09.06.2008

UNGARNAufstand der Enttäuschten

Gewaltbereite Rechtsextremisten formieren sich zu einer paramilitärischen Garde und hetzen gegen Juden und Zigeuner. Auf Widerstand treffen sie kaum: Opposition und Kirche schweigen.
Der Weg führt vorbei an deutschen Supermarktfilialen und österreichischen Baumärkten, dazwischen breiten Wiesen ihre Teppiche aus. Alles am Rande von Szeged, der südungarischen Provinzhauptstadt, wirkt pittoresk und friedlich. Hier liegt auch der Campingplatz "Napsugár", zu Deutsch "Sonnenstrahl".
Wer die Schranke passiert, findet jedoch keine Idylle. Junge Männer in Springerstiefeln und olivgrünen Hemden laufen geschäftig hin und her, dazu tätowierte Jungs mit Lederkluft und Kahlschädel. Einige tragen T-Shirts mit einer 88 darauf, die Acht steht für den achten Buchstaben im Alphabet: "HH" - "Heil Hitler".
Banner wehen auf dem Platz. Es sind die sogenannten Arpád-Fahnen, welche die Pfeilkreuzler einst verwendeten. Deren Partei hatte mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht; sie kam im Oktober 1944 an die Macht, unter ihrem Regime wurden noch knapp 80 000 Juden in die Vernichtungslager deportiert und umgebracht. Im Camp Sonnenstrahl lebt der Geist der Pfeilkreuzler wieder auf.
Ein Pärchen schlendert Hand in Hand vorbei, schwarze Stiefel, schwarze Militärhosen. "Die Ungarn werden verfolgt", sagt der 52-jährige József Kelemen: "Vor tausend Jahren haben selbst die Germanen uns gedient. Heute sind wir Opfer der Globalisierung und jener Leute, die den Palästinensern ihr Land gestohlen haben."
Kelemen, der glatzköpfige Heizungsinstallateur, und die 18-jährige Studentin Emese sind seit einigen Wochen Mitglieder der "Magyar Gárda", der Ungarischen Garde. "Nur sie wird das Land retten können", sagt Kelemen. Seine Freundin nickt.
Die Magyar Gárda ist das Geschöpf von Gábor Vona, dem Vorsitzenden der rechtsradikalen Partei Jobbik. Er gilt als Spiritus Rector der neofaschistischen Bewegung Ungarns. Anders als seine Mitstreiter sieht er harmlos aus: blauer Strickpullover, darunter ein gestreiftes Businesshemd, die braunen Augen blicken sanft. Dabei ist der 30-Jährige der gefährlichste Agitator im Magyarenland.
Seit er vergangenen August die paramilitärische Truppe gründete, tingelt er durch Ungarn und rekrutiert Freiwillige. Mit erstaunlichem Erfolg: 1300 Männer und Frauen seien seiner Einheit bereits beigetreten, sagt er; mindestens 4000 sollen es werden. Die Organisation ist hierarchisch gegliedert, es gibt Kompanien und Bataillone; in ihrer Freizeit üben sich die Gardisten im Kampfsport oder im Schießen.
An geschichtsträchtigen Orten, vor der Budapester Burg und am hauptstädtischen Heldenplatz, haben die Gardisten in den vergangenen Monaten feierlich ihren Eid abgelegt - auf Heimat, Volk und Vaterland. Sie hetzen gegen Juden und Zigeuner und bejubeln jenes Großreich, das Ungarn einmal war - samt jenen Gebieten, die das Land im Friedensvertrag von Trianon 1920 hatte abtreten müssen: Transsilvanien etwa, das heute zu Rumänien gehört, oder die serbische Provinz Vojvodina.
Vona ist an diesem Tag Ehrengast in Szeged, die Garde hat zur Maifeier geladen. In einem kleinen, schmucklosen Zelt warten ihre Mitglieder auf den Anführer: Männer mit faschistischen Symbolen auf der Brust, junge Frauen in Camouflagehosen, aber auch Rentner in biederen Tweed-Sakkos, die Ehefrauen in Spitzenblüschen.
Der Parteichef spricht von den Lügen und den Tricks der Regierung, von Geschichtsklitterung, von einer Nation, die zum "Verlierer-Volk" deklassiert werde, indem man ihr die einstige Größe abspreche. Damit müsse Schluss sein. Die Garde, verspricht er, werde die Interessen aller Ungarn vertreten: "Wir müssen uns wehren."
Vona ist Geschichtslehrer. Seit er seine militante Truppe ins Leben rief, verbreitet diese Angst und Schrecken. Das Problem der Obdachlosen und der rund 500 000 "Zigeuner" im Lande, so fabuliert einer seiner Gardisten, ließe sich mit der gezielten Übertragung von Tuberkel-Bakterien lösen. An den Wochenenden marschieren die Vona-Leute in Gemeinden und Dörfern auf, in denen besonders viele Roma leben. Dort brüllen sie vaterländische Lieder, und keiner fällt den Aufwieglern in den Arm.
Die Garde sei ohnehin nur die "Spitze eines Eisbergs", sagt der ungarischstämmige Publizist Paul Lendvai. Weitaus gefährlicher als die Organisation selbst sei die mangelnde politische und ideologische Abgrenzung der Gesellschaft. "Die Kirche schweigt", so Lendvai, und die Opposition übe sich in "Koketterie".
Als Meister der Anbiederung erweist sich einmal mehr Viktor Orbán, Vorsitzender der Fidesz, des "Bundes Junger Demokraten". Mehrfach schon rief der rechtslastige Populist zum Sturz des sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány auf. Orbán, zwischen 1998 und 2002 selbst Premier, drängt zurück an die Macht, und dabei ist ihm jedes Mittel recht.
Er weiß, die Rechtsextremisten könnten ihm behilflich sein. Schließlich waren es Jobbik-Aktivisten, die bei den Demonstrationen gegen die Regierung Gyurcsány im Spätsommer 2006 das staatliche Fernsehen in Budapest stürmten und sich Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten.
Orbán versucht trotz solcher Provokationen die Tuchfühlung zu den Rechten. In mehreren Bezirken ist seine Fidesz-Partei mit Jobbik bereits Kooperationen eingegangen. Und Mitte März trat er zusammen mit dem umstrittenen Publizisten Zsolt Bayer in der Öffentlichkeit auf. Ausgerechnet jener Mann, der in der rechtskonservativen Zeitung "Magyar Hirlap" über jüdische Intellektuelle hergefallen war, hielt die Laudatio zum 20. Gründungstag der Fidesz-Partei.
Die Zeitung "Magyar Hirlap" ist ein Beispiel dafür, wie schnell die Stimmung in einem zivilisierten Land kippen kann. Noch vor einigen Jahren galt das Blatt als liberal - bis es der mehrfache Forint-Milliardär Gábor Széles übernahm, dessen Ziel die Stärkung der "nationalen Seele" ist. Rigoros tauschte er die Belegschaft aus. Seine Zeitung, so sehen es Kritiker, agiere inzwischen irgendwo "zwischen Streichers ,Stürmer' und der russischen ,Prawda'".
Erklärter Feind Nummer eins der radikalen Rechten ist Premierminister Gyurcsány, der für die Ungarische Garde ein Hassobjekt darstellt, das es zu "beseitigen" gelte. Gyurcsány seinerseits bezeichnet Gábor Vonas Truppe als "Schande für Ungarn". Jetzt versucht ein Gericht in Budapest zu klären, ob sie überhaupt verfassungskonform ist.
Ein Richterspruch im Sinne Gyurcsánys käme einem Verdikt über die moralischen Verwerfungen innerhalb der ungarischen Gesellschaft gleich. Denn die Gulaschfaschisten fischen längst nicht nur am äußersten rechten Rand, sie erreichen mit ihren völkischen Parolen selbst ganz normale Bürger. Ausgrenzung und Hass seien in breiten Teilen der Bevölkerung "salonfähig" geworden, konstatiert die Soziologin Mária Vásárhelyi. Schuld daran sei das Lavieren der Politiker, wodurch sich die Grenzen zwischen radikalen und gemäßigten Rechten allmählich verwischten.
Etwa 20 Prozent der ungarischen Bevölkerung, fand ihr Kollege Pal Tamás heraus, unterstützten rechtsradikales Gedankengut. Eine aktuelle Umfrage belegt zudem, dass gar 30 Prozent der Befragten "politische Antisemiten" seien - unter ihnen auffallend viele Ungarn zwischen 18 und 29 Jahren, Akademiker inklusive.
Vona kann inzwischen sogar auf prominente Verstärkung bauen: Die bekannte Budapester Strafrechtlerin Krisztina Morvai, die bis vor kurzem in EU-Gremien für die Rechte der Frauen eintrat, zeigt sich neuerdings Seite an Seite mit dem smarten Agitator. Ungarn dürfe nicht länger eine Kolonie des Westens sein, fordert die Blondine, die Wirtschaft sei bereits in ausländischer Hand. Während sich die Reichen hinter Zäunen eigene Sicherheitszonen schafften, lebe der normale Bürger in einem Zustand der Angst: Schuld daran seien die Regierung und die Zigeunerkriminalität.
Von all dem ist auch in Szeged die Rede. Es geht um Heimatliebe, Krieg und Vaterland. Man tanzt, man singt, man johlt. Devotionalienhändler bieten CDs mit Soldatenliedern aus dem Zweiten Weltkrieg feil und Hitler-Postkarten. "Von unserem Vater, dem Führer", sagt der Mann hinter dem Stand. Gleich nebenan gibt es eine Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf", in Folie verschweißt, für 5800 Forint, rund 20 Euro.
Es handele sich nicht etwa um die zensierte Fassung, erklärt der Verkäufer voller Stolz. Es handele sich um das Original.
MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 24/2008
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