Von Hülsen, Isabell
Heinz Gerlach sitzt in seinem Büro in Oberursel und sieht gar nicht aus wie ein Mann, vor dem sich die Mächtigen der Hochfinanz fürchten müssten. Unter seinem dunkelblauen Hemd wölbt sich der Bauch, die grauen Hinterkopfhaare kräuseln sich lang im Nacken. Im Stakkato-Takt redet Gerlach, 62, über Fonds-Manager und ihre Machenschaften, über Dunkelmänner und Lichtgestalten und darüber, was ihn treibt, sich seit 30 Jahren an ihnen abzuarbeiten.
"Das ist die geilste Branche", sagt er. "Ich habe hier jeden Tag 'Dallas' oder 'Denver'."
Gerlachs Rolle in dieser Seifenoper war lange klar: Die Illustrierten feierten den Steuergehilfen als "Deutschlands bekanntesten Anlegerschützer", als "Abzock-Erkennungsdienst" und "Haifischjäger". Er durchleuchtete windige Geschäftsmodelle, zerpflückte Prospekte und erzwang Transparenz in einem eher lichtscheuen Milieu.
Gerlachs Revier ist die milliardenschwere Branche geschlossener Fonds. Allein 2007 sammelten die Emissionshäuser 12,7 Milliarden Euro bei Anlegern ein und kauften davon vor allem Schiffe und Immobilien. Von staatlicher Aufsicht lange befreit und noch immer eher lax behandelt, sorgte die Branche für spektakuläre Gewinne - und spektakuläre Pleiten.
Die Waffe, mit der Gerlach das Metier zum Zittern bringt, sind zwei kleine Postillen. Sein "Direkter Anlegerschutz" und der "Anlegerschutz-Report" haben zwar nur einige tausend Abonnenten, aber große Wirkung: Bankberater und Vertriebe haften, wenn sie die Fonds-Käufer nicht darüber informieren, dass die Presse vor Anlageprodukten gewarnt hat. Ob Gerlach zur Pflichtlektüre zählt, ist umstritten, aber die Angst der Vertriebe ist groß. Für sie und ihr Geschäft hängt viel davon ab, ob er den Daumen hebt oder senkt.
Mehr als einmal versuchte die Fonds-Branche daher, den nervigen Kritiker loszuwerden. Doch jeder Anlauf, ihn zu diskreditieren, scheiterte. Gerlachs Integrität war sein Kapital. Das allerdings trug offenbar zu wenig Rendite ein.
Denn der Mann, der noch immer vorgibt, die Zunft zu kontrollieren, ist verdächtig nah an sie rangerückt. Der einst gefürchtete Abzock-Erkennungsdienst gilt bei manchem in der Branche inzwischen selbst als Abzocker: Weil sich der Einsatz für die gute Sache allein über Abo-Gebühren nicht finanzieren lässt, holt sich Gerlach das Geld dort, wo es sitzt: bei den Fonds direkt. Das Geschäftsprinzip ist simpel: Wer den Experten vorher engagiert, darf sich einigermaßen sicher fühlen, danach nicht in sein Fadenkreuz zu geraten.
Gerlach nennt seine Mission "anlegerorientierte Unternehmensberatung". Gemeint ist: Statt mit brotloser Schreiberei die Dunkelmänner ans Licht zu zerren, kämpft Gerlach am Ursprung des Bösen - und verdient mit.
Für 12 500 Euro erklärt der Anlegerschützer den Fonds-Managern, ob der Prospekt seiner Lesart der Branchenstandards genügt. Der Kunde erfährt so vorab, was ihm anderenfalls in Gerlachs Blättern gefährlich würde. Für 25 000 Euro hilft Gerlach auch bei der Konzeption des Prospekts. "Der beste Anlegerschutz findet an der Quelle statt", sagt er. In der Branche interpretiert mancher das etwas anders: "Die Lex Gerlach", sagt ein Fonds-Manager, "heißt Ruhe oder Rufschädigung."
Dass man es sich mit dem Türsteher der Branche nicht verderben sollte, hielt etwa die beinahe kollabierte Bankgesellschaft Berlin für angeraten. Deren Fonds-Tochter IBV überwies für diverse Prospektprüfungen und sonstige Beratungen zwischen 1999 und 2001 über 1,1 Millionen Mark für Gerlach und Mitarbeiter. Den tieferen Sinn der Liaison hielten die Bankleute schriftlich fest: "Müssen uns mit ihm gutstellen", notierten sie in einem internen Überblick über die Beraterverträge der IBV im Oktober 2001. Die Geschäftsbeziehung endete erst unter der Ägide der Sanierer. Gerlach sagt, er habe von selbst "das Handtuch geworfen, weil ich fühlte, dass bei der IBV etwas nicht rechtens ist" und an der Aufklärung des Skandals mitgewirkt.
Zu Gerlachs Klienten zählte auch die insolvente Falk-Gruppe. Bei dem verschachtelten Fonds-Imperium, dessen Chefs derzeit wegen Anlegerbetrugs im großen Stil vor Gericht stehen, hatte Gerlach einen Beratungsauftrag. Er habe, sagt er, den Betrug aber mitaufgedeckt.
Gerlach mag bezahlt sein. Gekauft aber, sagt er, sei er nicht. Dass sich der Anlegerschützer durch Geld abhalten ließe, über Tricksereien zu schreiben, oder nur gegen Bares gut berichtet, ist auch nicht nachzuweisen. Vielmehr scheint die "Lex Gerlach" eher dann zu greifen, wenn der Zahlungswille endet.
Vor allem das Emissionshaus Berlin Atlantic Capital (BAC) sieht sich zurzeit massiven Angriffen durch Gerlach ausgesetzt. Die Branchen-Novizen ließen vor vier Jahren den Prospekt für ihren Fonds "Life Trust One" von Gerlach analysieren. Für 14 500 Euro inklusive Steuern erhielten sie zweieinhalb Seiten Papier. Großen Mehrwert erkannte die BAC darin nicht. Man habe daher auf weitere Geschäfte mit Gerlach verzichtet, heißt es im Haus. Der sieht das anders: Er habe sich geweigert, weiter für BAC zu arbeiten, da der Fonds seine Rendite aus Gerlachs Sicht unzulässig mit der sogenannten Zinsfußmethode prognostiziere. Es habe das Risiko bestanden, dass er sich wegen Kapitalanlagebetrugs mit strafbar mache, so Gerlach. Nur: Die Rechenmethode ist zwar umstritten, doch bei korrekter Einordnung keineswegs illegal.
Im März kam es zum großen Krach. Da warf Gerlach der BAC "krasse Täuschung von Anlageinteressen und des Vertriebs" vor, weil das Fonds-Haus erklärt hatte, sein "Life Trust 2" schütte 44 Prozent Rückflüsse an die Anleger aus. Laut Gerlach habe man damit eine Rendite von 44 Prozent vorgetäuscht. Tatsächlich wurden eingezahlte Anlegergelder ausgeschüttet - wie im Fonds-Konstrukt vorgesehen.
Die BAC wehrte sich juristisch und ging via Presseerklärung in die Offensive: Gerlach sei "ein geschätzter Journalist", in Sachen BAC aber habe er es auf eine Kampagne angelegt und schreibe vorsätzlich falsch. Für Anleger aber zählten korrekte Fakten "und nicht bezahlte Auftragsarbeit und unseriöse Manipulationsversuche".
Seither ist der Zoff mit Gerlach ein Dauerzustand: Fünf einstweilige Verfügungen hat die BAC in den vergangenen Wochen erwirkt. Gerlach gibt sich gelassen: "Mini-Nebenkriegsschauplätze" seien das meiste, sagt er. Die BAC setzt er nun im Wochentakt in seinen Blättern unter Feuer.
Wer in welchem Einzelpunkt wirklich recht hat, lässt sich kaum prüfen. Doch das Emissionshaus ist nicht allein: Auch andere Fonds berichten, Ärger mit Gerlach gebe es nicht selten, wenn die Zusammenarbeit mit ihm beendet werde. Fließe das Geld nicht, sagt Rechtsanwalt Ekkehart Heberlein, der diverse Häuser gegen Gerlach vertritt, führe das "zu wütenden Rundumschlägen." Fonds-Manager werden als Lügner beschimpft, aus Fehlern werden "Skandale", aus Interpretationsfragen "vorsätzliche Täuschung". "Mit Information der Öffentlichkeit hat das nichts mehr zu tun", sagt Heberlein.
Dabei legt Gerlach immer wieder den Finger in die Wunde und deckt Skandale wie zuletzt bei der Göttinger Gruppe auf. "Ohne Gerlach gäbe es in der Branche mehr Bösewichte", sagt etwa Ove Franz, Ex-Chef des Bankhauses Wölbern. Doch dass Gerlach regelmäßig unseriös über das Ziel hinausschieße und mit Attacken in der Branche für Ehrfurcht und Schrecken sorge, sagen selbst Wohlmeinende. Was echter Skandal und was Kampagne ist, lässt sich für Anleger kaum unterscheiden. Anbieter wie die Deutsche-Bank-Tochter DWS und andere lehnen es daher inzwischen ab, dem Anlegerschützer überhaupt Prospekte ihrer Fonds zu schicken.
Wie Gerlach arbeitet, konnte die Branche auch am Fall Vivacon studieren: Die börsennotierte Immobilienfirma zahlte Gerlach vor vier Jahren 25 000 Euro für Beratung. Nach dem Ende der Zusammenarbeit warf Gerlach dem Haus Trickserei und Bilanztäuschung vor.
Drohend schrieb der Anlegerschützer an Analysten verschiedener Großbanken, die die Aktie empfohlen hatten. Offenkundig sehe man seine kritische Analyse als gegenstandslos an, so Gerlach. Er verweise aber darauf, dass "Ihre Häuser verpflichtet sind, bei dem Verkauf von Vivacon-Aktien den Kaufinteressenten unsere Analyse-Ergebnisse auszuhändigen". Den HypoVereinsbank-Analysten beschimpfte Gerlach als "Chefpropagandist" der "Lügen" des Vivacon-Chefs.
Die Bank stufte die Aktie herunter. Gerlachs Vorwürfe seien haltlos, so die Begründung, doch seien anhaltend schlechte Nachrichten wegen des diffamierenden Berichts nicht auszuschließen. Der Fall beschäftigt das Landgericht Frankfurt.
Auch andere Anbieter wehren sich juristisch gegen Gerlachs Gebaren. Der sieht im Widerstand seiner Kritiker bloß Versuche der "Branchenkloake, mich mal wieder anzupissen". Mit der Mehrheit der Anbieter gebe es keine Probleme, seriöse Häuser fühlten sich von ihm auch nicht unter Druck gesetzt.
Womöglich aber gerät Gerlach nun selbst unter Druck. Das Geschäft gehe gut, sagt er. Geschäftsabschlüsse indes hat er seit Jahren nicht abgegeben, ein Ordnungsgeldverfahren läuft. Er schließe sich einer Verfassungsklage gegen die Offenlegungspflicht an, so Gerlachs Begründung.
Am liebsten zahle Gerlach die Kosten gegnerischer Anwälte erst, wenn man ihm mit Zwangsvollstreckung drohe, sagt der Anwalt eines Fonds. Eine Kanzlei, die Gerlach früher vertrat, sitzt auf sechsstelligen Forderungen, die Vollstreckung läuft. Gerlach streitet Schulden nicht ab: Über die Gesamtverbindlichkeit sei "noch zu verhandeln", die Beträge seien aber "zurückgestellt und auch verfügbar".
Doch egal wie es um Gerlachs finanzielle Situation bestellt ist: Viel Kapital hat er bereits verspielt. ISABELL HÜLSEN
DER SPIEGEL 28/2008
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