11.08.2008

ARCHÄOLOGIEMönche als Mythenmaler

Im Kloster Corvey, einem der ältesten Gotteshäuser Deutschlands, existiert ein Meeresfries mit Fabelwesen und einem halbnackten Odysseus. Wer schuf diese heidnischen Bilder?
Wenn man Homer glauben darf, besaß das Meeresungeheuer "abscheuliche Klauen" sowie "sechs Hälse unglaublicher Länge". Als der irrfahrende Odysseus an dem Monstrum vorbei will, packt es zu. Mit einem Schlag reißt es sechs Männer vom Schiffsdeck, verschlingt sie mit "Zähnen voll schwarzen Todes".
Die missliche Begegnung mit der Skylla aus dem 12. Gesang der "Odyssee" war in der Antike ein beliebtes Motiv auf Tempelwänden und römischen Villen. Die letzten dieser bunten Fresken entstanden um 400 nach Christus, als es mit dem Imperium bergab ging. Im Dunkel der Völkerwanderung vergaß man Homer fast ganz.
Mit einer Ausnahme: Ausgerechnet in Westfalen prangt ein weiteres Skylla-Bild. Es ist frühmittelalterlich, über 1100 Jahre alt und befindet sich im Benediktinerkloster Corvey an der Weser.
Es kommt noch wundersamer: Der gesamte erste Stock des Westwerks, des wohl ältesten Bauteils der Abtei, ist mit Meeresszenen ausgemalt.
Akanthusblätter schlingen sich in dem Gewölbe, nackte Eroten reiten auf Delphinen und Drachen. Neben Odysseus steht eine barbusige Sirene mit einer Harfe. Nahezu verblasst ist ein bizarres Huftier mit Fischschwanz. An einigen Stellen sieht man noch die blaue Tönung der Decke.
Die Wandbilder - bereits in den fünfziger Jahren unter alten Putzschichten entdeckt - sind leider schwer beschädigt und kaum noch sichtbar. Erst vor wenigen Monaten wurde die erste wissenschaftliche Untersuchung zu dem merkwürdigen Wassergetier vorgelegt*.
Seitdem ist das Erstaunen groß. "Eine so farbenfroh ausgestaltete Kirche war im Europa der karolingischen Kaiser einmalig", meint die Kölner Kunsthistorikerin Anna Skriver. Andere stufen das sinnentrunkene Gewimmel als "sensationell", aber auch als "Rätsel" ein.
So sehen es etwa die Experten vom Bauministerium Nordrhein-Westfalens, die derzeit einen Antrag für die Unesco vorbereiten. Corvey soll zum Weltkulturerbe erhoben werden.
Mönche als Mythenmaler - wirklich einmalig. Nur: Wie ist das Ganze zu erklären? Die gängige Deutung besagt, dass bereits die Kirchenväter des 4. und 5. Jahrhunderts damit begannen, Odysseus ins Tugendhafte umzudeuten. Er sei zum Seefahrer im sündbeladenen Meer geworden, der allen weiblichen Lüsten widersteht.
Eine Gruppe von Querdenkern hegt einen anderen Verdacht. "Das Westwerk ist überhaupt nicht im Mittelalter, sondern schon 800 Jahre früher, um Christi Geburt, errichtet worden", behauptet deren Wortführer, der Essener Architekt Horst Leiermann. Ähnlich kühn argumentiert sein Mitstreiter Gerhard Kroos, ein ehemaliger Stadtplaner aus Lemgo, der das Internet
zur Kampfplattform benutzt, um die etablierte Forschung anzugiften.
Die wiederum hält die "Römerfreaks" für eine beckmesserische Altherrenriege. "Wenn Corvey römisch ist, dann muss es auch Ufos geben", spöttelt der zuständige Ausgräber Uwe Lobbedey.
Keine Frage: Die Fronten sind verhärtet. In einem Beitrag fürs WDR-Fernsehen stellte Leiermann seine waghalsige Antikenthese so wortreich vor, dass er eigenem Bekunden zufolge in der Abtei Hausverbot erhielt. Ein Vordenker der Bewegung wurde sogar gerichtlich verfolgt, weil er angeblich einen vergoldeten Nagel aus Corvey entwendete.
Grund für den erbitterten Streit: Die Umdatierer verstoßen gegen die Lehrmeinung. Die besagt: Ab 12 vor Christus schickte Rom zwar Abertausende bewaffnete Legionäre aufs rechtsrheinische Gebiet, um das Land bis zur Elbe zu unterjochen. Doch die Besatzer schliefen nur in Zelten und Lagern aus Holzbaracken.
Steinbauten wurden von den Römern dagegen nicht errichtet - zu teuer. Die sollten erst mit dem zweiten Schritt kommen, wenn die militärische Okkupation gelungen wäre.
Doch es kam bekanntlich anders. In der Varusschlacht 9 nach Christus verlor das Imperium rund 20 000 Soldaten und zog sich hernach ganz aus dem rückständigen Nebelland zurück. Germanien blieb ungezähmt, aber auch unkultiviert.
Erst im frühen Mittelalter unter Karl dem Großen gelang der Sieg gegen die heidnischen Germanen. Über 30 Jahre lang brauchte der Frankenkönig, um den Großstamm der Sachsen niederzuringen. Beim "Blutgericht von Verden" ließ er 4500 Empörer hinrichten. Wer es wagte, an Fastentagen Fleisch zu essen, wurde getötet.
Corvey diente bei diesem brutalen Christianisierungswerk als frühester Brückenkopf. Annalen ist zu entnehmen, dass im Jahr 822 Benediktiner ins frisch besiegte Gebiet einrückten. Am Weserbogen bei Höxter hauten sie Pflöcke in den Boden und steckten mit der Messschnur den Platz für die dreischiffige Kirche ab.
Seltsam nur: Auf dem Grundstück standen bereits Gebäude. Erwähnt wird eine "Villa Huxori", mit dem Steinhaus eines "Bernhard". Eine andere Quelle nennt sogar "Türme und Befestigungsanlagen". Waren das etwa Ruinen aus der Jahrhunderte zurückliegenden Besatzerzeit der Römer?
"Ausgeschlossen!", rufen die Fachleute. Doch es gibt irritierende Spuren. Auf Luftbildaufnahmen sieht die Abtei mit ihrem streng quadratischen Grundriss wie ein Lager aus der Zeit des Augustus aus. Mehr noch:
* In Corvey lag ein fein ziselierter vergoldeter Buchstabe, fünf Zentimeter hoch. Die Arbeit ist einzigartig fürs plumpe Frühmittelalter.
* Im Westwerk standen Stuckfiguren - Männer in Togen.
* Die Außenkrypta war mit rund 2000 Jahre alten Fliesen aus Marmor und Porphyr bedeckt.
Für all diese antiken Elemente gibt es jedoch eine einfache Erklärung. "Die Karolinger waren so vernarrt ins Römertum, dass sie die Tempel, Kommandanturen und Luxusvillen der Cäsaren abreißen ließen und als Spolien wiederverwendeten", erklärt Lobbedey. "Von Karl dem Großen ist bekannt, dass er ganze Säulen aus Ravenna abtransportierte."
Zudem waren offenbar auch italienische oder byzantinische Handwerker vor Ort. Diese Meister waren noch kundig in den antiken Fertigkeiten und halfen den Maurern aus der Sauerkrautregion um Höxter offenbar auf die Sprünge.
Auf diese Weise dürften auch die Seeungeheuer auf die Wände des Westwerks gelangt sein. Unter dem Fries sind drei Männer abgebildet: Sie haben feingeschnittene mediterrane Gesichter und dunkle Haare. Wahrscheinlich sind es die Schöpfer der Malereien.
Dass es sich bei diesen Künstlern um "Südeuropäer" handelt, glaubt auch der Leiter des Klostermuseums, Günter Tiggesbäumker: "Typische Westfalen sehen anders aus", sagt er, "mehr grob und knollennasig." MATTHIAS SCHULZ
* Hilde Claussen, Anna Skriver: "Die Klosterkirche Corvey, Band 2. Wandmalerei und Stuck aus karolingischer Zeit". Verlag Philipp von Zabern, Mainz; 524 Seiten; 98 Euro.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 33/2008
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