28.07.2008

SPIEGEL-GESPRÄCH„Auge in Auge mit dem Täter“

Der amerikanische Kulturforscher Jared Diamond über Rachefeldzüge, Versöhnungsrituale und das Desaster des westlichen Scheidungs- und Erbrechts
Diamond, 70, ist ein ungewöhnlich vielseitiger Gelehrter: Mit Forschungen über die menschliche Gallenblase, die Vogelwelt Neuguineas, pazifische Sprachen und die Evolution des Sex machte er sich einen Namen. 17 Expeditionen führten ihn ins Hochland der Insel Neuguinea, wo er die Stammeskulturen studierte. Seine Bücher über den Aufstieg ("Arm und Reich") und Untergang ("Kollaps") von Völkern fanden weltweit ein Millionenpublikum. In einem neuen Buch will Diamond unter anderem beschreiben, welche Rolle Rache in Stammeskulturen spielt und was Menschen der westlichen Welt daraus lernen können.
-----------------------------------
SPIEGEL: Professor Diamond, wann haben Sie sich das letzte Mal gerächt?
Diamond: Den Wunsch dazu spüre ich jeden Tag. Es gibt eine ganze Liste von Menschen, an denen ich gern Rache nähme.
SPIEGEL: Wer steht auf den ersten drei Plätzen?
Diamond: Holzfäller aus Malaysia, die den Urwald auf Neuguinea abholzen; Fischer, vor allem aus Ostasien und aus Europa, welche die Weltmeere plündern. Und natürlich diverse Gelehrte, die meinen richtigen Ansichten nicht zustimmen.
SPIEGEL: Rachegelüste, die mit echten Mordgedanken einhergehen, sind aber noch etwas anderes.
Diamond: Zugegeben. Die Holzfäller und Fischer haben mir persönlich ja kein Leid zugefügt.
SPIEGEL: Haben Sie schon einmal selbst Rache genommen?
Diamond: Nein, dazu bin ich zu wohlerzogen.
SPIEGEL: Trotzdem werben Sie dafür, Rachegelüste anzuerkennen ...
Diamond: ... ja, damit wir konstruktiv mit ihnen umgehen können. Mir schweben zum Beispiel Programme in Gefängnissen vor, in denen die Angehörigen von Mordopfern und der Mörder sich von Angesicht zu Angesicht begegnen.
SPIEGEL: Wozu sollte das dienen?
Diamond: Rache und Versöhnung gehören zusammen. Beide werden in der westlichen Gesellschaft meistenteils unterdrückt.
SPIEGEL: Zumindest was die Rache betrifft, ist das ja auch ganz gut so.
Diamond: Das stimmt. Eine Schlüsselaufgabe des Staates liegt ja darin, anstelle von Selbstjustiz Gerechtigkeit zu üben. Wenn wir den Mörder unseres Kindes töten, werden wir selbst als Mörder verurteilt, auch wenn der Richter uns bedauern mag. Der Staat setzt also viel daran, dass wir unsere Rache nicht selbst ausleben. Andernfalls wären wir in endlose Vergeltungskriege verstrickt, wie sie in Stammesgesellschaften an der Tagesordnung sind.
SPIEGEL: Wie solche Kriege ablaufen, haben Sie auf Ihren Reisen nach Neuguinea erfahren.
Diamond: Allerdings. Ein Bekannter von mir, der Hochlandbewohner Daniel Wemb, hat mir zum Beispiel einmal erzählt, wie er den Tod seines Onkels gerächt hat. Drei Jahre hat das gedauert.
SPIEGEL: Was war der Auslöser?
Diamond: Der Krieg zwischen Daniels Handa-Clan und den benachbarten Ombal begann schon vor vielen Jahrzehnten mit einem Schwein.
SPIEGEL: Mit einem Schwein?
Diamond: Ja, es verwüstete den Garten eines Ombal. Der Gartenbesitzer machte dafür das Schwein eines Handa verantwortlich. Dieser bestritt das und wollte die geforderte Entschädigung nicht zahlen. Der Ombal-Mann schlug den anderen nieder. Auf beiden Seiten kamen Verwandte zu Hilfe, und wenig später lagen die Mitglieder der beiden Clans - jeweils 4000 bis 6000 Menschen - im Krieg miteinander.
SPIEGEL: Und im Verlauf dieses Krieges wurde dann Daniels Onkel getötet?
Diamond: Genau. Diesen Tod wollte Daniel rächen. Er gewann mehr als 200 Männer als Verbündete. Selbstverständlich machte der Ombal-Clan sich ebenfalls daran, Verbündete anzuwerben.
SPIEGEL: Sozusagen als Auftragskiller?
Diamond: Ja. Das Anwerben, Unterstützen und Belohnen der Verbündeten ist dabei ein aufwendiges Unterfangen. Daniel musste die Männer an den Kampftagen verköstigen, Schlafplätze für sie arrangieren, und wenn diese Krieger Heimweh hatten, musste Daniel sie mit Damen versorgen, wie er es ausdrückte. In den drei Jahren, bis der Mord gerächt war, gab es sechs Schlachten mit insgesamt 29 Toten, und Daniel musste 300 Schweine bereitstellen.
SPIEGEL: Und wie ging es am Ende aus?
Diamond: In der sechsten Schlacht traf schließlich ein Bambuspfeil jenen Mann, der Daniels Onkel getötet hatte. Der Pfeil war scharf wie ein Messer und zertrennte das Rückenmark. Das Opfer überlebte, saß aber fortan gelähmt im Rollstuhl. Daniel erzählte mir, das sei sogar noch besser als töten. Die Leute sähen das Leid und würden stets daran erinnert, dass dies die angemessene Rache für den Mord am Onkel sei. Daniel freute sich über die Lähmung und sagte: Das war sehr schön.
SPIEGEL: Seine Befriedigung musste er aber teuer bezahlen.
Diamond: Gewiss, wirtschaftlich ist all das nicht. Aber in Stammesgesellschaften, also ohne Staat, nimmt man die Justiz selbst in die Hand. Wer das nicht tut, der wird verachtet, und dem wird wahrscheinlich noch mehr Gewalt angetan. Dabei hat Daniel mir gegenüber durchaus zugegeben, dass diese Form der Vergeltung unvernünftig ist. Er sagte: "Wir müssen dauernd kämpfen. Nie kann man sich gefahrlos bewegen, und ständig hat man finstere Gefühle."
SPIEGEL: Der Stamm muss bei solch einem Rachekrieg doch regelrecht ausbluten ...
Diamond: Allerdings. Während des Zweiten Weltkriegs lag die Todesrate in Polen bei unglaublich hohen 20 Prozent. Und trotzdem sind unter erwachsenen Männern im Hochland von Neuguinea Mord und Totschlag noch stärker verbreitet. Kaum zu fassen, dass es bei uns die Vorstellung vom edlen Wilden gibt!
SPIEGEL: Kommt denn das wechselseitige Morden irgendwann zum Stillstand?
Diamond: In Daniels Fall begruben die Handa und Ombal ihren Zwist, weil sie von einem dritten Stamm bedroht wurden und sich gegen ihn verbündeten. Es kommt aber auch vor, dass zwei Clans den Streit beilegen. Das geschieht allerdings nur, wenn beide Seiten große Verluste hatten und diese ungefähr gleich groß waren.
SPIEGEL: Warum finden Menschen überhaupt, dass Rache süß ist?
Diamond: Vermutlich, weil Vergeltung den Status hebt. Wer sich nicht rächt, signalisiert Schwäche. Andere könnten vermuten, dass man sich nicht wehren kann und dass nun der Zeitpunkt gekommen ist, einem den Garaus zu machen.
SPIEGEL: Wurden die ersten Staaten gegründet, um diesen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen?
Diamond: Es mag nicht die Motivation der ersten Könige gewesen sein, aber es war eine Dienstleistung, derentwegen die Menschen es tolerierten, regiert zu werden.
SPIEGEL: Was passiert, wenn der Staat es versäumt, diese Dienstleistung anzubieten?
Diamond: Ich will Ihnen dazu die Geschichte meines Schwiegervaters erzählen, Jozef Nabel. Er war polnischer Jude, wurde 1939 zunächst von den Sowjets nach Sibirien verschleppt, hat aber später als Offizier in einer polnischen Division der Roten Armee gekämpft. Kurz nach dem Krieg kam Jozef in sein Heimatdorf nahe Krakau, um seine Familie zu suchen. Er erfuhr, dass sie alle - seine Mutter, Schwester und Nichte - von einer Räuberbande erschossen worden waren. Einen der Täter konnte Jozef ausfindig machen.
SPIEGEL: Und was hat er getan?
Diamond: Er stand mit einer geladenen Waffe vor dem Mörder seiner Familie. Jozef hatte zu dem Zeitpunkt viele Kriegsjahre hinter sich und viele Menschen gesehen, die sich, wie er zu sagen pflegte, wie Tiere verhalten hatten. Er selbst wollte sich nicht wie ein Tier verhalten und zögerte. Freunde boten ihm an, die Sache für ihn zu erledigen. Dann aber sagte einer: "Lass uns den Kerl der neuen polnischen Regierung übergeben, die wird ihn bestimmt bestrafen." Aber die Regierung hat ihn nicht bestraft; er wurde freigelassen.
SPIEGEL: Hat Ihr Schwiegervater seine Entscheidung bereut?
Diamond: Und wie! Jahrzehntelang hat er nicht darüber gesprochen. Meine Frau hat ihn als Kind einmal nach seiner Mutter gefragt. Da nahm Jozef wortlos eine Salatschüssel und schlug sie kaputt. Erst als er über 80 Jahre alt war, brach er sein Schweigen. Und nun erzählte er, dass er jeden Abend vor dem Einschlafen daran denken müsse, wie bitter er es bereue, seine Mutter nicht gerächt zu haben.
SPIEGEL: Diesem offenbar tief im Menschen wurzelnden Bedürfnis nach Vergeltung wird in einigen US-Staaten entsprochen. Die Angehörigen eines Mordopfers dürfen dort einem zum Tode verurteilten Mörder beim Sterben zuschauen.
Diamond: In Utah durften sie bis vor einigen Jahrzehnten die Exekution sogar selbst ausführen, mit Gewehren. Sie waren keine Scharfschützen und töteten den Verurteilten oft nicht mit dem ersten Schuss. Die Henker mussten die brüllenden und heulenden Verurteilten wieder aufrichten, und die Verwandten feuerten erneut.
SPIEGEL: Sie plädieren dafür, Rachegelüste anzuerkennen. Müsste Ihnen da dieses Vorgehen nicht angemessen scheinen?
Diamond: Nein, es ist natürlich barbarisch. Ich bin aber durchaus dafür, das Opfer dem Täter Auge in Auge gegenüberzustellen. Die Erfahrung zeigt, dass beide Seiten dadurch eine Art seelischer Reinigung erleben. Ich glaube, wir könnten da durchaus von Stämmen wie in Neuguinea lernen.
SPIEGEL: Wie versöhnt man sich dort?
Diamond: Ich habe es am Beispiel von Paul erlebt, einem Freund, der für den WWF arbeitet. Er hatte einen Unfall. Ein Kind lief auf die Straße. Paul fuhr es an, und es ist gestorben. Nun fürchtete er, die Angehörigen könnten kommen und ihn töten.
SPIEGEL: Aber das geschah nicht?
Diamond: Nein. Der Vater des getöteten Kindes war sehr erschüttert, aber auch gefasst. Er sagte: "Ich weiß, es war ein Unfall, und ich bin nicht gekommen, um Rache zu nehmen. Aber ich will, dass du uns hilfst und die Gäste auf der Beerdigung mit Speisen versorgst." Ein erfahrener Vermittler hat dann in einem verwickelten Verfahren eine Entschädigung ausgehandelt. Neben Nahrungsmitteln und einer Geldzahlung haben sie sich auf eine Zeremonie namens
"Es tut mir leid" geeinigt. Sie erscheint mir äußerst staunenswert.
SPIEGEL: Wie läuft diese Zeremonie ab?
Diamond: Sie ist streng geregelt, damit nichts außer Kontrolle gerät. Paul und seine Verwandten gingen zu dem Haus, in dem die Eltern und Verwandten des toten Kindes waren. Dort hielt zunächst der Vater ein Foto des toten Kindes hoch und sagte, wie sehr sie ihr Kind vermissen würden. Paul, der selbst zwei Kinder hat, begann zu weinen, und er sagte, er könne den Verlust nachvollziehen, da er selber Kinder habe. Er habe Speisen gebracht, wisse aber, dass dies nichts sei im Vergleich zum Verlust des Kindes. Dann weinten alle auf beiden Seiten. Die Familien aßen zusammen, und endlich erklärte der Vater des toten Kindes, er nehme die Entschädigung an und werde sich nicht rächen.
SPIEGEL: Gibt es Vergleichbares in westlichen Gesellschaften?
Diamond: In einigen US-Staaten gibt es inzwischen Programme, die das Opfer eines Verbrechens mit dem Täter zusammenbringen. Beide Seiten müssen einwilligen, und es gibt strenge Regeln: Man darf die andere Person nicht beleidigen und nicht unterbrechen. Die Opfer können dem Täter in die Augen schauen und sehen, wie der Täter begreift, was für ein Leid er ihnen zugefügt hat.
SPIEGEL: Und was lernt der Täter daraus?
Diamond: Er kann seine Verantwortung übernehmen, ohne noch weitere Strafen zu bekommen. Interessanterweise werden die Täter, die an solchen Programmen teilnehmen, deutlich seltener straffällig, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden.
SPIEGEL: Die meisten Rechtswissenschaftler halten es für eine große Errungenschaft, dass der Rachegedanken in unserer Rechtsprechung eine immer geringere Rolle spielt. Sie halten das für falsch?
Diamond: Das Problem ist, dass sich der Staat nicht um die Gefühle schert, die das Opfer für den Rest des Lebens plagen. Das Opfer ist aus staatlicher Sicht ein Unfall.
SPIEGEL: Und das, meinen Sie, müsse sich ändern?
Diamond: Unser Scheidungsrecht zum Beispiel ist ein Desaster. Es hat nicht zum Ziel, gute Beziehungen zwischen den zerstrittenen Parteien herzustellen; stattdessen geht es nur darum, wer im Recht ist. Oder das Erbrecht - ein weiteres Desaster. In meiner Familie gibt es Geschwister, die für den Rest des Lebens nicht mehr miteinander reden werden, weil sie sich über eine Erbschaft zerstritten haben. Da können wir wirklich von Neuguinea lernen.
SPIEGEL: Tragen in den USA nicht auch die gigantischen Schadensersatzansprüche zur Verhärtung der Fronten bei?
Diamond: Die erste Schadensersatzforderung ist immer übertrieben. Das ist auch in Neuguinea so. Aber dann wird verhandelt. Und wenn man sich Auge in Auge gegenübersteht, dann gehört zur Entschädigung, dass die Gefühle des Opfers anerkannt werden. In Wahrheit sind wir nicht auf das Geld aus, sondern wir wollen unsere Gefühle anerkannt haben.
SPIEGEL: Professor Diamond, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Oben: Papst Johannes Paul II. trifft 1983 im römischen Gefängnis Rebibbia auf Mehmet Ali Agca, der ihn zwei Jahre zuvor zu töten versucht hatte; unten: mit den Redakteuren Jörg Blech und Johann Grolle vor seinem Ferienhaus in Wellfleet, Massachusetts.
Von Jörg Blech und Johann Grolle

DER SPIEGEL 31/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 31/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Auge in Auge mit dem Täter“

  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen
  • Weltraum-Video: Alexander Gerst filmt Sojus-Flug
  • Südosten der USA: Tausende durch Wintersturm ohne Strom