30.06.2008

MOTORGESCHICHTEHerr des Tucketucke

Vor 100 Jahren gelang einem Deutschen eine unglaubliche Autofahrt quer durch Afrika. Nun wird der Heros wiederentdeckt.
Zuerst dachte Paul Graetz an die Waffen: "eine Mauser Modell 98, Doppelflinte, Browningpistole und Jagdmesser". Dann packte er "Erbswurst und Büchsenbrot" in den Kofferraum. Zum Schluss ließ er die beiden gewaltigen Tankkessel mit 375 Liter Benzin füllen.
Was für ein Unikum von einem Automobil wurde da im Sommer 1907, an einem Haken baumelnd, im Hafen von Daressalam, Deutsch-Ostafrika (heute: Tansania), entladen! Das Fahrgestell, von einem Omnibus stammend, war höher gelegt und besaß 35 Zentimeter Bodenfreiheit - der erste Geländewagen der Welt. Hergestellt hatte ihn eine Vorläuferfirma von Mercedes-Benz.
Ein Koch und der Boy bestiegen das Gefährt. Vorn, neben dem Chauffeur, saß der Expeditionsleiter mit Schmiss und Nilpferdpeitsche.
Mitten durch den Schwarzen Erdteil werde er fahren, hatte der Abenteurer großspurig angekündigt. Nur zu, hämte die "Vossische Zeitung", ebenso gut könne der Mann "eine Reise zum Mond unternehmen".
Doch zur Verblüffung aller stand die Karre 630 Tage später mit kochendem Kühler am weißen Strand von Swakopmund am Ufer des Atlantiks. Graetz war die Durchquerung Afrikas gelungen. Über 9500 Kilometer Buschland, Wüste und Urwald hatte die Mannschaft zurückgelegt. Mal durch Treibsand kriechend, dann wieder auf hartem rotem "Udongoboden" mit 60 km/h dahinsausend, ging es voran. Die Eingeborenen nannten das wunderliche Töfftöff "gari baridi" - Windwagen.
Mit seiner Leistung gehört der 1875 bei Zittau geborene Graetz zu den Helden der Automobilgeschichte. Was Reinhold Messner mit den Bergen machte, schaffte er in der Fläche.
Ewige Ehre wünschte sich der Tollkühne. Heute kennt ihn kaum einer. Dabei tat er viel für seinen Nachruhm.
Nach seiner verrückten Autoreise drang Graetz 1911 erneut nach Innerafrika vor - diesmal mit dem Motorboot "Sarotti", das er 240 Kilometer über Land schleppen ließ. Ein Büffel zerschmetterte ihm den Kiefer, der Kameramann starb.
Eine sodann geplante Vermessung Neuguineas mit dem Luftschiff verhinderte der Erste Weltkrieg. Sponsoren wie Knorr und Bahlsen rissen sich um den Mann. Der Kaiser lobte ihn per Telegramm.
Turbulent ging es weiter. In den zwanziger Jahren gründete er in Indonesien die erste Glasfabrik. Unter den Nazis saß er kurz im Gefängnis. 1949 flogen ihn die Engländer heimlich aus Berlin aus. Angeblich hatte er ostdeutsche Uranbergwerke ausspioniert.
Dann wurde es still um den Entdecker. 92-jährig starb er in Travemünde. Seine Taten sind vergessen. Die beiden ethnologischen Sammlungen, die Graetz dem Berliner Museum für Völkerkunde und dem Stuttgarter Linden-Museum vermachte, verstauben im Depot.
Erst jetzt wendet sich das Blatt. Im kommenden Jahr gibt Namibia eine Briefmarke zu Ehren des Reifen-Terminators heraus. Sein alter Reisebericht wurde neu aufgelegt*, und jüngst wurde sogar ein Asteroid nach ihm benannt. Besonders spannend: Ein verschollen geglaubter 15minütiger Originalfilm ist wieder aufgetaucht. Er zeigt in Kintopp-Qualität, wie der Pionier mit Stiefeln und Tropenhelm die "Sarotti" durch den Dschungel schleppen lässt - Afrikas Fitzcarraldo.
Die erstaunlichste Tat des Leutnants aber bleibt sein Autotrip. Kühn hatte er
die große Tour geplant: Zuerst ließ er mit Hilfe von Ochsenwagen, Kamelen und schwarzen Trägern ein Netz aus 24 Tanklagern im Dschungel einrichten. Gefüllt waren sie mit Ersatzteilen und 6000 Liter Sprit. Die Strecke zog sich durch deutsches Mandatsgebiet sowie die britische Kolonie Rhodesien (siehe Karte).
Am 10. August, so notiert er, setzte sich der Wagen "unter dem Jubel der vielköpfigen Menge knatternd in Bewegung". Doch schon sechs Tage später versackte er in einem glitschigen Flussbett. Alle vier Zylinder zerplatzten.
Pannenträchtig ging es weiter. Mal leckte die Benzinpumpe, dann verstopften Ventile, oder die Kupplungsscheibe brach. Über 50 Reifen gingen kaputt, mehrfach zerknickte die Hinterachse.
Steckte der Wagen im Sumpf, mussten Eingeborene ran und ihn mit Seilen herausziehen. Graetz sinnierte derweil über die "Verletzung der Menschenrechte der Eingeborenen".
Südlich des Tanganjikasees wurde es dann wirklich gefährlich. Regengüsse unterspülten die Bahn, morsche Bäume krachten auf die Trampelpfade. Am Musombesi musste das Team über eine 200 Meter lange Urwaldbrücke aus Knüppeln. Knapp entging das Fahrzeug einer Katastrophe.
Viele Flüsse hatten überhaupt keinen Übergang. Also griff "Bwana Tucketucke" (Suaheli für: Herr des Motorwagens) zum Schraubenschlüssel. Insgesamt 32-mal ließ er sein Fahrzeug zerlegen und auf Flößen ans andere Ufer schaffen.
So gingen die Monate ins Land. Bei wochenlangen Zwangspausen mangels Benzin saß die Truppe stumpfsinnig im Gebüsch und zählte bei Gewittern die Blitze. Der Durst wurde mit dem "dickflüssigen Rest einer Sumpflache" gestillt.
Graetz, von Zecken und Moskitos zerstochen, blieb dennoch gut gelaunt. Die vielen Skorpione, meinte er humorig, würden ja "nur in der Selbstverteidigung" stechen, etwa wenn sie sich in Stiefel verirrten "und der ahnungslose Eigentümer hineinschlüpft".
Meist halfen anwohnende Schwarze, wenn es mal wieder klemmte. Der Deutsche dankte es ihnen mit der Herablassung des Herrenmenschen.
Die Prügelreform von 1907 für die Kolonien des Reiches (sie erlaubte höchstens 25 Stockschläge, ab 15 Hieben war ein Protokoll anzufertigen) lobte er zwar als Fortschritt. Gleichwohl hielt er "Neger" für geborene Lügner. Wer nicht spurte, dem wurde die Peitsche angedroht. Die Schönheit von schwarzen Frauen wiederum wurde er nicht müde zu preisen.
Durch Wolken aus Moskitos ging es weiter Richtung Süden. Halb verhungert aß man "Krähensteaks"; einer trank, wahnsinnig vor Durst, Benzin, ein anderer erkrankte an Schwarzwasserfieber. Zwei Chauffeure gaben auf.
Der Wagen aber hielt. Er erklomm Steigungen von 30 Prozent und trotzte angekokelt einem Buschbrand. Selbst den mit Gras und Erde verdreckten Treibstoff aus den Urwalddepots verbrannte der Motor klaglos. Im tiefen Sand der Kalahari schluckte er allerdings bis zu 2,5 Liter - pro Kilometer.
Am Ende stand die Truppe ausgepowert am Ufer des Atlantiks. Gelungen war die Rekordreise auch deshalb, weil die Firma Benz mehrfach per Dampfer Ersatzteile nach Afrika geschickt hatte.
Heute tut sich der Stuttgarter Konzern dagegen eher schwer mit dem Abenteurer. In der Firmenchronik wird er kaum gewürdigt. Graetz sei ein "Glanzlicht" der Automobilgeschichte, aber auch ein "Kuriosum, uns fern wie die ägyptischen Pyramiden", so ein Pressesprecher. "Wir müssen ihn erst wieder entdecken."
MATTHIAS SCHULZ
* Paul Graetz: "Im Auto quer durch Afrika" (Faksimile der Ausgabe von 1910). Klaus Hess Verlag, Göttingen; 360 Seiten; 24,80 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 27/2008
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