02.06.2008

ZEITGESCHICHTEFreiwillige Zwangsarbeit?

Ein neues Buch gibt Aufschluss über Deutschlands größten Kriegsprofiteur, Friedrich Flick. Finanziert hat es sein Enkel, dem vorgeworfen wurde, an seiner Kunstsammlung klebe Blut.
Slawomir Marciniak war 18 Jahre alt, als ihn bewaffnete deutsche Soldaten in Bromberg verhafteten. Er wurde mit anderen in bereitstehende Viehwaggons getrieben und zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert, wie 1,7 Millionen seiner Landsleute.
Von dem Gut in Pommern konnte er Ende 1939 fliehen und nach Warschau zurückkehren. Ende August 1944, nach dem Warschauer Aufstand, erwischten ihn die Deutschen erneut. Er kam in das Stahl- und Walzwerk Brandenburg, das zum Friedrich-Flick-Konzern gehörte.
"Vielleicht", sagt der 86-jährige Slawomir Marciniak, "bin ich kein gutes Beispiel für ein Opfer." Unter den mehreren tausend Zwangsarbeitern im Werk habe es viele gegeben, denen es noch schlechter ging als ihm. Die noch weniger von der oft verdorbenen Rübensuppe bekamen, vor Schwäche starben.
Doch auch Marciniak sieht nicht gut aus auf seinem Flick-Werksausweis: In den ungeheizten Baracken war es so kalt, dass er mit anderen Arbeitern Asphalt aus dem Straßenboden riss, um ihn nachts heimlich zu verfeuern. Im Walzwerk, wo Panzerbleche produziert wurden, war es dagegen brütend heiß - und laut. Marciniak ertaubte damals auf einem Ohr. Er sah Arbeiter zugrunde gehen, sah, wie sie sich in den offenen Ofen stürzten. "Die verpufften darin, wurden zu Dampf."
Etwa 20, meist italienische Arbeiter sprangen vor seinen Augen von einem Kran in die drei Meter tiefe Pfanne mit Flüssig-Stahl. "Die Deutschen haben sich dann immer sehr aufgeregt, weil der Stahl dadurch verdorben war."
Flicks Verteidiger bei den Nürnberger Prozessen suggerierten nach dem Krieg, die Geschäftsleitung habe geglaubt, es handle sich bei den Zwangsarbeitern um Freiwillige aus den besetzten Gebieten. Offenbar merkte Flick, dass dies etwas zu dick aufgetragen war, und gestand: "Als die Zahl größer und größer wurde, kam ich zu dem Eindruck und der moralischen Überzeugung, dass nicht alle - dass es undenkbar war, dass sie alle freiwillig gekommen waren." Rund 60 000 Menschen mussten unter erbärmlichen Umständen für Flick arbeiten, etliche starben.
"Flick wusste sehr gut, wie viele Zwangsarbeiter bei ihm beschäftigt waren und unter welch mörderischen Bedingungen sie arbeiteten", sagt der Historiker Kim Priemel. Er ist Co-Autor eines neuen und des zugleich bisher umfangreichsten Werks
über den Flick-Konzern im Dritten Reich*. Es ist die Unternehmensgeschichte eines Mannes, den der Krieg zum reichsten Deutschen gemacht hatte. Gegen Kriegsende kontrollierte Flick ein Imperium mit 132 Gesellschaften. Flick, den ein US-Militärgericht 1947 zu sieben Jahren Freiheitsstrafe verurteilte, gab bereits aus dem Gefängnis wieder Anweisungen. Schon im August 1950 durfte er das Gefängnis wieder verlassen - und war zurück im Geschäft. Bis zu seinem Tod weigerte er sich, Zwangsarbeitern wie Slawomir Marciniak auch nur eine Mark Entschädigung zu zahlen.
Lange hielten sich auch seine drei Enkel bedeckt. 2001 gründete Friedrich Christian Flick eine Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit. Das Thema Verantwortung konnte er damit nicht abschütteln. Als der Kunstsammler 2004 seine Flick-Collection in Berlin zeigte, erreichte es ihn wieder: An der auf 125 Millionen Euro geschätzten Sammlung klebe das Blut von Zwangsarbeitern, wurde ihm vorgeworfen.
Flick entzog sich der Diskussion nicht. Sein Großvater habe Schuld auf sich geladen und aus seinem Restvermögen nach dem Krieg einen Konzern aufgebaut, von dessen Verkauf er profitiert habe, ja. Dass auch seine Kunst dadurch kontaminiert sei, wollte Flick nicht gelten lassen. Erst Monate später beteiligte sich Flick, wie seine Geschwister schon zuvor, mit einem Millionenbetrag am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die seine Ausstellung zeigte, regte damals wegen des zunehmenden Protests eine Untersuchung über den Konzern im Dritten Reich an. Nach gut zwei Jahren Arbeit liegt das Werk des Münchner Instituts für Zeitgeschichte nun vor. Finanziert hat das rund 400 000 Euro teure Projekt der Enkel, der sich ansonsten völlig heraushielt. Nicht einmal im Vorwort ist er erwähnt.
Das Buch seziert das Unternehmen eines Mannes, der nach außen der "Eisenmann" war; der "Genie der Geräuschlosigkeit" genannt wurde und der - egal wie schlecht es lief - immer wieder nach oben kam. Es beschreibt einen Unternehmer, dessen Berufsethos ins Manische driftete - er hatte die Kostenquote aller Hochöfen im Kopf, aber, so sein anderer Enkel Gert-Rudolf Flick, "kein Privatleben".
Der Unternehmer war nicht nur wirtschaftlich äußerst erfolgreich, auch in Sachen Imagepflege leistete er Erstaunliches: Er behielt nach 1945 die Deutungsmacht über seine Rolle im Dritten Reich. Flick, damals 64 Jahre alt, war Fall 5 in den Nürnberger Folgeprozessen. Es gelang ihm, diesen Tiefpunkt seines Lebens zu drehen und daraus den Mythos Flick zu konstruieren. Zu Arisierungen und Zwangsarbeitereinsatz sei er durch die Nazis gezwungen worden - der Notstand eines Haupttäters.
Flick, NSDAP-Mitglied und Wehrwirtschaftsführer, protestierte in seinem Schlusswort dagegen, "als Sklavenhalter" verleumdet zu werden. Das Groteske war, dass die Amerikaner ihm diesen Notstand in den meisten Fällen auch noch zubilligten - und so der Legende des sauberen Wirtschaftsführers Vorschub leisteten. Sein Sohn Otto-Ernst machte aus seinem Vater gar einen "Regimegegner".
Nürnberg, so die Autoren, war der Beginn einer "großen Erzählung", die die sagenhafte Konzernidentität als lange Kette von Erfolgen in die Bundesrepublik hinübertrug. Doch das war ein Mythos, und dieses Buch zerstört ihn.
Tatsächlich war die Konzernführung des Eisenmannes so biegsam wie keine andere im Dritten Reich. Flick war Generaldirektor, Aufsichtsratschef und Großaktionär in einer Person. Ein Stahlbaron mit Traditionsbindung war er nicht. Der Bauernsohn, der vor dem Ersten Weltkrieg als Direktor einer kleinen sauerländischen Stahlkocherei noch Eisen auf der Straße verhökert hatte, kam als Außenseiter. Er kaufte hier einen Hochofen und da eine kleine Hütte. Er stieß auch wieder ab, sehr emotional ging es bei Flick nicht zu.
Ein Markenzeichen wurde seine Anlehnung an den Staat. Wenn es wirtschaftlich nutzte, konnte Flick sehr anschmiegsam werden. Sein Engagement im polnischen Teil Oberschlesiens in den zwanziger Jahren verkaufte er geschickt als Interesse des Reiches. Der Dank der Regierung sorgte bereits damals für Aufregung: 1932 kaufte nämlich die Reichsregierung Flicks Aktienpaket an der Gelsenkirchener Bergwerks AG für 99 Millionen Reichsmark, obwohl es nur 25 Millionen Wert war. Flicks Konzern wurde dadurch am Leben gehalten, er bedankte sich auf seine Art: mit Parteispenden. Wie später in der Bundesrepublik sein Sohn, streute er sie anfangs noch relativ breit. Anders als Thyssen und Stinnes, die schon früh auf die extreme Rechte setzten, bedachte Flick sogar die Sozialdemokraten - 1932 aber auch schon die Nationalsozialisten. Nach einem Besuch bei Hermann Göring war Flick im Februar 1933 klar, auf wen er setzen musste: Er zahlte 240 000 Reichsmark als "Adolf-Hitler-Spende".
Von der Aufrüstung Hitlers profitierte kein Konzern so wie die Flick-Gruppe. Bald bekamen Flicks Betriebe üppige Heeresaufträge. Mit einer Stahlproduktion von 2,3 Millionen Tonnen ließ Flick 1942 den Krupp-Konzern hinter sich.
Während Flick 1935 bei der "Arisierung" der thüringischen Waffenfabrik Simson noch Bedenken hatte, waren diese Vorbehalte 1937 längst verflogen. In engem Zusammenspiel mit den Behörden betrieb Flick die Quasi-Enteignung des riesigen Braunkohlekomplexes der tschechischen Industriellenfamilie Petschek.
Die Transaktion zeigt beispielhaft, wie geschickt Flick dabei seine Abteilung für strategische Kommunikation nutzte. Über Kontakte zu Hitlers Wirtschaftsberater Wilhelm Keppler wusste Flick-Lobbyist und SS-Mitglied Otto Steinbrinck früh von einer geplanten "Aktion" gegen Petschek. Gegenüber Keppler erhob Steinbrinck die weitere Braunkohleversorgung für Flick schwülstig zur "Lebensfrage". Das zog. Friedrich Flick erhielt von Göring alleinige Verhandlungsmacht. Er wurde "Ariseur" im Staatsauftrag. Die deutschen Braunkohleunternehmen von Julius Petschek bekam er zum Schnäppchenpreis von gut sechs Millionen Dollar.
Beim Ignaz-Petschek-Konzern wurde es schwieriger. Flick erhöhte den Druck und ließ seinen Rechtsanwalt ein Arisierungsgesetz entwerfen. Nur wenig später erließen die Nazis eine ganz ähnliche Verordnung. Um bei Petschek andere Interessenten auszubooten, schmiedete Flick eine Allianz mit den staatlichen Hermann-Göring-Werken - ein Kompromiss, bei dem Flick allerdings Steinkohlegruben gegen Braunkohle hergeben musste. Diesen Deal ließ er sich von Göring als "staatspolitische Notwendigkeit" bescheinigen.
1950 zog Flick dieses Papier aus der Tasche. Er sei damals unter Druck gesetzt worden. Er klagte gegen den staatlichen Nachfolgebetrieb der Göring-Werke und bekam einen Teil seines westdeutschen Grubenbesitzes zurück, den er für rund 45 Millionen Mark verkaufte.
Friedrich Flick, sagt ein Schüler aus Kreuztal, sei doch nur ein "Mitläufer" gewesen. Er geht auf das "Friedrich-Flick-Gymnasium" in Flicks Geburtsstadt im Siegerland. NILS KLAWITTER
* Johannes Bähr u. a.: "Der Flick-Konzern im Dritten Reich". Oldenbourg Verlag, München; 1018 Seiten; 64,80 Euro.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 23/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ZEITGESCHICHTE:
Freiwillige Zwangsarbeit?

  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments
  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen
  • Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt Sojus-Flug