30.06.2008

AUTORENParfum der Gosse

Die Deutschrussin Alina Bronsky wird als aufregendes Literaturtalent gehandelt - auch beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerb.
Das Buch einer jungen Schriftstellerin, in dem der Satz "Ich hasse Männer" eine gewissermaßen leitmotivische Rolle spielt, kann nicht ganz schlecht sein. Dass auch Drogen wie das sogenannte Schweine-Speed, Sex-Verabredungen im Internet, krasse Flüche und ein heruntergekommener Wohnblock darin vorkommen, klingt gleichfalls interessant. Außerdem sagen die Helden schon mal roh: "Du hast deine Hölle, ich habe meine."
Alina Bronskys Romandebüt "Scherbenpark" erzählt von allerlei menschlichen Verwirrungen in und um eine Ghettosiedlung in Deutschland. Doch was das Buch wohl erst so richtig reizvoll für die meisten Kritiker macht, ist die Herkunft der Autorin: Bronsky, geboren 1978, ist in der russischen Industriestadt Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) am Rand des Uralgebirges aufgewachsen und mit knapp 13 Jahren nach Deutschland gezogen. Erzählt da also eine Nachwuchsschreiberin irgendwie authentisch von ihrer rauen Jugend in einer brenzligen Randzone der deutschen Gesellschaft?
Gleich mehrere Juroren jedenfalls wollten Bronsky beim so berühmten wie berüchtigten Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis als Kandidatin ihrer Wahl vorstellen. Für das alljährliche Spektakel im österreichischen Klagenfurt nehmen sieben wichtige Literaturkritiker aufstrebende Schriftsteller unter ihre Fittiche, lassen sie aus aktuellen Texten lesen und bedenken sie anschließend (live vor Publikum und den Kameras des Fernsehsenders 3sat) mit Lob und Tadel; das diesjährige Bachmann-Schaulesen endete am Wochenende.
Wer gewinnt, ist für die weitere Karriere nicht ganz so wichtig wie das Marktgeschrei und Kulissengeflüster der kleinen Literaturwelt; in der gilt die junge Deutschrussin schon seit einiger Zeit als aufregendste Newcomerin der Saison. Brav gab es nach Bronskys Lesung am Freitagvormittag auch von den Klagenfurter Juroren überwiegend Lob, "sehr erfrischend", "rhetorisch hervorragend" und "ein Vergnügen" sei ihr Text.
Ein paar Tage vor ihrem Auftritt sitzt die Frau, die sich Alina Bronsky nennt, in einem Wirtshausgarten im Frankfurter Bahnhofsviertel und sagt mit gefurchter Stirn und stark verspannten Lippen: "Mir ist erst nach meiner Nominierung klargeworden, dass ich für den Bachmann-Wettbewerb die falsche Besetzung bin." Um in Klagenfurt zu punkten, müsse man "hochliterarisch schreiben, sehr ernst, sehr mit sich selbst beschäftigt". Genau das alles aber habe sie nicht zu bieten: "Ich mache Unterhaltungsliteratur."
Drahtig und kampflustig wirkt die Autorin, sie trägt geschnürte Lederstiefel zum geblümten Sommerkleid und einen stets skeptisch abwartenden Gesichtsausdruck. Sie heißt nicht wirklich Alina Bronsky; dass ihr Buch, das Ende August im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint, unter diesem Pseudonym veröffentlicht wird, entspringt dem Wunsch, zwischen ihrem Schriftstellerleben und dem Privaten zu trennen. "Ob das dann wirklich klappt oder nicht, werden wir sehen", sagt sie. "Ich versuche es zumindest."
In der "Welt am Sonntag" war zu lesen, sie habe drei Kinder und einen Ehemann. Dass sie ein Medizinstudium abgebrochen und als Werbetexterin und Journalistin gearbeitet hat, verrät der Verlag. Bronsky selbst erzählt, dass sie keineswegs eine harte Ghettokindheit durchlebt hat, ihr Vater ist Physiker, ihre Mutter Astronomin, es seien "eher bürgerliche Verhältnisse" gewesen, in denen die Familie in Marburg und Darmstadt lebte. "Es war nie mein Ziel, ein autobiografisches Enthüllungsbuch zu schreiben", so Bronsky, "und auch eine Sozialreportage ist mein Roman auf keinen Fall."
Erzählt wird in "Scherbenpark" die Geschichte der 17-jährigen Sascha, deren Mutter samt ihrem Lebensgefährten ermordet wurde. Der Roman, sagt Bronsky, solle im besten Fall anrühren, aufwühlen und mitreißen wie ein gutes Lied, das "wild und komisch und unterhaltsam ist, ein bisschen verrückt und doch im Leben verwurzelt".
Die Autorin spricht ein Deutsch, das von jedem russischen Akzent frei ist, dafür aber entschieden geprägt von ihrer Jugend in Südhessen. Egal, sagt Bronsky, "zum Glück ist mein Hessisch nicht ganz so schlimm wie das von Andrea Ypsilanti".
Verächtlich lässt sie ihre Heldin Sascha von älteren Russland-Emigranten erzählen, die auch nach Jahren in Deutschland noch nicht in der Sprache ihrer neuen Heimat reden wollen. Saschas Tante etwa kann "nach fast zwei Jahren ungefähr zwanzig deutsche Wörter, solche wie Bus, Kartoffel, Butter, Müll, kochen, waschen, fick dich".
Es ist eine brutale, auch läppische, mitunter gnadenlose Welt, in der "Scherbenpark" spielt. Bronsky aber ist davon überzeugt, dass man einen tollen, herzzerreißenden Film aus ihrem Roman machen könnte. "Ich habe beim Schreiben viele Szenen in bunten Farben vor meinen Augen gesehen." Dass dieses kinohafte Erzählen bei vielen Kritikern verpönt ist, nein, das störe sie nicht.
Auch nicht, dass sie manchmal zu dick aufgetragen hat in ihrem Roman, in dem von "Weicheiern" die Rede ist, die "auf Kalaschnikows aufgespießt" werden, in dem Steine auf Menschen fliegen und der billige Parfumgestank der Gosse weht. Alina Bronsky zuckt die Schultern und macht sich locker für ein kurzes Lächeln. "Es gibt nur zwei Arten von Büchern. Die langweiligen und die guten." WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 27/2008
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