21.07.2008

Kultur„Die Quellen sind vergiftet“

Der Weimarer-Klassik-Forscher Ettore Ghibellino, 39, über seine Liebesthesen zu Anna Amalia und Goethe, bereinigte Archive und seine neuen Widersacher
SPIEGEL: Herr Ghibellino, Ihre Vermutung, dass Herzogin Anna Amalia Goethes Geliebte gewesen sei und nicht Charlotte von Stein, klingt spektakulär - wie sind Sie bloß darauf gekommen?
Ghibellino: Ich habe 2001 für meine Doktorarbeit in Weimar recherchiert, da stand ich auf einmal vor einem Gemälde von Anna Amalia aus dem Jahr 1775 - und plötzlich durchfuhr es mich: Das ist Goethes Frau! Dann las ich "Torquato Tasso". Genau der Plot: die unschickliche Liebe des jungen Dichters zur Prinzessin.
SPIEGEL: Also nichts als Intuition?
Ghibellino: Das war nur der Anfang. Dann begann ich Indizien zu sammeln. Ich bin ja Jurist, war Rechtsreferendar in Coburg. Dort hatte ich mit zwei Morden zu tun. Indizien sammeln kann ich also.
SPIEGEL: Na dann. Was sind Ihre stärksten Indizien?
Ghibellino: Wir haben inzwischen Äußerungen von neun Zeitzeugen aus dem höfischen Umkreis, die mehr oder weniger offen darauf hinweisen, dass zwischen Goethe und der Herzogin etwas lief. Dann Goethes Briefe selbst: Sie sind an eine literarisch hochgebildete Frau gerichtet. Das war Anna Amalia eher als Charlotte von Stein. Dazu kommen allerlei kleine Unstimmigkeiten, was Daten und Orte betrifft, oder Goethes briefliche Eifersuchtsanfälle, wenn Anna Amalia mit einem anderen Mann auf Reisen war. Dann finden sich Zeichnungen Goethes, in denen er immer wieder die Buchstaben AA malt. Oder denken Sie an die herzlichen Briefe Anna Amalias an Goethes Mutter. Auch der alte Goethe hat gegenüber Eckermann, wenn man genau liest, einmal von dieser heimlichen Liebe gesprochen. Es sind viele einzelne Indizien, die sich zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit verdichten.
SPIEGEL: Es gibt aber auch genug Äußerungen von Zeitgenossen, die eine sehr enge, wenn auch vielleicht etwas merkwürdige Beziehung Goethes zu Charlotte von Stein nahelegen.
Ghibellino: Sie hat eine wichtige Rolle gespielt. Aber das Gegenüber in den Briefen Goethes, die angeblich alle an Charlotte von Stein gerichtet sind, beherrscht das Vokabular der schönen Künste sowie das Lateinische und Italienische. Charlotte von Stein konnte kein Latein und kein Italienisch. An diesen Widersprüchen kommt keiner vorbei.
SPIEGEL: Es gibt in der Tat Diskrepanzen in diesen Briefen. Mal geht es um Alltägliches, dann wieder sind sie unglaublich schwärmerisch. Goethe stellt sich vor, mit der Empfängerin symbolisch vermählt zu sein. Nun befanden sich all diese Briefe im Besitz von Charlotte von Stein und wurden als Familienerbe überliefert. Wie sollte Frau von Stein an die Briefe herangekommen sein, wenn sie an Anna Amalia gerichtet waren?
Ghibellino: Sie war wohl die engste Vertraute Anna Amalias, von Anfang an eingeweiht - die treue "Strohfrau", die Übermittlerin der Briefe und angebliche Goethe-Geliebte, sonst hätte dieses Versteckspiel nicht funktioniert. Und so ist es nur logisch, dass Anna Amalia ihr Goethes Briefe zur Aufbewahrung anvertraut hat. Die Vorstellung von der großen Liebe zwischen Goethe und Charlotte von Stein beruht seit mehr als 150 Jahren im Wesentlichen auf diesen Briefen. Wenn Sie jetzt die Briefe im Archiv einsehen, stellen Sie fest, dass viele gar keine Anrede haben oder einfach "liebe Frau". Erst im sechsten Jahr der Beziehung taucht die Anrede "liebe Lotte" auf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau von Stein die Adressatin dieser schwärmerischen Briefe ist, denn die meisten zeitgenössischen Berichte über sie belegen doch eher eine merkwürdige Kühle und Gemütsarmut.
SPIEGEL: Der Gegensatz zwischen Goethes überbordenden Gefühlen und Charlotte von Steins Kälte beschäftigt die Forscher schon lange. Der noch immer angesehene Freud-Schüler Kurt Eissler vertrat die Theorie, Goethe - ein Spätentwickler in der Liebe - habe erst in Italien sexuelle Erfahrungen gemacht. Es gibt auch die Annahme, Goethe habe gerade die kühle Charlotte gebraucht, um in der Dichtung ein ideales Gegenüber zu entwerfen, das in der Wirklichkeit nicht zu finden sei.
Ghibellino: Ein solches Konstrukt ist nun wirklich schwieriger als meines. Ich gehe durch die Tür hinein, während man mit anderen Theorien doch wohl eher mühsam durchs Fenster klettert. Wir müssen gelegentlich auch von der Lebenserfahrung ausgehen. Es stört mich ja an der Goethe-Forschung oft, dass es heißt, der war ein Genie, der hatte seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, die können wir nicht nachvollziehen, Punkt. Wenn man von der allgemeinen Lebenserfahrung ausgeht, muss man auch an Charlotte von Steins Ehemann denken, Josias von Stein, der gegen die angebliche Beziehung seiner Frau zum bürgerlichen Goethe nie aufgemuckt hat - das ist doch alles einfach nicht vorstellbar.
SPIEGEL: Josias von Stein interessierte sich, soviel man weiß, nicht besonders für seine Frau, aber abgesehen davon - wozu die ganze Maskerade, diese enorme Anstrengung zur Vertuschung der Anna-Amalia-Liebe? Nach sechs Jahren im Hofdienst war Goethe geadelt worden - was hätte denn da noch gegen eine öffentliche Verbindung gesprochen?
Ghibellino: Es wäre dennoch ein Riesenskandal gewesen. Ich will nicht ausschließen, dass es ihr auch gefallen hat, ihren Sohn durch den Minister Goethe zu beeinflussen und ein wenig mitzuregieren. Oder denken Sie nur an Goethes Privilegien: 1200 Taler hat er bekommen. Der arme Klopstock hat gewütet! Und Goethe widmet sich naturwissenschaftlichen Studien bei vollen Ministerbezügen! Da wäre auf einmal der ganzen deutschen Literaturöffentlichkeit klargeworden: Aha, nur deswegen das viele Geld, der Lover der Herzogin! Diese Häme! Unvorstellbar!
SPIEGEL: Goethe hatte sich in den Augen mancher seiner Jugendfreunde sowieso schon kompromittiert, weil er in Weimar am Hof blieb. Eine Affäre mit der Herzogin hätte doch das Bild nicht gestört. Den Riesenskandal, den Sie imaginieren, können wir nicht sehen.
Ghibellino: Die Geheimhaltung, die Vertuschung war wichtig. Das kleine Herzogtum Sachsen-Weimar war abhängig von Preußen einerseits, vom Wiener Hof andererseits - Anna Amalia und ihr Sohn Carl August konnten sich keine Eskapaden erlauben. Da kommen wir zu den Problemen, die wir mit den Archiven aus dieser Zeit haben. Auch Goethes Nachlass war in der Hand des Herrscherhauses. Wenn Sie an die Quellen gehen, dann stellen Sie fest, dass hier generalstabsmäßig aussortiert wurde.
SPIEGEL: Um die Maskerade auch über den Tod der Beteiligten hinaus aufrechtzuerhalten?
Ghibellino: Selbstverständlich. Die Quellen sind vergiftet. Wir wissen zum Beispiel durch den Germanisten Daniel Wilson, dass noch in der jüngsten Edition von Carl Augusts Briefwechsel redigiert und beschönigt wurde, um dem Bild des vorbildlichen Goethe-Herzogs zu entsprechen. Warum haben wir denn keinen einzigen Brief Goethes an Anna Amalia aus dem ersten Weimarer Jahrzehnt? Wie kann das sein, da die beiden doch ständig miteinander zu tun hatten? Der alte Goethe hat mit dem Nachlassverwalter über den erstaunlichen Reichtum an Anna-Amalia-Briefen gesprochen, irgendwann ist der größte Teil aus dem herzoglichen Privatarchiv allerdings verschwunden. Es ist bezeichnend, dass alle Belege, die wir bisher gefunden haben, aus Archiven außerhalb Weimars kommen. Die Monarchie hat doch ein Jahrhundert lang Zeit gehabt, die Quellen zu sortieren. Bis 1918 waren das Thüringische Hauptstaatsarchiv und das Goethe-Schiller-Archiv unter der Kontrolle der herzoglichen Familie.
SPIEGEL: Seit dem Ende der Monarchie sind immerhin 90 Jahre vergangen. Und mit nichts hat sich die Welt-Germanistik mehr beschäftigt als mit Goethe. Da soll niemand Anna Amalia auf die Spur gekommen sein? Ihre Theorie ist ein Affront gegen die ganze Zunft.
Ghibellino: Das bekomme ich ja auch zu spüren. Aber ich sage: Forschung, Forschung, Forschung. Wir müssen zurück in die Archive. Man hat in der Geisteswissenschaft oft nicht genug Ehrgeiz, Akten zu studieren und Handschriften zu entziffern. Gut, dafür bin ich ja jetzt da - mit all meinen Mitstreitern, Stefan Weiß zum Beispiel, einem habilitierten Historiker, der sich jetzt für uns mit der Spionage im späten 18. Jahrhundert befassen wird. Sie war enorm wichtig, doch sie wurde verachtet, und so verachtet man sie auch heute. Weiß und ich sind überzeugt davon, dass es nicht in Literatur-, sondern in Staatsarchiven noch unbekanntes Material zu entdecken gibt. Das ist trockene Arbeit, und Germanisten verlassen sich lieber auf andere Germanisten.
SPIEGEL: Der renommierte Augsburger Germanist Helmut Koopmann hat erst vor sechs Jahren eine Studie zu Goethe und Charlotte von Stein herausgebracht. Auch er fragt sich, ob diese Frau ein "Liebesphantom" oder eine wirkliche Geliebte gewesen sei, aber er schreibt dann doch, dass Frau von Stein Goethes "einzige große Liebe" gewesen sei.
Ghibellino: Er musste es so sehen, weil er nie in Frage gestellt hat, dass all die Briefe an Frau von Stein gerichtet sind. Ich bin kein Germanist, stattdessen ziehe ich Schlüsse aus den finanziellen Verhältnissen im Hause Stein oder aus Anna Amalias Haushaltsabrechnungen. Auch wenn ich ein Bild analysiere, interessiert mich nicht die Ästhetik, sondern die Möglichkeit einer versteckten Aussage.
SPIEGEL: Sie haben mit Ihrer Hartnäckigkeit erreicht, dass nun auch die maßgebliche Klassik Stiftung Weimar offiziell zu Ihren unorthodoxen Thesen Stellung genommen hat. Man lehnt Ihren Ansatz als letztlich unbeweisbare Spekulation ab.
Ghibellino: Mich frappiert das Ausweichen vor jeder Diskussion. Man will mir erklären, was Wissenschaft ist, aber Wissenschaft ist doch ein Hin und Her von Argumenten. Was mich bestärkt, sind die Menschen, die jetzt an meiner Seite mitforschen: Es ist eine regelrechte Bewegung entstanden, ein Freundeskreis mit mehr als 200 Leuten. Ich verstehe nicht, warum sich die Stiftung nicht mit uns an den Tisch setzt und diskutiert, sondern ihre Stellungnahme anonym im Internet veröffentlicht. Niemand steht mit seinem Namen dafür ein.
SPIEGEL: Was würde es für die Forschung bedeuten, wenn Sie doch recht hätten?
Ghibellino: Na, ein Spaß wäre das nicht. Goethes Biografie müsste umgeschrieben, seine Werke müssten zum Teil neu interpretiert werden. Denken Sie nur an die Frauengestalten: Iphigenie, Tassos Prinzessin - Figuren, die eine neue Kontur bekämen. Doch selbst wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass ich nicht recht habe - es wäre doch viel gewonnen. Wir haben schon jetzt durch die Rekonstruktion von Tagesabläufen in vielen Details einen Einblick in Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt, den wir vorher so nicht hatten.
SPIEGEL: Wäre es nicht leichter, ins schöne Italien zurückzukehren, sich, wie Sie es ursprünglich vorhatten, der Staatstheorie zu widmen und keinen Anfeindungen mehr ausgesetzt zu sein?
Ghibellino: Wenn ich jetzt aufhöre, heißt es noch 200 Jahre lang, Goethes große Liebe sei Charlotte von Stein gewesen. Das kann ich nicht zulassen.
INTERVIEW: SUSANNE BEYER, URS JENNY
Von Susanne Beyer und Urs jenny

DER SPIEGEL 30/2008
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