26.05.2008

ZEITGESCHICHTEHauptmann der Propaganda

Der legendäre Verleger Ernst Rowohlt umgab sich gern mit der Aura des trinkfesten Lebemanns und entschiedenen Nazi-Gegners - entsprechend ungern wird jetzt, zum 100-Jahre-Jubiläum der Gründung des Rowohlt-Verlags, über seine dubiose Tätigkeit in der Wehrmacht geredet.
Lustig war das Soldatenleben. In Griechenland, wo der Verleger Ernst Rowohlt 1941 zunächst fern der Front zum Einsatz kam, war neben manchem Trinkgelage und dem Verzehr von Tintenfischen der Kampf um das örtliche Bordell offenbar von großer Wichtigkeit.
"Auch die italienischen Bundesgenossen erhoben Anspruch auf dies Institut, aber nach einem kurzen Scharmützel blieb es fest in deutscher Hand", kolportierte nach dem Krieg ein Vertrauter Rowohlts, der ehemalige Lektor Paul Mayer (1889 bis 1970). Dessen Monografie über seinen Ex-Chef, 1967 erstmals publiziert, wurde nun
aus Anlass des 100. Firmenjubiläums fast unverändert als Reprint neu aufgelegt - trotz ihres befremdlichen Landsertons.
Rowohlt selbst schrieb im Dezember 1942 von der Kaukasus-Front, wo ihm "ein ganzer Propaganda-Zug" unterstellt sei, an seinen Erfolgsautor Hans Fallada ("Kleiner Mann - was nun?"): "Es gibt hier einen wunderbaren kaukasischen Wein und viele Gänse und Schweine." Für das leibliche Wohl schien grundsätzlich gesorgt zu sein.
Aber warum war Rowohlt (1887 bis 1960) überhaupt 1941 unter die Soldaten gegangen? Er hatte doch 1938 mit seiner Familie das Deutsche Reich verlassen, in Zürich, Paris und London Station gemacht und war 1939 in Brasilien untergekommen - zu fern, um noch belangt werden zu können. Dort lebten seine Schwiegereltern.
Und es gab ja gute Gründe, das Weite zu suchen. Rowohlt, unter dessen Verlagssignet 1913 das erste Buch Franz Kafkas erschienen war (entsprechend dessen Wunsch, "unter Ihren schönen Büchern auch ein Buch zu haben"), war nicht nur der Verleger Kurt Tucholskys und anderer nach 1933 unliebsamer Autoren gewesen, sondern ebenso Konrad Heidens, dessen kritische "Geschichte des Nationalsozialismus" (1932) den neuen Machthabern überhaupt nicht schmeckte.
Gegen Ende des Jahres 1933 waren 46 der lieferbaren Rowohlt-Bücher verboten worden (später kamen weitere hinzu), und "umfangreiche Beschlagnahmungen" hatten große Verluste gebracht, wie es lapidar im Geschäftsbericht 1933 hieß. Fünf Jahre später hatte der Verleger von der Reichsschrifttumskammer sogar ein Berufsverbot wegen "Tarnung jüdischer Schriftsteller" erhalten.
Alles richtig. Und zu Recht ist davon in einer opulenten Bildchronik ausführlich die Rede, die sich der Rowohlt-Verlag jetzt zum 100-jährigen Bestehen gönnt*.
Über die Kriegsjahre des Verlagsgründers allerdings wird auffallend wenig berichtet, von eigenen Recherchen zu die-
sem heiklen Thema gar nicht zu reden. Das Jubiläum hätte dazu Anlass genug gegeben. Denn Merkwürdigkeiten gibt es ebenfalls mehr als genug, wie Recherchen des SPIEGEL ergeben haben.
Rowohlt selbst hat die Zeit nach seiner "Emigration" später in einem "Memorandum" (März 1946) in einem einzigen Satz zusammengefasst: "Ende Dezember 1940 kehrte ich nach Berlin zurück, wurde am 10. Februar zum Militär eingezogen und dort wiederum Ende Juni 1943 als ,politisch unzuverlässig' vom Militär entlassen."
Was er verschwieg und was auch in der Rowohlt-Chronik nicht vorkommt: Er spendete vor seiner Brasilien-Fahrt Geld an eine SS-Staffel in unbekannter Höhe. Rowohlt - Parteimitglied Nr. 5550284 - sorgte dafür, dass die NSDAP, auch als er in Südamerika war, seine Mitgliedsbeiträge erhielt. Nach seiner freiwilligen Rückkehr sah er Anfang 1941 der Teilnahme am Krieg mit Ungeduld entgegen. Rowohlt wurde Offizier einer Einheit, die von Griechenland aus und später im Kaukasus antisemitische Propaganda betrieb. Auch Jahre nach dem Krieg hielt er seinem ehemaligen General die Treue, einem verurteilten Kriegsverbrecher.
Rowohlt wollte von Anfang an keine Politik, er wollte Geschäfte machen. Genauso selbstverständlich, wie er vor 1933 nazikritische Schriften ins Programm genommen hatte, verlegte er im Frühjahr 1933 den mit 120 Kupfertiefdrucken ausgestatteten Bildband "Ein Volk steht auf", der "53 Tage nationaler Revolution" affirmativ dokumentieren sollte. Den Buchhandel lockte er mit dem Slogan: "Massenabsatz winkt".
Noch 1933 versuchte er seinem amerikanischen Autor Sinclair Lewis, der drei Jahre zuvor den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, in einem Brief zu erklären, warum von den Nazis "nicht jeder mit Samthändchen angefaßt worden ist"; und dass es im Ausland schwer zu beurteilen sei, "wie weit die jüdische Greuelpropaganda aus rein jüdischem Instinkt und Motiven heraus in Scene gesetzt wurde".
Auch ein "auf dem rassentheoretischen Gebiet ganz simpel und normal empfindender Mensch", so Rowohlt weiter, müsse zugeben, dass angesichts der Tatsache, wie sich Juden in die wichtigen Positionen vorgedrängt hätten, "unbedingt ein Riegel vorgeschoben werden mußte". Es könne kein Zweifel daran bestehen, "daß eine gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten durchaus berechtigt war"; "ungeheure Härten" seien dabei nun einmal nicht zu vermeiden. Und dem "Völkischen Beobachter" versicherte er gleichzeitig, es entspreche durchaus seinem persönlichen Empfinden, sich "der nationalen Gleichschaltung einzufügen und im Sinne der nationalen Regierung am Neuaufbau deutscher Kulturpolitik mitzuarbeiten".
Dieser Satz des Verlagsgründers wird in der neuen Verlagschronik immerhin zitiert, auch das mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Buch "Ein Volk steht auf" in Farbe abgebildet und der Brief an Lewis erwähnt - allerdings nicht das antisemitische Zitat.
Geboten werden stattdessen Legenden und Geschichten, etwa die, dass schon im Februar 1933 ein SA-Trupp das Berliner Verlagsbüro verwüstete - dem hat Rowohlt selbst 1957 widersprochen. Und über den 1937 erfolgten Eintritt Ernst Rowohlts in die NSDAP werden die alten Klischees bemüht. Er habe damit versucht, "sich und seinem Verlag Luft zu verschaffen".
Ein Geheimnis hat der Verleger daraus nie gemacht und rückblickend im März 1946 behauptet, er sei als Mitglied einer Kriegsopferversorgung (Rowohlt war im Ersten Weltkrieg Leutnant gewesen) automatisch in die Partei übernommen worden, und die Aufnahme sei "zu meinem eigenen Erstaunen erfolgt".
Unterlagen aus dem Berliner Bundesarchiv zeigen indes, dass er sich Jahre später, im August 1943, erfolgreich um eine Bestätigung seiner Mitgliedschaft in der Partei bemühte. Er habe bis Dezember 1940 Beiträge gezahlt, schrieb er damals an die zuständige Ortsgruppe, und gedenke, den Rest nachzuzahlen. Die im April 1940 erfolgte Streichung der Parteizugehörigkeit - mit dem Vermerk "unbekannter Aufenthalt" - wurde daraufhin zurückgenommen.
Vor allem die steten Beitragszahlungen - auch als er in Brasilien war - wecken Zweifel an Rowohlts Nachkriegsversion, er sei 1939 "emigriert", wie es auch in der neuen Verlagschronik zu lesen ist.
Warum kehrte Rowohlt überhaupt im Dezember 1940 von Brasilien wieder nach Deutschland zurück (wofür er das "Blockadebrecher"-Abzeichen erhielt)?
Er selbst versuchte nach dem Krieg, eine Antwort zu geben. Im März 1948 war eine spöttische, aber wohlwollende SPIEGEL-Titelgeschichte über den längst wieder aktiven Verleger erschienen, Rowohlt war als einziger Verlag in allen vier Besatzungszonen vertreten. Sogar der US-Autor Lewis wollte nach dem Krieg, "dass Du alle meine Bücher wieder verlegst".
Eine kritische Leserreaktion zu diesem SPIEGEL-Beitrag nahm Rowohlt zum Anlass, um zu erklären: Er habe endlich wieder Verleger werden wollen und 1940 "fest an den bevorstehenden Zusammenbruch" geglaubt. Andernorts sagte er sogar, er habe von einer bevorstehenden "Revolte der Wehrmacht gegen die Partei" gehört.
Hatte er sich nur "im Zeitpunkt" geirrt, wie er dann weismachen wollte? Im Jahr 1940? Als die deutsche Wehrmacht nichts als Siege und Erfolge verbuchte? Rowohlt versuchte, sich mit Wortwitz aus der Affäre zu ziehen: "Ich wurde bestraft", schrieb er im SPIEGEL, "denn ich durfte nicht verlegen, sondern wurde erst einmal verlegt - von Stettin nach Belgien, nach Frankreich, Griechenland und schließlich in den Kaukasus."
Denkbar ist, dass es ihm in seinem "Exil" zu langweilig geworden war. Er habe in Brasilien "Häute verkauft und
Pferde zugeritten", witzelte er 1948. Vielleicht hatte er einfach genug davon, bei den Schwiegereltern zu wohnen, oder sich seiner Frau entfremdet - sie blieb mit der gemeinsamen Tochter in Brasilien zurück.
Denkbar ist aber auch, dass der Verleger aus Leidenschaft die Nazis 1940 keineswegs am Ende, sondern im Gegenteil als zukünftige Sieger wähnte, mit denen es sich auf Dauer zu arrangieren galt. Das würde seinen soldatischen Eifer erklären - wahrscheinlich hoffte Rowohlt, so wieder ganz im Deutschen Reich Fuß fassen zu können.
Anfang Februar 1941 schrieb er seinem Autor und Freund Fallada: "Das Warten auf meine Einberufung ist zum Verzweifeln, und dabei kann es noch 14 Tage bis 3 Wochen dauern."
Welche Aufgaben Rowohlt bei der Wehrmacht genau hatte, lag bislang weitgehend im Dunkeln. Rowohlt gehörte zu einer Propagandatruppe, wie so viele nach dem Krieg prominent gewordene Journalisten und Schriftsteller, darunter Kurt W. Marek, der unter dem Namen Ceram mit seinem Buch "Götter, Gräber und Gelehrte" (1949) dem Rowohlt-Verlag einen ersten Nachkriegs-Bestseller bescherte.
In einem Brief an Fallada lobte Rowohlt die "netten Vorgesetzten" und schwärmte vom Stabschef, der "sogar den Blutorden" habe - den erhielten Nazis, die schon bei Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle 1923 dabei gewesen oder in der Weimarer Republik zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren.
Im Oktober 1941 kam Rowohlt - ausgerüstet mit Tropenhelm und Shorts - zum "Sonderstab F" (hinter dem F verbarg sich der Chef der kleinen Truppe: der General der Flieger Hellmuth Felmy). Laut Dienstanweisung war der Sonderstab F die "zentrale Außenstelle für alle Fragen der arabischen Welt, die die Wehrmacht betreffen". Eine der Aufgaben: "Verbindung mit englandfeindlichen Kräften im Mittleren Orient" zu suchen.
Mit dem neuen Mann, der "für Propaganda im Mittleren Osten" zuständig sein sollte, zählte der zunächst in Griechenland stationierte Sonderstab 230 Personen.
Rowohlt rühmte sich später, noch während des Krieges, "gemeinsam mit der Deutschen Reichsvertretung den Arabischen Freiheitssender aufgezogen", arabische Flugblätter und Dienstanweisungen für geworbene Araber "hergestellt" und schließlich den Abwurf der Flugblätter "durch Flugzeuge" veranlasst zu haben. Das Problem daran ist: Die Propaganda des Sonderstabs F war antisemitisch ausgerichtet.
Zwei Wochen lang, im November 1941, stand er sogar an der Spitze des Propagandafunks, der im Monat davor seine Sendungen (täglich zweimal je eine halbe Stunde) aufgenommen hatte. Auch danach sorgte er sich weiter um Nachrichten und Anregungen. Ein Oberst lobte später die Eigeninitiative des Verlegers a. D. Dieser habe "Ausgezeichnetes" geleistet: "Seine Ideen hat er erfolgreich in die Tat umsetzen können."
Dabei war es am Anfang ziemlich beschwerlich. In einem frühen Geheimbericht über Rowohlts Tätigkeit hatte es geheißen, er habe sich bisher noch nie mit Fragen des Mittleren Ostens beschäftigt, und er spreche "weder Arabisch noch Englisch oder Französisch". Daher sei seine Tätigkeit "sehr erschwert".
Besonders interessierte Rowohlt, der im Ersten Weltkrieg zum Flieger ausgebildet worden war, offenbar der "Einsatz von Flugzeugen zum Abwerfen von Propagandamaterial im syrisch-palästinensischen Raum". Der im Februar 1942 zum Hauptmann beförderte Rowohlt kümmerte sich persönlich um die technischen Möglichkeiten, Pakete mit Flugblättern durch die Bombenschächte einer Heinkel He 111 abzuwerfen.
Ein als zuverlässig geltender V-Mann ("Alexander") bestätigte schon bald, im Juni 1942, die ersten Erfolge: Der Abwurf von Flugblättern über Syrien sei weit eindrucksvoller als die Bombenangriffe der Luftwaffe. "Die Flugblätter werden eifrigst gesammelt und weiter verbreitet, teilweise wie ,Reliquien' aufbewahrt", meldete er.
Oft handelte es sich um Karikaturen. Eine der Zeichnungen aus dem Sommer 1942 zeigt US-Präsident Franklin D. Roosevelt, Londons Premier Winston Churchill und Chaim Weizmann, den Präsidenten der Jewish Agency, vor einer Nahost-Karte, die mit jüdischen Fahnen bestückt ist und die "Grenzen des neuen zionistischen Königreichs" zeigen soll. Ein in 300 000 Exemplaren für Syrien bestimmtes Flugblatt warnte vor "17 Millionen Juden aus aller Welt", die nach Plänen "amerikanisch-englisch-jüdischer Statistiker" einwandern und "mit den bekannten jüdischen Mitteln" die arabische Bevölkerung vertreiben würden.
Das Problem aber war, dass Hitlers im Mai 1941 geäußerte Überzeugung, die Araber im Mittleren Osten seien "unser natürlicher Bundesgenosse gegen England", wenig fruchtete. Eine einheitliche arabische Bewegung mit klaren politischen Zielen existierte nicht, es gab nur Gruppierungen mit jeweils unterschiedlichen Interessen.
Zudem zeigten die Nazis selbst kein sonderliches Interesse, den Arabern irgendwelche Zusagen zu machen. So blieb es bis in den Herbst 1943, als eine militärische Intervention der Wehrmacht im Nahen Osten längst nicht mehr realistisch war, bei einer vagen Sympathiebekundung des "Dritten Reiches", die die angestrebte Nachkriegsordnung offenließ.
Weitgehend vergebens hatte sich auch der Sonderstab F um die militärische Ausbildung arabischer Freiwilliger gekümmert. Sie sollten als "Saboteure" und Führer eines zukünftigen arabischen Freiheitskorps unter Befehl der deutschen Wehrmacht zum Einsatz kommen. Doch es fehlte an Freiwilligen. Dabei waren eigens zwei arabischdeutsche Bücher gedruckt worden: ein "Militärwörterbuch für den Führer und Unterführer", mit dem eine verbindliche Begriffsbestimmung für die "Ausbildung, Befehlsgebung und Führung in allen arabischen Ländern" geschaffen werden sollte, und ein "Handbuch für die Ausbildung im Arabischen Freiheitskorps" mit dem Titel "Der Gruppenführer", das neben Exerzieren, Waffen-, Schieß- und Gefechtsausbildung auch die "Pflichten des arabischen Freiheitskämpfers" regelte, nämlich "Seite an Seite mit der deutschen Wehrmacht die arabische Freiheit zu erkämpfen". Es ist sehr wahrscheinlich, dass der altgediente Verleger Rowohlt dabei seine Finger im Spiel hatte.
Neben der antibritischen Stoßrichtung gab es zwischen Deutschen und Arabern "als positive gemeinsame Parole", wie der Sonderstab dem Auswärtigen Amt im August 1942 mitteilte, "nur den Kampf gegen die Juden" - und das Versprechen, Deutschland werde den Palästina-Konflikt zwischen jüdischen Einwanderern, englischen Mandatstruppen und arabischer Bevölkerung zugunsten der Letzteren entscheiden.
Die antijüdische Propaganda wurde nahtlos fortgesetzt, nachdem der Sonderstab im Spätsommer 1942 in "Generalkommando z. b. V." (zur besonderen Verwendung) umbenannt und in den Kaukasus verlegt worden war. Es galt nun, die dortige muslimische Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die deutsche Wehrmacht auf ihrer Seite stehe und neben der Roten Armee auch die "jüdisch-bolschewistische Gewaltherrschaft" zu besiegen sei.
Rowohlt rückte im Oktober mit dem ihm unterstellten Propaganda-Zug nach. Laut "Dienstanweisung" hatte er "die Aktivpropaganda in den Feind" zu bearbeiten. Die gegen Stalin und seine Helfershelfer ("jüdische Verbrechertypen") gerichteten Aufrufe an die "Völker Kaukasiens", speziell an die Muslime, waren in russischer Sprache verfasst - und Rowohlt sprach später gegenüber Nazi-Behörden selbst davon, an der Kaukasus-Front "russ. Activpropaganda" betrieben zu haben.
Rowohlts Abteilung dürfte sich auch der "geistigen Ausrichtung nach nationalsozialistischen Grundsätzen" der Truppe gewidmet haben, die neben arabischen und deutschen Verbänden sowie ehemaligen Fremdenlegionären das Nordkaukasische Infanterie-Bataillon 801 umfasste.
Dabei handelte es sich um eine der vielen muslimischen Freiwilligeneinheiten, die man für Deutschland und den Krieg gegen den Bolschewismus gewinnen konnte - nach dem Motto: "Allah über uns, Hitler mit uns". Gemeinsam mit der deutschen Wehrmacht gelte es, den Jahren "religiöser Vergewaltigung" ein Ende zu setzen.
Stolz hieß es in einem der Flugblätter: "Die Mohammedaner haben dem Führer des Deutschen Reiches in vielen Telegrammen ihren tiefen Dank dafür ausgesprochen, daß ... sie jetzt wieder in ihren Moscheen ihrem Gottesdienst nachgehen können."
Welchen Anteil Rowohlt an diesen Aktivitäten im Einzelnen hatte, ist nicht mehr genau nachzuvollziehen, da während des überstürzten Rückzugs im Januar 1943 befohlen worden war, "alle Akten und Vorschriften" zu vernichten. In seinem Brief an Fallada nannte er im Dezember 1942 "Wehrbetreuung und Briefcensur" als seine Aufgabe. Seine sonstige Betätigung unterlag der Geheimhaltung.
Es wundert freilich nicht, dass der Hauptmann der Propaganda nach dem Krieg die Rückkehr nach Deutschland und die Jahre bei der Wehrmacht lieber mit einem einzigen Satz abtat.
Tatsächlich verließ er im Sommer 1943, kurz nach einem sechswöchigen Lazarettaufenthalt, die Wehrmacht: "als Hauptmann d. R. vorläufig entlassen". 1946 schrieb er dann, er sei als "politisch unzuverlässig" ausgeschieden. Angeblich soll seine Fürsprache für einen kommunistischen Aktivisten in den zwanziger Jahren eine Rolle gespielt haben.
Seine Entlassung bedauerte er. Im Sommer 1944 schrieb er an einen Freund, er habe gehofft, "seine Sache" werde in Ordnung gebracht. Im November 1944 war Rowohlt immerhin als Volkssturm-Vorgesetzter wieder dabei.
Auch noch Jahre nach dem Krieg erinnerte Ernst Rowohlt sich gern seiner Militärzeit. So meldete er sich im April 1953 zu einem Veteranentreffen der ehemaligen Angehörigen des Sonderstabs F an, zu dem General a. D. Felmy, ihr früherer Vorgesetzter, eingeladen hatte. Der war 1948 beim Nürnberger Prozess gegen die "Südost-Generäle" wegen Verbrechen an der Zivilbevölkerung verurteilt worden, unter anderem für das Blutbad im griechischen Klissura. Dort hatte am 5. April 1944 das SS-Panzergrenadierregiment 7 mehr als 250 Menschen umgebracht, darunter mindestens 72 Kinder.
Der Zweck des Treffens 1953 waren die "Wiederaufnahme abgerissener Verbindungen" und eine Aussprache über "Gemeinsames Kriegserlebnis" sowie über "Zusammenbruch und Wiederaufbau der Existenz".
Da stand Ernst Rowohlt bestens da (und er steuerte auch etwas zum "Unterstützungsfonds" für unbemittelte Kameraden bei).
Sein Verlag florierte längst wieder. Er hatte 1950 die Idee der Rororo-Paperbacks in die Tat umgesetzt, "Der Fragebogen", die 1951 publizierte Autobiografie Ernst von Salomons, hatte sich zu einem Bestseller entwickelt. Und Anfang 1953 war gerade erfolgreich der Rowohlt-Taschenbuchverlag gegründet worden.
Das alles findet sich dann auch wieder in der Jubiläumschronik. Die sei eine Verlagsgeschichte, "keine Biografie Ernst Rowohlts", so der heutige Verlagsleiter Alexander Fest, 48, zum SPIEGEL. Manche Dokumente aus dem Bundesarchiv seien "natürlich bekannt" gewesen, zeigten nach seiner Meinung aber nur, "dass Rowohlts Verhalten zwischen 1933 und 1945 politisch oft undeutlich gewesen ist. Trotzdem hat er sich von den Nationalsozialisten nicht einfach vereinnahmen lassen".
Das Argument wäre überzeugender, wenn in dem voluminösen Buch auch heikle Details aus Ernst Rowohlts Leben klarer benannt würden - immerhin war er derjenige, der 1908 den Verlag gegründet hat: Mister Rowohlt eben.
VOLKER HAGE, DAVID OELS, KLAUS WIEGREFE
* Hermann Gieselbusch, Dirk Moldenhauer, Uwe Naumann, Michael Töteberg: "100 Jahre Rowohlt. Eine illustrierte Chronik". Rowohlt Verlag, Reinbek; 384 Seiten; 20 Euro.
* Text unter dem Bild: "Chaim Weitzmann, Roosevelt und Churchill verteilen die arabischen Länder an die Juden."
Von Volker Hage, David Oels und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 22/2008
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