Von Matussek, Matthias
Eigentlich müsste man doch Atem holen für diese große Epochen-Erzählung. Knapp 20 Jahre nach Mauerfall und Totalverschrottung hat die Linke wieder den Wind der Geschichte in den Segeln, auch hier im Kommunalwahlkampf an der Kieler Förde.
Doch offenbar treibt dieser Wind auch die Protagonisten vor sich her, deshalb, schnell, schnell, "wat woll'n Se wissen". Gregor Gysi hastet hinauf zum Frühstücksraum im Kieler Hotel "Astor". Er muss sich in Betriebstemperatur bringen.
Nanu, was ist das? Ein absoluter Bremser auf dem Weg nach oben, eine bemalte Wand, eine Bar, Verlorene und Geschlagene darin, Hoppers berühmtes Bild "Nighthawks". Ein Bild der Bruchlandungen, des melancholischen Stillstands, des Verstreichens der Zeit.
Gysi bleibt kurz stehen, fürs Foto. Irritiert, belustigt, als müsse er sich gegen das Bild wehren. Da will er nicht dazugehören. Er strebt weiter, fast trippelnd, er ist klein, ein Herr von 60 Jahren, doch immer noch erstaunlich behende.
Beige Hose, Hemdsärmel. Am Frühstückstisch besteht er nur noch aus Kopf. Braune Augen hinter runder Brille, komisch kindchenhaft.
"Also, wat woll'n Se wissen?"
Dieses Berlinern ist sein Jingle, so pfiffig und eigentümlich proletarisch. Im Grunde eine ausgefallene Sprach-Maske für einen Großbürger, denkt man sich, für Doris Lessings Neffen, den Sohn eines Diplomaten, für einen, der als Büchermensch gilt. Im Moment geht dieser Tonfall auf die Nerven.
Also eigentlich will man das wissen, was schon seit 20 Jahren alle wissen wollen, ohne jeden Erfolg, nicht weil Gysi so zurückgezogen ist, sondern so öffentlich. Gregor Gysi ist Paris Hilton ohne Hündchen. Der Einheitszwitter, wie er nur in diesem 20-jährigen deutsch-deutschen Zeitkorridor entstehen konnte, der auch der Korridor der Talkshows ist.
Also: Woran glaubt er, jenseits der Paragrafentänze und Kalauerkaskaden, wirklich? Geht jetzt nicht? Na gut. Dann also zur nur zweitbesten Frage: Wie war das mit der Stasi?
An diesem Morgen, an dem neue Unterlagen über eine vermutete Verstrickung kursieren, da wäre, wenn wir schon mal beim Wünschen sind - "watwollnsewissen?"- also rein journalistisch gesehen wäre jetzt ganz prima ein schluchzender Zusammenbruch, "jawoll, ick jestehe, ick war IM, ick habe meine Mandanten bespitzelt, Ihnen kann ick det ja sagen, janz unter uns".
"Denken Se doch mal logisch", sagt Gysi stattdessen. "Die Unterlage ist von 1979. Aber erst ein Jahr später, nämlich 1980, hat die Stasi überhaupt den ersten Vorlauf gestartet, ob ich als IM in Frage käme." Wer also behauptet, er, Gysi, habe bereits 1979 die Stasi informiert, muss davon ausgehen, dass der Vorlauf von 1980 eine Fälschung sei. "Wozu sollte die Stasi das tun?"
Tja, wozu? Keine Ahnung. Aber genau das ist Gysis Problem: Kein Mensch kapiert heute noch die Feinheiten des sozialistischen Spitzelstaats. Der Immunitätsausschuss des Bundestags sah seine IM-Tätigkeit "als erwiesen" an. Nun weitere Indizien: Vor wenigen Tagen gab die Birthler-Behörde Akten frei, die erneut nahelegen, dass Gysi ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter (IM) war. Es gibt einen Zeugen, der Gysi als IM identifiziert haben will: Der Maler Thomas Klingenstein sagt, er sei 1979 nach einem Treffen mit dem Regimekritiker Robert Havemann von Gysi im Auto mitgenommen worden. In einer Stasi-Notiz ist zu lesen: "Der IM nahm 'Erwin' mit in die Stadt." "Erwin" - so nannte die Stasi ihr Observationsopfer Klingenstein.
Sicher, Gysis Biografie ist eindeutig spannender und komplexer als die von Ronald Pofalla oder Hubertus Heil. Hineingeboren in eine epische Familiengeschichte, die sich durch Russland und Rhodesien und Inhaftierungen und Ehrungen zieht, aufgewachsen in einem Haus mit Dienstpersonal, absolute DDR-Aristokratie, Einser-Jurist, Anwalt im Osten, also Winkelzug-Experte unter verschärften Bedingungen, nach der Wende Erbverwalter der SED und der geschlagenen Sozialisten, mal für ein halbes Jahr Wirtschaftssenator mit eigener kleiner Bonusmeilen-Affäre, ansonsten eindeutiger Liebling der Talk-shows - dieser Gregor Gysi hat den Osten so gut überstanden wie den Westen.
Bis auf das Ding mit der Glaubwürdigkeit.
"So, wat woll'n Se noch?"
Jede Menge Fragen zur Renaissance der Linken, aber die werden kurz darauf identisch noch einmal auf dem Marktplatz beantwortet, diesmal durchs Mikrofon zwischen Karstadt Sport und Schuhgeschäften, im Freien. Soundbites, die beim Frühstück zu zweit albern plakativ klingen, wirken groß vor der Menge.
Hier ist er nicht mehr der Gysi aus dem Osten, sondern der aus dem Fernsehen. Hier ist er nicht mehr der Anwalt in eigener Sache, sondern der Anwalt der kleinen Leute, der es denen oben zeigt. Er muss nur Armutsberichte rauf- und runterzitieren.
"Seit die SPD regiert, hat sich die Zahl der Milliardäre verdoppelt", ruft er. "Wenn Se eine Milliarde in Zehn-Euro-Scheinen zählen, schaffen Sie das in einem Leben nicht." Nicken bei Rentnern, Hausfrauen, frustrierten SPD-Abwanderern, Hartz-IV-Empfängern, Rastalocken-Bikern mit selbstgedrehten Zigaretten und Demokratieverdrossenheits-Blick. Die Linke muss hier nicht mehr werben, sie muss nur noch einsammeln.
"Ick will den Milliardären die Arbeit beim Geld zählen erleichtern", ruft Gysi. Erstes Glucksen. "Ick will denen mit unserer Vermögensteuer helfen, damit se nich mehr so viel zum Zählen haben." Gelächter brandet auf, steigert sich zum Gejohle, Gysi ruft in den Applaus hinein: "Wir haben 2,5 Millionen Kinder unter der Armutsgrenze - so geht das nicht weiter."
Der Applaus schwillt wieder an. Nebenan, an einem Wahlstand der FDP, fährt zischend ein gelbes Röhren-Männchen in die Höhe. Gysi, bruchlos, ohne jeden Tempowechsel: "Da sehen Sie mal, so viel Luft ist in der FDP." Jetzt übernimmt wieder das Gejohle.
So macht er das. So was kann er wie kein anderer.
Rund 40 Minuten redet Gysi die Menschenmenge auf dem Marktplatz in Rage. Er richtet sich an die Denkzettel-Wähler. "Auch wenn Sie uns nicht mögen, wählen Sie uns, was meinen Sie, was Sie die anderen damit ärgern."
Die Linke wird zweistellig werden in Kiel, und in Bayern, wo im September gewählt wird, sind die Umfragen so gut, dass die CSU die Linke gern links überholen möchte.
Jetzt allerdings hat sie gute Chancen, zumindest Gysi wieder wegzuschießen, mit Verweisen auf die Altlasten, auf die Undurchsichtigkeit, und er weiß das. Die Einschläge kommen näher.
Im Fond seines silbergrauen Audi, der ihn zum nächsten Auftritt bringt, wieder keine Zeit für die großen Fragen. Stattdessen ein Interview mit dem "Neuen Deutschland", das überarbeitet werden muss. Es ist ein Gute-Laune-Interview, eines über die Triumphe der Linken. "Lafontaine ist durch und durch Westdeutscher, aber er interessiert sich sehr für den Osten." Pause. "Und das ist auch gut so." Frage an den Journalisten: "Kann man det so sagen?" Nicken, warum nicht, die Wowi-Formel.
Jetzt die Chance für eine wirklich komplizierte Frage: Wie hieß die letzte Oper, die ihm gefallen hat? "Na, ich komm nicht drauf, habe ich gerne gesehen, der Thalheim wird Sie anrufen." Thalheim ist sein Pressesprecher. Warum er das alles macht, statt öfter in der Oper zu sitzen? Weiß wahrscheinlich auch der Thalheim.
Am nächsten Tag reist Gysi nach Osnabrück, zum Katholikentag. "Ohne Religion gibt es keine Moral", sagt er, "alleine schafft das der Kapitalismus nicht." Was sucht er da? Stimmen, Stallwärme, Sinn? "Ulbrichts zehn sozialistische Gebote haben sehr an die zehn anderen erinnert."
Das Volk braucht so was. Er persönlich ist nicht religiös.
Dann sitzt er zwischen Katholiken, politpastoral, gerade hat die Sängerin der Bigband der Angelaschule "I Believe" gejubelt, und Gysi ist ganz der tolerante Linke, dialogbereit, und dann wird er vorgestellt mit den Worten: "Nun zu Gregor Gysi, bekannt geworden durch den Vorwurf, er habe als IM 'Notar' für die Stasi gearbeitet, sowie dadurch, dass er in Berlin den Religionsunterricht durch das Fach Ethik ersetzt hat, Frage an Sie, Herr Gysi, warum wollen Sie die Entchristianisierung ..."
Rums. Den Rest hört er wohl gar nicht mehr. Hunderte von Kilometern ist er gefahren, hinein in diesen dauerlächelnden Zirkus von Kerzendrehern, Nonnen, Weltverbesserern, vielleicht tatsächlich ein paar Stimmen darunter, es gibt ja auch linke Katholiken, und dann das!
Gysi verschränkt sich auf seinem Stuhl zur Kugel. Verteidigungsstellung. Dann argumentiert er. Beim konfessionsfreien Ethik-Unterricht gehe es doch zunächst um Wissensvermittlung. Doch die Kultusministerin Niedersachsens, Elisabeth Heister-Neumann, lässt nicht locker. Sie will den Glaubenskern, immer wieder diesen G-Punkt. "Wenn der, der da vor der Klasse steht, nicht an seine Sache glaubt, wird das die Kinder nicht interessieren."
Gilt das übrigens nicht auch für die politische Arena? Ist das vielleicht das Ermüdende an Gysi, dass man nie weiß, wofür er bis zum Umfallen kämpfen würde außer für den Triumph, endlich im Westen angekommen zu sein? Der Schlussapplaus ist durchaus warm und tröstend, schließlich ist man hier unter Christen, dennoch: Das muss verdaut werden, und zwar auf dem Weg zum nächsten Kirchentag, zum eigenen, zum Parteitag in Cottbus.
Gysis Heimspiel, denkt man sich, doch die Stimmung ist nicht danach. Auf den Pressetischen die Stapel der Antragshefte, die meisten davon im Westen formuliert. Und daneben, kleiner Stapel, Gysis Erklärung: "Zu keinem Zeitpunkt wissentlich und willentlich mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet."
Lafontaine walkt die linke Vorwärts-Seele. Er wirft das ganz große Netz aus. Er zitiert neben Liebknecht/Luxemburg auch Goethe, den Ausnahmedeutschen, Horkheimer, den Marxismuskritiker und Walter Benjamin, den marxistischen Metaphysiker, als ob er auch jene erreichen will, die sich noch erinnern, dass links einmal spannender gedacht wurde als rechts.
Der Saal tobt. Gysi applaudiert missmutig mit den Fingerspitzen. Lafontaine spricht nach vorn, Gysi ist mit Rückwärtsverteidigung beschäftigt.
Gysi hat die Schlussrede. In einem kleinen Raum über der Halle probiert er Wendungen aus: "Wir haben zusammengefunden, jetzt müssen wir uns noch vereinigen." Dann die Attacke auf den Gegner, der ihn mit der IM-Sache zu Fall bringen möchte. Er bringt sich in Laune mit einer gekonnten Kohl-Parodie. Irgendwann haben die beiden Frieden geschlossen, und jetzt ist er selber so was wie der späte Kohl: angeschlagen, leicht zermürbt, auch in den eigenen Reihen umstritten.
Als er später das Podium erklimmt, sagt einer: "Nun hat er ja, was er will, seinen großen Auftritt."
Gysis Rede ist tatsächlich gut. Er spöttelt über die Sektierer aus dem Westen, die Kompromissler aus dem Osten, die einen wollen die Reinheit der Lehre, die anderen die Reinheit der Macht, aber, so ruft Gysi, die "Schubladen des 20. Jahrhunderts brauchen wir nicht mehr".
Das Problem ist nur, dass seine eigene Schublade fürs 21. Jahrhundert noch ziemlich leer ist. Liegen vorerst nur ein paar Akten aus dem vergangenen Jahrhundert herum, Funde der Birthler-Behörde zu IM "Notar", Gegendarstellungen, viel Prozessuales.
Der Schlussapplaus klingt wie ein Erleichterungsapplaus, und alle singen "Wacht auf, Verdammte dieser Erde", die Internationale, das Kirchenlied der Linken. Dann zerfällt die Geschlossenheit, zerfällt der ganze Parteitag, und Gysi wirkt einen Moment so verloren wie der Mann in Hoppers "Nighthawks", der sich die Frage stellt, wozu das alles gut ist.
Ein paar Tage später zieht er hinter Lafontaines breiter Schulter in den Plenarsaal des Bundestags ein, zur Aktuellen Stunde in eigener Sache. Er verliest eine Erklärung. Er schließt mit den Worten: "So schaffen Sie letztlich weder mich, noch die Linke."
Ab sofort darf er sich darüber nicht mehr so sicher sein.
DER SPIEGEL 23/2008
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