23.06.2008

SPIEGEL-GESPRÄCH „Ich bin doch nicht CNN“

Der Musiker Neil Young, 62, über seine Songs gegen den Irak-Krieg, seine Probleme in der Nacht von Woodstock und die Frage, warum es heute keine echte Protestkultur mehr gibt
SPIEGEL: Mr. Young, sind Sie heute wieder dort, wo Sie Ihre Karriere vor etwa 40 Jahren begonnen haben?
Young: Sie meinen, weil ich jetzt wieder Protestlieder gesungen habe?
SPIEGEL: Ende der sechziger Jahre führten Sie mit Crosby, Stills, Nash & Young, kurz CSNY, die Protestkultur gegen den Vietnam-Krieg mit an. Im Jahr 2006 haben Sie die Antikriegsplatte "Living with War" aufgenommen, Ihre alte Formation wieder zusammengetrommelt und sind durch die USA gezogen, um gegen den Irak-Krieg und die Regierung zu singen.
Young: Es war nicht so, dass ich das unbedingt wollte. Aber es ging nicht anders. Ich konnte das Klagen nicht mehr hören. Wir mussten etwas tun.
SPIEGEL: Welches Klagen?
Young: Ich habe hier in Woodside in Kalifornien, wo ich lebe, einen netten Freundeskreis. Wir treffen uns auf Partys, gehen ins Kino, irgendjemand kocht, wir unterhalten uns am Esstisch. Und irgendwann fiel mir auf, dass wir wieder und wieder beim gleichen Thema landeten. Diese Dinge, die jeden bedrückten: Was in diesem Krieg passiert, wie die Regierung uns belogen hat. Es war fast wie früher.
SPIEGEL: Da fühlten Sie, dass die alten Hippies wieder ranmussten?
Young: Nein. Ich war lange Zeit sehr unsicher. Ich habe gewartet und die ganze Zeit gedacht, es muss einen jungen Superhelden geben, der aus der Popwelt kommt, der die Sicht aller jungen Leute in sich vereint und sie erleuchtet zu einem Protest ...
SPIEGEL: ... jemand wie Sie 1969?
Young: Ach, ich kann mich an diese Person, die ich damals war, kaum erinnern. Jedenfalls habe ich gewartet, gewartet und gewartet. Aber es passierte nichts. Und dann, Anfang 2006, war ich in Ohio, wo meine Tochter studierte. Sie probte für ihre Examensfeier. Ich besuchte sie. Während der Proben las ich "USA Today", und da war dieses Foto auf der Titelseite: Es zeigte den Innenraum eines amerikanischen Sanitätsflugzeugs, das auf dem Weg vom Kriegsgebiet im Irak nach Deutschland war. Und man sah die Ärzte, wie sie all die Verwundeten operierten. Es sah schlimm aus.
SPIEGEL: Man hat diese Fotos inzwischen leider oft gesehen.
Young: Ja, aber wissen Sie, worum es in dem Artikel ging? Es ging um Medizin. Es ging darum, wie der Irak-Krieg den medizinischen Fortschritt voranbringt. Wie gut wir Schusswunden inzwischen behandeln können. Das war alles, wovon der Artikel handelte. Das hat mir den Rest gegeben. Das war der Auslöser. Ich habe dann alle Songs innerhalb einer Woche geschrieben.
SPIEGEL: Ein paar Monate später schon kam Ihr Album "Living with War" heraus. Zehn Songs gegen den Irak-Krieg, über die Toten, die Trauernden, gegen den Präsidenten.
Young: Die Lieder sprudelten einfach aus mir heraus. Dann habe ich Crosby, Stills und Nash angerufen und ihnen mitgeteilt, dass sie in ein paar Wochen mit mir auf Tour gehen müssten.
SPIEGEL: Mit David Crosby von den Byrds, Graham Nash von den Hollies und Ihrem Bandkollegen von Buffalo Springfield, Stephen Stills, haben Sie 1969 eine der ersten sogenannten Supergroups gebildet. Die drei standen jetzt sofort wieder bereit?
Young: Sie haben schon kurz gezögert. Es war auch hart für sie. Ich meine, wir sind alle alt ...
SPIEGEL: ... "vier Hippie-Millionäre mit Haarausfall", schrieb ein Journalist.
Young: Stills ist während der Tour mehrmals auf der Bühne hingefallen. Und ein anderer Kommentator sagte, wenn wir mit unseren Gitarren auf der Mitte der Bühne zusammenkämen, sähe es aus, als verglichen wir unsere Arztrezepte!
SPIEGEL: Mit Ihrer politischen Mission hatten die Kollegen kein Problem?
Young: Ach was. Wir sind Hippies. Das Problem war eher, dass die Jungs es nicht mehr gewohnt sind, in so kurzer Zeit so viele neue Stücke einzustudieren. Die können sich ja nichts mehr merken. Außerdem war klar, dass wir für Lieder wie "Let's Impeach the President" ("Lasst uns den Präsidenten absetzen") wütend attackiert würden. Stills, zum Beispiel, hält es nicht so gut aus, wenn jemand ihn ein Arschloch nennt. Er ist ein sensibler Typ. Und Crosby, na ja Crosby ist Crosby. Der lässt sich ohnehin nicht mit normalen Maßstäben messen. Dass der nach all den Drogen, die er genommen hat, überhaupt noch rumläuft, versteht keiner.
SPIEGEL: Sie haben die Tour filmen lassen und daraus einen Dokumentarfilm gemacht. Er heißt, wie die erste Platte von CSNY, "Déjà vu" und kommt im Juli in die Kinos. Man kann darin gut sehen, wie das Publikum, besonders im Süden der USA, Sie wütend als Vaterlandsverräter beschimpft.
Young: Oh, Mann. Ich hatte in all den Jahren fast vergessen, wie es ist, Protestsongs zu veröffentlichen. Das oberste Protestsong-Gesetz: Wenn sie deine Texte nicht mögen, lehnen sie nicht etwa einfach nur deine Musik ab. Nein, sie hassen dich persönlich.
SPIEGEL: Der Film zeigt Konzertbesucher, die ihre Eintrittskarten zerreißen und androhen, Ihnen die Zähne auszuschlagen.
Young: Die Leute haben jedes Recht, so zu empfinden. Es ist ja genauso ihr Land. Nach einem Auftritt im Süden kam Stills einmal zu mir und sagte: "Hey, nur die Hälfte unseres Publikums hat gebuht!" Wahrscheinlich muss man es so sehen. Allerdings ist es schon eine merkwürdige Erfahrung. Die Leute kommen ja nur, um uns zu sehen. Es sind eigentlich unsere Fans. Und dann buht uns die Hälfte aus.
SPIEGEL: Was Ihre Gegner vorbringen, kennt man schon vom Vietnam-Krieg: Es wird als unpatriotisch empfunden in Zeiten, in denen sich die Nation im Krieg befindet, dessen Sinn und Rechtmäßigkeit in Frage zu stellen.
Young: Genau so ist es ja der Bush-Regierung jahrelang gelungen zu verhindern, dass wir über den Krieg reden. Wer etwas dagegen hatte, war kein Patriot. In Bushs Worten: "Du bist entweder für uns oder gegen uns."
SPIEGEL: Dabei beschwören Sie seit rund 40 Jahren in Ihren Songs die Mythen eines reinen, ursprünglichen Amerikas: die Adler etwa, die Canyons, die Menschen mit ihren Familien und Farmen - und oben Gott. Man könnte Sie durchaus patriotisch nennen.
Young: Ja. Auch der Film ist patriotisch.
SPIEGEL: Man sieht in ihm, wie Sie Ihre Antikriegslieder vor einem riesigen Sternenbanner spielen.
Young: Es ist natürlich patriotisch, sich um Amerika zu sorgen. All die Präsidenten, die noch kommen, müssen wissen, dass man mit Lügen nicht durchkommt. Soll die Welt denken, uns ist das egal? Amerika ist ein Haufen rückgratloser Feiglinge, wenn wir Bush nicht aus dem Amt jagen.
SPIEGEL: Diesen patriotischen Überbau gab es bei den Vietnam-Protesten nicht. Sie wendeten sich auch immer gegen die Identität und Ikonografie Amerikas, etwa wenn Jimi Hendrix die Nationalhymne zerschredderte.
Young: Nicht nur das. Die ganze Protestkultur war damals eine vollkommen andere. Aber das lag vor allem an der Wehrpflicht, die es ja damals noch gab. Die Studenten hatten nur eine Sorge: Muss ich nach Vietnam oder nicht? Heute fragen sich die Studenten, ob sie einen guten Job bei Google oder so bekommen. Deswegen gibt es heute keine Antikriegsbewegung. Der Krieg existiert nur auf CNN. Sehr weit weg, sehr unwirklich.
SPIEGEL: Das hieße ja, dass einer Protestbewegung keine hehren Motive zugrunde liegen, sondern nur die Sorge um das eigene, ganz persönliche Schicksal?
Young: Wären die jungen Leute selbst betroffen, würde das alles ändern. Dann wären die Straßen voll mit Demonstrationen. Das wussten auch Bush und Cheney. Deswegen kämpfen wir diesen angeblich für Amerika so existentiellen Krieg mit lediglich 150 000 Soldaten und den Söldnern der privaten Sicherheitsfirmen. Das hat nichts mit der Rumsfeld-Doktrin einer schlanken, aber hochmobilen Truppe zu tun. Sie haben einfach nicht mehr Leute. Diese Truppen werden nicht neu aufgefüllt, stattdessen schicken sie dieselben Soldaten wieder und wieder in den Irak.
SPIEGEL: Manche Soldaten sind dort inzwischen in ihrem sechsten Einsatz.
Young: Das wäre im Vietnam-Krieg nicht denkbar gewesen. Es war auch nicht nötig. Sie haben einfach immer neue Leute eingezogen. Aber dadurch hat sich die Johnson-Regierung diese massive Protestwelle eingehandelt. Die Studenten damals haben nicht gegen den Krieg demonstriert. Sie haben gegen die Wehrpflicht demonstriert, gegen eine Bedrohung, die sie jeden Tag erreichen konnte.
SPIEGEL: Hat damals vielleicht auch geholfen, dass der politische Ausdruck eingebettet war in eine gewaltige Jugendkultur, deren Teil Sie ja waren? Es gab eine eigene Musik, eigene Mode, eigene Sprache, eigene Drogen. Heute steht der Protest ziemlich isoliert da.
Young: Er steht überhaupt nicht da, es gibt ihn doch gar nicht! Wo denn? Der einzige Protest geht von einem Haufen alter Leute aus, die sich noch erinnern, worum es früher mal ging. Die immer noch gegen die Wehrpflicht von vor 40 Jahren demonstrieren.
SPIEGEL: Stimmt eigentlich der Eindruck, dass Sie sich schon Ende der sechziger Jahre nicht richtig wohl fühlten in der Rolle als Protestsänger?
Young: Ich mochte es nicht.
SPIEGEL: Auch bei Ihrem Auftritt mit CSNY in Woodstock haben Sie sich eigenartig benommen, so merkwürdig scheu.
Young: Ich mochte die Scheißkameras nicht. Das Festival wurde ja aufgenommen für den Woodstock-Film. Aber ich hatte an dem Tag das Gefühl, dass in Woodstock beerdigt wurde, worum es bei unserer Musik ursprünglich ging: Menschen auf einer Bühne singen für die Menschen im Publikum. Alles, was dazwischen kam, war weniger rein. Von dieser Reinheit handelte aber die ganze Hippie-Generation: der Künstler und sein Publikum. Niemand sonst bekam etwas ab. Inzwischen bekommt jeder etwas ab.
SPIEGEL: In Woodstock begann damals der Ausverkauf der Hippiebewegung?
Young: Ich würde es nicht Ausverkauf nennen. Aber Woodstock markierte den Punkt, an dem das Geschäfts-Amerika auf den Trichter kam, dass man die Jugendbewegung der Hippies kaufen und vervielfältigen kann. Was wir heute unter Sponsoring verstehen, begann in Woodstock. Ziemlich schnell begriffen alle, dass jeder bereit war, irgendetwas zu verkaufen.
SPIEGEL: Woran erinnern Sie sich heute aus dieser Nacht?
Young: Zum Beispiel daran, dass ich den Kameraleuten gesagt habe, wenn ihr mich filmt, schlage ich euch meine Gitarre über den Kopf. Ich haue euch um. Also bleibt mir
vom Leib. Ich hatte in dieser Nacht wirklich das Gefühl, es war das Ende einer Ära.
SPIEGEL: Dann haben Sie ein Jahr später, 1970, einen der berühmtesten Protestsongs der Popgeschichte geschrieben: "Ohio", ein Lied über die Erschießung von vier Studenten durch die Nationalgarde während einer Antikriegsdemonstration. Sie hätten damals die Stimme der Hippie-Generation werden können.
Young: Nur fand ich nicht, dass das mein Job war. Ich wollte das Vertrauen nicht missbrauchen, das junge Menschen in ihren Herzen haben, wenn sie sich für einen Musiker begeistern. Ich glaubte, man dürfe das Vertrauen nicht politisch nutzen.
SPIEGEL: Mit "Living with War" aber mobilisieren Sie heute Ihre weltweite Anhängerschaft für politische Botschaften.
Young: Ja, und das ist auch prinzipiell unfair. Aber in diesem Fall konnte ich es nicht ändern. Ich musste es tun. Ich habe es getan, und jetzt ist es damit auch gut.
SPIEGEL: Sie haben damit schon wieder abgeschlossen?
Young: Man kann nicht wieder und wieder Protestsongs singen. Ich bin doch nicht CNN, wo man über 24 Stunden immer wieder die gleiche Story bringt.
SPIEGEL: Neulich, bei der Vorstellung des Films, haben Sie alle verblüfft, als Sie sagten, dass Sie eh nicht glauben, Lieder könnten heute noch irgendetwas bewirken.
Young: Ich habe jetzt 45 Jahre lang Songs geschrieben. Und heute sehe ich, dass es alles in allem keine große Wirkung hatte. Ein Lied behandelt immer nur die Symptome - wenn der Krieg schon entfesselt ist, wenn Menschen schon gestorben sind.
SPIEGEL: Wie war das, als Sie "Ohio" geschrieben haben? Dachten Sie da, der Song würde etwas ändern?
Young: Ach nein. Ich glaubte nur, es sei Zeit, etwas zu sagen. Die Toten waren Studenten und damit unsere Hörerschaft. Das waren die Leute, die zu unseren Konzerten kamen. Die Nationalgarde hatte vier unserer Fans erschossen. Einer der Erschossenen schrieb übrigens noch kurz vor seinem Tod einen Brief an seine Eltern. Sein letzter Brief. Darin stützt er sich auf einen Song von mir: "I Am a Child". Er zitierte den ganzen Text und dankte seinen Eltern für alles, was sie für ihn getan hatten. Zwei Tage später demonstriert er auf dem Campus und wird erschossen. Ich habe das selbst erst vor ein paar Monaten erfahren.
SPIEGEL: Wie funktioniert eigentlich ein guter Protestsong?
Young: Es gibt zwei Arten. Die meisten schaffen es, ein Gefühl zu spiegeln und sind gar nicht besonders konkret. So wie "Ohio". Bloß wenn man ganz verzweifelt ist, macht man es, wie ich es bei "Living with War" gemacht habe. Geradeheraus: "Let's Impeach the President". Keine Umwege, keine Missverständnisse. Aber machen Sie sich keine Illusionen. Noch nie hat ein Lied eine Bewegung gestartet. Es ist bloß das Benzin, das man ins Feuer gießt.
SPIEGEL: Sie klingen manchmal, als wollten Sie aufhören.
Young: Nein. Aber für mich gibt es im Moment Wichtigeres.
SPIEGEL: Was kann wichtiger sein als Ihre Musik?
Young: Physik und Naturwissenschaften. Ich weiß heute, dass alles, wovon wir seit Jahrzehnten singen, worum es uns geht, nämlich die Kriege zwischen Menschen zu beenden, sich auf eine Frage reduzieren lässt: Wo kommt unsere Energie her, und wie verteilen wir sie gerecht? Darauf hat der Musiker leider keine Antwort. Der Wissenschaftler schon. Wir müssen das Öl vergessen, wir müssen Benzin vergessen. Wir müssen Tankstellen am Straßenrand abschaffen. Und das sage ich als Autofan.
SPIEGEL: Und was tun Sie?
Young: Ich arbeite mit acht oder neun Technikern an meinem 1959er Lincoln Continental, einem riesigen Zweieinhalbtonnenschlitten, in den wir einen gigantischen Elektro-Hybridmotor einbauen. Heute testen wir gerade, wie lange die Batterie hält.
SPIEGEL: Und?
Young: Das Testteam hat eben angerufen. Sie sind bei 40 Meilen Reichweite. Wenn wir 65 schaffen, bin ich zufrieden.
SPIEGEL: Mr. Young, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* In Concord, Kalifornien; vordere Reihe: Graham Nash, Stephen Stills, Neil Young, David Crosby.
* Oben: Greg Reeves, David Crosby, Neil Young, Stephen Stills, Graham Nash, Dallas Taylor; unten: mit Redakteur Philipp Oehmke in Youngs Wohnort Woodside, Kalifornien.
Von Oehmke, Philipp

DER SPIEGEL 26/2008
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