25.08.2008

KAUKASUS

Chronik einer Tragödie

Von Ertel, Manfred; Klussmann, Uwe; Koelbl, Susanne; Mayr, Walter; Schepp, Matthias; Stark, Holger; Szandar, Alexander

Wer trägt die Schuld am Krieg in Georgien? Die Anfänge reichen weit hinter den 7. August zurück, und die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt, dass Saakaschwili wie Putin Vorbereitungen für den Ernstfall trafen. Amerikaner und Europäer hätten wissen müssen, was sich zusammenbraut.

Das Hotel Sheraton Metechi zu Tiflis hat eine sandfarbene Fassade, Dutzende Etagen und eine helle Lobby, die bis unters Dach reicht. Es ist ein ideales Hauptquartier für Gäste im weltweiten Einsatz, die nicht weiter auffallen möchten.

Amerikanische Soldaten sind da, dazu US-Berater in Zivil, die mit Offizieren tuscheln und auf Laptops Bilder betrachten - solange keiner kommt, der sie nach ihrer Mission fragt. Dann nämlich klappen sie die Computer zu, und ein Mittdreißiger im blauen Poloshirt erklärt: "Wir sind die am schlechtesten informierten Leute in Tiflis. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, was wir hier tun."

An die 160 amerikanische Militärberater halten Ende vergangener Woche noch in Georgien die Stellung. Dazu sind bis Freitag russische Soldaten im Land, die sich viel langsamer aus Georgien zurückziehen, als es Präsident Medwedew angekündigt hat. 500 Soldaten sollen eine Pufferzone sichern zwischen Georgien und Südossetien, erklären Generalstäbler in Moskau selbstherrlich.

Aber wer trägt eigentlich die Schuld an diesem Sechs-Tage-Krieg im Südkaukasus?

Von einer "brutalen russischen Attacke und Invasion" spricht Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili. Vom "Kriegsverbrecher Saakaschwili" und vom "Genozid" an russischen Staatsbürgern spricht Moskaus Premierminister Wladimir Putin. Was aber sagen die Abgesandten der westlichen Wertegemeinschaft dazu? Sie rätseln noch.

Dabei kam der Kriegsausbruch an der Südflanke des Kaukasus beinahe so zwangsläufig wie der Blitzschlag nach dem Donnergrollen. Dutzende Zeugenaussagen und Geheimdienst-Informationen, die dem SPIEGEL vorliegen, fügen sich zur Chronik einer angekündigten Tragödie.

Allerdings muss die Rekonstruktion weit vor dem 7. August einsetzen. Seit Anfang des Jahres tobte der Krieg der Worte zwischen Moskau und Tiflis. Bald fanden militärische Manöver auf beiden Seiten statt, die sich im Nachhinein als Vorbereitung auf den Ernstfall verstehen lassen. Truppenbewegungen in Georgien und Südossetien wurden von mehreren Geheimdiensten beobachtet. Satelliten, die im Weltraum kreisen, lieferten ein präzises Abbild dessen, was auf dem Boden vor sich ging. Condoleezza Rice übte sich in Pendeldiplomatie, sie versuchte einerseits, Saakaschwili zu beschwichtigen, kritisierte andererseits Putin.

Eigentlich hätte die Welt ahnen können, was da im Südkaukasus auf sie zukam. Und doch war am Ende das Erstaunen groß, als die Waffen sprachen. Eine Rückkehr zum Kalten Krieg hatte keiner gewollt.

Zwischen dem 5. Januar 2008, dem Tag der Wiederwahl Micheil Saakaschwilis zum Präsidenten Georgiens, und dem 7. Mai 2008, dem letzten Tag der Amtszeit Wladimir Putins als Präsident Russlands, geraten die Fronten im Konflikt um die seit 18 Jahren von Georgien abtrünnigen Gebiete Südossetien und Abchasien erheblich in Bewegung.

Es ist, als sähen der kaukasische Volkstribun Saakaschwili und der kühl kalkulierende Russe Putin, der das nominelle Ende seiner Regentschaft vor Augen hat, nun endgültig den Zeitpunkt gekommen für einen Showdown.

Saakaschwili will sein Land so schnell wie möglich in die Nato führen und glaubt sich der Rückendeckung des Westens sicher; Putin will sein Land im Süden des untergegangenen Sowjetreichs als Hegemonialmacht etablieren und vertraut dabei den Fertigkeiten, die er sich als Kundschafter im Sold des KGB erworben hat - sorgfältige Feindanalyse vor allem.

Die Signale, die Saakaschwili nach seiner Wiederwahl aussendet, lösen in Moskau Alarm aus. Der Georgier, der seinem Volk schon 2004 die Rückeroberung der Kontrolle über das ganze Staatsgebiet versprochen hat, wird ungeduldig. Mit Washington versucht er, über einen Einmarschplan für Abchasien zu diskutieren - bevor Georgien als Nato-Anwärter unter verschärfte Beobachtung gerät. Im Armee-Fernsehsender SakarTVelo - Motto "Wir dienen denen, die dienen" - wird derweil um Rekruten geworben, mit einem Hitler-Zitat von 1932: "Nur durch die Kraft der Waffe" seien verlorene Territorien zurückzugewinnen.

Putin beobachtet und wartet. Erst einmal auf die Entscheidung in der Kosovo-Frage. Wenn die Albaner-Provinz das Recht zur Abspaltung von Serbien erhielte, das hat er klargestellt, könne der Westen den Abchasen und Südosseten das Recht auf Abspaltung von Georgien nicht absprechen. Am 17. Februar 2008 erkennen die USA, Großbritannien und Frankreich die Unabhängigkeit des Kosovo an.

Nachdem Saakaschwili sich am 19. März als Staatsgast in Washington hofieren lässt und es genießt, als Präsident eines zentralen Verbündeten im Kampf gegen den Terror begrüßt zu werden, folgt der Nato-Gipfel in Bukarest: Das Bündnis verweigert auf Initiative Deutschlands und Frankreichs Georgien, wie der Ukraine, die Zusage für den Nato-Beitritt, verspricht aber die spätere Mitgliedschaft.

Das werde "schlimmste Folgen für die gesamteuropäische Sicherheit" haben, prophezeit umgehend Russlands Vizeaußenminister Alexander Gruschko. US-Präsident George W. Bush fliegt zu Putin in dessen Schwarzmeer-Residenz, um die Wogen zu glätten. Die Warnungen des russischen Präsidenten scheint er weniger ernst zu nehmen, als sie gemeint sind. Was in den folgenden April-Tagen passiert, bezeichnen westliche Beobachter im Rückblick als "point of no return" - als unumkehrbare Weichenstellung für den georgisch-russischen Krieg.

Zwölf Tage nach dem Nato-Gipfel erlässt Putin den Befehl, Russlands Beziehungen zu den Separatisten-Regimen in Abchasien und Südossetien bis hart an die Grenze der Anerkennung aufzuwerten. Am 20. April schießt ein russisches Kampfflugzeug eine georgische Aufklärungsdrohne über Abchasien ab. Daraufhin zieht Saakaschwili, nach Beobachtungen der International Crisis Group, 12 000 georgische Soldaten im hochgerüsteten Militärstützpunkt Senaki zusammen.

Da sind es noch gut drei Monate bis zum Ausbruch des Kriegs.

Im Mai und Juni beordert Moskau zusätzliche Soldaten zu "humanitären Zwecken" in die Separatisten-Hochburgen - darunter 500 Fallschirmspringer und einen Reparaturtrupp von 400 Mann, der am 31. Mai in Abchasien eintrifft, um Eisenbahnstrecken südlich von Suchumi auszubessern: Basisarbeit für den Transport von Panzern und schwerem Militärgerät.

Alexander Dugin hat da längst sein Quartier aufgeschlagen. Der rauschebärtige Chefideologe des wiedererwachten Großrussentums, der die Putin-Partei Einiges Russland berät, besichtigt ein Zeltlager seiner Jugendbewegung rund 25 Kilometer von der südossetischen Hauptstadt Zchinwali entfernt. 30 Armeezelte beherbergen 200 Teilnehmer. Auf dem Programm stehen geopolitische Seminare und paramilitärisches Training. Kalaschnikows und scharfe Munition für die Geländespiele stellen die prorussischen Streitkräfte in Südossetien.

"Hier verläuft die Grenze des Kampfs der Zivilisationen", sagt Dugin. "Ich finde Amerikaner hervorragend. Aber wir wollen die amerikanische Hegemonie brechen." Seine Jungmänner im Zeltlager sind dazu bereit, und Dugins Träume enden nicht an der russisch-georgischen Grenze: "Unsere Truppen sollen die georgische Hauptstadt Tiflis besetzen, das ganze Land, und am besten gleich die Ukraine noch dazu mit der Halbinsel Krim, die ohnehin historisch zu Russland gehört", sagt er.

Während Dugins Gefolgsleute sich unter Vogelgezwitscher auf den Ernstfall vorbereiten, verschärft sich die Lage an den Grenzen Südossetiens und Abchasiens zu den von Tiflis kontrollierten Gebieten. Es kommt zu Granatwerfergefechten und Sprengstoffanschlägen unter den Augen von OSZE- und Uno-Abgesandten.

Auf den georgischen Statthalter in Südossetien wird am 3. Juli ein Attentat verübt - Dmitrij Sanakojew, der erst den Separatisten als Regierungschef diente und dann von Saakaschwili für seine Dienste eingespannt worden ist, zählt zu jenen Dunkelmännern im kaukasischen Raum, die es selten in die Bedrohungsanalysen westlicher Kundschafter schaffen. Und denen dennoch tragende Rollen zufallen im geopolitischen Positionsschach am Kaukasus, wo selbst Dorfvorsteher und Klein-Mafiosi neuerdings für Augenblicke im Scheinwerferlicht der Weltpolitik stehen.

"Wenn Moskau Südossetien anerkennt, gibt es Krieg", sagte Sanakojew, Georgiens Mann an der russischen Grenze, noch Mitte März. Am 3. Juli dann fährt sein Nissan-Jeep auf eine Mine und gerät unter Beschuss aus Maschinengewehren. Drei Leibwächter werden schwer verletzt, Sanakojew überlebt wie durch ein Wunder.

Fünf Tage später dringen russische Kampfflugzeuge in Georgiens Luftraum ein - als Signal für die "Heißsporne in Tiflis", so heißt es in Moskau. Der Zeitpunkt der Machtdemonstration ist bewusst gewählt: Tags darauf will Georgiens Präsident Saakaschwili die US-Außenministerin Condoleezza Rice zu einem privaten Abendessen in Tiflis empfangen. Ihre Gespräche deuten beide später unterschiedlich: Rice glaubt, dass sie Saakaschwili vor einem militärischen Schlagabtausch mit Russland gewarnt hat; Saakaschwili erinnert sich vor allem an Beteuerungen unverbrüchlicher Solidarität.

Als Rice Tiflis verlässt, sind es noch 28 Tage bis Kriegsausbruch.

Am 10. Juli zieht Georgien seinen Botschafter in Russland ab - aus Protest gegen die Verletzung des eigenen Luftraums. Parallel nehmen die Spannungen in der Schwarzmeer-Republik Abchasien zu: Bei Bombenanschlägen sterben dort vier Menschen, selbst im nahen russischen Kurort und künftigen Olympia-Schauplatz Sotschi gibt es Explosionen - als Täter stehen Georgier unter Verdacht.

Noch während an Abchasiens Stränden russische Touristen Billigurlaub genießen, werden Truppen und Militärfahrzeuge in die Separatisten-Hochburg verlegt. Und der abchasische Provinzfürst Sergej Bagapsch gibt sich dem Moskauer Magazin "Ogonjok" gegenüber gefechtstüchtig: "Wir sind bereit für den Krieg; aber ich werde mich jetzt nicht hinstellen und genau erzählen, wie wir uns vorbereitet haben."

Am 15. Juli beginnt auf beiden Seiten des Hauptkamms im Großen Kaukasus eine beispiellose Demonstration militärischer Macht. Im Süden, unweit von Tiflis, stehen an die 1000 US-Amerikaner im Manöver "Direkte Antwort 2008" mit der 4. Infanteriebrigade der georgischen Armee.

Im russischen Norden der Kaukasus-Kette, zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer, beginnt am selben Tag das Manöver "Kaukasus 2008" unter Leitung von Generaloberst Sergej Makarow, dem Kommandeur des Wehrbezirks Nordkaukasus. 8000 Mann aus allen Waffengattungen sind dabei. Truppen der 76. Luftlandedivision aus Pskow exerzieren ohne große Geheimhaltung auf dem Versuchsgelände in der Daryal-Schlucht, unweit des Roki-Tunnels, der direkt nach Südossetien führt - das Nadelöhr zwischen Russland und Georgien.

Russlands Truppen im Felde seien bereit, so verlautet es aus Moskau, um den eigenen, in Südossetien stationierten "Friedenshütern zu Hilfe zu kommen". Die Antwort aus Tiflis lässt nicht auf sich warten: Von einem "Recht auf irgendwelche Aktionen auf dem Boden Georgiens" sei nichts bekannt.

Westliche Geheimdienste beobachten, wie nach dem 30. Juli, nach Ende des Militärmanövers "Kaukasus 2008", die Melde- und Kommunikationswege auf russischer Seite, anders als üblich, in Betrieb gehalten werden und die 58. Armee in Alarmbereitschaft bleibt. Für die US-Kundschafter mit ihrem Arsenal aus Spionagesatelliten, Aufklärungsflugzeugen und unbemannten Drohnen ist das eigentlich ein Grund zur Besorgnis.

Denn auch nach dem Ende des Großmanövers auf der anderen, der georgischen Seite, tut sich unter den Augen amerikanischer Militärberater Erstaunliches. Präsident Saakaschwili schickt nach dem 30. Juli Teile seiner Armee nicht zurück in die Kasernen, sondern in Richtung Südossetien. Die Artilleriebrigade etwa, die acht Tage später, am 7. August, mit dem Beschuss der südossetischen Hauptstadt Zchinwali beginnen wird, ist eigentlich auf zwei Standorte verteilt, Senaki und Gori. Nun wird sie in Gori zusammengezogen.

Noch sieben Tage sind es bis zum Ausbruch des Kriegs. Zwei Armeen stehen sich gut gerüstet, wenn auch in ungleicher Stärke gegenüber: Auf einen georgischen Soldaten kommen im Fall der Fälle 48 russische. Eine Tragödie nimmt langsam ihren Lauf - ohne dass die Weltöffentlichkeit etwas ahnt.

In den letzten Tagen vor Kriegsausbruch häufen sich die Scharmützel. Am Freitag, dem 1. August, werden fünf georgische Polizisten in Südossetien von einer Bombe verletzt. Wenig später sterben sechs Menschen, vorwiegend Polizisten der russlandtreuen Separatisten-Regierung, beim Fischen und Schwimmen, getötet von Scharfschützen. Osseten beginnen damit, ihre Frauen und Kinder Richtung Russland in Sicherheit zu bringen.

Am 3. August meldet sich das russische Außenministerium mit einer letzten Warnung zu Wort: Ein "weitreichender Militärkonflikt" stehe bevor. Nur in den europäischen Regierungs- und Geheimdienstzentralen ahnen sie bereits, wovon die Rede ist: Saakaschwilis Pläne für einen Einmarsch sind schon länger fertig - ein erster Entwurf aus dem Jahr 2006, eine Art Blaupause für die spätere Operation, so heißt es, habe vorgesehen, in 15 Stunden alle wichtigen Stellungen zu erobern.

Einen Plan B, für den Fall des Scheiterns, gibt es nicht.

Drei Tage sind es noch bis zum Ausbruch des Kriegs, als aus Israel noch einmal mit Nachdruck versichert wird, Offensivwaffen würden an Georgien seit Monaten nicht mehr verkauft - "verzweifelte Nachfragen" aus Tiflis, unter anderem nach "Merkava"-Panzern und anderen, neuen Waffen, seien abgelehnt worden. Georgien und Russland befänden sich offensichtlich auf Kollisionskurs.

Als Dorado für israelische Waffenhändler und Veteranen aus der Armee und dem Mossad war Georgien zunehmend in die Schlagzeilen geraten. Über Verteidigungsminister David Keseraschwili, der in Holon bei Tel Aviv lebte und Hebräisch spricht, war in Jerusalem zu lesen, seine Cousins dienten israelischen Waffenhändlern als verlässliche Türöffner. Und der Kabinettskollege Temur Jakobaschwili, für Südossetien und Abchasien zuständig, sagte in allem Freimut, "die Ausbildung unserer Militäreinheiten durch Israelis macht mich stolz darauf, Jude zu sein".

Hat Georgiens junge Elite die Bedeutung des eigenen Landes, die Motive seiner Verbündeten, Freunde und Handelspartner falsch eingeschätzt? Je näher der Krieg rückt, desto stärker drängt sich der Verdacht auf. Die Zeche zahlen die Menschen.

Gegen zehn Uhr abends am 5. August - sie hatte gerade ihre Enkelin gebadet und ging in den Hof, um Wasser zu holen - wird es für die Lehrerin Sisino Dschawachischwili im georgischen Dorfs Nikosi, drei Kilometer vom südossetischen Zchinwali entfernt, ernst: "Einzelne Geschosse oder gar Maschinengewehrschüsse wundern bei uns keinen, aber diesmal war es richtig massiv", sagt die Lehrerin. "In den Tagen davor hatten wir nichts Besonderes bemerkt. Das Einzige, was uns auffiel, waren Fernsehberichte, wonach ossetische Einwohner aus Zchinwali hinausgeschafft wurden. Wir sahen volle Busse, die Richtung Russland abfuhren. Aber mein Mann meinte, das diene der Einschüchterung."

Am 6. August ist die Evakuierung der Frauen und Kinder bereits abgeschlossen. In den georgisch kontrollierten Dörfern Südossetiens weiten sich die Gefechte zwischen der Infanterie der georgischen Armee und südossetischen Milizen aus. In der folgenden Nacht kommt es zu pausenlosen Artilleriegefechten. Georgische Quellen berichten, Mitglieder der russischen Truppen hätten auf ossetischer Seite in den Kampf eingegriffen.

Am Morgen des 7. August haben die Georgier nach Erkenntnissen westlicher Beobachter 12 000 Soldaten an der Grenze zu Südossetien zusammengezogen. Bei Gori stehen 75 Panzer und gepanzerte Schützenwagen. In einem 15-Stunden-Blitzkrieg sollen sie bis zum Roki-Tunnel vordringen, um ihn zu schließen. Rund um Zchinwali stehen bis dahin nur 500 russische Soldaten und weitere 500 Kämpfer der südossetischen Miliz unter Waffen zur Gegenwehr bereit. Um 16.06 Uhr melden die südossetischen Behörden, Zchinwali werde mit Granatwerfern und automatischen Waffen beschossen. 50 Minuten später wird eine "großangelegte militärische Aggression gegen die Republik Südossetien" gemeldet. Nach westlichen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen beginnt der georgische Artilleriebeschuss von Zchinwali an diesem Donnerstag erst um 22.30 Uhr - orchestriert von 27 Raketenwerfern der georgischen Armee, die Geschütze von maximal 152 Millimetern Kaliber zum Einsatz bringt. Um 23 Uhr erklärt Saakaschwili die "Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung Südossetiens" als Ziel.

Georgiens Präsident stützt sich bei seinem Vorstoß vor allem auf Infanterieverbände, die über die Hauptverkehrsstraßen vorrücken müssen. Um 23.10 Uhr informiert die georgische Seite den russischen Friedenstruppen-General darüber, dass sie mit militärischen Mitteln "die verfassungsmäßige Ordnung" in der Region Zchinwali, wie die Georgier Südossetien nennen, wiederherstellen werde. Eine halbe Stunde später schlägt eine georgische Granate auf dem Dach eines dreigeschossigen Gebäudes der russischen Truppen ein. Zwei Soldaten auf Beobachtungsposten sterben.

Stalinorgel-Salven schlagen auf dem Gelände ein. Der Essenssaal der Friedenstruppen versinkt in Trümmern, sämtliche Gebäude brennen aus, 18 russische Soldaten kommen ums Leben. Vier Minuten vor Mitternacht melden die südossetischen Behörden: "Der Sturm der georgischen bewaffneten Kräfte auf Zchinwali beginnt."

Dabei leisten russische Soldaten durchaus Widerstand - nach georgischer Darstellung sind es Angehörige der Friedenstruppen und dazu ossetische Milizionäre. Die Georgier bleiben bei ihrem Vormarsch stecken und kommen über Zchinwali nicht hinaus. Sie sind unerfahren und die Verluste unter der Zivilbevölkerung beim Bombardement von Zchinwali entsprechend hoch. Den Einsatz leitet das überforderte georgische Innenministerium, nicht das Verteidigungsministerium - ein Waffengang in Südossetien gilt, völkerrechtlich korrekt, militärisch hingegen verhängnisvoll, als innenpolitische Aufgabe.

Am späten Abend dieses 7. August, kurz vor Kriegsausbruch, einem regnerischen Spätsommertag in Moskau, sitzt Grigorij Karassin, Russlands stellvertretender Außenminister, in seinem Büro im siebten Stock eines Stalin-Wolkenkratzers im Herzen der Stadt. Karassin ist zuständig für die schwierigen Beziehungen zu den Ländern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), also auch für Konfliktzonen auf dem Territorium der Schwarzmeer-Republik Georgien.

In den vergangenen drei Jahren, sagt er, habe es kaum einen Tag gegeben, an dem er nicht mit europäischen, amerikanischen oder georgischen Gesprächspartnern über Südossetien und Abchasien gesprochen habe.

Seit Anfang August aber häufen sich bei ihm beunruhigende Meldungen vom zuständigen Sonderbotschafter Jurij Popow und vom Kommandeur des russischen Teils der Friedenstruppen. Gegen 21 Uhr an diesem Abend wird Karassin darüber informiert, dass Georgien Truppen an der Grenze zu Südossetien zusammenziehe. Der Sonderbotschafter berichtet, auf dem Rückweg von Zchinwali nach Tiflis habe er fünf Panzer, sechs Panzerwagen, fünf Haubitzen, Stalinorgeln, Lastwagen und Busse voller Soldaten und Offiziere gezählt.

Nach 22 Uhr erst verlässt Karassin sein Büro und telefoniert noch von zu Hause aus mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedew. Es ist eines von sieben Gesprächen in dieser Nacht mit dem Staatsoberhaupt. Medwedew gibt Anweisung, schnell mit Saakaschwili Kontakt aufzunehmen - Georgiens Präsident aber ist nicht zu sprechen. Karassin lässt sich stattdessen zu Dan Fried durchstellen, seinem amerikanischen Amtskollegen. Man versuche, die Sache in den Griff zu bekommen, sagt Fried. Weitere Gespräche kommen nicht mehr zustande.

Für eine friedliche Lösung ist es am nächsten Morgen zu spät. Seit 2.06 Uhr am frühen Freitag laufen Meldungen über russische Panzer im Roki-Tunnel über die Ticker der Presse-Agenturen. Durch den Roki-Tunnel führen die Russen insgesamt, die Schätzungen differieren, 5500 bis 10 000 Soldaten nach Südossetien. Und an der georgisch-abchasischen Grenze stehen 7000 bis 10 000 russische Soldaten, viele davon sind auf dem Seeweg aus Russland gekommen. Vor der georgischen Küste patrouilliert der Raketenkreuzer "Moskau", das Flaggschiff der Schwarzmeer-Flotte, mit dem Flottenkommandeur höchstpersönlich an Bord.

In der Luft sind Suchoi- und Tupolew-Kampfflugzeuge der Typen Su-25, Su-24, Su-27 und Tu-22 zugange. Die Menschen in den georgisch besiedelten Dörfern Südossetiens erleben die russische Übermacht im Luftraum als Alptraum.

Ein 68 Jahre alter Mechaniker aus Kurta, einem Dorf nordöstlich Zchinwalis, traut seinen Augen nicht: "Als die Flugzeuge kamen und uns beschossen, war es schrecklich: Jede Bombe explodierte nicht einmal, sondern mehrmals nacheinander, jedes Mal ein Stück weiter, in langen Streifen blitzte es auf; die Maschinen dröhnten, als sie heranflogen. Ich verbarg mich im Keller und schaute auf die Uhr: Alle paar Sekunden kamen die Explosionen."

Das müssen Streubomben gewesen sein, die gleichen Streubomben, die auch die Georgier eingesetzt haben, wie die Beobachter der Organisation Human Rights Watch zu Protokoll geben. Das ist ein Krieg, entfesselt nach dem archaischen Muster des 20. Jahrhunderts, gestützt auf die Technik des 21. Jahrhunderts und verschlafen von den Weltpolizisten der globalisierten Gemeinde - er nimmt jetzt seinen Lauf.

Alexander Stubb, finnischer Außenminister und amtierender Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), hat den Krieg nicht kommen sehen: "Die OSZE war ja hier immer involviert, seit 1992. Es hat sehr viele Berichte gegeben über kleinere Konflikte. Die erste Information über den großen Konflikt habe ich in der Nacht zum 8. August erhalten. Wir sind davon überrascht worden. Ich hatte mit meiner Missionschefin in Tiflis noch am 7. August gesprochen. Sie sagte mir, es sei jetzt ziemlich gefährlich hier, aber kein Problem. In der Nacht zum 8. August ist dann alles losgegangen."

In der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008, an der sattgrünen Südflanke des Kaukasus-Massivs, brach die angekündigte Tragödie aus.

Die toten Zivilisten sind inzwischen begraben, keiner kennt ihre Zahl. Auf russischer Seite starben 74 Soldaten (nach georgischen Angaben 400), auf georgischer Seite 165 (nach russischen Angaben 4000). Wer aber hat das bessere Ende für sich, sobald alles neu geordnet sein wird, nach diesem seltsamen kaukasischen Krieg? Und wie lange dauert der neue Kalte Krieg, der ausgebrochen zu sein scheint zwischen Russland und Amerika?

Präsident Saakaschwili empfing zuletzt unermüdlich Staatsgäste und fühlte sich als Mittelpunkt der Welt. Erst kam wieder Condoleezza Rice, dann Angela Merkel, darauf der britische Außenminister David Miliband. Polen unterschrieb derweil einen Vertrag mit den USA über den Aufbau eines Raketenschutzschildes, was aus Moskau mit der Bemerkung kommentiert wurde, damit habe sich auch Warschau ins nukleare Fadenkreuz begeben. Im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen brachten Russland und der Westen Resolutionen ein, die keine Chance auf Verabschiedung haben, weil die amtierende und die ehemalige Supermacht einander blockieren.

Währenddessen schleppte sich der Rückzug der russischen Truppen von georgischem Boden bis in die Nacht zum vorigen Samstag dahin. Die Soldaten zerstörten die wichtigsten Brücken, Eisenbahnlinien und Straßen. Ausgiebig demütigte der militärische Sieger den Verlierer, der sich zum Angriff provozieren ließ.

Georgien dürfte Jahre brauchen, um sich von diesem Sechs-Tage-Krieg zu erholen.

MANFRED ERTEL, UWE KLUSSMANN,

SUSANNE KOELBL, WALTER MAYR, MATTHIAS SCHEPP, HOLGER STARK, ALEXANDER SZANDAR


DER SPIEGEL 35/2008
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Chronik einer Tragödie