02.06.2008

AuslandShowdown in Aberdeen

Global Village: Ein Schotte stellt sich dem Baulöwen Donald Trump in den Weg.
Die Eisenschranke ist verschlossen mit einer rostigen Kette, eigentlich ist hier Schluss. Michael Forbes bückt sich, steigt unter der Absperrung durch und schnaubt: "Ich lasse mich nicht einsperren, schon gar nicht von einem amerikanischen Milliardär, der eine Frisur hat, als trüge er ein totes Eichhörnchen auf dem Kopf." Michael Forbes spricht von Donald Trump.
Ein kalter Wind faucht über die Dünen. Forbes hat die Ärmel seines dünnen Pullovers hochgekrempelt. Für ihn sind das angenehme sechs Grad, Wohlfühlwetter. Er deutet auf den zehn Kilometer langen Strand. Als Kind, erzählt er, habe er mal wegen einer Wette im Winter im Meer gebadet. Es war eisig. Im Sommer habe er es noch mal versucht. "War fast genauso kalt", sagt Forbes, "vielleicht ein, zwei Grad wärmer."
Bis vor einem Jahr war Forbes ziemlich allein mit der Nordsee und einem geschützten Stück Natur an der Küste nördlich der schottischen Ölhändlerstadt Aberdeen. Dann kam der vielleicht bekannteste Bauunternehmer der Welt, kaufte viel Land und verkündete, er baue jetzt den "besten Golfplatz der Welt".
Die Sache lief wie geschmiert für Trump. Bis Michael Forbes ihm ausrichten ließ, dass er nicht daran denke zu verkaufen. Das Grundstück von Forbes ist nur knapp zehn Hektar groß, aber es reichte, um den Teilzeitfischer und Bauarbeiter in einen Volkshelden zu verwandeln. Die Lokalverwaltung stoppte Trumps Projekt, im Juni will nun ein - von der schottischen Regierung eingesetztes - Spezialkomitee befinden.
Darf der global agierende Financier, von dem die "Washington Post" behauptet, dass seine Projekte "reicher oder höher oder mit größeren Brüsten" ausgestattet seien als die der Konkurrenz, ein einsames, zum Teil geschütztes Stück schottische Küste betonieren mit einem Clubhaus, einem Fünfsternehotel, 1000 Ferienhäusern und 500 Cottages? Oder bekommt die Bürgerinitiative "Nachhaltiges Aberdeenshire" um Michael Forbes recht, die nichts gegen einen Golfplatz hätte, wohl aber gegen eine Ferienanlage, die in ihren Dimensionen an die spanischen Bausünden der siebziger Jahre erinnert?
Trump, der Goliath in dieser Auseinandersetzung, stilisiert Golf zu einem Modell für die Zukunft der Schotten, weil das Land spätestens in 40 Jahren, wenn die Ölvorräte erschöpft seien, neue Einnahmequellen brauche. Forbes ist für Globalisierungsgegner weltweit inzwischen ein neuer "Braveheart", ein Nachkomme jenes legendären schottischen Rebellen, der sein Land gegen anmaßende Eindringlinge verteidigte.
Forbes sitzt in einem Wohnwagen. Auf dem Schild neben der Tür steht "Paradies". Vor ein paar Jahren hat er seiner 84 Jahre alten Mutter Molly diese Unterkunft als Alterssitz auf den Hof gestellt. Molly hat Fischauflauf im Ofen. Der Sohn breitet Briefe aus.
Eine Adresse lautet "An Mike Forbes hinter den Dünen", eine andere "Mike Forbes auf der Farm, die Donald Trump kaufen will / Schottland". Die Botschaften ähneln stets jener, die ein Mann aus Austin, Texas, formuliert. "Lass dich nicht vom diesem Bastard Donald Trump unterkriegen, der Personifizierung des Unheils, das geschieht, wenn Geld über Geschmack triumphiert." Forbes blickt hinaus Richtung Meer. Früher war er allein mit seiner Mutter und ein paar Hühnern. Jetzt sprechen ihm Menschen aus Neuseeland Mut zu.
Er habe nichts gegen Trump gehabt, zuerst, erzählt Forbes, bis ihn der Milliardär besucht habe. Forbes war damit beschäftigt, seine Netze zu flicken, als Trump um die Ecke bog und laut lachte. Trump bot ihm eine Handvoll Pfund pro Hektar. Mehr sei das Land nicht wert. Forbes lehnte ab, Trump ließ durch Mittelleute erhöhen. 300 000 Pfund, 375 000 Pfund (535 000 Euro), dazu ein Job, auf Lebenszeit, in der Golfanlage und ein Ersatzhaus weiter südlich in einem Ort namens Blackdog.
Als das Pokern nichts brachte, wurde Trump wütend. Er beschimpfte Forbes. "Sein Anwesen ist ekelhaft. Rostige Traktoren, rostige Ölfässer." Der normale Angeberton des New Yorkers, Forbes aber hatte nun endgültig genug. "Nehmen Sie Ihre Beleidigungen, stecken Sie sie irgendwo hin, und belästigen Sie mich nicht weiter", schrieb er dem Milliardär. Dann lieber die rostige Kette an der Schranke, mit der Trump Forbes den Weg zum Meer versperren will.
Molly holt einen Kilt aus dem Schrank. Er ist blaugrün-schwarz gemustert auf weißem Grund. Forbes' Gesicht wirkt jetzt ruhig und warm wie eine Tasse Tee. "Das Muster unseres Clans", sagt er.
"Was zeichnet die Forbes aus?" "Wir sind stolz und sturer als stur", sagt Forbes. "Alle Forbes waren so, meine Mutter, eine geborene Lamb, ist noch schlimmer."
Es gebe bereits ungefähr 50 Golfplätze in der Grafschaft Aberdeen. Fast keiner verdiene Geld. Der Golfplatz sei eine Ausrede. "Trump will die Gegend betonieren, Geld machen und dann wieder abhauen", sagt Forbes.
Er geht hinaus, schlüpft durch die Schranke, schreitet zu seinem Boot. Es leuchtet hellblau in den Dünen.
"Mein Großvater war Fischer, mein Vater ebenfalls", sagt Forbes.
Er erzählt vom letzten Sommer und was er gefangen hat: einen Lachs und eine Forelle. Sein Vater habe noch an manchen Tagen 500 Lachse in den Netzen gehabt. Fischen hier sei oft so mühsam wie ein Kampf mit Donald Trump. "Aber hey, versuchen muss man es."
THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 23/2008
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