14.07.2008

TOTENKULTKostbares Gedächtnis

Auf Deutschlands ungewöhnlichstem Friedhof, dem Grabplatz der „sprechenden Steine“ von Amrum, sind sogar Sklavenhändler bestattet. Nun ist die Stätte vom Zerfall bedroht.
Möwen kreischen, vom Wattenmeer weht modriger Geruch herüber, als die Pastorin Friederike Heinecke ihren Gottesacker betritt. Prächtig verzierte Steinquader mit langen Inschriften ragen in die Friesenluft. Manche sind zwei Meter hoch und 800 Kilo schwer.
Insgesamt 91 dieser Trumme, genannt die "sprechenden Steine" von Amrum, stehen im Inseldorf Nebel neben der weiß getünchten Kirche Sankt Clemens. Sie genießen Denkmalschutz.
Erst aus der Nähe ist der Schaden zu sehen. Glitschiges Moos wuchert auf vielen der Grabplatten. "Besonders gefährlich sind die Krustenflechten", diagnostiziert die Pastorin. Diese verankern sich mit ihren Zellfäden in den Gesteinsporen. "Wenn man sie abreißt, brechen die Buchstaben mit ab."
Alarm! Deutschlands seltsamster Friedhof, auf dem Salpeterhändler, Wasserleichen, Walharpuniere und sogar Menschenjäger ihre letzte Ruhe fanden, droht Schaden zu nehmen.
Bis zu 400 Jahre sind die Stelen alt, sie gehören zu einer einzigartigen Totenkultur. Weil Amrums karge Sandböden kaum Ertrag abwarfen, suchten seine Bewohner ihr Glück auf hoher See. An Bord von Dreimastern fuhren sie nach Batavia im heutigen Indonesien, sie holten Getreide aus Amerika und umsegelten mit Großfrachtern Kap Hoorn. Viele stiegen zum Kapitän auf.
Daheim leisteten sich die reichen Seefahrer einen aufwendigen Jenseits-Prunk. Aus dem Wesergebirge wurden Sandsteine herangeschafft und mit Briggs, Barken und Schaluppen verziert. Ganze Lebensgeschichten prangen auf den Quadern. Vergleichbare Objekte finden sich auf der Nachbarinsel Föhr.
Als "kostbares Gedächtnis" stuft der Historiker Martin Rheinheimer von der Universität Esbjerg, Dänemark, die Nekropole ein. Die biografischen Angaben auf den Gräbern deuten auf Inzucht und engste Verwandtschaften - Amrum hatte kaum 600 Einwohner -, erforscht ist das aber noch nicht.
Die Ursprünge des Bestattungsbrauchs, so viel steht fest, liegen im 17. Jahrhundert. Es war die Blütezeit des Walfangs, an dem sich Amrum kräftig beteiligte. Meist heuerten die Matrosen auf Schiffen Amsterdamer oder Hamburger Reeder an. Kaum zwölf Jahre alt, mussten die Jungen mit an Bord.
Von Geburt an von Wasser umgeben, stellten sich die Insulaner geschickt an. Viele stiegen zu Harpunieren und sogar "Commandeuren" auf. So wurden die Befehlshaber der Walfänger genannt. Anfang März legten die wuchtigen Holzkähne Richtung Nordmeer ab, um Glattwalen nachzustellen. Immer wieder gerieten die Schiffe ins Packeis und wurden zerquetscht. Ganze Besatzungen starben. Manch ein Matrose trieb auf der Eisscholle in den Tod.
Kapitän Nahmen Jürgens erwischte es 1697. Während der Grönlandfahrt erlitt er einen Schlaganfall. Wie es gelang, den Leichnam über Wochen vor Fäulnis zu bewahren, ist unklar. Wahrscheinlich wurde er in ein Rumfass gesteckt und in die Heimat überführt.
Die Amrumer Überseefahrer, die nach Asien und Amerika ausliefen, erkrankten eher an Malaria und Gelbfieber. Selbst vor der eigenen Haustür blieb die See tückisch. "Peter Jensen" trieb im Oktober 1703 als Wasserleiche an. Ein Nachbar wollte eben mal nach Föhr - und versank im jäh aufkommenden Sturm.
Ergebnis war ein schlimmer Männerschwund. Eine Volkszählung von 1769 auf Föhr (wo man auch Walfang betrieb) kam auf 214 Witwen. Nur weil die Frauen häufig im Kindbett starben, wurde das Missverhältnis nicht all zu krass.
Die Wattbewohner, mundfaul und verschlossen, nahmen derlei Schicksalsschläge stoisch hin. Totenköpfe und verrinnende Sanduhren prangen auf den Grabmalen von Amrum. Darunter stehen holprige Verse wie: "Ich reise nach dem Himmel zu, allwo ich ewig habe Ruh".
Die friesische Sprache, so der Forscher Georg Quedens, besitze eine "auffällige Armut des Wortschatzes hinsichtlich seelischer, geistiger und geistlicher Vorgänge". Anders gesagt: zu dröge.
Maler oder Dichter hat das Eiland nicht hervorgebracht, dafür aber jede Menge Abenteuer. Das spannendste erlebte Hark Olufs, der 1724 als Schiffsjunge in die Fänge "türkischer Seeräuber" geriet. Man verkaufte ihn auf dem Sklavenmarkt von Algier.
Ungewöhnlich war das nicht. Die sogenannten Barbareskenstaaten Nordafrikas betrieben damals im großen Stil Seeraub gegen die christlichen Völker. "Ick werde alle Dage hartlick brun und blau geslagen", klagte bitterlich ein gefangener Lübecker.
Der Amrumer Olufs stellte sich geschickter an. Er betete zu Allah und pflegte artig die Maulbeerbäume seines Gebieters. Die Beschneidung seiner Vorhaut ertrug er mit Gleichmut. Danach stieg er sogar zum "Schatzmeister" des Beys von Constantine auf, befehligte dessen Reiterei.
Zwölf Jahre später kehrte der Mann in seine Heimat zurück und machte die Rolle rückwärts in den Schoß Christi.
Der dunkelste Punkt aber bleibt Amrums Verbindung mit dem Sklavenhandel. Auch für dieses schmutzige Geschäft hat die Forschung neuerdings Indizien auf den Totensteinen entdeckt. Im Brennpunkt steht eine 1,45 Meter hohe, besonders schön verzierte Tafel. Sie gehört dem 1770 verstorbenen Harck Nickelsen, der sich dort als "wohledler Captain" vorstellt.
Alles Unsinn. Alte Logbücher und Schiffsjournale, die der Historiker Rheinheimer aufgetan hat, beweisen nun: Der "Schipper" handelte mit der Ware Mensch.
Als 18-Jähriger, so die Rekonstruktion, geriet Nickelsen zuerst in die Hand morgenländischer Korsaren und so in Unfreiheit. Später wurde er freigekauft und betrieb nun seinerseits im Auftrag einer dänischen Kompanie ein einträgliches Geschäft mit dem An- und Verkauf von Schwarzafrikanern.
Zuerst segelte der Amrumer nach Westafrika und tauschte dort bei den Häuptlingen Arbeitskräfte gegen Billigschnaps und Waffen ein. Mit im Schnitt 400 Eingeborenen - angekettet unter Deck - fuhr er sodann in die Karibik, wo er Zuckerrohr für Europa lud. In diesem Dreieck ließ sich ein Vermögen verdienen.
Rheinheimer vermutet, dass sich unter den Bestatteten weitere Sklavenhändler verbergen. Eine Prüfung der These wird allerdings zunehmend erschwert - wegen des störenden Grünzeugs. "Es hätte gereicht, die Gräber einmal im Jahr mit Bürste und warmem Wasser zu schrubben", ärgert sich der Bauplaner Frank Hansen, "jetzt sind aufwendige konservatorische Maßnahmen nötig."
Nur welche? Erst kaufte das Kirchenamt ein Haus an, um die Steine zu überdachen. Das verbot das Kieler Denkmalamt. Ein Gutachten fordert nun eine spezielle Säuberung.
Das aber kostet viel Geld. Der neueste Vorschlag sieht deshalb vor, die Gedenktafeln einfach in der Erde zu vergraben.
Bodenbakterien sollen Moos und Flechten schonend abknabbern.
MATTHIAS SCHULZ
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 29/2008
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