07.07.2008

ETHIK

Tod aus dem Becher

Von Dahlkamp, Jürgen; Latsch, Gunther; Ludwig, Udo; Pfister, René; Serocka, Nicole; Wensierski, Peter

Mit der Suizidbegleitung einer lebensmüden Frau hat der Hamburger Roger Kusch zwar das politische Berlin aufgeschreckt, doch dem Anliegen von Schmerzmedizinern ebenso geschadet wie sich selbst. Was treibt den Mann, der im Eiltempo vom Senator zum dubiosen Provokateur abstürzte?

Wolfhard Kusch spricht langsam, und manchmal spricht er auch gar nicht. Sekundenlang, um nachzudenken, die richtigen Worte zu finden. Worte, die nicht so kaltschnäuzig klingen, technokratisch, selbstgerecht, nicht so wie das, was man dieser Tage alles mit dem Nachnamen Kusch verbindet. Und dann sagt Wolfhard Kusch: "Wenn der Roger so weitermacht, mit dieser Unerbittlichkeit, nimmt das noch ein schlimmes Ende mit ihm. Das kann auf Dauer nicht gutgehen."

Wolfhard Kusch ist 61, Rechtsanwalt aus Schwaben, aber vor allem ist er der sieben Jahre ältere Bruder von Roger Kusch, über den jetzt alle reden: über diesen Erfinder eines Selbsttötungsapparats. Den Hamburger Ex-Justizsenator, der am vorvergangenen Samstag die 79-jährige Rentnerin Bettina S. aus Würzburg in den Freitod begleitet hat. Der ihr Sterben mit einer festinstallierten Videokamera aufnahm, der eine Pressekonferenz veranstaltete, die das Land aufschreckte, verschreckte, abschreckte.

Und wenn sich der ältere Kusch nun, in den Tagen danach, eine Frage stellt, dann nicht die, woher die Radikalität kommt, mit der sein Bruder sich dafür einsetzt, den Selbstmord zu professionalisieren - dieser Furor wundert ihn schon lange nicht mehr. Was ihn rätseln lässt, ist vielmehr, warum "dieser Irrsinn dazu führt, dass seriöse Politiker darauf reagieren und sich die ganze Öffentlichkeit dafür interessiert".

"Was Kusch gemacht hat, ist menschenunwürdig", erregte sich Unions-Fraktionschef Volker Kauder, "Will der Mann Gott spielen?", fragte SPD-Fraktionschef Peter Struck, die bayerische Justizministerin Beate Merk, früher mal mit Kusch befreundet, attestierte ihm ein "erschütterndes Maß an Gleichgültigkeit". Sogar Kanzlerin Angela Merkel fühlte sich umgehend bemüßigt, "aktive Sterbehilfe" ganz entschieden abzulehnen.

Damit lieferte sie dem "Mediengeier" Kusch (Ärzteschafts-Vizepräsident Frank Montgomery) allerdings gleich noch eine willkommene Vorlage: Mit aktiver Sterbehilfe, also der Tötung eines anderen Menschen auf Verlangen, hatte Kuschs Dienstleistung streng juristisch betrachtet nichts zu tun. Bettina S., noch ganz rüstig, setzte sich die beiden tödlichen Cocktails selbst an die Lippen. Zwar hatte Kusch die Medikamente empfohlen, aber weder hat er sie beschafft, noch blieb er im Zimmer, als Bettina S. sich umbrachte. Die Staatsanwaltschaft sah für die Eröffnung eines Ermittlungsverfahrens keinen Grund.

So besteht nun also Kuschs Tabubruch weniger in dem, was er in Würzburg, im ersten Stock des Hauses im Röntgenring, getan oder nicht verhindert hat. Seine Provokation ist die Pressekonferenz danach, bei der er aus dem vielleicht sensibelsten Abschnitt des Lebens, dem Sterben, ein öffentliches Schaustück gemacht hat. Ein Thema, dem die Bundespolitik danach nicht mehr entkommen konnte, weil es um mehr geht als ein Rendezvous zum Tod zwischen einem abgehalfterten Politiker und einer sterbewilligen Frau. Es berührt die Frage nach dem Wert des Lebens, des eigenen Lebens, und wie weit man am Ende noch darüber entscheiden kann.

Kusch habe leider erkannt, dass es kaum eine Angelegenheit gebe, die Bürger emotional so aufbringe, klagte denn auch Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach. Und dass Umfragen zufolge viele Deutsche meinen, die Strafgesetze zur Sterbehilfe seien zu streng, bestätigt ihn. Das zeigt, wie sehr die Bürger fürchten, ihnen könnte der letzte Notausgang aus dem Leben versperrt sein, zugemauert von den Parteien, den Gerichten, von wem auch immer.

Kusch, der Provokateur, verwandelte diese Angst in Aktion. So trösten sich nun manche Kusch-Kritiker aus der Sterbehilfeszene damit, dass der falsche Mann immerhin das richtige Thema auf die Berliner Tagesordnung gesetzt habe.

Auch dieses Verdienst ist allerdings umstritten. Denn nicht nur die Frage, wer beim Abschalten lebensrettender Maschinen das letzte Wort hat - Arzt oder Patient - hat mit den Gesetzentwürfen zur Patientenverfügung längst den Bundestag erreicht. Noch am vergangenen Freitag diskutierte der Bundesrat, ob Vereine wie die "Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e. V." bestraft gehören. Was in der überhitzten Debatte um den Freitod auf Bestellung völlig untergeht: In der klinischen Praxis gibt es längst Wege, die Ärzte jedes Jahr in Tausenden Fällen gehen, um sterbenskranke Schmerzpatienten in den Tod dämmern zu lassen. Kein Strafgesetz verfolgt sie deswegen.

Und schließlich entsteht in Deutschland mittlerweile ein neues Betreuungsnetz für die palliative Sterbebegleitung in der eigenen Wohnung - bezahlt von den Krankenkassen. Auch Bettina S. hätte deshalb bald keine Angst mehr haben müssen, irgendwann in einem Heim dem Tod entgegenzusiechen.

Angesichts all dieser Möglichkeiten stellt sich umso mehr die Frage, wer dieser Roger Kusch ist und was ihn wirklich antreibt - nicht nur zum begleiteten Selbstmord von Bettina S., auch zum Selbstmord an seiner eigenen bürgerlichen Existenz. Spätestens seit Würzburg gilt der Ex-Senator für viele frühere Begleiter nicht mehr als satisfaktionsfähig.

Vermutlich muss man für eine Antwort sehr weit zurückgehen, nach Stuttgart, in ein Elternhaus mit dem Muff der fünfziger und sechziger Jahre. Dass Kusch homosexuell ist, ein Umstand, den er Jahrzehnte später, nach dem Outing durch den Senatskollegen Ronald Schill, auch selbst öffentlich machte, führte zu einer familiären Katastrophe.

"Ein bestimmter Teil seiner Unerbittlichkeit kommt auch daher", glaubt deshalb sein Bruder; Roger Kusch selbst sieht es im Gespräch mit dem SPIEGEL ähnlich: Es könne schon sein, dass die Schwierigkeiten in der Familie ihn heute weniger empfindlich für Kritik machten. Und vielleicht hat ihn das auch weniger empfänglich für Warnsignale gemacht, bevor er Grenzen überschreitet.

Seiner Karriere schadete das zunächst einmal nicht - so wenig wie jene Lust, die er schon früh daran fand, ziemlich wilde Thesen mit bestechenden Argumenten zu verteidigen. In seiner Promotion zur Strafbarkeit im Vollrausch argumentiert er, dass ein Skilehrer mit 2,5 Promille, der auf der Piste einen anderen Skifahrer umbrettere, sich strafrechtlich weniger schuldig mache als ein blutiger Anfänger, dem das Gleiche passiere, aber nüchtern. Auf das Thema muss man erst mal kommen.

Kusch stieg auf, vom Amtsgericht Karlsruhe ins Bundesjustizministerium, dann zum Rechtsreferenten der Union im Bundestag, danach für fünf Jahre ins Kanzleramt, als Referatsleiter Innere Sicherheit. Eine Karriere, so "makellos wie ein Taufkleid", schrieb die "Bild"-Zeitung dem Hamburger Justizsenator Kusch ins Stammbuch. Sein Freund aus Studientagen, Bürgermeister Ole von Beust, hatte ihn 2001 auf den Posten gesetzt.

Kusch hatte damit eigentlich alles erreicht, doch glaubt man ihm, war es wie mit einem ausgepackten Geschenk: "Das erste ,Guten Morgen Herr Senator' war noch etwas Besonderes", danach habe vieles schnell an Reiz eingebüßt. Begann sie deshalb, die Zeit der Provokationen? "Ich habe immer schon Dinge gemacht, vor denen ich gewarnt wurde, weil ich sehen wollte, wohin das führte." Nun aber verwandelten sich Kapriolen in Kamikaze.

Um sich Anregungen für einen "modernisierten" Hamburger Strafvollzug zu holen, reiste Kusch 2002 nach Arizona, besuchte den berüchtigten "Sheriff Joe" Arpaio, der seine Gefangenen in rosa Unterwäsche steckte, um sie zu demütigen. Die nächste Inspektion ging in einen Knast in St. Petersburg. Als Hardliner forderte er die Abschaffung des Jugendstrafrechts, und im Herbst 2005 präsentierte er auf der Justizministerkonferenz Pläne, aktive Sterbehilfe zu legalisieren.

Ihn verband nichts Persönliches mit diesem Thema, kein Fall im Familien- oder Bekanntenkreis. Er habe damals aber einen spanischen Spielfilm gesehen, "Das Meer in mir", der habe ihn berührt.

Andere behaupten, ihn habe vor allem berührt, dass ihn außerhalb Hamburgs keiner wahrgenommen habe. "Der wollte einfach mal bundesweit eine Duftmarke setzen", glaubt Wolfgang Beuß, stellvertretender Chef der CDU-Fraktion in der Hamburger Bürgerschaft.

Vier Monate und einige Eskapaden später feuerte ihn sein Freund Beust aus dem Amt. Kusch verließ sofort die CDU, nach 34 Jahren. Damit galt er als Ketzer. Er gründete eine Partei mit dem Namen "Heimat Hamburg". Damit galt er als Sektierer. Bei der Bürgerschaftswahl im vergangenen Februar kam die Splittertruppe nur auf 0,5 Prozent. Damit galt er als Verlierer. Doch das Thema Sterbehilfe begleitete ihn die ganze Treppe nach unten, so als wollte er nach jedem Misserfolg nur umso verbissener daran glauben.

"Das sind Akte der Selbstzerstörung", diagnostiziert sein Bruder Wolfhard, "der Roger hatte schon immer verquere Ideen, die weder an der Realität noch an einem gesellschaftlichen Wertesystem zu messen sind", das mache ihn so gefährlich wie gefährdet. Roger Kusch dagegen sieht sich nur als konsequenter Mensch: "Durch das, was ich tue, verliere ich etliches, aber ich gewinne auch mindestens so viel dazu: Menschen, die verblüfft sind, dass es jemanden gibt, der nicht nur redet, sondern handelt."

Im März dieses Jahres präsentierte er auf einer Pressekonferenz seinen bizarren Selbsttötungsautomaten. Er tat das ohne jede Befangenheit, in einem Land mit der Bürde der Euthanasie, in einem Land, von dem es mal hieß, der Tod sei ein Meister aus Deutschland. Und Kusch saß da, mit seiner Maschine, wie ein Handwerksgeselle des Tötens.

Es war der Tag, an dem in Würzburg Bettina S. auf ihn aufmerksam wurde. Der Tag, an dem sie wegschwenkte von der Organisation Dignitas, die Deutschen in der Schweiz beim Lebennehmen hilft, hin zu Kusch. Und nach einer ersten Mail von ihr, am 8. April, schwenkte Kusch zu ihr.

Ursprünglich schon am 21. Juni sollte bei ihr ein Tod eintreten, wie es ihn in Deutschland so noch nicht gegeben hatte: begleitet von einem Todesengel, der mal ein leibhaftiger Senator war; beobachtet von einer Videokamera, die vier Stunden lang mitläuft. Nur Kuschs Todesmaschine sollte doch nicht zum Einsatz kommen; stattdessen eine exakt vorgegebene Dosis an Chloroquin, einem Malariamittel, kombiniert mit einem starken Beruhigungsmittel. Eine Ärztin, die Kusch und Bettina S. beriet, hatte vor dem Apparat gewarnt; die Venen könnten brüchig sein. So lange ein Mensch das Gift noch schlucken könne, sei Kuschs Killerkasten das riskantere Verfahren.

Bettina S. war also bereit für diesen Tag, diesen Tod, für diesen Test auf die Hemm- und Reizschwellen der Gesellschaft. Dann aber kam ihr noch etwas dazwischen: Ihre Halbschwester Gudrun sollte in der Nähe sein, das Nötige regeln, wenn alles vorbei wäre. Doch Gudrun hatte Eintrittskarten, für Leipzig, für ein Bach-Konzert, ausgerechnet am 21., und so beschloss Bettina S., dass es auf die eine Woche mehr oder weniger ja wohl nicht mehr ankomme. Bach ging vor, der Tod musste warten, der Skandal auch. Erst sieben Tage später starb Bettina S., am 28. Juni, kurz nach 16 Uhr.

Es sind auch solche Begleiterscheinungen eines unnatürlichen Todes, die Kuschs Einsatz so fragwürdig erscheinen lassen. Sterb ich heut nicht, sterb ich morgen? Gibt's Bach oder Beethoven, gibt's Karten oder keine? Muss ein Suizidbegleiter, der seriös sein will, dann nicht an der Notwendigkeit zweifeln? Um abzubrechen? "Auch mir erschien der von ihr gewählte Zeitpunkt des Selbstmords nicht zwingend - ich habe mehrfach versucht, Frau S. die mangelnde Dringlichkeit ihres Wunsches darzulegen, ich habe es nicht geschafft", rechtfertigt sich Kusch. Warum aber hat er dann nicht wenigstens sich selbst überzeugen können, es zu lassen?

Was schließlich noch dazukam: Bettina S. war nicht lebensbedrohlich krank, nicht mal lebensmüde depressiv, und wenn sie einen akuten Grund hatte zu sterben, dann nur aus Angst vor der Angst. Die Vorstellung, irgendwann in ein Pflegeheim gehen zu müssen, dort zu sterben, war ihr ein Horror. Das mag durchaus Grund genug sein, um Selbstmord zu begehen. Aber auch Grund genug, ihr dabei zu helfen?

"Bei den bekannten Suizidbegleitern vermischt sich immer missionarischer Eifer mit Geltungssucht", behauptet Gita Neumann, Psychologin beim Humanistischen Verband in Berlin, der mehrere Hospize unterhält und auch Beihilfe zum Freitod zumindest nicht kategorisch ablehnt. Der Patient bringe dem Sterbebegleiter eine maßlose Dankbarkeit entgegen, dies schmeichle dann natürlich schon dem Ego.

Fest steht, dass Kusch im Fall Bettina S. gleich mehrfach gegen Grundsätze verstoßen hat, die er selbst früher aufgestellt hatte. Noch im Oktober 2005 bezeichnete er im "Hamburger Abendblatt" die "ärztliche Feststellung einer irreversibel tödlichen Krankheit" als Voraussetzung, um "Missbräuche" bei der Hilfe auf dem Weg ins Jenseits auszuschließen. Und heute?

"Die Formulierung im ,Abendblatt' war ein Patzer, das ist mir schon wenige Tage später aufgefallen; seitdem habe ich sie auch nie mehr benutzt." Stattdessen forderte er - etwa in der "Neuen Juristischen Wochenschrift" Anfang 2006 - einen Zustand, "der dem Patienten ein Weiterleben nur noch als Verlängerung seiner Qualen erscheinen lassen muss". Zum Beispiel? "Weitgehende Lähmungen" oder "unerträgliche Schmerzen".

Auch das traf auf die Patientin S. nicht zu. Sie hatte Diabetes, war einsam, schlecht zu Fuß. Warum er trotzdem geholfen hat? "Weil der Maßstab ,irreversibel tödlicher Krankheitsverlauf' beim begleiteten Suizid vollkommen irrelevant ist", doziert Kusch mit einem selbstverständlichen Ton, als hätte er damit nicht gerade gesagt, dass dann im Grunde ganze Menschenmassen begleitet werden könnten auf dem finalen Weg. Auch ein 17-Jähriger mit Liebeskummer? Der, meint Kusch, natürlich doch nicht. Und ein 40jähriger Familienvater mit Depressionen? Eigentlich auch nicht. Aber wer dann? "Ich werde mich nie auf eine allgemeine Definition von Kriterien einlassen, wann Suizide akzeptabel oder inakzeptabel sind. Akzeptanzentscheidungen treffe ich ausschließlich für mich selbst."

Da fällt es Kusch natürlich auch leicht, sich noch von einem weiteren Fundamentalsatz seiner Sterbekunde zu verabschieden. Noch im August 2007 schrieb er im Fachblatt "Neue Zeitschrift für Strafrecht", wer "in Deutschland Beihilfe zum qualfreien Suizid" leisten wolle, für den komme "der Schierlingsbecher nicht in Betracht, weil die oral wirksamen Gifte, die in Deutschland straffrei bereitgestellt werden dürfen, allesamt die Gefahr schmerzhafter Todesqualen bergen".

Auch da sei er damals leider noch einem Irrtum aufgesessen, entschuldigt sich Kusch. Es gebe durchaus geeignete Medikamente zum Schlucken, auch in Deutschland; der Tod aus dem Becher sei deshalb auch ohne Qualen über Bettina S. gekommen. Ob das stimmt, lässt sich schwer überprüfen, weil Kusch das Todesvideo vorerst nicht zeigen will.

Wer so scharf formuliert und so schnell revidiert, muss sich allerdings fragen lassen, wie lange die nächste Gewissheit hält. Und wie gut er den aktuellen Stand der Sterbepraxis überhaupt überblickt. Schwer zu verstehen etwa, dass Kusch von der Todeskombi aus Chloroquin und Diazepam nichts gewusst hat.

"Das gibt es doch schon lange", sagt Gita Neumann vom Humanistischen Verband, und wer es nachlesen wollte, konnte es in einer Schrift tun, die erstmals 2003 in den Niederlanden und inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist.

Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis der Band vergriffen ist, so wie die ersten Auflagen des Buchs im Nachbarland. Schließlich steckt in vielen Menschen nicht nur eine Urangst vor unerträglichen Schmerzen, sondern auch die Angst, alleingelassen zu werden oder anderen zur Last zu fallen. Eugen Brysch, Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung, war deshalb vor kurzem im Berliner Kanzleramt, und natürlich ging es im Gespräch mit Kanzlerin Merkel auch um Geld gegen die Angst. Die Angst vor Terroranschlägen, sagt Brysch, sei doch viel kleiner als die Angst vor einem zähen, quälenden Ende. "Wenn die Politik so viel dagegen tun würde wie bei ihren Maßnahmen gegen den Terror", sagt Brysch, "dann könnten wir unsere Stiftung schon morgen auflösen."

Er denkt an die Heime, in denen Alte nur sitzen und siechen, liegen und leiden, in denen sich niemand um mehr kümmert als um das nackte Leben - wenn überhaupt, wie die nackte Haut wundgelegener Dekubitus-Opfer zeigt, von hilflosen Menschen, die keiner mehr umgedreht hat. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat zumindest in der vergangenen Woche angekündigt, Pflegeheime genauer beobachten und schlechte schneller schließen zu lassen. Auch Hausärzte sind mit dem Altern in Würde überfordert. Der Zeitaufwand, sagt Thomas Schindler, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), "zerreißt jeden Praxisalltag". An diesen Stellschrauben zu drehen, damit das Alter nicht zu einem Warten auf den Tod verkommt, bringt nach Ansicht des Göttinger Palliativmediziners Friedemann Nauck weit mehr als neue Gesetze zur Sterbehilfe. Was nämlich die letzten Wochen, Tage und Stunden vor dem Ende betrifft, haben die Ärzte in den vergangenen zehn Jahren auch so schon große Fortschritte gemacht.

Sicher, es gibt in Deutschland noch viel zu wenige Mediziner, die eigens für die Betreuung am Lebensende geschult sind. In Spezialabteilungen größerer Kliniken und Hospizen sind Ärzte aber in der Lage, den Schmerz bei fast allen Patienten zumindest so weit zu dämpfen, dass sie ihn aushalten können, auch die Atemnot, die meistens noch als viel entsetzlicher empfunden wird. Oft erleben die Palliativmediziner dann, dass Patienten, die sie schon um einen schnellen Tod angebettelt hatten, weiterleben wollen. Und natürlich kennen auch alle Palliativmediziner die Schmerzlinderung, aus der man nicht mehr erwacht. Weil das Gesetz von ihnen nicht nur verlangt, Leben zu retten, sondern auch Schmerz zu lindern, ist der Tod als Nebenwirkung etwas, was strafrechtlich in der Regel nicht geahndet wird. Auch sei es ein "Schmarrn" zu glauben, sagt DPG-Geschäftsführer Schindler, dass Patienten, die nicht mehr weiterleben wollten, trotzdem immer an den Tropf gehängt würden. Man könne dem "Sterben durchaus seinen Lauf lassen". Doch so etwas "bedarf filigraner Lösungen", sagt Hospiz-Experte Brysch, "das kann man nicht mit dem hölzernen Handschuh des Strafrechts lösen".

Zu solchen Filigran-Lösungen, die das Sterben leichter machen, soll auch eine Vorschrift mit dem sperrigen Namen "Spezialisierte ambulante Palliativversorgung" führen. Seit April 2007 in Kraft, hilft sie unheilbar Kranken wie Peter L. aus Regensburg, die unter extremen Schmerzen leiden, aber zu Hause sterben wollen. L. ist 56, sein Darmkrebs ist so fortgeschritten, dass die Ärzte, auf seinen Wunsch hin, im Mai die Chemotherapie absetzten. Jetzt geht seine Tochter nicht mehr zur Schule, die Zeit mit dem Vater ist ihr zu kostbar. "Er möchte unbedingt zu Hause, in vertrauter Umgebung sterben", sagt seine Frau. Die Betreuung übernimmt ein sogenanntes Palliativ-Care-Team, von denen es heute bundesweit schon 60 gibt, bisher noch finanziert über Spenden. Bis zum Jahr 2010 sollen es 330 werden, flächendeckend in ganz Deutschland, bis zu 240 Millionen Euro sollen jährlich bereitstehen, bezahlt von den Krankenkassen.

Allerdings zeigt das Musterprojekt auch, wie schnell im deutschen Gesundheitssystem aus guten Absichten ein Kampf ums gierige Abgreifen wird. Weil sich Hausärzte, Pflegeorganisationen, Krankenhäuser und Krankenkassen nicht einigen können, wie das Geld verteilt werden soll, ist der vorgesehene Betrag für 2007 verfallen, auch die 130 Millionen Euro für dieses Jahr werden wohl nicht mehr ausgeschüttet werden. "Das ärgert, macht traurig, so etwas darf einfach nicht sein", sagt DGP-Geschäftsführer Schindler.

Und deshalb bleibt die Angst jedes Einzelnen vor einem qualvollen Tod auch für Roger Kusch eine treue Verbündete. "Ich mache weiter, denn ich habe schon vor einiger Zeit mit engen Freunden diskutiert, ob ich es aushalten würde, demnächst als Frankenstein, Mabuse oder Dracula in den Zeitungen zu stehen." Ob der Gesetzgeber Kusch in Zukunft aufhalten kann, ist fraglich.

Zwar verständigte man sich vergangenen Freitag im Bundesrat auf einen Entschließungsantrag, wonach das Betreiben von Vereinigungen, die Suizide zu kommerziellen Zwecken begleiten, bestraft werden soll. Noch in diesem Jahr, so verabredeten der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) und SPD-Chef Kurt Beck, werde ein entsprechendes Gesetz vorliegen. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) ist jedoch skeptisch, Organisationen wie Dignitas oder dem Kusch-Verein strafrechtlich beizukommen - solange diese betonen, keinen Gewinn erzielen zu wollen.

JÜRGEN DAHLKAMP, GUNTHER LATSCH,

UDO LUDWIG, RENÉ PFISTER, NICOLE SEROCKA, PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 28/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ETHIK:
Tod aus dem Becher