14.07.2008

ZEITGESCHICHTEDer Fluch der Diamanten

Geheime Dokumente zeigen, wie die Bolschewiki nach Ermordung der Zarenfamilie vor 90 Jahren den Kronschatz der Romanows verscherbelten. Sie brauchten Geld - um ihr Land vor dem Bankrott zu retten, aber auch für die geplante Weltrevolution. Selbst die KPD bekam einen Teil der Beute ab.
Schon das Geräusch eines Motors genügt, dass Nadeschda Daniljewitsch vom Küchentisch aufsteht und voller Unruhe aus dem Fenster ihrer Wohnung im dritten Stock eines Moskauer Altbaus blickt. Sieht sie dann die rot-gelbe Uniform eines internationalen Kurierdienstes auf dem Hof, kann es die 50-Jährige kaum noch abwarten, bis der Bote sein Paket abliefert. Er kommt drei-, viermal im Monat vorbei und bringt Post aus den feinsten Auktionshäusern der Welt: von Sotheby's und Christie's in London, von Koller in Zürich, von Pierre Bergé in Paris.
Mehr als 3000 Kataloge hat Daniljewitsch bereits an den Wänden ihres Arbeitszimmers gestapelt. Auf dem schweren Eichenholzschreibtisch steht eine Marmorbüste Dianas, der Göttin der Jagd. Auch Nadeschda Daniljewitsch ist eine Jägerin: Sie spürt dem Schicksal des legendären russischen Zarenschatzes nach.
Genau noch kann sie sich an jenen Tag erinnern, als sie den Katalog für eine New Yorker Auktion von Sotheby's in die Hand bekam. Sofort erkannte sie beim Blättern das aus mehreren Dutzend Diamant-Blumen bestehende Collier - wundervolle Broschen, die schon Katharina die Große trug, die Deutsche auf dem russischen Thron. Bis 1917 gehörten sie zum Kronschatz von Nikolai II., dem letzten Herrscher der Romanow-Dynastie; zehn Jahre später verlor sich ihre Spur in London. Nun waren die Diamanten wieder aufgetaucht.
In Fällen wie diesen bucht Nadeschda Daniljewitsch umgehend einen Flug, um das Fundstück in Augenschein zu nehmen. Dabei will sie gar keine der antiquarischen Pretiosen kaufen. Sie könnte auch gar nicht mithalten gegen Bieter wie den Moskauer Oligarchen Wiktor Wexelberg, der 2004 etwa hundert Millionen Dollar bezahlte, um neun der berühmten kaiserlichen Fabergé-Eier sowie anderen Schmuck aus der Sammlung der US-Milliardärsfamilie Forbes nach Russland zurückzuholen.
Die Kunsthistorikerin Daniljewitsch hat anderes im Sinn: Sie sammelt Informationen, um die Geschichte jener Reichtümer zu rekonstruieren, die einst dem letzten russischen Zaren gehörten und die vor Jahrzehnten in aller Welt verschwunden sind.
Über "Berge von goldenen und silbernen Gegenständen" hatte ein Augenzeuge vor 90 Jahren gestaunt, als er die eben von den Bolschewiki konfiszierten Schätze sah: "Schmuckstücke lagen dort, die der kaiserlichen Familie vor deren Erschießung abgenommen worden waren, und Goldschmuck, den sie getragen hatten - Armbänder, Ringe, Uhren", so berichtete der Mann.
Zwei amerikanische Reporter, die später einen Blick auf die Kronjuwelen werfen dürfen, sprechen von "Tausendundeiner Nacht: Diamanten so groß wie Walnüsse, Rubine, Smaragde, hell, blutrot oder lebhaft grün, groß wie Taubeneier, Perlen wie Nüsse, gefasst in vollkommen aufeinander abgestimmten Reihen, Platin, Gold und blitzende Brillanten, die wie fließendes Wasser in den Regenbogenfarben eines Springbrunnens im Sonnenschein schimmerten".
Was sie damals erblickten, war nur ein kleiner Teil jenes Vermögens, das die Romanows über die Jahrhunderte hinweg angehäuft hatten. Die "New York Times" schätzte seinen Wert im Mai 1917 auf 9 Milliarden Dollar. Heute wären das annähernd 55 Milliarden Euro.
Nadeschda Daniljewitsch wurde wegen ihrer brillanten Kenntnisse zum Mitglied der Staatskommission zur Aufklärung aller Details des Zarenmordes bestellt. Sie hat Tausende Dokumente eingesehen, viele davon mit dem Stempel "Streng geheim", und mehrere hundert Fotos zusammengetragen, darunter Aufnahmen, welche die bolschewistische Geheimpolizei von den Zarenjuwelen machte. Der SPIEGEL zeigt einige von ihnen erstmals exklusiv. "Es ist Zeit, den Schleier zu lüften", sagt Daniljewitsch: "Die ganze Wahrheit über die Plünderung des Zaren- und Adelsvermögens muss auf den Tisch. Auch die Wahrheit über die Blutdiamanten von Jekaterinburg."
Das Wort von den "Blutdiamanten" erinnert an die Art und Weise, wie die Bolschewiki knapp neun Monate nach ihrer Machtergreifung die letzte Zarenfamilie meuchelten, in der Nacht auf den 17. Juli 1918. In Jekaterinburg, 1400 Kilometer östlich von Moskau, erschoss damals ein eilig zusammengestelltes Exekutionskommando Zar Nikolai, seine deutsche Gattin Alexandra, die vier Töchter, den halbwüchsigen Thronfolger Alexej und vier Hofbedienstete.
Die Szene im Hinrichtungszimmer ist glaubhaft überliefert: wie die kurz zuvor geweckten Opfer in Todesangst schreien; wie die Federn aus jenem Kissen stieben, das sich die Gouvernante wie zum Schutze vor die Brust zu halten versucht; und wie einige der Kugeln zum Entsetzen der Soldaten von den Leibern der Zarentöchter abprallen - ganz so, als seien die Kinder des Gottgesegneten unverwundbar.
In Wahrheit hatten sich die Frauen Juwelen in ihre Korsetts eingenäht, als Notgroschen für die Zeit nach der Deportation. Die Mörder hält das in dieser Nacht nur wenige Momente auf: Sie stechen schließlich mit Bajonetten auf Anastassija, 17, ein, bis sie sich nicht mehr regt.
Das Erschießungskommando wird von Jakow Jurowski kommandiert, einem überzeugten Kommunisten. Er lässt die Leichen noch in derselben Nacht in einen Wald bringen. Eile ist geboten, denn die Truppen der "Weißen", der zarentreuen Konterrevolutionäre, rücken auf Jekaterinburg vor.
Jurowski befiehlt, die Toten auszuziehen - da erst entdecken die Zarenmörder die Brillanten an den Körpern, allein einer der Büstenhalter ist etwa zwei Kilogramm schwer. Er lässt die Kleider verbrennen, die mit Schwefelsäure unkenntlich gemachten Leichen werden zunächst in einen Schacht geworfen und dann in der Nähe eines Bahnübergangs verscharrt. Die blutverschmierten Juwelen sammelt er ein und verpflichtet alle Mitwisser, "das Geheimnis auf ewig zu bewahren".
Die Erschießung Nikolais und seiner Familie, einer der brutalsten politischen Morde des 20. Jahrhunderts, wird zur historischen Zäsur. Sie besiegelt das Ende der 300-jährigen Romanow-Herrschaft. "Wir haben etwas Großes vollbracht und die Dynastie ausgelöscht", jubelt Jurowski.
"Der Fluch der Diamanten ruht immer noch auf unserem Land", glaubt 90 Jahre später Nadeschda Daniljewitsch: "Sie haben niemandem Glück gebracht. Leichen pflastern ihren Weg." Denn ihre Geschichte sei nicht nur eine Geschichte von einzigartigem Luxus und bitterer Not, sondern auch eine von Gier und Selbstentsagung, von Treue und Verrat.
Begonnen hatte das Drama unmittelbar nach der erzwungenen Abdankung des Zaren im März 1917, als die bürgerliche Provisorische Regierung die Macht übernimmt. Nikolai, ein Cousin des deutschen Kaisers, und seine Familie leben damals unter Hausarrest in Zarskoje Selo. Die Sommerresidenz des Zaren liegt unweit von Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg.
Von einem Tag auf den anderen verliert der Zar die Kontrolle über sein gewaltiges Vermögen. Die letzten Romanows hatten zu den weltweit reichsten Familien gezählt, der Petersburger Hof galt nach den Worten des Leiters der Zarenkanzlei "mit Sicherheit als der prächtigste" seiner Zeit. Die Tochter des britischen Botschafters staunte über einen Besuch der Zarengattin Alexandra im Petersburger Marien-Theater: "Eine prachtvolle Tiara krönte ihr blondes Haar, und Kaskaden von Brillanten glitzerten um ihre Schultern."
Jetzt aber, im Frühjahr 1917, wird dem Zaren die Verfügungsgewalt über Staatsschatz und Kronjuwelen entzogen. Den Schmuck, den die Familie bei sich hat, darf sie behalten, ihn nimmt sie mit, als sie Anfang August ins sibirische Tobolsk deportiert wird. Noch glauben Nikolai und seine Angehörigen daran, würdig behandelt zu werden, noch hoffen sie auf ein Leben in einer ihrer Residenzen, etwa auf der Krim, noch haben die von Lenin angeführten Bolschewisten nicht die Macht übernommen.
Dennoch gleicht die Abreise der Romanows aus Petrograd einer überhasteten Flucht. Fünfzig Männer sind mehr als drei Stunden damit beschäftigt, das Reisegepäck der Herrscherfamilie in den Zug zu stopfen, darunter die Briefmarkensammlung des Zaren, Kisten aus dem Weinkeller des Palastes und persönliche Briefe. Nur die Treuesten der Treuen gehen mit auf die Reise: Leibarzt Jewgenij Botkin, Kammerdiener Terentij Tschemodurow, Hauslehrer Pierre Gilliard und drei Dutzend weitere Bedienstete.
Tobolsk, eine kleine Stadt in Sibirien, bringt zunächst eine gewisse Beschaulichkeit ins Leben der Gefangenen. Sie wohnen in einem einstöckigen Haus, die Zarenfamilie oben, die Bediensteten unten. Am Morgen unterrichtet Alexandra die Kinder in Religion, Geschichte und Deutsch. Tochter Olga, 21, schreibt an eine Freundin: "Wir sägen und hacken Holz, und es ist schön, hinauszugehen. Wir haben unsere Schaukel repariert und können sie jetzt wieder benutzen." Abends legt die Familie Patiencen oder spielt Bridge.
Die Machtübernahme der Kommunisten im November 1917 verändert die Lage. Die neuen, bolschewistischen Wachen fangen an, ihre Schutzbefohlenen zu schikanieren. Sie kürzen das Budget, Bedienstete müssen entlassen werden.
Die Zarenfamilie beginnt, Teile ihres Schmucks nach draußen zu schmuggeln, voller Ahnung, dass weder Besitz noch Leben sicher sind. Alexej Wassiljew, ein Priester aus Tobolsk, erwirbt das Vertrauen der Zarengattin: Er hilft, zahllose Pretiosen an den Wachen vorbeizubringen, ein goldenes Schwert des Zarensohns Alexej verbirgt er in einem Blumenkasten.
Tatsächlich aber führt der heilige Mann, der dem Wodka nicht abgeneigt ist, gänzlich Unheiliges im Schilde, er behält einige der Kostbarkeiten für sich. So verfährt auch der Schreiber Alexander Kirpitschnikow, der eine Perlenkette der Zarentochter Olga an sich nimmt, mit der sich später seine Frau schmücken wird.
All diese Details stehen in einem Untersuchungsbericht der bolschewistischen Geheimpolizei, der bis heute wohlverschlossen im Archiv des KGB-Nachfolgers FSB liegt. Erst 1933, nach 15-jähriger Suche, finden die Bolschewiki einen Teil der in Tobolsk abgezweigten Schätze im Keller des Fischhändlers Wassilij Kornilow: acht Kilogramm Schmuck, darunter fünf prachtvolle Diademe, einen 100-karätigen Diamanten und jene Halbmondbrosche, die Nikolai II. 1913 vom türkischen Sultan zum 300. Jahrestag der Thronbesteigung des ersten Romanow-Zaren geschenkt bekam. Die Juwelen sind auf einem der Geheimdienstfotos zu sehen.
Eine weitere Aufnahme zeigt Kornilow und die Nonne Marfa Uschinzewa - der stumpfe Blick der Frau lässt die Verhörmethoden der Geheimpolizei erahnen. "Anfangs leugnete sie alles", hielten die Tschekisten fest, "aber die Stojka hat sie nicht einen Tag ertragen." Stojka bedeutete stundenlanges Stehen auf ein und demselben Fleck.
Die Nonne Marfa hatte den Schmuck in zwei Holzbottichen und zwei Glasbehältern von ihrer sterbenden Oberin anvertraut bekommen - und bei Gott geschworen, das Versteck niemals preiszugeben. Marfa ist aus einfachem Haus, sie droht unter der Last zu zerbrechen. Sie vertraut sich schließlich Kornilow an, bei dem sie gelegentlich putzt und kocht - und der den Schmuck schließlich in seinem Keller vergräbt.
Ein anderer Teil des Schatzes von Tobolsk geht durch die Hände von Oberst Jewgenij Kobylinski, Kommandant des Zarendomizils. Der Mann, noch von der Provisorischen Regierung ernannt und dem Zaren eher wohlgesinnt, gibt Schmuck an den Händler Konstantin Petschekos weiter. Auch ihn trifft bald eine grausame Strafe - 1927 stirbt er unter der Folter der Tschekisten. Im "streng geheimen" Untersuchungsbericht vom 17. Dezember 1933 heißt es: "Kobylinski wünscht nicht auf Fragen zu antworten. Er starb beim dritten Verhör an Herzstillstand." Nach außen hin wird als Todesursache angegeben: Erschießung wegen konterrevolutionärer Aktivitäten - Kobylinski war zeitweise zu den "Weißen" übergelaufen.
Petschekos selbst hält den Druck der Geheimpolizei nicht aus, er springt aus dem fünften Stock des Hauses, in dem sein Bruder wohnt und in dem er zeitweise seinen Teil des Zarenschmucks verborgen hält; seine Frau Anelja begeht in der Haft Selbstmord. Die Juwelen, die beide aufbewahrten, sind bis heute verschollen. "Ich vermute, dass Petschekos' Bruder sie mitnahm, als er nach Polen flüchtete", sagt Nadeschda Daniljewitsch.
In Jekaterinburg, der letzten Station der Zarenfamilie - Tobolsk ist angesichts der vorrückenden Weißgardisten zu unsicher geworden -, soll so etwas nicht mehr passieren. Dort hat Kommandant Jakow Jurowski die Familie gleich nach der Ankunft gezwungen, sämtlichen Schmuck abzugeben, den sie noch bei sich führt. Er versiegelt die Kostbarkeiten mit der Begründung, die ständigen Diebstähle der Wachmannschaft unterbinden zu wollen.
Kaum ist die Zarenfamilie tot, lässt Jurowski die Romanow-Juwelen verpacken, dazu auch die Edelsteine und Ketten, welche die Zarentöchter in der Unterwäsche versteckt hatten - die inzwischen gesäuberten Blutdiamanten. Er soll alles in die Staatliche Schatzkammer Gochran bringen; Revolutionsführer Lenin hat zuvor ein Dekret zur "Enteignung des Zarenvermögens" unterzeichnet.
Aufgabe von Gochran ist es laut Regierungsbeschluss, "die Finanzkraft des jungen Sowjetstaates zu stärken". Mehr als 20 000 Behältnisse mit kostbarstem Inhalt kommen in diesen Wochen in Moskau an. Schrankkoffer, Kisten, Körbe, sogar Schulranzen sind mit Gold und Juwelen vollgestopft - überall im Land sind die Kommunisten dabei, den Adelsbesitz zu enteignen. Binnen weniger Monate konfisziert der Sowjetstaat 35 670 Diamanten, 540 Kilogramm Gold und 377 000 Kilo Silber, das in kleinen Öfen zu Barren eingeschmolzen wird.
Jakow Jurowski betritt Moskau unter dem Tarnnamen Orlow. Er soll helfen, die Zaren-Juwelen "gesichtslos" zu machen, ehe sie verkauft werden. Käme heraus, dass die Kommunisten Schmuck verscherbeln, den die Romanows während ihrer Deportation bei sich trugen, wäre eine Legende nicht mehr zu halten: dass die Familie noch am Leben ist.
Jurowski steigt die Karriereleiter empor, die Partei ernennt ihn später zum Leiter der Goldabteilung bei Gochran. Er wird einen wichtigen Part spielen bei jenen Geheimverkäufen ins Ausland, die nun beginnen - mit ihnen will Moskau frisches Geld ins Land holen. Die Goldreserven werden knapp, weil die Wirtschaft durch Kriegsfolgen und Verstaatlichung in eine tiefe Krise gestürzt ist, auch die Sowjetpropaganda im Ausland erfordert immer mehr Geld.
1920 fängt der amerikanische Zoll ein Paket mit 131 Diamanten im Wert von 10 000 Dollar ab, das für den sowjetischen Handelsbeauftragten in Washington bestimmt ist. Im Herbst desselben Jahres bringt Lenins Unterhändler Leonid Krassin Schmuck und Platin im Wert von rund 100 000 Pfund nach London. Er lässt die Hälfte der Erlöse der linken Tageszeitung "Daily Herald" zukommen.
Auch die Kommunistische Partei Deutschlands bekommt ihren Teil der Beute ab, sie empfängt Schmuck und Devisen im Wert von 62 Millionen Mark - damit soll sie den Mitteldeutschen Aufstand finanzieren, der von der KP-Führung im März 1921 ausgelöst wird. Allein 1922 verwendet die Sowjetunion Pretiosen im Wert von 19 Millionen Goldrubel zur Förderung der Weltrevolution.
Später verkauft der Kreml Teile des Kronschatzes sogar öffentlich auf Auktionen in Berlin, Wien, London und New York. Schließlich veräußern die klammen Kommunisten Hunderte Gemälde, die sie in Russlands Palästen und Museen vorgefunden hatten: Rembrandt, Tizian und Raffael. Sie verscherbeln Fabergé-Eier, einzigartige Werke der Goldschmiedekunst, die der Zar jeweils zu Ostern an seine Familie zu verschenken pflegte - sie gehen zum Teil an eine Londoner Juwelierfirma und an den späteren amerikanischen Milliardär Armand Hammer, einen guten Freund Lenins. Vieles schlagen sie unter Wert los, weil es besser sei, "jetzt 50 Millionen Rubel zu erhalten", statt ein Jahr später 75, wie Kriegskommissar Leo Trotzki feststellt.
Sogar die Bibliothek der Zarenfamilie macht Lenins Regierung zu Geld. In dem Jugendbuch "Little Men" der amerikanischen Schriftstellerin Louisa Alcott steht mit Bleistift die Widmung: "Für unseren Liebling Tatjana von Papa und Mama, 12. Januar 1909". Das Zarenehepaar hatte es der damals elf Jahre alten Tochter zu Weihnachten geschenkt. Das Buch steht heute in der Kongress-Bibliothek in Washington.
Nadeschda Daniljewitsch, die Jägerin des Zarenschatzes, hat auf den Auktionen auch Dinge aus dem Alltagsleben der Romanows aufgespürt: Porzellan aus den kaiserlichen Fabriken, Silberbesteck, Gobelins und Gemälde - und sie hat die Spur von mehr als 30 Kronjuwelen aufnehmen können.
Neben dem Blumen-Collier, das schon Katharina trug, entdeckte sie ein Brillant-Diadem und ein Collier der Großfürstin Elisabeth. Die Schwester der Zarengattin Alexandra aus dem Hause Hessen-Darmstadt, in der Familie nur Ella genannt, hatte Schmuck so sehr geliebt, dass sie ihn mitunter dreimal am Tag wechselte.
Kurz nach der Ermordung Nikolais hatten die Bolschewiki Ella und weitere Angehörige des Zaren aus ihrem Gefängnis in Alapajewsk bei Perm geholt und zu einem verlassenen Eisenerzschacht gebracht. Dort erschossen sie einen Großfürsten und warfen die Übrigen lebend in die Tiefe. Den Schmuck nahmen sie ihnen ab - auch er war zur Finanzierung des Sowjetstaates und der Weltrevolution bestimmt.
Nadeschda Daniljewitsch hat das Diadem, das Ella so gern trug, auf einer Londoner Auktion gesehen. "Der Käufer ist unbekannt", sagt sie.
So unbekannt wie das Schicksal von acht Fabergé-Eiern und 300 weiteren Pretiosen des Kronschatzes. Lediglich 71 Kostbarkeiten der Zarensammlung sind heute im Kreml zu besichtigen. Auch der Fund aus Tobolsk mit seinen 154 Schmuckstücken bleibt weiter verschollen. So wie die Blutdiamanten von Jekaterinburg.
MATTHIAS SCHEPP
Von Matthias Schepp

DER SPIEGEL 29/2008
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