21.07.2008

KLASSIKERGoethes allmächtige Fee

In der Germanistik kommt eine Debatte um das Liebesleben des deutschen Dichterfürsten in Gang. Ein deutsch-italienischer Jurist provoziert die Wissenschaft mit der kühnen These, Goethe habe in Weimar eine Affäre mit seiner Gönnerin, der Herzogin Anna Amalia, gehabt.
Goethes Wirkung auf die Frauen ist nach wie vor ein Gebiet voller Rätsel: die herrlichsten Gedichte, doch nur die kümmerlichsten Fakten.
Sogar was die edle Charlotte von Stein angeht, nach allgemeiner Übereinkunft Goethes große, in alle Himmel idealisierte Liebe; so kursiert schon seit Jahrzehnten ein knapper Merkvers, der den Wissensstand zusammenfasst: "Frau von Stein / went to bed at nine. / If Goethe went too / nobody knew."
Das gilt, seit von 1848 bis 1851, als alle Beteiligten längst tot waren, ein bis dahin unbekannter, als Familienerbe sorgsam gehüteter Nachlass an die Öffentlichkeit kam: Goethes Briefe an Frau von Stein, ein Konvolut von über 1600 Schriftstücken sehr verschiedener Art, deren Publikation der in Privatdingen diskrete Dichter gewiss nicht gebilligt hätte. Eine Menge flüchtiger Gruß- und Dankzettelchen, auch kleine Reiseberichte, Glückwünsche, doch dazwischen sehnsüchtig-zärtliche Liebesbotschaften an "dich Engel des Himmels" und "einzige unter den Weibern", plötzliche Herzensergießungen, die das Geheimnis ihrer Liebe feiern.
Durch die Publikation dieser Briefe aus den Jahren 1776 bis 1789 schien der Rang der ehemaligen Weimarer Hofdame als Goethes große Seelenfreundin und Muse ein für alle Mal gesichert - allenfalls diskutierten Experten darüber, ob die Beziehung des Dichters zu der sieben Jahre älteren Ehefrau des herzoglichen Oberstallmeisters und Mutter dreier kleiner Söhne platonisch oder doch körperlich gewesen sei.
Dabei wäre es wohl geblieben. Aber vor ein paar Jahren trat der Deutsch-Italiener Ettore Ghibellino, 39, mit der aberwitzig klingenden These hervor, die wahre Empfängerin der "himmelhochjauchzenden" Liebesbriefe sei gar nicht die prosaische Hausfrau Charlotte gewesen, sondern die Mutter des jungen Herzogs, die rege Kunstschwärmerin und Mäzenin Anna Amalia.
Die treue, diskrete Frau von Stein hingegen habe, so Ghibellino, nur zum Schein als Angebetete gedient, als Deckadresse und Übermittlerin der höchst geheimen Liebesbotschaften, oder auch, falls man so will, als Kupplerin, wenn die Herzogin und der Dichter auf dem Steinschen Landsitz Schloss Kochberg zu Gast waren.
Die Zunft der Goethe-Forscher hat, kein Wunder, den Außenseiter Ghibellino und sein Buch "Goethe und Anna Amalia - Eine verbotene Liebe?" erst einmal ignoriert*. Er aber, ein unermüdlicher, eloquenter und gewitzter Werber in eigener Sache, ist in Weimar geblieben, hat weiter geforscht, weiter Aktenstaub aufgewirbelt, hat nach und nach Bundesgenossen (auch unter den Germanisten) und Sponsoren gefunden, schließlich einen "Anna Amalia und Goethe Freundeskreis" gegründet, zu
dem inzwischen 200 mal kritische, mal mahnende, mal euphorische Mitglieder
gehören, und er hat zu Anna Amalias 200. Todestag vor einem Jahr in Weimar einen Kongress veranstaltet. Dessen Vorträge sind dokumentiert in einem Sammelband mit dem Titel "Alles um Liebe"**. Diesen Sammelband hat Ghibellino landauf, landab in Literaturhäusern vorgestellt und damit in diversen Zirkeln für Unruhe gesorgt.
Am längsten hatten die Gralshüter der Tradition in der Klassik Stiftung Weimar (KSW) am Prinzip der Nichtbeachtung festgehalten. Nun aber hat die KSW sich erstmals zur Sache geäußert, und das ist für den streitbaren Störenfried schon ein Erfolg. Man nimmt ihn ernst, auch wenn man ex cathedra Ghibellinos Offensive zum Irrweg, zu einer puren "Erfindung des Autors" erklärt. Gerügt wird seine "Art des Umgangs mit den Quellen"; Ghibellino nehme "manipulierende Kürzungen vor", und er "entkontextualisiert die Zitate", kurzum: Er schrecke auch "vor Texteingriffen nicht zurück".
Bei allen Zweifeln signalisiert die KSW-Stellungnahme, dass sich da eine Debatte nicht mehr ignorieren lässt. Ghibellino will diese Woche auf einer Pressekonferenz eine umfangreiche Erwiderung zum Text der Klassik Stiftung Weimar präsentieren.
Der Bielefelder Germanist Jörg Drews hat als einer der Ersten vom Fach Ghibellinos Offensive begrüßt, "weil ich die Stein-Story mir wirklich nur mit großem Unbehagen und unter Aufbietung aller Glaubenskräfte einreden kann". Drews hat zwar seine Bedenken gegen die Ghibellino-These, findet aber, dass der junge Forscher unbedingt weitermachen solle. Auch die Leipziger Literaturwissenschaftlerin Ilse Nagelschmidt fordert eine offene Auseinandersetzung: "Ghibellino hat einen Pfad vorgegeben, dessen Windungen und dessen Ende noch nicht absehbar sind."
Die Geschichte beginnt, als der 26-jährige Goethe, als "Werther"-Autor schon unglaublich berühmt, im November 1775 von Frankfurt nach Weimar kommt, auf Einladung des jungen Herzogs Carl August, der ihm eine glänzende Hofkarriere verheißt. Sozusagen vom ersten Tag an sind es in Weimar zwei etwas ältere, sehr begeisterungsfähige Damen der besten Gesellschaft, zwei eng miteinander verbandelte Mittdreißigerinnen, die Goethe unter ihre Fittiche und in Beschlag nehmen - die Herzogin Anna Amalia und ihre ehemalige Hofdame Charlotte von Stein. In ihr findet Goethe eine einfühlsame Zuhörerin und eine kluge, bald unentbehrliche Helferin in allen Umständlichkeiten des höfischen Lebens. Der Herzog Carl August, der Charlotte von Stein von klein auf kannte, hat nach ihrem Tod über sie gesagt, sie sei eine "recht gute Frau" gewesen, "aber kein großes Licht".
Die andere Goethe-Schwärmerin, die Herzoginmutter Anna Amalia, ist mit 18 Jah-
ren Witwe geworden und hat als souveräne
Regentin im Reich in ihrem armen Ländchen
geherrscht (und es halbwegs saniert), bis ihr Sohn Carl August mit 18 Jahren die Regierung übernahm. Anna Amalia hatte viel Geld in den Aufbau einer der reichsten Privatbibliotheken Deutschlands gesteckt. Nun fühlt sie sich frei, ganz ihren Neigungen zu Musik, Literatur und Theater zu leben.
Es liegt nah, dass sie ihrem Sohn zuriet, das Junggenie Goethe nach Weimar zu locken. Sie unterstützt Carl August auch tatkräftig, als der schon nach einem halben Jahr Goethe gegen starken Widerstand in seine Regierung beruft. Und sie selbst hat den Dichter bereits in diesem ersten halben Jahr so erfolgreich in die Aktivität ihres Liebhabertheaters eingespannt, dass es zur Premiere eines Opern-Einakters mit Text von Goethe und Musik von Anna Amalia gekommen ist.
Natürlich wurde in Weimar darüber getuschelt, wie häufig und zwanglos der Höfling Goethe im Hause Stein ein und aus ging. Und gewiss wurde eifersüchtig beobachtet, wie flink der Dichter Goethe Bagatellen für das Theater in Anna Amalias "Wittumspalais" oder für andere höfische Lustbarkeiten aus dem Ärmel schüttelte und auch selbst, wie die schöne Herzogin, auf der Bühne stand. Doch eine Art Presse, in der sich Hofklatsch zu übler Nachrede hätte verfestigen können, gab es damals nicht, und vielleicht blieb ja alles zeittypische Liebesgeschwärme und Geschäker tatsächlich nur Literatur.
Aber an welche der beiden Damen waren die leidenschaftlichen Liebesbriefe gerichtet? Tradition und erster Augenschein sprechen für Frau von Stein. Ghibellino, promovierter Jurist mit Lust an detektivischem Aktenstudium, hat seine These, dass in Wahrheit Anna Amalia gemeint sei, mit einer Vielzahl kleiner Widersprüche in den Briefen belegt, aber auch durch (von der Forschung nicht beachtete oder anders gedeutete) Zitate aus Korrespondenzen der Hofgesellschaft sowie, manchmal äußerst spekulativ, durch die "Dechiffrierung" Goethescher Dichtungen.
Ghibellinos These hat den Schwachpunkt so vieler Verschwörungstheorien: Sie setzt mehr als eine Handvoll schweigender Mitwisser voraus und übergeht den wissenschaftlichen Konsens. Doch seine Annahme hat den Reiz der Kühnheit und Frische, sie bietet in ihrer Weiterentwicklung Deutungen mancher Brüche in Goethes Biografie, und sie lenkt den Blick auf neue Lesarten einiger Schlüsselwerke, von "Torquato Tasso" bis "Wilhelm Meister".
Mehr als ein Jahrzehnt lang, so Ghibellinos These, habe die Tarnung, das Doppelspiel, das Geheimabenteuer dieser Liebe gedauert. Dann, im September 1786, brach Goethe recht abrupt und unter falschem Namen zu einer Reise nach Italien auf, die sich an die 22 Monate hinzog. Als er zurückkehrte, nun fast 40-jährig, zeigte er sich kühler, gesetzter, distanzierter gegenüber dem Hof und den Damen. Nur vier Wochen nach der Rückkehr nahm er eine junge Frau bei sich auf, Christiane Vulpius, die ihm ein gutes Vierteljahrhundert lang Gefährtin, Geliebte und endlich auch Ehefrau blieb, bis zu ihrem Tod.
Voraussetzung für Ghibellinos Umwertung der Goethe-Briefe aus dem Nachlass der Frau von Stein ist ein irritierendes Vakuum: Es ist aus diesem ganzen Weimarer Jahrzehnt kein einziger Antwortbrief überliefert - weder von Charlotte noch von Anna Amalia. Die einfachste, wenn auch nicht beweisbare Vermutung lautet: Goethe selbst hat diese Gegenbriefe (von wem auch immer) vernichtet, um die Deutungshoheit über die eigene Biografie zu behalten.
Goethe hat einerseits Lebensspuren verwischt und andererseits immer wieder auf die autobiografischen Wurzeln seiner Produktion hingewiesen: All seine Werke seien "Bruchstücke einer großen Konfession". Es liegt in der Natur der Sache, dass mit großer Wahrscheinlichkeit weder die Anna-Amalia-Liebe noch die Charlottevon-Stein-Liebe jemals eindeutig zu beweisen oder zu bestreiten sein wird.
Ghibellino wird weiter forschen, unermüdlich auf der Jagd nach unerschlossenen Quellen, auch wenn er am Ende sich selbst widerlegen sollte. Der alte Goethe, auf die Frage nach Anna Amalia, hat - kryptisch, wie er zu sein liebte - geantwortet: Diese Geschichte könne man nur "in der Form eines Märchens" erzählen, "in dem die Amalie als allmächtige Fee alles belebt und schafft".
SUSANNE BEYER, URS JENNY
* Ettore Ghibellino: "Goethe und Anna Amalia - Eine verbotene Liebe?". 300 Seiten; 19,90 Euro.
** Ilse Nagelschmidt (Hg.): "Alles um Liebe". 284 Seiten; 24,90 Euro.
Beide im Verlag Denkena, Weimar.
* Gemälde von Georg Melchior Kraus, 1775/76.
Von Susanne Beyer und Urs Jenny

DER SPIEGEL 30/2008
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