02.06.2008

UNTERHALTUNGLizenz zum Schreiben

James-Bond-Erfinder Ian Fleming ist von den Toten auferstanden: Der Brite Sebastian Faulks hat eine Fortsetzung der Spionagestory verfasst.
Die herrschaftlichen Clubs in St. James haben schon bessere Tage gesehen, was sie aber selten davon abhält, die Werte einer versunkenen Ordnung mit der Spitzfingerigkeit weißer Handschuhe zu verteidigen.
Als der Sänger Bryan Ferry, immerhin inzwischen auch Vater von vier fuchsjagenden Söhnen, neulich Mitglied werden wollte in einer dieser staubigen Zentralen des Londoner Snobismus, wurde ihm der Wunsch verwehrt. Begründung: Ein Wesen, das mit Frauen ausgehe, die halb so alt seien wie er selbst, habe hier nichts verloren.
Besser erging es einer anderen Ikone des britischen Pop - wahrscheinlich, weil sie über den Vorteil verfügt, seit 44 Jahren tot zu sein, und vorige Woche ihren 100. Geburtstag feierte. Ian Flemings Jubiläum wurde ausgerichtet im "Fifty", und weil der Erfinder von James Bond und Spross einer reichen schottischen Bankerdynastie stets ziemlich geschäftstüchtig war, gab es auch etwas zu verkaufen. "Der Tod ist nur
der Anfang" heißt das Buch, auf dem Um-
schlag wird prominent verkündet, welcher Geist dahintersteckt: "Sebastian Faulks schreibt als Ian Fleming."
Faulks, Vollbart, braune Locken, wirkte ein wenig verloren zwischen Wodka-Martinis und hohen Gewinnerwartungen. Auch die eigens herbeigekarrten Casinotische schienen ihn zu nerven. Auf die Frage, was denn gespielt werde, grummelte Faulks nur: "Keine Ahnung." Eine PR-Dame sprang ein. "17 und 4", antwortete sie eifrig. Bis 21 zählen könne schließlich jeder.
Der Mann, der die Lizenz zum Schreiben erhielt, ist ein Autor mit Millionenauflage. Seine Bücher, oft angesiedelt im kriegerischen Europa des vorigen Jahrhunderts, sind umfangreiche, gründlich recherchierte Wälzer. Für sein Werk "Human Traces" konnte es sich Faulks leisten, fünf Jahre über die Anfänge der Psychiatrie zu forschen. Als die Erben von Fleming an ihn herantraten, sei er zuerst ein wenig irritiert gewesen, sagt er. "Das ist so, als würde man einen Menschen, der komplexe, symphonische Musik komponiert, bitten, einen Pop-Song abzuliefern."
Zuletzt, sagt Faulks, hätte er James Bond als 13-Jähriger gelesen, schließlich aber lockte ihn der Sportsgeist, mit dem Fleming selbst sein Schaffen gern zurechtstutzte. Seinen ersten Bond "Casino Royale" hatte Fleming an den Verleger gesandt mit einem Begleitschreiben, in dem er sein Manuskript als "furchtbar banal, eine miserable Arbeit" verhöhnte.
Eine Haltung, an der Fleming nicht rüttelte, schon gar nicht nach einer Serie erfolgreicher Romane. "Jemand, der auch nur einen Krümel Intelligenz besitzt, kann einen Charakter wie Bond nicht ernst nehmen", beharrte Fleming, ein Liebhaber schöner Dinge, zu denen offenbar auch angelsächsisches Understatement zählte.
Flemings nüchternem Stil näherte sich Faulks, indem er dessen Arbeitsweise kopierte. "In seinem Haus in Jamaika", erzählt Faulks, der mit seiner Frau und drei Töchtern in London lebt, "schrieb Fleming tausend Wörter am Morgen, ging dann schnorcheln, trank einen Cocktail, genoss Lunch auf der Terrasse. Danach wieder tauchen, noch mal tausend Wörter, schließlich Martinis und schöne Frauen. In meinem Haus in London hielt ich mich an diesen Ablauf, außer den Cocktails, dem Lunch und dem Schnorcheln." Selbst in Sachen Tempo gelang es Faulks, sich an jenen Mann zu halten, der mehr ein Vorrenner denn ein Vorgänger war. Nach sechs Wochen war er fertig.
Faulks' Geheimagent ist "Classic Bond". Der Nachahmer hatte nacheinander alle 14 Bond-Bücher wieder gelesen, dann schrieb er das 15., das gemäß Bond-Zeit nach dem Erscheinen des Bands "The Man with the Golden Gun" spielen müsste, also im Jahr 1967.
In diesem Sommer der Liebe bedroht ein wahnsinniger Wissenschaftler, natürlich wie fast immer mit deutschen Wurzeln, die freie Welt mit Drogen. Weil ihn deren Zerstörungskraft nicht zufriedenstellt, fügt er ein paar Atomwaffen hinzu. Bond muss die Menschheit schützen, an seiner Seite eine verführerische Frau. Scarlett versüßt nicht bloß Bonds Leben, sie kann es auch retten.
Außer Action im Überfluss ist es das Rätsel dieser Romanze, die das Buch vorantreibt und ihm ein wenig Modernität schenkt. Die allerdings geht oft gleich wieder flöten, wenn Faulks neben zeitlosen Symbolen guten Stils wie marineblauen Kammgarnanzügen und Rotweinen, die sich kein normaler Mensch leisten kann, Statuszigaretten und Schwimmbecken voll nackter Mädchen als Inbegriff coolen Fortschritts preist. Das stumpfe, von Herzinfarkt bedrohte Machotum des bekanntesten Agenten der Welt, könnte an diesen Stellen schon fast wieder komisch sein. Dummerweise ist das Buch weitgehend humorfrei und manchmal so sexy wie ein VW-Manager, der in Brasilien die Nutten tanzen lässt.
Vielleicht liegt es auch daran, dass Faulks keine große Lust hat, einen weiteren Bond zu verfassen. Zwar behaupten die Erben des Agenten-Imperiums, nach insgesamt 32 mäßig erfolgreichen Lizenzaufträgen ganz begeistert zu sein vom gegenwärtigen Modell. Ein Hype, der von den Produzenten der Filme geteilt wird. Sie schwärmen, Faulks' Arbeit lese sich wie ein vergessener Fleming, den jemand auf dem Dachboden gefunden habe. Aber Faulks wirkt wie ein Mann auf der Flucht vor M - dem legendären Vorgesetzten Bonds. "Einen zu schreiben", sagt er, "ist ein Spaß. Zwei sind blöd. Drei sind Schwachsinn." THOMAS HÜETLIN
* Mit den Darstellern Sean Connery, Shirley Eaton, 1964.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 23/2008
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