30.06.2008

Szene Gesellschaft„Im großen Stil Würstchen verkaufen“

Der Autor Ingo Niermann, 39, über das Leben von Ausländern in China
SPIEGEL: In Ihrem Buch "China ruft dich" erzählen Sie von Menschen, die nach China ausgewandert sind. Was zieht die Menschen dorthin?
Niermann: Die Leute, die ich getroffen habe, sind nicht von großen Konzernen nach Asien geschickt worden. Die waren an einem Punkt, an dem es in ihrer Heimat nicht mehr weiterging. Etwa ein nigerianischer Fußballspieler oder der letzte Militärattaché der DDR, Steffen Schindler, der heute im großen Stil deutsche Würstchen verkauft.
SPIEGEL: Was muss man mitbringen, um in China Erfolg zu haben?
Niermann: Man sollte Chinesisch können und Geld mitbringen. Ohne das wird man Englischlehrer. Dafür muss man nichts können, noch nicht einmal besonders gut Englisch. So wie viele Einwanderer in Deutschland auf dem Bau oder als Putzfrau gearbeitet haben, unterrichten Einwanderer in China Englisch.
SPIEGEL: Begegnet den Einwanderern Rassismus?
Niermann: Schwarze haben es am schwersten, die können oft nicht einmal Englischlehrer werden. Aber auch Chinesen, die lange Zeit im Ausland lebten, haben oft Probleme, sich wieder zu integrieren. Man nennt sie "Bananen": außen gelb und innen weiß.
SPIEGEL: Was ist der größte Fehler, den Einwanderer in China machen?
Niermann: Zu denken, man könnte dort unternehmerisch tätig sein wie im Westen. Einfach ein Geschäft gründen, das funktioniert nicht. Die Rechtsunsicherheit ist zu groß. Würstchenproduzent Schindler ist da eine Ausnahme, der hatte aber auch Spitzenbeziehungen.
SPIEGEL: Wie leben die Einwanderer in der Parteiendiktatur?
Niermann: Chinesen wie Einwanderer haben große Angst, dass bei einer demokratischen Öffnung der Staat zerfallen würde. Die Menschen wünschen sich zwar Meinungsfreiheit und Rechtssicherheit, aber sie nehmen die Unfreiheiten in Kauf. Aufgewogen wird das dadurch, dass man sich in China relativ schnell großen Luxus leisten kann, einen Chauffeur etwa oder tägliche Fußmassagen.

DER SPIEGEL 27/2008
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