30.06.2008

GEISTESLEBENDer Netzwerker

Ein Texaner, der Deutschland liebt: Unter der Leitung von Gary Smith ist die American Academy in Berlin das wichtigste Zentrum der US-Intellektuellen in Europa geworden.
Am Morgen ist er zurückgekehrt aus Boston in sein Zimmer über dem Wannsee, wo der Max Beckmann an der Wand hängt. Gary Smith war übers Wochenende drüben für ein "Black Tie Dinner", eines dieser Abendessen, bei denen man lächelnd Kontakte knüpft und, wenn es gutgeht, hinterher die Zusage für ein Stipendium in der Tasche hat oder für eine neue Bibliothek.
Außerdem war noch ein kleines Transportproblem zu lösen. Am Freitag dieser Woche, pünktlich zum Unabhängigkeitstag, wird die neue amerikanische Botschaft in Berlin eröffnet, mit George Bush senior als Ehrengast. Der ehemalige US-Präsident ist mittlerweile 84, er reist gern bequem.
Also sprach Smith mit einem seiner Kuratoren von der American Academy, nun landet Bush schon am 3. Juli in einem Privatjet in Tegel. Und natürlich kommt der Ex-Präsident abends gleich in der prächtigen Villa der Academy am Wannsee vorbei, zusammen mit Henry Kissinger und George Shultz und 250 anderen Gästen. "Wir sind jetzt das kleine Ereignis vor dem großen Ereignis", sagt Smith mit einem verschmitzten Lächeln.
Seit ziemlich genau zehn Jahren gibt es die American Academy in Berlin. Was mit der Idee anfing, eine Art intellektuellen Brückenkopf in der deutschen Hauptstadt einzurichten, einen Stützpunkt für amerikanische Kulturschaffende in Zentraleuropa, hat sich zum wichtigsten Zentrum amerikanischen Geisteslebens außerhalb der USA entwickelt. An keinem Ort in Europa lässt sich genauer erfahren, was in den Vereinigten Staaten gedacht, geforscht und politisch debattiert wird.
Vier bis fünf Monate lebt jeweils ein Dutzend Stipendiaten hier: Historiker, Rechtswissenschaftler, Soziologen, aber auch Maler, Fotografen und Bildhauer; hinzu kommen regelmäßig Gäste, die nur für kurze Zeit in Berlin sind. Ein Komponist ist diesmal dabei, der an einer Cowboy-Oper über Wyoming arbeitet, die Journalistin Anne Applebaum, die über die kommunistische Gleichschaltung in Zentraleuropa schreibt, und der Schriftsteller Jonathan Franzen, der nach dem Erfolg mit seinem Roman "Die Korrekturen" Material für ein neues Buch zusammenträgt.
Es ist ein sehr zwangloses Zusammensein. Wer Zeit hat, trifft sich mit den anderen zum gemeinsamen Abendessen, ansonsten geht man seinen Neigungen nach. Genau besehen gibt es nur eine Verpflichtung, nämlich einmal in der Berliner Zeit über das Buchprojekt zu sprechen, an dem man gerade arbeitet. Es sind diese Vorträge, die den Höhepunkt des akademischen Halbjahres ausmachen, sorgfältig orchestrierte Auftritte, bei denen man Neues über die Zukunft Russlands erfahren kann, die verborgene Kunst des Puppentheaters oder die Umerziehung der deutschen Musikwelt nach 1945.
Wer sich die Mühe macht, die Fotos im Treppenhaus der Wannseevilla abzuschreiten, entdeckt viele bekannte Gesichter: Die Autoren William Styron und Jeffrey Eugenides waren schon da, die Künstler Jenny Holzer und Chuck Close, der Regisseur Terrence Malick, auch Robert De Niro, Jerry Lewis und Norman Mailer.
Im Zentrum der American Academy steht unbestritten Gary Smith, 53, ein Mann mit vielen Talenten und noch mehr Interessen, den seine Liebe zu Walter Benjamin vor Jahren nach Deutschland verschlug. Die Idee hatten andere, allen voran der umtriebige US-Diplomat Richard Holbrooke, der fand, dass man mehr amerikanische Intellektuelle nach Europa bringen müsse, um ihnen die Augen für den alten Kontinent zu öffnen.
Das meiste Geld kommt von der jüdischen Bankiersfamilie Arnhold/Kellen, 1936 aus Berlin vertrieben, aber in großer Anhänglichkeit noch immer der Stadt verbunden; auch das Haus, in dem die Academy residiert, wurde von ihr zur Verfügung gestellt.
Aber es ist Smith, der die Institution mit seinem Enthusiasmus am Laufen hält, mit seinem Gespür für die richtige Auswahl der Gäste und seiner Fähigkeit, scheinbar mühelos Menschen zusammenzubringen, die bis eben noch gar nicht wussten, dass sie sich etwas zu sagen haben.
Es ist diese Kunst, Beziehungen zu etablieren, die Smith perfekt beherrscht und ohne die seine Academy nicht den Erfolg hätte, der sie über alle vergleichbaren Institutionen heraushebt, das Aspen-Institut zum Beispiel oder das lange von Wolf Lepenies geführte Wissenschaftskolleg. Es ist eine sehr amerikanische Eigenschaft, zielgerichtet Leute anzusprechen, ohne aufdringlich oder berechnend zu erscheinen, und Smith hat sie zur Perfektion entwickelt.
Als Al Gore vor ein paar Monaten in Berlin war, um Werbung für seinen Global-Warming-Film zu machen, war es Smith, der sich des Nobelpreisträgers annahm. "Kannst du dich nicht ein bisschen kümmern?", hatte ihn Holbrooke gebeten, also rief Smith im Kanzleramt an, ob Angela Merkel einen Termin freihabe, er sorgte für ein schönes Rahmenprogramm, und am Ende saß man zu dritt in Merkels Amtszimmer und redete über das Klima und den US-Wahlkampf.
"Ich bin seit der fünften Klasse mit Networking beschäftigt", sagt Smith, ein kräftiger Mann mit rundem, freundlichem Gesicht unter einem dichten dunklen Haarschopf. Er hat eine fröhliche, ansteckende Mitteilsamkeit, die sich abwechselnd des Deutschen und des Englischen bedient; gedämpft werden kann sie höchstens durch fortwährenden Schlafentzug.
Schon immer war Smith zur Stelle, wenn es irgendwo etwas anzuschieben gab: den Mathematikclub an der Schule oder die jüdische Pfadfindergruppe. Beinah wäre es ihm sogar einmal gelungen, die Rolling Stones an seine Uni zu holen, das Konzert fiel in letzter Minute aus, weil einer der Stones wegen Drogenbesitzes verhaftet worden war.
Smith ist in Texas aufgewachsen, die Mutter war Lehrerin, bis sie sich während des Immobilienbooms der Siebziger auf die Maklerei verlegte, der Vater Zahnarzt - ein gutbürgerliches, jüdisches Elternhaus, politisch immer aufseiten der Demokraten.
Zu Hause wurde natürlich Englisch gesprochen, aber wenn der Junge nicht verstehen sollte, was die Eltern zu bereden hatten, nutzten sie als Geheimsprache Deutsch, durchsetzt mit Jiddisch, was den jungen Gary veranlasste, Deutschkurse zu belegen. Die texanische Hauptstadt Austin ist nicht gerade das, was man eine Kulturstadt nennen würde, aber ausgerechnet das germanistische Seminar der Universität war sehr rührig. Laufend kamen deutsche Autoren auf Lesereise vorbei, und weil es nicht viele gab, die fließend Deutsch konnten, wurde Smith auch Max Frisch vorgestellt, Heiner Müller oder Uwe Johnson.
Im Herbst 1976 war Siegfried Unseld an der Uni zu Gast, um sechs Vorlesungen zu halten, über den Autor Johnson und seinen Verleger. Smith hatte sich als Philosophiestudent eingeschrieben, sein Idol war Walter Benjamin, er hatte alles verschlungen, was über den Schriftsteller greifbar war, und er nutzte die Gelegenheit, den Suhrkamp-Verleger abzupassen und auf ein Steak mit Eiern einzuladen. Beim Nachtisch hatte der damals 22-Jährige nicht nur einen Empfehlungsbrief für ein DAAD-Stipendium in der Tasche, sondern auch die Zusicherung, bei der Edition von Benjamins Moskauer Tagebüchern helfen zu dürfen.
Die nahm er ernster, als Unseld wohl erwartet hatte. Smith lernte Sütterlin, um Benjamins Handschrift entziffern zu können, und er verschaffte sich einen Termin bei Gershom Sholem, dem strengen Hüter des Benjamin-Erbes. "Dein Deutsch ist ja grauenhaft, lass uns in Englisch weiterreden", knurrte der Gelehrte bei ihrer ersten Begegnung. Als Smith aus seinem Rucksack unbeirrt einen Benjamin-Brief an Hannah Arendt zog, den Sholem noch nicht kannte, bot der ihm einen Deal an:
"Wenn du mir 25 Blätter des Tagebuchs druckreif ablieferst, hast du den Job."
"Gary kann sich für Dinge begeistern, die anderen nichts sagen. Er ist ein ausgewiesener Wissenschaftler, was für die Glaubwürdigkeit in der Szene nicht unwichtig ist", sagt John Kornblum, langjähriger amerikanischer Botschafter in Deutschland, der Smith vom Einstein Forum in Potsdam wegzulotsen half, wo er nach der Suhrkamp-Zeit untergekommen war. "Gleichzeitig versteht er intuitiv, wie man kulturelle Themen für die breitere Öffentlichkeit übersetzen muss."
Smith wollte von Anfang an ein offenes Haus führen, kein Wissenschaftskloster, in dem die Fellows weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit ihren Projekten nachgehen. Er leiht seine Gäste großzügig aus, auch an die Konkurrenz - das ist für die Stipendiaten aufregender, als den ganzen Tag in der Villa zu sitzen und auf den Wannsee zu starren, und es macht sie gleichzeitig zu Emissären der Academy.
Über die Jahre hat Smith den Kreis der Stipendiaten deutlich ausgeweitet. Als sich die deutsch-amerikanischen Beziehungen wegen des Irak-Kriegs verdüsterten, legte er ein "Public Policy"-Programm auf, das einflussreiche Politiker wie die Bush-Vertraute Karen Hughes nach Berlin brachte, aber auch namhafte Demokraten.
Die Öffnung ist nicht unumstritten, die Traditionalisten im Vorstand würden gern wieder mehr Clubatmosphäre einziehen lassen, die Academy privater gestalten, exklusiver. Smith hingegen glaubt an die "dynamische Mixtur", wie er es nennt: "Kunst und Politik sind immer sexy, sie machen einen attraktiv."
Bis heute finanziert sich die Academy ausschließlich aus privatem Geld. Etwas über 11 Millionen Euro beträgt im Augenblick das Vermögen der Stiftung, aus dessen Zinsen die laufenden Kosten beglichen werden. In den nächsten fünf Jahren soll die Summe durch Spenden auf 25 Millionen steigen, das ist jedenfalls der Plan.
Als vor Jahren einmal ein paar wohlmeinende Bundestagsabgeordnete eine staatliche Subvention der schönen Einrichtung durch den Haushaltsauschuss des Parlaments boxten, bedankte sich Smith freundlich für die nette Geste - und lehnte ab. Damit dürfte die American Academy wohl die einzige Kulturinstitution in Deutschland sein, die sich ausdrücklich staatliche Unterstützung verbittet. Auch das ist ein sehr amerikanischer Zug, der zur Nachahmung einlädt. JAN FLEISCHHAUER
* Volker Schlöndorff, Robert De Niro, Martina Gedeck, Matt Damon, 2007.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 27/2008
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