04.08.2008

AUTOREN

Du bist Wüste und Meer

Von Schmitter, Elke

Eine verzweifelt schwierige Liebe verband Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Das dokumentiert der demnächst erscheinende Briefwechsel zwischen den beiden größten deutschsprachigen Lyrikern der Nachkriegszeit, aus dem der SPIEGEL zwei Texte erstmals veröffentlicht.

Was, um Himmels willen, geht uns das eigentlich an? Warum muss die Nachwelt wissen, was Mann und Frau und Frau und Mann einander bedeutet haben?

Dass Ingeborg Bachmann und Paul Celan ein Liebespaar waren, wusste man seit langem - doch nur so, wie man etwas weiß, von dem man beinahe nichts weiß. Denn was ihre Liebe betrifft, diesen Paarlauf der Verzweiflung von heller und schwärmender Verliebtheit hin zu Zeiten gekränkter Loyalität, so war man bislang auf Vermutungen angewiesen.

Jetzt aber wird jeder Zettel öffentlich, jeder Briefentwurf, jedes auffindbare Wort, das die beiden berühmtesten Lyriker deutscher Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg einander zugeeignet haben - zwei der Depeschen sind hier erstmals publiziert (siehe Seiten 126 und 127).

Und ja, es geht uns etwas an. Die Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann (1926 bis 1973) und Paul Celan (1920 bis 1970) ist ein exemplarischer Fall*. Einerseits, weil die Verbindung ein Werk - nämlich das Bachmanns - in seinen Anfängen prägte. Andererseits, weil die Beziehung nicht nur eine private war, sondern auch eine historische: zwischen Exilant und Österreicherin, zwischen jüdischem Opfer und Nazi-Kind.

Wer diese Briefe liest, watet knietief im großdeutschen Verhängnis und ist danach klüger geworden. Auch darin, wie man in Klugheit verzweifeln kann.

Am Anfang sind Jubel, Glück und Rasanz. Im Mai 1948 berichtet Bachmann ihren Eltern: "Der surrealistische Lyriker Paul Celan ... hat sich herrlicherweise in mich verliebt, und das gibt mir bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze." Ihr Zimmer sei ein Mohnfeld, "da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten beliebt".

Celans Gedichtband "Mohn und Gedächtnis" wird vier Jahre später erscheinen. Darin auch jenes Gedicht, das er In-

geborg Bachmann zu ihrem 22. Geburtstag schenkt und das nun den Auftakt der Briefsammlung macht: "Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi." Von Anfang an sind Jubel und Glück so in einen Trauerflor gefasst.

Ingeborg Bachmann ist Ende der vierziger Jahre Studentin in Wien und Geliebte des wesentlich älteren Hans Weigel. Der ist tonangebend in ebenjenem hauptstädtischen Künstlermilieu, das remigrierte Juden (wie Weigel selbst), ehemalige Nazis (wie Heimito von Doderer), Mitläufer, Begabte und Unbegabte in schöner Unparteilichkeit bei Kaffee und Heurigem im Ersten Bezirk versammelt. Als eine Art Groupie, das selber singt, sitzt Bachmann im Café Raimund mit am Tisch - umgeben von wohlmeinenden Männern, so wie wenige Jahre später auch bei den Treffen der Gruppe 47. An ihrer Begabung zu zweifeln, gewöhnt sie sich gerade ab. Sie ist die Tochter eines österreichischen Nationalsozialisten der ersten Stunde, eine Protestantin aus Kärnten, die Schriftstellerin werden will. Mit ihrer Herkunft ist sie politisch fertig, an ihrer Karriere arbeitet sie. Der 27-jährige Paul Celan hat, als er sie kennenlernt, gerade die Flucht nach Wien überstanden.

Es war lebensgefährlich an der ungarischen Grenze, wo Polizisten Jagd auf die Flüchtlinge machten, doch ist er Gefahr gewohnt: In seiner Heimatstadt Czernowitz hatte er sich vor den Nazis versteckt, im rumänischen Arbeitsdienst musste er die Schikanen eines Lagers überstehen. In Bukarest, wohin er gegen Kriegsende zunächst ging, wurde ihm schließlich nicht mehr das Leben, sondern nur noch der Surrealismus verboten. Er war traumatisiert, stigmatisiert und verwaist, doch gibt es nicht wenige, die sich an den jungen Celan als Verführer erinnern, "der mit der Grazie eines Ballerinos" tanzte und das Überleben genoss.

In Wien nun hat Celan nur sein Genie im Gepäck - und die Anfänge seines Lebenswerks. Die "Todesfuge", sein Trauergesang auf die ermordeten Juden, der weltberühmt werden sollte, ist in rumänischer Sprache bereits publiziert; zwei fertige Lyriksammlungen gibt es außerdem - und auch den Künstlernamen Celan, ein Anagramm aus der rumänischen Schreibweise seines Familiennamens Antschel (= Ancel).

Wien war der Sehnsuchtsort seiner Eltern gewesen, kleinbürgerlicher Juden in der völkerreichen, sprachenreichen Bukowina, wo man sich auch nach dem Ersten Weltkrieg noch habsburgisch fühlte. Celan aber findet sich nicht in der Stadt zurecht. Das Milieu um Bachmann, "Geschwätz und Diskussionen, die mich nicht interessierten", sein Status als "displaced person" und seine Armut, all das treibt ihn nach einem halben Jahr fort, nach Paris.

Der kurze gemeinsame Frühling 1948 in Wien ist der erste Akt einer Beziehung in Extremen. "Immer geh's mir um Dich, ich grüble viel darüber und sprech zu Dir und nehm Deinen fremden, dunklen Kopf zwischen meine Hände", so Bachmann in einem Briefentwurf ein Jahr danach.

Die beiden sind durch Herkunft und Religion, vor allem aber durch ihre Erfahrung getrennt. "Für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist", schreibt die Lyrikerin dem Lyriker im Sommer 1949. Gemeinsam ist ihnen ihr Selbstverständnis als Dichter, gemeinsam sind ihnen existentieller Ernst und eine tiefe Bereitschaft zum Pathos.

Im Herbst 1950 folgt Bachmann Celan nach Paris; den wenigen Aufzeichnungen nach scheint es ein zweiter, ernsthafter Liebesversuch zu sein, den eher sie betreibt als er. Zwei Lyriker begegnen sich wieder, die beide mehr als zwei Jahre lang das Ereignis ihrer Begegnung aufmerksam geprüft, in Gedanken befragt und durchgespielt, in Gedichten nachgeformt haben. Zweifach ein hochgespanntes Bewusstsein, zweifach ein tiefes Bedürfnis nach Verbindung inmitten einer prekären Existenz ohne die Versicherung von Familie, Besitz, praktischer Arbeit. Zweifach aber auch ein Leben, das in dieser Zwischenzeit weitergegangen war und das zwischen den beiden kaum je Erwähnung fand.

Der Versuch eines gemeinsamen Lebens in Paris wird "strindbergisch" (Bachmann) und nach wenigen Monaten abgebrochen; man habe sich "gegenseitig die Luft" genommen, lässt Bachmann den früheren Geliebten Weigel wissen. Das Gefühl von Enge ist Thema auch in ihrer späteren Beziehung zu Max Frisch, während Celans nächste Liebeswahl keine Wortkünstlerin trifft. Er wird Intimität ohne Enge erleben.

Zurück in Wien, ist Bachmann erst einmal verzweifelt, aber nicht völlig entmutigt. Sie bekennt, dass sie nicht anders könne, "als noch zu hoffen, als zu arbeiten, mit der Hoffnung für ein gemeinsames Leben mit Dir einen Boden zu bereiten". Doch Celan, der inzwischen seine spätere Frau Gisèle de Lestrange kennengelernt hat, bescheidet sie im ersten Abschiedsbrief dieser Beziehung zugleich dunkel (de Lestrange erwähnt er nicht) und herb. "Wir wissen genug voneinander, um uns bewusst zu machen, dass nur die Freundschaft zwischen uns moeglich bleibt", schreibt er im Februar 1952.

Fast sechs Jahre später lebt die Beziehung gleichwohl, nach Zeiten des Schweigens, wieder auf. Die beiden begegnen sich zufällig bei einer literarischen Tagung in Wuppertal. Bachmann hat umtriebige, auch lebensfrohe Jahre hinter sich und ist gefeierte Dichterin; Celan, inzwischen Familienvater, hat ebenfalls an Sicherheit gewonnen - nicht nur im Materiellen (seine Frau ist wohlhabend), sondern auch durch die Veröffentlichung des Gedichtbands "Von Schwelle zu Schwelle" und den ersten bedeutenden Literaturpreis. Von nun an, bis zur dritten und endgültigen Trennung, ist er der Engagiertere, schreibt Liebesbriefe und Widmungsgedichte, besucht Bachmann in München, wo sie in dieser Zeit wohnt. Jetzt weicht sie zurück: "Du darfst sie und Euer Kind nicht verlassen."

Als Bachmann Max Frisch kennenlernt und 1958 mit ihm zusammenzieht, scheint jene Freundschaft endgültig möglich, die immer wieder beschworen wurde: Es gibt Begegnungen zwischen den Paaren; der Ton wird irdischer, nachgerade herzlich.

Doch das Gerücht, Celan sei ein Plagiator Yvan Golls - von dessen Witwe 1953 in die Welt gesetzt und immer wieder belebt -, verdunkelt nicht nur Celans Existenz, sondern auch dessen Beziehung zu Ingeborg Bachmann. Über Jahre befasst sich die Korrespondenz beinahe ausschließlich mit Celans Sorgen und Celans Kampf. Eine subtil antisemitische Kritik seiner "Sprachgitter" im Berliner "Tagesspiegel" 1959 verstört und beherrscht ihn vollkommen; er erwartet Stellungnahmen, auch öffentliche Reaktionen von seinen Freunden.

Die Antwort Max Frischs an Celan, zu der es immerhin fünf Entwürfe gab, ist delikatester Ausdruck der Furcht, Celans Loyalitätserwartungen nicht zu genügen - und ahnt ihr Scheitern zu Recht. Trotz intensiver Bemühungen von Bachmann nimmt Celans Vertrauen in beide Schaden, und schließlich gibt sie es auf: Ein konventioneller Weihnachtsgruß, gemeinsam mit Frisch, setzt 1961 den Schlusspunkt.

Der Briefwechsel zwischen den beiden lässt sich in drei Aggregatzustände fassen: eine euphorische Verliebtheit und Liebe, die zu einigen der größten Gedichte führte, die es in deutscher Sprache gibt. Ob "Köln, am Hof" von Celan, ob "Die gestundete Zeit" von Bachmann - die literarische "Flaschenpost" (Celan), die da hin- und herging, gehört zum Besten, was beide Autoren schrieben.

Der zweite Aggregatzustand ist das Schweigen als ein Bestandteil des Sprechens - nicht selten hymnisch beschworen, aber auch, vor allem von Bachmann, leise verflucht: Denn dieses Schweigen, das tiefes Einverständnis markieren soll (Celan 1957: "Lippe wusste. Lippe weiss. / Lippe schweigt es zu Ende."), scheint auch Ausdruck einer gemeinsamen Scheu. Von Anfang an verzichten beide in ihrer Korrespondenz nahezu gänzlich auf die Erwähnung trivialen Alltags, auf die Beschreibung von Wohnumständen, Geldsorgen, Bekanntschaften.

In den Sperrbezirk ihrer Intimität wird lediglich jene Wirklichkeit vorgelassen, die beide praktisch verbindet, nämlich der Literaturbetrieb. Hier übernimmt Bachmann in nimmermüder Beständigkeit die Rolle der Helfenden und Fördernden - während Celan, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ihre literarische Arbeit anhaltend beschweigt. Erst Anfang der sechziger Jahre, mit Max Frisch an ihrer Seite und auf der Höhe ihres Erfolgs, bringt Bachmann zur Sprache, dass sie den gemeinsamen Ort, der zuerst Liebe hieß und nun Freundschaft heißen soll, veröden sieht. Celans Bedürfnis, sie als Ikone zu bewahren, verhindere wirklichen Kontakt: "Und ich frage mich eben, wer bin ich für Dich, wer nach soviel Jahren?"

Doch Bachmann schickt den Brief nicht ab - wie überhaupt die Vielzahl ihrer nicht versandten Mitteilungen dokumentiert, wie stark sie in dieser Verbindung von Skrupeln, Schuld- und Ohnmachtsgefühlen geleitet ist. Von Celans Persönlichkeit muss eine Art Warnung davor ausgegangen sein, etwas Falsches zu sagen, zu tun oder durch Unterlassung zu tun.

Und so ist auch der dritte Aggregatzustand dieses Briefwechsels bestimmt: durch eine nervös-angespannte Gereiztheit, die sich ausdrückt als Vorwurf auf der einen und als erfolglose Rechtfertigung auf der anderen Seite. Vielfach die Situatio-

nen, in denen Celan als Mahnender, Richtender, Warnender auftritt: Bachmann soll nicht nach Amerika reisen, sich nicht im banalen Getriebe verlieren, kurz: seine Ikone bleiben. Diese Mahnungen sind so erfolglos wie Bachmanns Verteidigung - und ihre inständigen Bitten, Celan möge sich nicht in der Gekränktheit verlieren, die ihm zur zweiten Natur geworden ist.

Entzweit hat die beiden auch, wie unterschiedlich ihre Erfahrungen im literarischen Milieu waren: Dramatischer Schnittpunkt war eine Tagung der Gruppe 47 in Niendorf/Ostsee, bei der Bachmann die Rolle der jungen, anmutigen Begabung spielte und Celan geradezu ausgebuht wurde. "Wir haben darüber gelacht", erinnerte sich Walter Jens Jahrzehnte später an Celans Lesung der "Todesfuge" im Mai 1952. ",Der liest ja wie Goebbels!', sagte einer." Der "Ur-Zustand" der Gruppe, so ein Zeuge, war derjenige "ungehobelter Kameraderie, der Hemdsärmligkeit, der geschlossenen Duzbrüderschaft" - und viele ebendieser Gruppe, wie Richter, Böll, Andersch und Grass, bildeten jenes Milieu, in dem die Ingeborg Bachmann der kommenden Jahre schwamm wie ein Zierfisch im Wasser: gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik, für Willy Brandt, sowieso gegen Atomwaffen und stets auf der Seite des Fortschritts.

Celan hingegen, in jungen Jahren Kommunist, machte die merkwürdige Erfahrung, dass gerade jene restaurativen Kräfte ihn förderten, von denen Bachmann sich emanzipiert hatte - die Wiener Clique um Hans Weigel und Friedrich Torberg, Verfemte wie Ernst Jünger, Heimito von Doderer und schließlich Martin Heidegger. Die Erörterung der symbolisch brisanten Frage, ob Bachmann (die über "Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers" promoviert hatte) oder Celan zu einer Festschrift für Martin Heidegger 1959 beitragen, ist der Anlass, bei dem diese Spaltung der beiden sich am deutlichsten zeigt.

"Ich bin, Du weissts", so Celan in wortreicher Gereiztheit, "sicherlich der letzte, der über die Freiburger Rektoratsrede und einiges andere hinwegsehen kann; aber ich sage mir auch, zumal jetzt, da ich meine höchst konkreten Erfahrungen mit so patentierten Antinazis wie Böll oder Andersch gemacht habe, dass derjenige, der an seinen Verfehlungen würgt, ... besser ist als derjenige, der sich in seiner seinerzeitigen Unbescholtenheit (war es, so muss ich, und ich habe Grund dazu, fragen wirklich und in allen Teilen Unbescholtenheit?) auf das bequemste und einträglichste eingerichtet hat, so bequem, dass er sich jetzt und hier - freilich nur ,privat' und nicht in der Öffentlichkeit, denn das schadet ja bekanntlich dem Prestige - die eklatantesten Gemeinheiten leisten kann."

Bachmann weicht - wie fast immer - zurück. Sie gibt ihre Mittlerrolle nicht auf, doch ausfüllen kann sie sie nicht: Mit Vernunft, mit Takt und guten Vorsätzen ist Celans Getriebenheit nicht beizukommen.

In Bachmanns später Erzählung "Drei Wege zum See" ist, kaum verschlüsselt, von ihrer Liebe zu Celan die Rede: "die unfaßlichste, schwierigste zugleich, von Mißverständnissen, Streiten, Aneinandervorbeisprechen, Mißtrauen belastet".

Beinahe zehn Jahre nach ihrem letzten Brief an Celan, kurz nach seinem Tod, ergänzt Bachmann das Manuskript ihres Romans "Malina": "Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben."

In diesem Satz schreibt Bachmann den Freitod Celans - er stürzte sich in die Seine - mit dem Holocaust, dem "Transport" der Juden in die Todeslager (in denen Celans Eltern starben), zusammen. Sie selbst hat da kaum mehr als drei Jahre Lebenszeit vor sich.

Erst 47 Jahre alt, stirbt Ingeborg Bachmann in Rom an den Folgen eines Brandunfalls, der sich so wohl nicht ereignet hätte, wäre ihr Schmerzempfinden nicht durch dauerhaften Tabletten- und Alkoholmissbrauch deutlich geschädigt gewesen. ELKE SCHMITTER

Wien, am 24. Juni 1949.

Du Lieber,

weil ich so garnicht daran gedacht habe, ist heute, am Vortag - im vergangenen Jahr war es doch auch so - Deine Karte richtig angeflogen kommen, mitten in mein Herz, ja es ist so, ich hab Dich lieb, ich hab es nie gesagt damals. Den Mohn hab ich wieder gespürt, tief, ganz tief, Du hast so wunderbar gezaubert, ich kann es nie vergessen.

Manchmal möchte ich nichts, als weggehen und nach Paris kommen, spüren, wie Du meine Hände anfasst, wie Du mich ganz mit Blumen anfasst und dann wieder nicht wissen, woher Du kommst und wohin Du gehst. Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist. Ich weiss noch immer nichts von Dir und hab darum oft Angst um Dich, ich kann mir nicht vorstellen, dass Du irgend etwas tun sollst, was wir andern hier tun, ich sollte ein Schloss für uns haben und Dich zu mir holen, damit Du mein verwunschener Herr drin sein kannst, wir werden viele Teppiche drin haben und Musik, und die Liebe erfinden.

Ich habe oft nachgedacht, "Corona" ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht "Zeit". Ich hungre nach etwas, das ich nicht bekommen werde, alles ist flach und schal, müde und verbraucht, ehe es gebraucht wurde.

Mitte August will ich in Paris sein, ein paar Tage nur. Frag mich nicht warum, wozu, aber sei da für mich, einen Abend lang oder zwei, drei.. Führ mich an die Seine, wir wollen so lange hineinschauen, bis wir kleine Fische geworden sind und uns wieder erkennen.

Ingeborg.


31, Rue des Ecoles

Paris, den 20. August 1949

Meine liebe Ingeborg,

Du kommst also erst in zwei Monaten - warum? Du sagst es nicht, Du sagst auch nicht, für wie lange, sagst nicht, ob Du Dein Stipendium bekommst. Inzwischen können wir ja, schlägst Du vor, "Briefe wechseln". Weißt Du, Ingeborg, warum ich Dir während dieses letzten Jahres so selten schrieb? Nicht allein, weil Paris mich in ein furchtbares Schweigen gedrängt hatte, aus dem ich nicht wieder freikam; sondern auch deshalb, weil ich nicht wußte, was Du über jene kurzen Wochen in Wien denkst. Was konnte ich aus Deinen ersten, flüchtig hingeworfenen Zeilen schließen, Ingeborg?

Vielleicht täusche ich mich, vielleicht ist es so, daß wir einander gerade da ausweichen, wo wir einander so gerne begegnen möchten, vielleicht liegt die Schuld an uns beiden. Nur sage ich mir manchmal, daß mein Schweigen vielleicht verständlicher ist als das Deine, weil das Dunkel, das es mir auferlegt, älter ist.

Du weißt: die großen Entschlüsse muß man immer allein fassen. Als jener Brief kam, in dem Du mich fragtest, ob Du Paris oder die Vereinigten Staaten wählen solltest, hätte ich Dir gern gesagt, wie sehr ich mich freuen würde, wenn Du kämest. Kannst Du einsehen, Ingeborg, warum ich es nicht tat? Ich sagte mir, daß wenn Dir wirklich etwas (das heißt, mehr als etwas) daran läge, in der Stadt zu leben, in der auch ich lebe, Du mich nicht erst um Rat gefragt hättest, im Gegenteil.

Ein langes Jahr ist nun verstrichen, ein Jahr, in dem Dir sicherlich manches begegnet ist. Aber Du sagst mir nicht, wie weit unser eigener Mai und Juni hinter diesem Jahr zurückliegen..

Wie weit oder wie nah bist Du, Ingeborg? Sag es mir, damit ich weiß, ob Du die Augen schließt, wenn ich Dich jetzt küsse.

Paul


* Ingeborg Bachmann / Paul Celan: "Herzzeit. Briefwechsel". Herausgegeben von Bertrand Badiou, Hans Höller, Andrea Stoll und Barbara Wiedemann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 404 Seiten; 24,80 Euro. Erscheint am 18. August.* 1952 in Niendorf/Ostsee.

DER SPIEGEL 32/2008
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