07.07.2008

LEGENDENDer falsche Friedensfürst

Bei den Vereinten Nationen in New York liegt - feierlich unter Glas - eine 2500 Jahre alte Keilschrift, verehrt als „antike Deklaration der Menschenrechte“. Nun zeigt sich: Der Text stammt von einem antiken Despoten, der seine Gegner foltern ließ.
Es sollte eine Gala der Rekorde werden, die Schah Mohammed Resa Pahlewi da plante. Zuerst hatte er die "weiße Revolution" (eine Bodenreform) ausgerufen und sich zum "Licht der Arier" ernannt. Nun, im Oktober 1971, verlangte es ihn, "2500 Jahre iranische Monarchie" zu feiern. Angekündigt wurde "die größte Schau der Welt".
50 Prunkzelte ließ der Landesherr in den Ruinen von Persepolis aufbauen. 69 Staatschefs und gekrönte Häupter reisten an, darunter der Kaiser von Japan. Man trank rund 20 000 Liter Wein, aß Wachteleier mit Pfauen und vergoldetem Kaviar. Am Tisch kreisten Magnumflaschen Château Lafite.
Auf dem Höhepunkt des Festes schritt der Schah zum Grab Kyros' II. Der hatte im 6. Jahrhundert vor Christus in einem blutigen Dauerkrieg über fünf Millionen Quadratkilometer Land erobert.
Mit 100 Millionen Dollar sei die Ehrung des alten Perserkönigs ziemlich teuer ausgefallen, meinten Kritiker damals. "Soll ich den Staatsoberhäuptern Brot und Radieschen servieren?", knurrte Resa zurück.
Auch der Religionsführer Ajatollah Chomeini meldete sich empört aus dem Exil: "Die von iranischen Königen begangenen Verbrechen haben die Seiten der Geschichtsbücher geschwärzt."
Der Schah wusste es besser. Kyros, so verkündete er, sei ein ganz besonderer Mann gewesen: edel gesinnt, voller Liebe und Milde. Als Erster habe er ein Recht auf "Meinungsfreiheit" begründet.
Diese Sicht der Dinge ließ er auch der Uno mitteilen. Am 14. Oktober - die Party in Persepolis war gerade in vollem Gange - schritt seine Zwillingsschwester ins Gebäude der Vereinten Nationen in New York.
Dort überreichte sie dem Generalsekretär Sithu U Thant die Kopie einer Keilschrift, groß wie ein Nudelholz. Der bedankte sich für das "historische Geschenk" und pries es sogleich als "antike Deklaration der Menschenrechte".
Kyros "wollte Frieden", beteuerte nun auch der Uno-Chef. Der Perserkönig habe die "Weisheit gezeigt, andere Zivilisationen zu achten".
Dann ließ Thant die Tonrolle (die einen angeblich besonders humanen Erlass Kyros' II. aus dem Jahr 539 vor Christus enthält) feierlich in eine Schauvitrine im Uno-Hauptgebäude aufstellen. Dort liegt sie, in direkter Nachbarschaft mit einer Abschrift des ältesten Friedensvertrags der Welt, noch heute.
Große Gesten. Große Worte. Großer Unsinn.
Es sieht so aus, als seien die Vereinten Nationen auf einen Schwindel hereingefallen. Anders als vom Schah behauptet, sei der Keilschrift-Erlass "Propaganda", erklärt der Kieler Altorientalist Josef Wiesehöfer: "Dass Kyros Menschenrechtsideen in Umlauf brachte, ist Nonsens."
Auch der Heidelberger Assyriologe Hanspeter Schaudig kann in dem antiken Regenten keinen Vorkämpfer von Gleichheit und Würde sehen. Untergebene mussten seine Füße küssen.
Fast 30 Jahre lang überzog der Herrscher das Morgenland mit Krieg und zwang Millionen in sein Steuerjoch. Unbeugsamen ließ er Nase und Ohren abschneiden. Zum Tode Verurteilte vergrub man bis zum Kopf im Sand. Den Rest erledigte die Sonne.
Wurde da eine - vom Schah ausgedachte - Geschichtslüge von der Uno ungeprüft übernommen?
Öffentlich gemacht hat die Sache jetzt der Kunsthistoriker Klaus Gallas, der in Weimar ein deutsch-iranisches Kulturfestival vorbereitet ("West-östlicher Divan", Start: Sommer 2009). Dabei stieß er auf die Ungereimtheiten mit dem Kyros-Erlass. "Die Uno hat einen schweren Fehler gemacht", sagt Gallas.
Trotz mehrfacher Anfragen des SPIEGEL mochte sich die Organisation zu dem Vorgang nicht äußern. Der "UN information service" in Wien verkündet weiterhin, dass die Inschrift aus dem Orient von vielen für das "erste Menschenrechtsdokument" gehalten werde.
Entsprechend verheerend ist das Echo. Selbst in deutschen Schulbüchern tritt der Altperser mittlerweile als Vorkämpfer humaner Politik auf. Im Internet kursiert eine - gefälschte - Übersetzung, in der Kyros sogar für Mindestlohn und Asylrecht einsteht.
"Sklaverei muss auf der ganzen Welt abgeschafft werden", heißt es dort, "jedes Land ist frei zu entscheiden, ob es meine Führung möchte oder nicht."
Selbst Schirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003, fiel auf den Schmu herein. "Ich bin Iranerin, Abkömmling von Kyros dem Großen", erklärte sie bei ihrer Rede in Oslo: "Das ist derselbe Herrscher, der verkündete, er werde nicht über das Volk regieren, wenn das Volk es nicht wünscht."
Fachleute sind fassungslos. Verselbständigt sich da ein Gerücht?
Im Zentrum des Bluffs, so viel ist klar, steht eine Gestalt, die wie kaum eine andere den Alten Orient erschütterte. "Militärische Geniestreiche" (Wiesehöfer) führten Kyros bis nach Indien und an die Grenze Ägyptens. Er gilt als Schöpfer eines Flächenstaats neuen Zuschnitts. Auf dem Zenit seiner Macht war er Inhaber eines vor Reichtum strotzenden Märchenreichs.
Dabei hatte alles so bescheiden angefangen. Geboren als Sohn eines unbedeutenden Kleinkönigs in der Persis, Südwestiran, bestieg der junge Mann 559 vor Christus den Thron.
Bereits im Altertum rankten sich merkwürdige Legenden um den Dynasten. Eine besagt: Kyros wuchs in der Wildnis auf, eine Hündin säugte ihn. Zeitgenössische Bildnisse von ihm gibt es nicht.
Schon bald aber bekam der Westen die Entschlossenheit dieses Mannes zu spü-
ren. Zuerst besiegte er das Nachbarvolk der Elamer. 550 vor Christus griff er mit schnellen Kampfwagen und Soldaten in Bronzepanzern die Meder an.
Sodann ging der Aufsteiger gegen Kleinasien vor, wo Hunderttausende Griechen in Kolonien lebten. Vornehme Bürger aus Priene wurden versklavt.
Erholung von den Kriegsmühen fand der Feldherr in seiner Residenz in Pasargadai. Sie war umringt von einem bewässerten Garten, dem "paradeisos". Im Palast lebte ein üppiger Harem.
Lang hielt es der Chef dort allerdings nicht aus. Bald schon stand er wieder an der Front - in Afghanistan. Erst mit 71 Jahren war Schluss, irgendwo in Usbekistan. Ein Speer traf ihn im Oberschenkel. Drei Tage später war er tot.
Kühn im Gefecht, klug bei der Innenpolitik - Wiesehöfer nennt den König einen "Pragmatiker", der mit "Zuckerbrot und Peitsche" seine Ziele erreichte. Ein Humanist aber war er nicht.
Zwar fanden manche Hellenen Gefallen an dem Eroberer. Herodot und Aischylos (die allerdings später lebten) lobten den Orientalen als gnädig. In der Bibel wird er "Gesalbter" genannt, weil er angeblich den verschleppten Juden erlaubte, nach Israel zurückzukehren.
Doch moderne Historiker haben derlei Berichte längst als Schmeichelei entlarvt. "In der Antike wurde ein Glanzbild von Kyros erstellt", erklärt Wiesehöfer. In Wahrheit war er ein Gewaltherrscher wie andere auch. Seine Armee plünderte Wohnviertel und Heiligtümer, städtische Eliten wurden deportiert.
Diesen Mann zum Urheber der Menschenrechte umzudeuten konnte nur dem Schah einfallen, der bereits in den sechziger Jahren Probleme hatte. Obwohl seine Geheimpolizei Savak böse folterte, regte sich überall Widerstand. Marxistische Gruppen warfen Bomben, die Mullahs riefen zum Widerstand.
Also versuchte der Staatslenker, sich auf den antiken Vorgänger zu berufen. So wie Kyros einst der Vater der Nation gewesen sei, meinte er, "so bin ich es heute".
"Die Geschichte unseres Kaiserreichs beginnt mit der berühmten Proklamation des Kyros", behauptete der Schah. "Es handelt sich um eines der glänzendsten Dokumente, die es über den Geist der Freiheit und Gerechtigkeit in der Geschichte der Menschheit gibt."
Richtig ist jedoch: Die Tonrolle besiegelt einen schnöden politischen Verrat. Als der Text 539 vor Christus verfasst wurde, befand sich Kyros in dem wohl dramatischsten Abschnitt seines Lebens. Er hatte es gewagt, das Neubabylonische Reich anzugreifen, den mächtigen Rivalen um die Vorherrschaft im Orient.
Bis nach Palästina reichte dieser Staat. Sein Zentrum, das glanzvolle Babylon, gekrönt von einem 91 Meter hohen Turm, war der Hort des Wissens und der Kultur. Zudem starrte das Land vor Waffen.
Gleichwohl wagte der Perser den Angriff. Den Tigris hinab drängten seine Truppen. Zuerst überfielen sie die Fes-
tungsstadt Opis und töteten alle Gefan-
genen. Dann stürmten sie weiter auf Babylon zu.
Dort saß, eingeigelt hinter einer 18 Kilometer langen Stadtmauer, der bedrängte Gegner: König Nabonid, ein Greis von 80 Jahren.
In diesem Moment begingen in Babylon die Priester des Gottes Marduk Verrat am eigenen Land. Verärgert über den Machtverlust, den sie unter ihrem König erlitten hatten, öffneten sie heimlich die Tore und ließen feindliche persische Unterhändler in die Stadt. Nabonid wurde verbannt, sein Sohn ermordet.
Dann kungelte man die Bedingungen einer kampflosen Übergabe aus. Kyros forderte die Freiheit von Landsleuten, die in früheren Kriegen verschleppt worden waren. Auch bestand er auf die Rückführung gestohlener Götterstatuen (siehe Grafik Seite 127).
Es sind diese Passagen, die der Schah später zu einer generellen Absage an die Sklaverei umdeutete. In Wirklichkeit nahm Kyros nur den eigenen Gefolgsleuten die Fesseln ab.
Die Geistlichen bekamen für ihre tückischen Dienste Geld und Ländereien. Im Gegenzug priesen sie Kyros als "groß" und "gerecht" - schlicht als jemand, der alle Welt "aus Not und Bedrängnis errettet".
Erst als alles geregelt war, hielt der König selbst Einzug in Babylon. Durch das blauglasierte Ischtartor kam er geritten. Man breitete ihm Schilfzweige aus. Anschließend, so steht es in Zeile 19, durfte das Volk ihm "die Füße küssen".
Nach sittlichen Reformen und humanen Geboten sucht man in der Keilschrift vergebens. Der Forscher Schaudig nennt sie "ein brillantes Stück Propaganda".
Doch die Fama vom Friedensfürsten war dank der trickreichen Priester in der Welt. Und seit der Adelung durch die Uno bläht sie sich immer weiter auf.
Neuerdings machen sogar die Mullahs mit beim Kyros-Kult. Mitte Juni gab das Britische Museum in London bekannt, dass es den kostbaren Originalzylinder nach Teheran ausleihen werde. Er ist zum Objekt persischen Nationalstolzes geworden.
"Selbst dem deutschen Bundestag lag jüngst ein Antrag vor, den Erlass im Reichstag in einer Vitrine auszustellen", verrät Gallas.
Zwar ist das Begehren wieder vom Tisch. Doch die Geschichtsklitterung ist damit nicht gestoppt. Mit ihrer unseligen Ehrung hat die Uno ein Gerücht geboren, das immer neue Nahrung findet.
Wie heißt es doch in einem Sprichwort aus dem Orient: "Wenn ein Narr einen Stein in den Brunnen wirft, können ihn zehn Weise nicht mehr herausholen."
MATTHIAS SCHULZ
* Durch die Schwester des Schahs, Aschraf Pahlewi.
* Im Berliner Pergamonmuseum.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 28/2008
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