23.06.2008

UNTERHALTUNG„Ich starre zu oft auf Bananenschalen“

Der britische Musicalmacher Lord Andrew Lloyd Webber, 60, über sein Bochumer Rollschuhspektakel „Starlight Express“, seine späte Fernsehkarriere als Castingshow-Juror, über Amy Winehouse und das Einmaleins des Komponistenhandwerks
SPIEGEL: Mr. Lloyd Webber, fast jeder Bewohner der westlichen Zivilisation kennt "Cats" oder sonst eines Ihrer Musicals. Warum weiß kaum einer, dass Sie auch mal einen Song für Elvis Presley schrieben?
Lloyd Webber: Ich vermute, es liegt an meinem Song. Er ist auf Elvis Presleys letztem Album erschienen. Sie wissen, dass ich Elvis sehr verehrt habe - und manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, dass es mein Song war, der ihn killte (lacht).
SPIEGEL: Beurteilen Sie Ihr Musical "Starlight Express", wegen dessen 20-jährigem Jubiläum in Bochum Sie nun nach Deutschland kamen, ähnlich selbstkritisch?
Lloyd Webber: "Starlight Express" unterscheidet sich in einem fundamentalen Punkt von allen anderen Musicals, die ich je verfasst habe. Es ist aus reinem Spaß entstanden. Ich habe es vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben, für meine ältesten Kinder, die damals ungefähr drei und fünf waren - in einem Moment, in dem ich gerade mal kein ernsthafter Künstler sein wollte. Ein Musical, in dem Lokomotiven die Hauptrollen spielen und in dem die Sänger auf Rollschuhen unterwegs sind. Ich selber kann übrigens bis heute nicht Rollschuh laufen. Und ich habe, um meinen Ruf als seriöser Komponist zu verteidigen, gleich nach "Starlight Express" mein "Requiem" komponiert, mein ernstestes Werk überhaupt.
SPIEGEL: Wie sehr hat sich das Musicalgeschäft Ihrer Meinung nach verändert in den vielen Jahren seit Ihrem Karrierestart?
Lloyd Webber: Es hat sich fast überhaupt nicht verändert. Sicher wird es in naher Zukunft einen schlauen Musicalkünstler geben, dem einfällt, wie man auf unterhaltsame Weise die Welt des Internet in eine Bühnenshow integrieren kann. Aber im Kern dreht sich das Geschäft immer um dasselbe: Man muss eine Show erfinden, die den Leuten zur richtigen Zeit am richtigen Ort Vergnügen beschert. Der Broadway ist immer noch der Broadway, das Westend immer noch das Westend.
SPIEGEL: Der Unterschied ist: Sie sind neuerdings ein gefeierter Fernsehstar in den USA, den Niederlanden und in Großbritannien, durch Auftritte in Casting-Shows wie "American Idol", die wie "Deutschland sucht den Superstar" funktionieren. Wirft sich da ein einst als sehr schüchtern berüchtigter Bühnenkünstler dem Fernsehen an den Hals?
Lloyd Webber: Ach was, ich war nie schüchtern. Und ich habe das Fernsehen immer geliebt. Aus Zeitmangel konnten mich meine Eltern so gut wie nie ins Theater schleppen. Deshalb habe ich alle bewegenden Erfahrungen mit Theater, Oper und Musical vor dem Fernsehgerät gemacht. Als ich ein kleiner Junge war, gab es zum Beispiel die Live-Rockshow "Oh Boy!" mit einem brillanten Kerl namens Jack Good als Moderator, der später in Shakespeares "Othello" toll den Helden spielte. Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal die "West Side Story" im Fernsehen sah oder Maria Callas in Puccinis "Tosca". Für mich hat das Fernsehen also keineswegs die Bühnenkunst gekillt, sondern es hat mir die Live-Kunst des Theaters erst nahegebracht.
SPIEGEL: Und deshalb spielen Sie im TV nun den "Lieblings-Talentscout der Nation", wie eine Londoner Zeitung jubelte?
Lloyd Webber: Ich glaube an den magischen Moment des Live-Erlebnisses. Ich gebe ja zu, dass ich rein äußerlich eher eine unwahrscheinliche Besetzung für einen Fernsehstar bin, aber es ist denkbar schlicht, was ich vor der Kamera mache: Ich spiele mich selber. Das gefällt dem Publikum offenbar. Nicht nur, weil ich wie im richtigen Leben ein witziger Kerl bin, sondern weil die Leute eben meinen Enthusiasmus für die Kunst und die Künstler spüren. Mir macht es wirklich Spaß, in der Sendung die Kandidaten anzufeuern, sie anzubrüllen: "Du kannst wirklich besser singen!"
SPIEGEL: Steckt im Spaß, den strengen Lehrer zu spielen, auch eine Spur Sadismus?
Lloyd Webber: Nein. Ich lerne die Kandidaten dieser Shows wirklich gut kennen - gründlicher, als es bei einer Audition, dem Vorsingen für ein Musical, je geschieht. Ich bin 60 Jahre alt; mit diesen jungen Leuten sehr ernsthaft zu arbeiten ist meine Art, mich für meinen Erfolg zu bedanken. Es gab da zum Beispiel dieses Mädchen, das den Musicalsong "Cabaret" sang wie einen blöden Schlager. Ich sagte: Lies mir den Text vor! Versuch ihn zu verstehen! Da singt eine junge Frau im heißesten Club der damals heißesten Stadt auf dem Planeten, im Berlin der Zwanziger, zum allerletzten Mal. Sie singt um ihr Leben. Und plötzlich begriff das Mädchen. Herrlich!
SPIEGEL: Hätte eine geniale, aber gefährdete Künstlerin wie Amy Winehouse eine Chance in Ihren Shows? Es heißt, Sie seien mit Ihrem Auto sofort an den Straßenrand gefahren, als Sie zum ersten Mal die Stimme von Amy Winehouse hörten.
Lloyd Webber: Ich muss Sie enttäuschen. Ich fahre niemals Auto. Ich lasse mich fahren. Klar halte ich Amy Winehouse für ein Supertalent. Sie besitzt dieses wundervolle, seltene Feuer, aber sie hat sich in eine tragische, sehr traurige Situation gebracht. Sie ist eine wirklich originelle Sängerin, eine tolle Songschreiberin - aber wenn sie nicht ganz schnell einen Halt findet, wird sie wie James Dean jung enden.
SPIEGEL: Sie tragen einen Adelstitel, sind Mitglied im House of Lords und haben in der Liste der reichsten britischen Musikmenschen letztes Jahr Paul McCartney überholt. Dienen Ihre TV-Auftritte nicht vor allem dem Kommerzzweck, ein jüngeres Publikum in Ihre Musicals zu locken?
Lloyd Webber: Stimmt - und es funktioniert! Seit ich in den Casting-Shows auftrete, verkaufen wir 25 Prozent mehr Tickets als zuvor. Überhaupt sieht es plötzlich so aus, als wollten fast alle jungen Leute plötzlich zur Bühne, zum Musical, ins Popstar-Rampenlicht. Im Augenblick ist die Zahl der Bewerber, die auf den britischen Stage Schools studieren wollen, höher als die der Bewerber für die Elite-Unis in Oxford und Cambridge zusammen! Und wenn Sie meine Meinung hören wollen: Vielleicht fehlt vielen der Bewerber das Talent für eine große Karriere, trotzdem bewerben sie sich aus gutem Grund: weil sie sich für Live-Performance begeistern. "Live" ist das Zauberwort im Showgeschäft unserer Zeit.
SPIEGEL: Zumindest machen Konzertveranstalter dank dieser Live-Begeisterung viel Geld, trotz der Krise im Musikgeschäft.
Lloyd Webber: Ja, merkwürdig. Früher gingen Rockbands auf Tournee, um für den Verkauf ihrer Alben zu werben. Heute ist es genau umgekehrt: Die Rockbands verdienen ihr Geld mit den Konzerten und veröffentlichen neue Songs nur, um für ihre Tourneen zu werben. Dabei sind interessanterweise die erfolgreichsten Rockbands die, die vor zehn oder noch mehr Jahren ihren Durchbruch geschafft haben.
SPIEGEL: Ganz wie im Musicalgeschäft. Mangelt es nicht dort besonders an Nachwuchstalenten, die sich Neues ausdenken?
Lloyd Webber: Ich mag ein paar jüngere Komponisten, vor allem aus den USA. Ich liebe die eher kleine Londoner Show "Into the Hoods". Und ich bin stolz auf meinen 16-jährigen Sohn Alistair, der exzellent komponiert und großartig Polo spielt. Aber er soll seinen eigenen Weg gehen, so wie es mein Vater von mir verlangte. Der war dagegen, dass ich das Royal College of Music besuchte, weil er fürchtete, dort könnten sie mir die Freude an der Musik austreiben.
SPIEGEL: Was halten Sie als global operierender Unternehmer vom Geschrei mancher britischer Popkünstler wie Morrissey, die Globalisierung könnte Großbritannien seiner kulturellen Identität berauben?
Lloyd Webber: Das ist schwer übertrieben. Aber ich verstehe die Ängste vieler kleiner europäischer Länder, die fürchten, ihre Kultur könnte überrollt werden. Im Moment frage ich mich allerdings, ob sich die Globalisierung nicht sowieso erledigt hat durch den hohen Ölpreis. Bei vermutlich 300 Dollar pro Barrel im nächsten Jahr kann es sich niemand mehr leisten, irgendwas zu importieren oder zu exportieren.
SPIEGEL: Sie haben trotz Ankündigungen schon länger kein großes Musical mehr herausgebracht. Wo liegt das Problem?
Lloyd Webber: Ich bin zur Hälfte fertig mit einem Nachfolgemusical für "Das Phantom der Oper". Es soll nur "Phantom" heißen und im Untertitel "Once Upon Another Time". Es spielt in Coney Island und erzählt eine ganz eigenständige, phantastische Story, auch wenn natürlich die gleichen vier Hauptcharaktere dabei sind wie im "Phantom der Oper". Musikalisch ist alles neu, bis auf minimale Zitate aus der Musik des ersten Teils, die man braucht, damit man weiß, wo man ist. Im Moment bin ich absolut begeistert. Aber in drei Wochen hören wir uns zum ersten Mal den kompletten ersten Akt an. Wenn ich ihn schrecklich finde, werfen wir alles weg.
SPIEGEL: Fällt Ihnen das Komponieren und Schreiben mit den Jahren schwerer?
Lloyd Webber: Je älter man wird, desto mehr Skrupel hat man, vor allem wenn es um die Handlung geht. Also darum, dass die im ersten Akt noch wunderbar spannende Geschichte im zweiten Akt den Bach runtergehen könnte. Als ich ein junger Kerl war, hielt ich niemals Ausschau nach den Bananenschalen, auf denen das Publikum ausrutschen könnte. Heute starre ich viel zu oft auf die Bananenschalen.
SPIEGEL: Sie sind ein großer Fußballfan. Wie sehr leiden Sie darunter, dass England nicht bei der Euro 2008 mitspielen darf?
Lloyd Webber: Ich leide nicht. Ich finde es lästig, dass man den Euro-Spielen nicht entgehen kann, weil sie auf jedem Fernsehschirm zu sehen sind. Aber in Wahrheit bin ich nicht so sehr Fan unserer Nationalmannschaft als Fan eines sehr guten Clubs, Leyton Orient, den ich unterstütze, seit ich neun Jahre alt war. Aus diversen und sportlich beklagenswerten Gründen sind die Spiele meiner Mannschaft fast nie im Fernsehen zu sehen, aber es ist der wundervollste Club der Welt.
SPIEGEL: Haben Sie je erwogen, finanziell bei Ihrem Club einzusteigen und teure Spieler zu kaufen, wie es der Milliardär Abramowitsch für den FC Chelsea tut?
Lloyd Webber: Warum in aller Welt sollte ich das tun? Ich bin Komponist, kein Einkäufer für Fußballspieler. Meine Arbeit macht mir Spaß, und für sie und nichts anderes sollen mich die Leute lieben.
INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH, WOLFGANG HÖBEL
Von Christoph Dallach und Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 26/2008
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