllt.
Jeder Wunsch, das heißt meistens: jung, gesund, attraktiv und intelligent. "Unsere Filiale in Cambridge liegt zwischen Harvard und dem MIT. In Palo Alto sind wir direkt gegenüber dem Stanford-Campus", sagt Rothman. Elite-Sperma von Elite-Unis.
75 Dollar zahlt der Doktor für jedes "akzeptable Ejakulat", außerdem erhalten die Samenspender Gutscheine fürs Kino oder für Starbucks zur Belohnung; von Studenten, die er in seinen Katalog aufnimmt, erwartet er zwei bis drei Besuche pro Woche über einen Zeitraum von etwa eineinhalb Jahren.
"Die Gesellschaft hat sich verändert", sagt Rothman, und damit steigen auch die Ansprüche seiner Klientel. Bereits 57 Prozent seiner Kundschaft besteht aus lesbischen Paaren und Single-Frauen, die sich auf eigene Faust ihren Kinderwunsch erfüllen wollen.
Unfruchtbare Männer und ihre Ehefrauen möchten das Thema Samenbank meistens schnellstmöglich abhaken und verdrängen.
Lesben und Single-Frauen dagegen, so die Erkenntnis von Rothman und seinen Kundenbetreuern, schätzen eine große Auswahl beim Sperma-Kauf. Sie wollen ein möglichst umfassendes Bild des Samenspenders - von seinem Charakter, Familien- und Bildungshintergrund. "Es läuft so ähnlich wie die Suche nach einem Lebenspartner", sagt Rothman.
Er ist deshalb gerade bemüht, eine größere Vielfalt in seinen Katalog zu bringen. Für Feuerwehrleute, Polizisten und Sanitäter, glaubt er, könnte es eine gute Nachfrage geben: Sie genießen in den USA spätestens seit dem 11. September Heldenstatus. Und als Nächstes will er Künstler, Musiker und Tänzer als Spender gewinnen.
"Wir denken immer an etwas Neues", sagt Rothman, "wenn wir die Wünsche unserer Kunden ignorierten, würden wir einen schrecklichen Service bieten."
FRANK HORNIG
Von Hornig, Frank

DER SPIEGEL 22/2008
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