02.06.2008

PRESSEIm Nacken der Neuen

Nach nur zwei Monaten gab Lisa Ortgies als „Emma“-Chefredakteurin auf. Zu stark mischte sich die Gründerin Alice Schwarzer ins Tagesgeschäft ein. Damit ist die Chance vertan, der nahezu bedeutungslos gewordenen Frauenzeitschrift frische Ideen zuzuführen.
Vom Kopf her, und der funktioniert bekanntlich prächtig bei ihr, hat Alice Schwarzer alles richtig gemacht. Die 65-jährige Gründerin der Frauenzeitschrift "Emma" wusste, dass sie die Chefredaktion in jüngere Hände abgeben musste. Sie sah, dass der leichtere Feminismus von heute andere Themen hat. Und sie ahnte wohl auch, dass ihr seit 31 Jahren siechendes Blatt nur mit frischen Ideen überleben kann.
Alice Schwarzer wusste also, was richtig ist. Und weil die "Ikone des Feminismus in Deutschland" (Harald Schmidt) das Mediengeschäft perfekt beherrscht, verkündete sie Ende 2007 den Abschied von ihrem Lebensprojekt im Mitfühlfernsehen. Sie werde sich fortan mit der Rolle der Herausgeberin bescheiden. Eine "taffe Frau mit zwei kleinen Kindern" übernehme 2008 ihre Nachfolge, sagte sie in der Talkshow "Kerner". Stunden später war der Name raus: Lisa Ortgies, die damals 41-jährige Moderatorin des WDR-Magazins "frauTV", sollte die Flamme des Feminismus tragen.
In der Branche löste die Personalie Respekt aus. Dass sich überhaupt jemand traute, unter der als dominant bekannten Schwarzer einen Neuanfang zu wagen, war eine Überraschung. "Die duldet keine neben sich", so die einhellige Prophezeiung.
Keine zwei Monate später ist klar: Das Projekt ist gescheitert. Am vergangenen Donnerstag legte Ortgies nach nur zwei Monaten die Chefredaktion nieder. Weiter macht: Alice Schwarzer.
Doch die verpatzte Stabübergabe ist mehr als nur eine Personalie. Das auflagendürre, aber mythisch verklärte Sprachrohr des Feminismus droht unter seiner starrsinnigen Chefin den Anschluss an die modernen Frauen zu verlieren. Und damit macht sich auch die lange unantastbare Vorkämpferin angreifbar.
Noch bei der Inthronisierung Ortgies' sah man die Zukunft bei "Emma" rosig. Das Anheuern der zweifachen Mutter feierte Schwarzer als ein Signal für die "Emma"-Forderung: Kinder und Karriere. "Sie ist eine sehr lebendige, tolle, temperamentvolle Person, die sich auch mit dem 'Emma'-Team sehr gut versteht", schwärmte Schwarzer. Nun könne sie selbst in aller Ruhe in Frankreich Bücher schreiben und mit ihrer Katze unter dem Baum sitzen.
Wenn sie das nur mal getan hätte. Doch sosehr der Kopf auch wollte: Schwarzer schaffte es nicht, ihr Baby abzugeben. Vielleicht geht das auch gar nicht: Nach 31 Jahren sind "Emma" und Alice wie siamesische Zwilinge - untrennbar verbunden.
Schwarzer ist nicht nach Frankreich gefahren. Sie blieb in der Redaktion im Kölner FrauenMediaTurm. Immer dicht im Nacken der Neuen.
"Es gibt nur zwei Möglichkeiten, sich gegenüber Alice Schwarzer zu verhalten: totale Unterwerfung oder große Distanz", sagt Schwarzer-Biografin und "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika. Unterwerfung ist Ortgies' Sache nicht, also suchte sie das Weite. "Ich habe keinen konzeptionellen Vorschlag und keines der Themen, für die ich angetreten bin, verwirklichen können", erklärte sie. Mehr wolle sie nicht sagen.
Doch im Umfeld des Kölner Frauenturms ist es kein Geheimnis, dass praktisch jede inhaltliche Änderung abgebügelt wurde und fast jede Idee zur Einführung neuer, weniger lilafarbener Rubriken in Telefonaten endete, in denen die Herausgeberin mitteilte, sie wünsche dies nicht. "Emma" sollte bleiben, wie sie immer war.
Die Frau, die geholt worden war, um neue Leser aller Altersstufen abseits des Hardcore-Feminismus zu gewinnen, war chancenlos gegen die auf Schwarzer eingeschworene Redaktion, die angeblich ihre Abberufung forderte. Am Ende bot die Grand Dame des Feminismus der Ungeliebten an, sie könne ja als "Emma"-Redakteurin unter ihr arbeiten.
Ortgies lehnte ab. Der Nachrichtenagentur dpa bestätigte sie ihren Abgang. Das empfand Schwarzer offenbar als Akt der Illoyalität und schickte eine zürnende Pressemeldung hinterher: Nach der "Phase der Einarbeitung" sei man "zu unserem Bedauern" zu dem Schluss gekommen, dass sich die Kollegin "nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin" eigne. "Im Interesse von Lisa Ortgies wird es hierzu keine weitere Stellungnahme von 'Emma' geben."
Am Freitag aber legte "Emma" noch in einer E-Mail an den SPIEGEL nach. Schon die Einarbeitungszeit mit Ortgies sei schiefgelaufen: "Die im Herbst 2007 vereinbarte Probezeit über zwei, drei Wochen war immer wieder an privaten Hindernissen ihrerseits gescheitert (Kinder in Hamburg, kranker Vater etc.). Als sie erstmals am 1. April antrat, war das Mai/Juni-Heft quasi abgeschlossen." Auch sei mit Frau Ortgies vereinbart worden, dass sie zwischen den Redaktionsschlüssen in Hamburg arbeiten konnte, "weil dort auch ihre Familie lebt". Kein Wunder also, dass Frau Schwarzer bei so viel Abwesenheit das Blatt weiter leitete. "Wer sonst?", heißt es in der E-Mail schnippisch.
Offenbar fällt es ausgerechnet bei einem feministischen Kampfblatt schwer, ein Umfeld zu schaffen, das Kolleginnen Kind und Karriere ermöglicht. Dabei wäre die Arbeit mit guter Planung durchaus stemmbar: Das Heft erscheint nur sechsmal im Jahr. Nun übernimmt die Alleinbesitzerin wieder selbst. "Alice Schwarzer ist so gern Chef, dass ich mich gewundert habe, warum sie die Leitung überhaupt abgibt", sagt "Bunte"-Chefin Patricia Riekel. Sie werfe einen "übergroßen Schatten".
Tatsächlich ist der Schatten mächtiger als das Blatt. Ohne den Star Alice Schwarzer wäre "Emma" mit seinen 46 000 Exemplaren weit unter der Wahrnehmungsschwelle. Doch auch der große Name verliert an Strahlkraft. Zwar wissen die Frauen Schwarzers Einsatz für ihre Belange durchaus zu würdigen - nur für nötig halten sie ihn heute kaum noch, fand eine Allensbach-Studie 2006 heraus. 56 Prozent derjenigen, die "Emma" lesen oder einmal gelesen haben, finden, dass das Blatt heute nicht mehr so wichtig ist wie bei seiner Gründung. Vor zehn Jahren waren das nur 42 Prozent.
Ob der Generationswechsel doch noch gelingen kann? "Bunte"-Chefin Riekel ist skeptisch: "Emma steht für eine Form von Feminismus, die man eigentlich nicht modernisieren kann. Wenn es eine Chance gäbe, dann nur, wenn sich der Geist der Gründerin verflüchtigt. Aber dann verliert 'Emma' auch ihren Charme."
Dass sich der Geist verflüchtigt, wünschen sich jedoch immer mehr Frauen. "Sie ist tyrannisch", sagt Bascha Mika, ihr Umgang mit Ortgies sei "frauenverachtend, bösartig und gemein". Aus ihrer Sicht wäre die Emanzipationsbewegung längst weiter, wenn Schwarzer "nicht jede Idee tottreten würde". Die Matriarchin gibt sich unbeeindruckt. "Ich bin, mit Verlaub, auch nicht abzusetzen", rief Schwarzer jenen respektlosen Alphamädchen der neuen Generation, die sie gern "Wellness-Feministinnen" schimpft, bei einer Preisverleihung zu.
Inzwischen verliert sie auch den Rückhalt unter etablierten Frauenrechtlerinnen. "Alice nimmt die 'Goldene Feder' vom Bauer-Verlag an, der viel Geld mit Porno verdient, sie macht Werbung für 'Bild', eines der sexistischsten Blätter der Republik. Damit ist sie absolut unglaubwürdig", sagt Ingrid Kolb, Journalistin wie Schwarzer. Solange diese das Zepter in der Hand halte, werde sich die "Emma" nie ändern. Ihr Rat: "Am besten wäre es, sie würde wie der Held im Western am Horizont verschwinden, bei langsam schwächer werdender Beleuchtung." MARKUS BRAUCK,
RAFAELA VON BREDOW, ISABELL HÜLSEN, MICHAELA SCHIESSL
Von Markus Brauck, Rafaela von Bredow, Isabell Hülsen und Michaela Schiessl

DER SPIEGEL 23/2008
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