16.06.2008

ÖSTERREICH

Der schlaue kleine Bruder

Von Mayr, Walter

Bei der Fußball-EM lernen deutsche Fans ihre Nachbarn als Gewinner kennen - allerdings abseits der Stadien. Die moderne Alpenrepublik stellt sich als boomendes Einwandererland vor, das die allgegenwärtigen Schatten der Vergangenheit gern verdrängt. Von Walter Mayr

Der Wiener Heldenplatz ist in diesen Juni-Tagen Treffpunkt für landesfarbig maskierte Deutsche und Österreicher. Hier versammeln sie sich bei Carlsberg-Bier mit Leberkäs-Semmeln unter Videowänden und haben dabei im Rücken immer auch ein steinernes Überbleibsel gemeinsamer Geschichte.

Nur ein paar Schritte entfernt von den Imbissständen ist noch der Balkon an der Hofburg zu sehen, auf dem der selbsternannte "Führer der deutschen Nation" im März 1938 den "Eintritt seiner Heimat ins Deutsche Reich" vermeldete - "vor der Geschichte" und vor einer Viertelmillion jubelnder Österreicher.

70 Jahre danach wird auf dem Heldenplatz wieder gebrüllt und gejubelt - schließlich spielen die Nationalmannschaften der beiden Rivalen an diesem Montag gegeneinander in Wien. Gejubelt aber wurde bisher überwiegend getrennt. Auf der zentralen Fanmeile Wiens bei der Fußball-EM 2008 feiert jede Nation zuerst einmal sich selbst.

Die rot-weiß-rot gekleideten Einheimischen machen dabei, ganz gegen ihre sonstige Art, keine Ausnahme: Auch sie tanzen, singen und schwenken ihre Schals. Ihr Nationalstolz allerdings hat mit Fußball nur am Rande zu tun.

Das Land glänzt derzeit vor allem abseits der Stadien. Österreichs Erfolgsgeschichte ist die eines ziemlich selbstbewussten Globalisierungsgewinners, eines kleinen Landes im Herzen Europas, das es jetzt endlich auch den Nachbarn zeigen kann - vor allem aber der misstrauisch beäugten Verwandtschaft im Norden.

Ein Abend "auf höchstem Niveau" soll es werden: Im VIP-Zelt der Bergstation "Seegrube", auf 1905 Metern hoch über Innsbruck gelegen, trifft Tirols Prominenz ihre internationalen Gäste. Zutritt zur "steilsten Fanmeile der Fußball-Europameisterschaft" wird ab 240 Euro gewährt.

Die Geladenen, mit bunten Schals als Fans verkleidet, schlendern an Flachbildschirmen vorbei. Das Match der Schweiz, das gerade zu sehen ist, interessiert dabei wenig - "den Fußball als Transporter zu benutzen, um die Bekanntheit Tirols zu steigern", das ist das Ziel dieses Abends, wie ein Veranstalter sagt. Da die Schweizer selbst schöne Berge haben, als künftige Urlauber also kaum in Betracht kommen, dreht sich hier alles um die Gäste aus den EM-Teilnehmerländern Spanien, Schweden und Russland.

Zwischen Panoramafenstern mit Gipfelblick macht der Chef des Hauses, angetan mit einer Kochuniform in Österreichs Farben Rot-Weiß-Rot, die Honneurs. Kellnerinnen flitzen mit Tellern voll Serrano-Schinken, schwarzem Kaviar und Almochsenfilets durch die Tischreihen. Beim Flamenco zu Ehren der Spanier brandet Beifall auf.

Was im Saal kaum einer ahnt: Federführend beim straff geplanten Projekt, den Fußballabend zur Werbung fürs Urlaubsland Österreich zu machen, sind an beinah allen Fronten Deutsche.

Die Flamenco-Truppe Gota de Fuego, sprich: Feuertropfen, mit dem langmähnigen Rüdiger an der Gitarre stammt aus Hamburg. Den Service im Restaurant leitet Donata aus Düsseldorf. Den An- und Abtransport der Ehrengäste überwacht ein Allgäuer. Im Hintergrund werkeln zwei DDR-Veteraninnen, die als Qualifikation für ihren Auslandseinsatz unter anderem einen Gabelstapler-Führerschein ins Feld führten.

Der Inhaber der "Seegrube" schließlich, der Mann in österreichischer Kochuniform, stammt aus Essen: Oliver Schulz, seit 15 Jahren in Tirol ansässig. Sein Gastronomie- und Catering-Unternehmen gilt inzwischen als Branchenführer in der Stadt am Berg Isel. Schwedens Königin Silvia und Russlands Premier Wladimir Putin werden während der Fußball-EM hier erwartet.

Um Service auf höchstem Niveau gewährleisten zu können, sei er auf deutsche Mitarbeiter angewiesen, sagt Schulz: "Einheimische Führungskräfte zu finden ist fast unmöglich; die Guten sind im Ausland, und die anderen wollen nur saisonweise arbeiten - um danach ein bisschen zu faulenzen oder ,pfuschen' zu gehen."

"Pfuschen" ist Tirolerisch und bedeutet schwarzarbeiten. Bei gleichzeitigem Bezug von Arbeitslosengeld lässt sich damit leichter leben. Der Durchschnittslohn in der Tiroler Gastronomie liegt bei rund 1400 Euro brutto. Damit begnüge sich, ohne über Stress und Überstunden zu murren, längst nicht mehr jeder, sagt Schulz. Dennoch: "Hier in Tirol sind die Türken von den Deutschen verdrängt worden."

Dass Deutsche in Tirol bedienen und die Einheimischen dafür bezahlen, zählt zu den Mosaiksteinen im Bild des modernen Österreich, wie es sich Hunderttausenden Fußballtouristen in diesen Wochen bietet: Sie erleben auf ihrer Reise von Stadion zu Stadion, von Fanmeile zu Fanmeile, ein Land, das so fleißig wie geräuschlos einen gewaltigen Sprung nach vorn getan hat.

Auf der "Insel der Seligen" (Papst Paul VI.) erklären heute 90 Prozent der Bewohner, sie seien "stolz darauf, Österreicher zu sein". Die Wirtschaft im Land wächst seit der Jahrtausendwende pro Jahr um gut ein halbes Prozent mehr als die deutsche. Inzwischen herrscht Vollbeschäftigung - 77 000 zusätzliche Arbeitsplätze sind nach einer Studie des Wifo-Instituts seit 1989, dem Jahr, als der Eiserne Vorhang zerriss, allein durch die neuen Märkte im Osten entstanden.

Der alte Wurzelboden des Vielvölkerreichs, ehemalige Habsburger Besitztümer wie Ungarn, Tschechien, die Slowakei und Slowenien, liegt seither wieder in Reichweite Wiens. Das Land scheint seine neue alte Mitte am Schnittpunkt zwischen Ost und West gefunden zu haben - auf den ersten Blick zumindest.

Auf den zweiten Blick besehen, wirkt Österreich inmitten der globalisierten Welt allerdings auch seltsam abgeschottet. In Sachen EU-Verdrossenheit liegt das Land, Umfragen zufolge, zusammen mit Großbritannien regelmäßig vorn. Von "permanenter Ich-Bezogenheit", ja Selbstverliebtheit, spricht der Wiener Historiker Oliver Rathkolb: Seit dem EU-Beitritt 1995 habe sich die Identität der Österreicher sogar wegbewegt vom gemeinsamen Haus Europa - zurück zur heimischen Scholle.

Zur Erfolgsgeschichte der Alpenrepublik gehört die Begabung ihrer Bewohner, auf Veränderungen, je nach Bedarf, schläfrig oder hellwach zu reagieren. Wann immer es um neue Märkte geht, zahlt sich das Erbteil langer Habsburger Herrschaft über einen Vielvölkerstaat aus: der ins Weite schweifende österreichische "Brutblick", wie der Wirtschaftswissenschaftler Frank Brück das nennt. Das mühsam austarierte soziale Gleichgewicht im Inneren hingegen garantieren ein fürsorglicher Staat und mächtige Interessenverbände.

Österreich im Jahr 2008 ist stolzer Globalisierungsgewinner und Eigenbrötler in einem, das zum Erfolgsmodell gewordene Prinzip "Entweder und Oder", wie der Schriftsteller Robert Menasse spottet. Ein Land, das es fertigbringt, sich gleichzeitig zu öffnen und einzuigeln.

Knapp die Hälfte der Bevölkerung zwischen Neusiedler- und Bodensee gilt einer Studie der Universität Innsbruck zufolge als mehr oder weniger offen ausländerfeindlich, wiewohl - anders als in Deutschland - nicht gewaltbereit. Österreichische Menschenrechtler bezeichnen die Fremdengesetze ihrer Republik als "restriktivste Regelung Europas".

Die Lufthoheit zumindest unter Tiroler Stammtischlern beansprucht mit antideutschen Ausfällen seit kurzem ein politischer Aufsteiger: der konservative Innsbrucker "Rebell" Fritz Dinkhauser. "Der Feind kommt aus Norden", hat er vernehmen lassen, und: "Mir sind die Deutschen vor der Bar lieber als hinter der Bar." Es gebe inzwischen auf 3000 Meter hoch gelegenen Hütten "Kellner, die einen auf Sächsisch begrüßen" - bei dem Gedanken befalle ihn, wenn schon nicht "Ausschlag", so doch Sorge um die berufliche Zukunft der Einheimischen.

Den "Bergprediger" nennen sie Dinkhauser im traditionell erzkatholischen Tirol - weil er dem Volk aufs Maul schaut und seine Beobachtungen wortgewaltig in Politik umzusetzen verspricht. Am vorvergangenen Sonntag, bei der Landtagswahl, hat der langgediente Gewerkschaftsführer nun ein Erdbeben in der Parteienlandschaft ausgelöst: Aus dem Stand ist seine Bürgerliste auf Rang zwei vorgerückt. Dinkhauser fordert seither die Macht im Land.

Es ist das alte Lied, das er zum Entzücken seiner Wähler anklingen lässt, eine Melodie aus der Zeit, als die hohen, felsigen Berge Tirols noch Schutz boten vor den Zumutungen der Moderne: Die Fremden sollen kommen, die Natur genießen und wieder gehen, sie sollen zahlen und weiter keine Forderungen stellen. Das letzte Jahrzehnt aber hat auch Österreich verändert - wer EU-Bürger ist und sich hier ansiedeln will, kann nicht daran gehindert werden; wer die nötigen Papiere hat und Arbeit findet, die Österreicher nicht verrichten mögen, darf sie annehmen.

Gerade Tirol und sein Tourismus zählen zu den wichtigsten Schwungrädern der österreichischen Wirtschaft. In Hochburgen des Gletscher-Skisports wie dem 3000-Seelen-Ort Sölden, der allein 2,2 Millionen Übernachtungen jährlich verzeichnet, sorgen seit Jahren vorwiegend ostdeutsche Kellnerinnen, Zimmermädchen und Busfahrer für reibungslosen Betrieb.

193 500 Deutsche sind inzwischen mit Haupt- oder Nebenwohnsitz in Österreich gemeldet - das entspräche, auf die Bevölkerungszahl hochgerechnet, zwei Millionen Österreichern in Deutschland. Die Zuwanderung sorgt für Unruhe im Alpenstaat, wo unter dem Gattungsbegriff "Piefke" Deutschen bis heute Eigenschaften zugeschrieben werden, die Österreicher bei sich selbst partout nicht entdecken mögen: Pedanterie, Großkotzigkeit, Mangel an Stil.

Im kulturellen Grabenkampf an vorderer Front stehen Numerus-clausus-Flüchtlinge. Mehr als 12 000 Deutsche studieren in Österreich, viele davon Medizin in Wien oder Innsbruck. Sie fallen dabei noch überproportional auf, weil sie das landestypische Konsens-Klima gern durch forsches Fragen in den Vorlesungen vergiften und außerdem, wie Professoren klagen, einmal eroberte Sitze im Hörsaal mit persönlichem Bedarf blockieren wie Pool-Liegen auf Mallorca.

Auch deutsche Geschäftsleute müssen dazulernen: Von Haus aus eher spröde, zielorientiert und auf zeitnahen Geschäftsabschluss bedacht, haben sie's schwer im Land der Schmähführer und Fluchtachterl-Trinker. Die Deutsche Handelskammer bietet ihnen nun Seminare zum Thema "Interkulturelles Management" an. "Zeit mitbringen, Small Talk erlernen, nicht mit der Tür ins Haus fallen", lauten die Kernbotschaften für Österreich-Neulinge. Vor allem aber: "Vermeiden Sie, Negatives zu sagen."

Nur Oliver Schulz, der Besitzer der "Seegrube" hoch über Innsbruck, hält aus Erfahrung von übertriebener Rücksichtnahme auf österreichische Empfindlichkeiten wenig. Wenn bei ihm deutsche Fußballanhänger, wie während der WM 2006 geschehen, angepöbelt werden, dann nötigt er den Einheimischen eine schwarzrot-goldene Fahne auf und bietet ihnen das Bier als Gegenleistung um einen Euro billiger an. "Meistens", sagt Schulz, "nehmen sie das Bier."

Die wahren Ausmaße der Kluft zwischen Deutschen und Österreichern habe ihm ein Tiroler so beschrieben: "Was mir im Kleinkarierten san, des seid's ihr im Großkopferten."

Einen Moment nur zögert Jörg Haider. Es ist brütend heiß unter der schwarzrot-goldenen Zeltplane im deutschen Fan-Camp, und die halbnackte Meute vor dem Kärntner Landeshauptmann brüllt wie von Sinnen: "Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher, hey, hey."

Die Holzbohlen im Zelt vibrieren, alle hüpfen, auch Oliver Pocher, der auf Stippvisite da ist, und sogar Reiner Calmund, der Minuten zuvor noch in Sprechgesängen von den Fans als "fette Sau" begrüßt worden ist. Es herrscht Ballermann-Stimmung am Hafner-See bei Klagenfurt. "Wer nicht hüpft, der ist kein Deutscher, hey, hey", schallt es weiter von den Bierbänken her. Jörg Haider zögert nun nicht mehr. Er knipst sein Lausbub-Lächeln an und hüpft.

Haider macht viel mit in diesen Tagen rund ums EM-Stadion Klagenfurt. Eigentlich fast alles.

Er spendiert den angetrunkenen Deutschen im Fan-Camp auf Wunsch ein Fass Freibier, verabschiedet sich dann in seinen Hubschrauber, macht sich später fein mit Sakko und Krawatte im Fond seines Dienstwagens, trifft Seeler, Beckenbauer, Sammer im DFB-Zelt am Wörthersee, hetzt ins Stadion, hetzt nachts noch auf die Fanmeile und steht früh um acht schon wieder mit Wolfgang Schäuble vor Fotografen Modell.

Nicht alles läuft dabei glatt. Deutsche Krawall-Touristen sind da, die Haider mit erhobenem rechtem Arm begrüßen oder Kärntens schläfrige Landeshauptstadt mit markerschütternden Rufen aufschrecken: "Alle Polen müssen einen gelben Stern tragen."

Aber einer wie Haider kann so etwas wegstecken. Er hat jetzt, für einige wenige Tage zumindest, wieder die Bühne, die er gewohnt ist von früher - als noch alle was wollten von ihm. Als er, der damalige starke Mann der Regierungspartei FPÖ, so gefürchtet war, dass Mitgliedstaaten der EU glaubten, Sanktionen gegen Österreich verhängen zu müssen.

Inzwischen ist er 58 Jahre alt, noch immer rank und auf programmatische Art jung-dynamisch, vom Radarschirm der Weltöffentlichkeit aber ist er verschwunden. Sein Bundesland Kärnten, gut halb so groß wie der Regierungsbezirk Oberbayern, hält Haider mit strenger Hand und Ausdauer im Griff. 2009 will er wieder antreten, dann sind es 20 Jahre, seit er sich zum ersten Mal an die Spitze des Bundeslands wählen ließ. Mehr als 42 Prozent haben zuletzt in Kärnten für Haider gestimmt, all seinen Verfehlungen, Skandalen und "Sager" zum Trotz.

"Sager" steht im Österreichischen für freche Sprüche, die durchaus auch den republikanischen Konsens verletzen dürfen. Im Fall Jörg Haider sind unter anderem verbucht: die Einordnung der österreichischen Nation als "ideologische Missgeburt" und vor allem die Festrede bei einem Treffen von Waffen-SS-Veteranen am Wörthersee, bei der es darum ging, dass "ein Volk, das seine Vorfahren nicht in Ehren hält, sowieso zum Untergang verurteilt" sei.

Weil aber zur Erfolgsgeschichte Österreichs auch die opportunistische Begabung der Österreicher gehört, nicht immer zu sagen, was sie denken, und nicht immer zu denken, was sie sagen - deshalb ist einer wie Jörg Haider, der diese Begabung im Übermaß für seine Ziele nutzt, unverändert und unangefochten im Amt.

Selbst Kärntner, die seine Schmäh- und Hasstiraden verabscheuen, bescheinigen ihm erfolgreiche Arbeit und brummeln allenfalls über den "Bierzeltsozialisten". Weil Haider weiß und umsetzt, was das Volk wünscht: billiges Benzin beispielsweise - schon vor Jahren sind die landeseigenen Tankstellen Kärntens fürs gemeine Volk geöffnet worden.

Er sei froh, "wieder unmittelbar beim Volk arbeiten" zu können, sagt Haider. Kärnten sei nun seine Bestimmung, hier und nirgendwo sonst wolle er für ein "Europa der Regionen" kämpfen und gegen die Brüsseler EU-Bürokratie: "In Wien wird sowieso nichts mehr entschieden."

Dass er einmal in größeren Zusammenhängen gedacht hat, anfangs offen deutschnational, dann nach dem Motto "Österreich zuerst", während sich nun seine Vaterlandsliebe zwischen Loibl-Pass und Gailtal erschöpft, habe mit geschrumpfter Bedeutung nichts zu tun, sagt Haider. Er sei drei Schritte gegangen, aber immer auf dem gleichen Weg: "Unser Patriotismus hier hat Wurzeln in der tieferen Vergangenheit."

Sagt's und muss wieder los, ab in die Klagenfurter Fußgängerzone, wo die Einheimischen ihn grüßen wie einen alten Spezi, und die polnischen, kroatischen, deutschen Fußballfans ihn um ein Gruppenfoto anbetteln wie einen Popstar.

Nichts ist Haider da zu viel, nichts zu peinlich, er hat das immer wieder bewiesen. Zuletzt, in Partylaune erwischt und geknipst mit einem jungen Mann, auf dessen T-Shirt ein stilisiertes Eisernes Kreuz zu sehen war und der Spruch "Vizeweltmeister 1945", hat der oberste Würdenträger des Landes Kärnten gar nicht erst versucht, die Sache zu verheimlichen.

Sondern dafür gesorgt, dass das Bild in ganz Österreich gedruckt wurde.

Als Trainer der Nationalmannschaft haben sie ihn entlassen. Als Fernsehkommentator nicht für tauglich befunden. Und als Vorzeigefigur des Österreichischen Fußball-Verbands nicht für würdig.

Nun sitzt er da, Hans Krankl, der Held von Córdoba, der wohl berühmteste Sportler Nachkriegs-Österreichs, und gibt sich Mühe, auf keinen Fall gekränkt zu wirken. Das Gesicht gebräunt unter eisgrauem Schopf, nur wenig fülliger geworden mit

55, tut der zweifache Torschütze beim 3:2-WM-Sieg über Deutschland 1978 unverdrossen Dienst als lebende Legende.

Der Triumph über die favorisierte Elf mit Maier, Vogts und Rummenigge damals sei für Österreich ein Akt der Befreiung gewesen, sagt Krankl: "Deutschland, des war für uns da große Bruada, der den klaan' immer an die Ohrn zarrn und häckeln wü" - ärgern will.

Weil aber inzwischen der schlaue "kleine Bruder" Österreich sein Vor- und Feindbild Deutschland überwunden, ja, in manchen Bereichen überflügelt zu haben scheint, verblasst langsam auch der Ruhm des Nationalhelden Krankl. Zuletzt durfte er in der Fernsehserie "Das Match" eine B-Prominenten-Auswahl mit Schusstipps versorgen, Marke "schwaass eam eine" -

hau ihn rein. Jetzt, während der EM, ist Krankl als Kolumnist und Blogger für eine Tageszeitung Zaungast.

Er klagt nicht, er sagt nur, dass schließlich er es war, der als erster Nationalspieler nach dem Krieg die Hand aufs Herz gelegt hat vor Länderspielen, wenn die österreichische Hymne erklang: "I wollt allen zeigen, dass i stolz bin auf mei Land." Vor 30 Jahren ist er dafür noch belächelt worden. Heute wäre das anders.

Heute liegt Österreich in Sachen Nationalstolz europaweit an erster Stelle. Das hat, außer mit gewachsenem Wohlstand und der gern als Begründung angeführten Freude an der schönen Natur daheim, auch mit der spezifisch österreichischen Gnade des Vergessenkönnens zu tun - einer beinahe kulturellen Errungenschaft, wie der Schriftsteller Franz Schuh findet.

So, wie er da sitzt, in seinem Stammcafé in der Himmelpfortgasse, der Karl-Kraus-Wiedergänger unter Wiens Kaffeehaus-Literaten, wie ihn Verehrer nennen, ein von Altersarmut bedrohter "geistiger Freelancer", wie er selbst sich sieht, macht Schuh den Eindruck einer schwergewichtigen Denkmaschine.

Zum Psychogramm des Nachkriegs-Österreichers hat der sprachmächtige Wiener Schuh, geboren 1947, eine spöttische Arabeske über seine Kindheit beigetragen: "Wo hätte man denn besser atmen lernen können als im allgemeinen Aufatmen nach dem Krieg?" Der österreichische Weg, mit Geschichte umzugehen, sei allerdings kein Sonderweg: "Alle Gesellschaften, schon die antiken, wussten, dass man vergessen muss" - durch fortwährendes Erinnern blieben auch Kriegsgründe länger im Gedächtnis.

"Gemessen an der deutschen Hitler-Vergleichssucht ist mir die österreichische Vergesslichkeit lieber", sagt Schuh - wirkliches Erinnern in allen Ehren, aber mit falschen Faschismus-Parallelen wie auch mit "Betroffenheitskitsch" sei keinem gedient. Im Übrigen bitte er bei aller Kritik an der Geschichtsvergessenheit zu bedenken: "Österreich ist eine Willensnation" - kein Volk also, das sich einen Staat geschaffen hat, sondern die Übereinkunft unterschiedlichster Bürger, in einem Staat zusammenzuleben. Und Willensnationen zeichnen sich, so Schuh, durch "die Fraglosigkeit des Bekenntnisses" ihrer Bürger aus.

Ob das, in Bezug auf die demokratische Reife moderner Österreicher, einen erfreulichen oder bedrohlichen Befund ergibt, lässt er offen. Er ist ja kein Politiker, er hat mit den Tücken des Alltags genug zu tun: "I geh jetzt", sagt Schuh zum Abschied, sich aus seiner Sitzgarnitur wuchtend: "I waas bloß ned, wohin."

Draußen, über dem Asphalt der Innenstadtgassen, mischt sich derweil in den Großstadtlärm das gleichmäßige Klackern von Fiakerpferd-Hufen. Die Touristen im Fond der Kutschen erblicken ebenmäßige Barock- und Biedermeierfassaden mit zierlichen Sprossenfenstern. Im Schritttempo oder im lockeren Trab werden Geschichtsdenkmäler Wiens passiert, alte wie neuere.

Das Mahnmal für die ermordeten Juden am Albertinaplatz, inzwischen mit Stacheldraht überzogen zum Schutz vor rastbedürftigen Touristen, kennt jeder Fiaker-Kutscher. Aber wie erklärt man Gästen aus aller Welt, dass ausgerechnet der Schöpfer des Denkmals, der Alt-Kommunist Alfred Hrdlicka, sich unlängst als "Großdeutscher, aber kein Nazi" zu erkennen gab, der nach

70 Jahren einen zweiten "Anschluss" an Deutschland befürwortet?

Oder die Sache mit dem "Weg der Erinnerung" in der jüdischen Leopoldstadt, wo auf einer Bronzeplakette vor der ehemaligen Wohnadresse des Individualpsychologen Alfred Adler steht: "Aus diesem Haus wurden 70 Menschen deportiert. Nur 6 überlebten." Warum ausgerechnet hier eine Autowerkstatt mit dem Schild "Vergaser" werben muss? Der zuständige Werkstattchef hat auf Nachfrage eine sehr wienerische Antwort gegeben: "Wann i a Radio-G'schäft hätt, tät i Radio draufschreiben; aber i mach halt Vergaser."

Wien sei "ein nachblutender Witz", schrieb der jüdische Wiener Robert Schindel, selbst ein Kind der Leopoldstadt. Das Groteske, Skurrile der Metropole und ihrer Menschen, das unsortierte Nebeneinander von Grauen und Gemütlichkeit, von Gestern und Heute - dem schnellen Urteil, dem Blick des Ortsfremden verschließt sich die Stadt. Für Einheimische hingegen gilt, was der große Sittenbildner Helmut Qualtinger über das ganze Land sagte: "Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt."

Und so gehört zur Erfolgsgeschichte Österreichs auch das Talent seiner Bürger, sich mit eigenem Wissen vor Fremden nicht wichtig zu tun. "Kunstvolle Selbstverkleinerung, hinter der sich selbstverständlich Größenwahn verbirgt", diagnostiziert als nationalen Wesenszug Professor Wendelin Schmidt-Dengler, ranghöchster Germanist an der Uni Wien.

Die Manie seiner Landsleute, sich mit Deutschland, dem großen Bruder, zu vergleichen, gehe zurück aufs 18. Jahrhundert - auf den Beginn einer Serie militärischer Schlappen, die den Niedergang des Hauses Habsburg einleiteten bei gleichzeitigem Aufstieg Preußens, sagt Schmidt-Dengler.

Deutschland als Vorbild habe zwar nun langsam ausgedient, glaubt der Professor, und werde angesichts eigener Erfolge nicht mehr benötigt. Aber die Geschichte, auch die des Fußballs in Österreich, lehre noch immer eines - den gelassenen Umgang mit Niederlagen.

Als beispielhaft bis in die heutigen EM-Tage hinein dürfe dabei die Prognose von Nationalverteidiger Anton Pfeffer gelten - abgegeben beim Pausenstand von 0:5 im letztlich 0:9 verlorenen Match gegen Spanien: "Hoch g'winnen werd' ma nimma."

* In Klagenfurt.* Illustration aus dem Buch "Deix am Sonntag" von Manfred Deix.

DER SPIEGEL 25/2008
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