01.09.2008

TERRORISMUS Der Hass des Abdullah

Vor einem Jahr nahmen Ermittler drei Islamisten fest. Die „Sauerland-Zelle“ wollte mit Autobomben ein Blutbad in Deutschland anrichten. Als Kopf der Gruppe gilt ein deutscher Muslim. Wer ist Fritz Gelowicz, und was machte ihn zum Fanatiker? Von Marcel Rosenbach und Holger Stark
Wie die Bombe aussehen soll, das weiß Fritz Gelowicz genau, schon Monate, bevor sie gebaut wird. Sie zeichnet sich vor seinen Augen ab, wie eine Vision, die Allah ihm gesandt hat, es ist eine sehr blutige Vision.
"200 Kilogramm mit Splittern, Inschallah, das macht 'nen Riesenbums."
Möglichst viele Opfer soll es geben, das ist der schlichte Plan, den Fritz Gelowicz an diesem Sommertag im Juli vergangenen Jahres mit Adem Yilmaz bespricht, seinem engsten Vertrauten und mutmaßlichen Mitverschwörer. Die beiden sind in einem gemieteten Ford S-Max unterwegs von Stuttgart nach Freudenstadt im Schwarzwald. Sie haben drei Kanister mit Wasserstoffperoxidlösung im Kofferraum, die Fritz bei einem Chemikalien-Geschäft in Hodenhagen bei Hannover besorgt hat.
Es ist der Stoff, aus dem Gelowicz' Visionen sind. Wenn man die Lösung einkocht und weitere Ingredienzen hinzufügt, kann sie zu einem hochexplosiven Gemisch werden. "Satans Mutter" wird sie in der Szene genannt.
Die gemeinsame Fahrt nach Freudenstadt, wo die beiden den Stoff in einer angemieteten Garage deponieren, wird einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt des Fritz Gelowicz erlauben, denn die Ermittler können die Gespräche mithören; der Mietwagen ist verwanzt.
Die beiden Insassen fachsimpeln über die Zahl der Bomben und die Zahl der Opfer, 150 sollen es sein, mindestens, etwa am Frankfurter Flughafen. Yilmaz schlägt Gießen vor, da gebe es richtig große amerikanische Discos. Er wolle "das Beste rausholen, Achi, wirklich: zweiter 11. September".
Achi, das bedeutet im Arabischen "mein Bruder". "Was ich gemacht habe, Achi, die müssten mich einlochen, Achi", sagt Yilmaz. "Klar, die müssten uns alle einlochen", antwortet Gelowicz, und Yilmaz lacht.
"Wenn die wüssten", fährt Gelowicz fort. Er sagt es mit einem Gefühl der Überlegenheit. "Allah macht die blind."
Aber Allah ist in diesem Fall nicht auf der Seite von Fritz Gelowicz, Allah hat nicht die Polizisten blind gemacht, sondern die beiden Islamisten. Längst werden deren Wohnungseingänge mit Videokameras überwacht, ist das Wasserstoffperoxid ausgetauscht gegen ein harmloses Wässerchen, wird auch Daniel Schneider observiert, der Dritte im Bund. Längst ist es ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen dem Staat und seinen ärgsten Feinden geworden, das in Berlin und auch in Washington mit Sorge verfolgt wird, ein Spiel, über das sich die deutsche Kanzlerin unterrichten lässt und der US-Präsident.
Ein Jahr ist es her, dass die Bundesanwaltschaft das Trio in einer spektakulären Aktion hat auffliegen lassen. Am 4. September 2007, um 14.30 Uhr, brach ein Kommando der GSG 9 die Tür eines Ferienhauses im Sauerland auf. In der Küche fanden die Fahnder zwei Töpfe aus Edelstahl und neun Packungen Mehl, die zum Rezept von "Satans Mutter" gehören. Im Wohnzimmer, umwickelt mit rotem Klebeband, lagen in einer C & A-Tüte militärische Zünder, auf dem Tisch eine aufgeschraubte Casio-Uhr, gedacht wohl als Zeitschaltung. Unter einem weißen Kaftan im Kleiderschrank stand ein Kanister mit Wasserstoffperoxid, aus dem Bad drang beißender Geruch. Die Bombenbastler hatten mit dem Kochen einer Probedosis begonnen.
In der Anklageschrift, die die Bundesanwaltschaft gerade fertigformuliert und die noch Anfang dieses Monats zugestellt werden soll, wird Fritz Gelowicz, 29, Adem Yilmaz, 29, und Daniel Schneider, 22, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen, die Vorbereitung eines Sprengstoffverbrechens, Schneider auch versuchter Mord.
Gelowicz ist die schillerndste Figur in diesem Verfahren, die Bundesanwaltschaft sieht ihn als Rädelsführer. Das Bundeskriminalamt (BKA) bezeichnet ihn als "Koordinator und Logistiker", ihm könne, heißt es in einem internen Papier, "der Hauptanteil an der Tatvorbereitung für einen Sprengstoffanschlag in Deutschland zugeschrieben werden".
Der Prozess soll vor dem Düsseldorfer Staatsschutz-Senat stattfinden, in einem Hochsicherheitstrakt, es wird eines der größten und wichtigsten Verfahren seit dem Ende der Roten Armee Fraktion. Fritz und seine Freunde gelten als Staatsfeinde Nummer eins.
Man weiß mittlerweile, dass die Anweisungen für den Plan aus Pakistan kamen, man weiß auch, dass Gelowicz einer von etwa 50 Islamisten aus Deutschland ist, die nach Pakistan gingen, um das Bombenbauen im Namen Allahs zu erlernen, einige von ihnen sind noch dort.
Aber man weiß fast nichts darüber, wie aus dem semmelblonden "Fritzi", der im behüteten Schwaben aufwuchs, ein Fanatiker wurde, der sich jetzt "Abdullah" nennt, also "Diener Gottes", und so "voller Hass" sei, wie Innenstaatssekretär August Hanning urteilt.
Die Bundesrepublik hat in den Jahren nach dem 11. September 2001 neue Mittel gesucht, islamistische Terroristen zu bekämpfen. Es gibt ein Anti-Terror-Zentrum, eine Anti-Terror-Datei, Anti-Terror-Gesetze, und wenn all das nicht hilft, dann gibt es den großen Bruder in Washington, der wie im Fall Gelowicz E-Mails zwischen Süddeutschland und den pakistanischen Bergen mitliest und die deutschen Behörden auf diesen Staatsfeind aufmerksam macht. Aber was gewaltbereite Islamisten wie Gelowicz antreibt, ist Deutschland noch immer fremd und rätselhaft.
Fritz war weder besonders gut in der Schule noch besonders schlecht, sein Vater verkauft Solaranlagen, seine Mutter ist Ärztin, er hat an der Fachhochschule studiert. Mit ihm, der jetzt in Stuttgart-Stammheim einsitzt, ist die Saat des islamistischen Terrorismus in der Mitte der deutschen Gesellschaft aufgegangen.
Warum spricht so jemand von den Deutschen nur verächtlich als "Kuffar", als Ungläubige, "die denken ja nicht so wie wir, weisch? Uns ist ja alles egal, weisch wie i mein?"
Nein, nicht wirklich.
Wie denkt er? Woher stammt dieser abgrundtiefe Hass auf die Gesellschaft?
Die Spurensuche führt in die Provinz, nach Süddeutschland ausgerechnet, wo die Welt vorgibt, heil zu sein, die Leute Arbeit haben und die Bürgersteige gefegt sind. Die Donau zerschneidet einen hügeligen Landstrich, das bayerische Neu-Ulm auf der einen Seite, das baden-württembergische Ulm auf der anderen.
Fritz Martin Gelowicz ist in München geboren und wächst links der Donau auf, in Ulm. Sein Vater stammt aus Polen, neben Fritz gibt es seinen älteren Bruder, es scheint eine bürgerliche Bilderbuchfamilie zu sein, aber schon früh hält etwas Einzug in den Alltag, das alle anfangs unterschätzen: der Glaube.
Auf dem Gymnasium freundet sich Fritz als Jugendlicher mit einem jungen Türken an, Tolga D., dessen Vater ein ebenso energischer wie konservativer Muslim ist. Tolga neigt dem Salafismus zu, jener Glaubensrichtung der "frommen Altvordern", die sich streng an den Urtext des Koran halten. Er wird Fritz' bester Freund, und das scheint die erste wichtige Weichenstellung im Leben des Fritz Gelowicz.
Gegenüber der Polizei wird Fritz' Vater später angeben, dass Tolga es gewesen sei, der Fritz zum Islam bekehrte, 1995 schon, da ist der Sohn gerade 15. Bis dahin hatte Fritz dieselben Interessen wie viele Altersgenossen: Er stand auf US-Rapper, machte seine ersten Alkohol-Erfahrungen und rauchte auch mal einen Joint. Drei Jahre zuvor, mitten in der beginnenden Pubertät, ist die Ehe seiner Eltern zerbrochen, für Fritz ein tiefer Einschnitt. Er schreibt später in einem Brief von "zerrütteten Familienverhältnissen", die ihn "geistig und körperlich so stark belastet" hätten. Bei Tolga und in den Familien anderer türkischer Freunde erlebt Fritz eine andere Welt; eine Geborgenheit in der Großfamilie, vom gemeinsamen Essen bis zum Gang in die Moschee - wo klare Regeln vermittelt werden und wo es nur eine Autorität gibt: Allah.
Fritz fühlt sich davon angezogen - bis dahin "religionsabstinent" (BKA), wird er Muslim. Auch Fritz' älterer Bruder bekennt sich zum Islam, nennt sich seitdem "Muaz". Die Eltern haben jetzt zwei muslimische Söhne. Beide wachsen beim Vater auf. Als Fritz 18 ist, erfahren die Eltern, dass er sich hat beschneiden lassen, sie sind überrascht.
Wenn anfangs jemand wegen einer besonders dogmatischen Ausübung des Glaubens auffällt, dann sind es Tolga und Fritz' älterer Bruder, dessen Hochzeit noch heute Gespräch im Rathaus von Ulm ist - so etwas haben die Standesbeamten lange nicht erlebt.
Der Bräutigam erscheint in Zimmer 113, die Treppe hoch, erste Tür links, mit langem Bart und arabischem Beinkleid, seine Zukünftige ist tief verschleiert. "Muaz" weigert sich, den Standesbeamtinnen die Hand zu geben, sie haben das Gefühl, er weiche auch ihren Blicken aus. Im selben Trauzimmer wird Fritz später eine junge Deutsch-Türkin heiraten.
Das zweite Vorbild, Tolga, lernt Industriekaufmann im Betrieb von Vater Gelowicz. Er gerät früh ins Visier der Sicherheitsbehörden. Sie führen ihn als Gefährder, und im Sommer 2007 werden ihn pakistanische Grenzer festnehmen; gegenüber der deutschen Botschaft in Islamabad gibt Tolga an, er sei auf dem Weg nach Tschetschenien gewesen, in den Dschihad.
Dass Fritz sich für den Islam entschieden hat, nimmt sein Umfeld anfangs nicht wahr, auch nicht sein Ethiklehrer Werner Brüker, der den "intelligenten Burschen" in der 9. Klasse der Ulrich-von-Ensingen-Realschule unterrichtet. Gelowicz' Vater wird der Polizei später zu Protokoll geben, wenn er etwas bereue, dann die Entscheidung, seinen Sohn in den Ethikunterricht geschickt zu haben. Der vermittle keine positive Lebensphilosophie.
Brüker, ein Pädagoge aus Leidenschaft, fühlt sich angesprochen und schüttelt erst einmal nur den Kopf. Dann sagt er, es gehe in seinem Unterricht um Toleranz und Vorurteile, um ein friedliches Miteinander. Vom Islam habe Fritz nicht gesprochen, "das wäre mir aufgefallen".
Andererseits: Die Lust an der Provokation habe Gelowicz schon damals getrieben. "Der Fritz", sagt Brüker, "ist einer gewesen, der auffallen wollte, der sich gern mit Lehrerkollegen anlegte und der ganz bewusst die Konfrontation suchte." Sein ehemaliger Klassenlehrer Klaus Maier beschreibt ihn als "Anführertyp, der immer im Mittelpunkt stehen musste und eine Plattform brauchte". In den Klassenbüchern taucht Fritz mit vielen Einträgen auf, in "Verhalten" kassierte er die schlechteste Note, eine Vier.
Gelowicz ist offenbar frustriert, weil er das Gymnasium nicht gepackt hat, er will sich auf der Realschule nicht integrieren, obwohl viele Mitschüler den aufmüpfigen Fritz, der den Lehrern so gern Kontra gibt, cool finden. "Er hatte seine Anhänger", sagt Klassenlehrer Maier.
Aus jener Zeit stammt ein Foto, das die 9. Klasse in ihrem Raum im zweiten Stock zeigt, mit Blick auf das Ulmer Münster. Auf diesem Foto trägt Fritz Gelowicz das Haar kurz geschnitten mit Mittelscheitel, dazu ein marineblaues Nike-Sweatshirt, er sieht aus wie ein Popper aus den achtziger Jahren. Er sei damals "eher pro-amerikanisch eingestellt gewesen", erinnert sich Maier, US-Lifestyle, Spielmacher der American-Football-Mannschaft "Barracudas", Mitglied der Bayern-Auswahl.
In den folgenden zehn Jahren werden die Amerikaner von Vorbildern zu Feindbildern reifen, gegen die scheinbar alles erlaubt ist. Kalt und in militärischem Tonfall wird Gelowicz im Sommer 2007 sagen, "das Wichtigste sind amerikanische Ziele, alles wird an denen ausgerichtet". Und: Man müsse "jedem Amerikaner in die Fresse hauen".
Es gibt eine Schlüsselszene, die viel über seinen Charakter verrät. Es geht dabei um Konsequenz, Solidarität und Gerechtigkeitsempfinden, aber auch um die mangelnde Fähigkeit, eine Eskalation zu stoppen, bevor es zu spät ist.
An der Schule unterrichtet ein Mathelehrer, die Jugendlichen nennen ihn wegen seines Bärtchens "Ziege". Fritz und "Ziege" sind wie Feuer und Wasser, und im Sommer 1996, zum Ende des 9. Schuljahrs, beschließen Fritz und sein engster Schulfreund, dem ungeliebten Pauker einen Streich zu spielen.
Sie bespucken den Honda des Mathelehrers, von oben bis unten, aber sie fliegen auf und müssen sich mit einem Blumenstrauß bei dem Pädagogen und seiner Frau entschuldigen, das hat "Ziege" verlangt. Fritz habe das "als unglaubliche Demütigung empfunden", erzählt ein Schulkumpel von damals. Für Fritz' Freund, der schon gemeinsam mit Gelowicz vom Gymnasium auf die Realschule gewechselt war, kommt es noch schlimmer: Er muss die Schule verlassen. Fritz, erinnern sich Mitschüler, habe sich sofort solidarisiert; wenn sein Freund gehe, dann gehe er mit. So geschieht es.
Ihrem Klassenlehrer Maier, der Fritz wie sein Kollege Brüker durchaus mochte, schenken die beiden Renegaten ein goldgerahmtes Foto von sich, "zur Erinnerung an Ihre schrecklichsten Schüler", wie sie ironisch sagen. Der Lehrer hat es bis heute auf seinem Schreibtisch stehen.
Gelowicz' radikale, bis ins Letzte konsequente Haltung wird den Beamten der "Ermittlungsgruppe Zeit", wie die Sauerland-Sonderkommission der Polizei intern heißt, immer wieder begegnen. Sie verblüfft auch erfahrene Ermittler, und sie führt offenbar dazu, dass Gelowicz alle Warnsignale ignoriert. Er weiß, dass er dem Staatsschutz bekannt ist, seit er mit zwei Freunden in der Silvesternacht 2006 so verdächtig langsam an einer US-Kaserne in Hanau vorbeigefahren ist, dass er zunächst von einer Polizeistreife kontrolliert und dass in der Woche darauf seine Wohnung durchsucht wurde.
Doch er stellt seinen Plan nicht in Frage, er wird nur konspirativer, fährt im Schritttempo durch Wohngebiete, um ungesicherte WLAN-Internet-Zugänge zu finden, er nutzt mindestens 14 verschiedene E-Mail-Konten, wechselt seine Nummernschilder und hört mit dem Funkscanner den Polizeifunk ab. Er weiß, dass sich inzwischen verschiedene Behörden für ihn interessieren, aber er macht weiter, immer weiter, so war er schon 2001, wer weiß das besser als Martin Schultz?
Manchmal muss Schultz nachts an ihn denken, wenn seine Schulter wieder einmal schmerzt. Sie schmerzt oft, wenn der Arzt zu lange auf der falschen, der rechten Seite liegt. Wenn Patienten auf sein deformiertes linkes Handgelenk starren, kommt bei Doktor Schultz die Erinnerung an diesen Jungen hoch, der so unerwartet sein Leben verändert hat.
Martin Schultz ist 55, ein stattlicher Mann mit weißgrauem Haar, Anästhesist von Beruf, ein ruhiger Typ. Es braucht einiges, um ihn aus der Reserve zu locken.
Es braucht jemand wie Fritz Gelowicz.
Danach, sagt Schultz leise, habe er sogar so etwas wie Hass verspürt. Nach dieser Nacht des 3. April 2001.
An jenem Frühlingsabend ist der Arzt mit seiner Frau und ein paar Bekannten im Museumscafé am Ulmer Marktplatz eingekehrt. Es ist 22.45 Uhr, als sie das Lokal verlassen und sich auf dem Platz verabschieden wollen, da rast ein Peugeot auf die Gruppe zu. Er stoppt nur Zentimeter vor ihnen.
Dann sieht er ihn zum ersten Mal, diesen jungen Typen, der aus dem geöffneten Fenster schreit: "Was schaut's ihr so blöd? Soll ich aussteigen?" Es ist Fritz.
Nach Schultz' Erinnerung sagt einer seiner Begleiter dann etwas wie "Halt die Klappe", worauf Fritz aus dem Auto springt. "Steig wieder ein!", herrscht ihn Schultz an, er ist jetzt richtig wütend. Fritz fixiert ihn, er packt ihn mit Blicken. Und dann schlägt er los, mit der Faust ins Gesicht. "Es war wie ein Trommelfeuer, diese unglaubliche Härte", erinnert sich Schultz. "Ich dachte: Das ist eine Kampfmaschine - das war's." Schultz wird ohnmächtig, er geht zu Boden.
Als er wieder zu sich kommt, sieht er Fritz auf die Motorhaube des Peugeot gelehnt, seelenruhig, auf die Polizei wartend. Und als die Beamten eintreffen, sagt Gelowicz cool: "Ich zeig den an, der hat mir eine reingeschlagen."
Es ist die gleiche Kaltschnäuzigkeit, die er schon in der Schule gezeigt hat. Denkt er, dass er damit durchkommt?
Mit Chuzpe hat er es schon öfter geschafft. Seinen Zivildienst beim Bayerischen Roten Kreuz beispielsweise hat er mit der Begründung abgebrochen, "sobald ich eine offene Wunde oder fließendes Blut sehe, werde ich ohnmächtig".
Anderen gegenüber ist er nicht so zimperlich. Ärzte diagnostizieren bei Schultz multiple Brüche und Prellungen, neben den Schulterschmerzen bleibt eine Schwerhörigkeit zurück.
"Gelowicz ist taff und konsequent, wie ich es noch nie erlebt habe", sagt Martin Schultz. Im folgenden Rechtsstreit lehnt er alle Vergleichsangebote ab, er will nicht um Entschuldigung bitten. Das Verfahren zieht sich bis zum Bundesgerichtshof, am Ende werden dem Anästhesisten in zwei Urteilen 25 000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, die er nie bekommt. Gelowicz hat rechtzeitig eine eidesstattliche Versicherung abgegeben, bei ihm sei nichts zu holen. Und 2004, als Schultz noch auf sein Geld wartet, ist Fritz in Gedanken längst woanders.
Jedenfalls erzählt er seinem Kumpel Adem, es sei Ende 2003 gewesen, als er sich endgültig für den Dschihad entschieden habe. Fritz schildert es als regelrechte Erweckungsszene. Er habe vor einem Kebab-Laden gesessen, sich über sein Essen gefreut und dann plötzlich gedacht, er verschwende nur seine Zeit. Andere Brüder, einige der besten, seien damals schon in den Dschihad gezogen. Da habe er gedacht, auch er müsse in den Dschihad gehen, Inschallah, irgendwann.
Es ist auch ein Schlüssel-Zeitraum für die islamistische Szene in und um Ulm, denn tatsächlich fällt 2003 ein Konvertit aus der Donaustadt beim Kampf in Tschetschenien, und im Jahr darauf wird Yehia Yousif abtauchen, ein älterer Herr mit Brille und eisgrauem Haar, einst Informant des Verfassungsschutzes. Yousif ist Sektenführer und Ehrenvorsitzender der Islamistenszene, die im sogenannten Multikulturhaus ihre Heimat gefunden hat, einem Gewerbebau an der Zeppelinstraße.
"Yousif hatte eine Gruppe von jungen Schülern um sich geschart, die er jede Woche unterrichtete, und Fritz war einer davon", erinnert sich Reda Seyam, einer der bekanntesten Islamisten Deutschlands und selbst im Visier des Staatsschutzes. Die Gruppe gibt die Zeitschrift "Denk mal islamisch!", ein radikales Vereinsblättchen, heraus. Zu den Verteilern gehören Gelowicz und sein Freund Attila Selek, der später zum vierten Beschuldigten wird und derzeit in der Türkei im Gefängnis sitzt, sowie Tolga, der zeitweilig zweiter Vorsitzender des Multikulturhauses ist.
Gelowicz studiert inzwischen Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Ulm. Auf Anraten seiner früheren Lehrer Brüker und Maier hat er in der Abendschule mittlere Reife und das Abitur nachgeholt, mit einem Schnitt von 3,0, "gut" in Politik, "ausreichend" in Physik. Im Juli 2004 stellt er einen Antrag auf vorübergehende Exmatrikulation, "da es mir wahrscheinlich für ein Semester nicht möglich sein wird zu studieren".
Denn jetzt geht es ums große Ganze. Und das in atemraubendem Tempo.
Fritz beginnt eine rege Reisetätigkeit. Im August 2004 geht es in die Türkei, Anfang 2005 mit Freunden zur Hadsch nach Mekka, Saudi-Arabien, wo sie, in weiße Laken gehüllt, in einem Pilgerhotel wohnen. Sie sind Allah jetzt ganz nahe, wie einer der Freunde schwärmt, auch Attila Selek ist dabei.
Zu Hause in Ulm taucht in jenen Tagen Yehia Yousif ab, ihr spiritueller Meister ist plötzlich verschwunden. Die Polizei durchsucht später das Multikulturhaus und ein Dutzend Wohnungen, zu den Beschuldigten im Verfahren gegen Yousif gehören: Gelowicz und Selek, die beiden Freunde.
Sie sind die Nachwuchsgeneration der Islamisten, sie sitzen im Multikulturhaus, trinken Tee und müssen sich entscheiden: Lassen sie sich abschrecken, kehren sie zurück in ein bürgerliches Leben? Oder treten sie aus Yousifs Schatten und übernehmen die Führung, für Allah?
Die Ermittler glauben, die endgültige Entscheidung, den Dschihad nach Deutschland zu tragen, sei 2006 im Ausbildungslager in Pakistan gefallen, sie schließen das aus den belauschten Gesprächen. Eigentlich habe man von dort gar nicht zurückkommen wollen, sagt Fritz auf jener Autofahrt. Sie hätten "eigentlich etwas anderes" gewollt. Die Ermittler glauben, damit sei der bewaffnete Kampf in Afghanistan oder Pakistan gemeint. "Aber Allah hat uns unseren Weg gezeigt."
Allah habe eben für jeden seine Aufgabe, sagt Gelowicz zu Yilmaz, sie nennen das Qadr. Vielleicht ist das Leben leichter, wenn man Qadr erfüllt und die Verantwortung an eine höhere Instanz abtritt. Am Ende kommt es dann nicht mehr auf die eigene Entscheidung an, sondern auf Allahs Willen. Damit kann man viel erklären, "solange man auf dem Weg bleibt", so sagt es Fritz Gelowicz.
Reda Seyam hält es bis heute "für den größten Fehler von Günther Beckstein, dass er das Multikulturhaus verboten hat". Denn von da an "handelt jeder für sich", sagt Seyam, die Szene werde zerstreut. "Durch solchen Druck geben wir nicht unsere Religion auf", behauptet Seyam, "das führt uns tiefer hinein."
So ist es offenbar auch bei Gelowicz.
Er soll den Computer von Omar übernommen haben, dem Sohn Yousifs, damit haben sie "Denk mal islamisch!" hergestellt. Es ist, als gäbe ein Läufer den Stab an den nächsten weiter. Jetzt ist es das Qadr von Fritz und Attila. Die Polizei erwischt die beiden, wie sie in einer Winternacht 2004 Spuren vernichten, sie verbrennen ein Buch und haben auch eine Propaganda-CD von Yousif dabei.
Vielleicht ist es Ende 2004 schon zu spät, ahnen auch die Eltern. Sie wollen ihr Kind retten, der Vater spricht im Frühjahr 2005 sogar mit der Polizei, es ist auch ein Hilferuf. Sein Sohn sei gefährdet, sagt er, "da er unter Agitation solcher Gruppen stehe".
Aber Fritz spricht nicht mit der Polizei. Als die ihn im Juni 2005 vernehmen will, weil er zu den Beschuldigten um Yousif gehört, lacht er am Telefon nur: Nein, er werde nicht zur Aussage erscheinen.
Ist er wirklich so abgebrüht?
Nach der Hausdurchsuchung Anfang 2007 gibt Gelowicz an einem Januarabend auf einer Polizeiwache in Ulm eine schriftliche Erklärung ab. "Ich bin unschuldig. Ich habe weder eine Straftat geplant oder verübt", heißt es darin, "ich möchte des Weiteren sagen, dass ich nicht genau verstanden habe, was mir vorgeworfen wird."
Das ist bemerkenswert dreist, wenn man weiß, dass es seinerzeit gerade ein Vierteljahr her ist, seit er aus dem Ausbildungslager in Pakistan zurückgekehrt ist.
Als die Beamten Gelowicz am 4. September 2007 festnehmen, wird er im Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen, er wirkt erschüttert, die Augen flackern, aber er hat noch immer Kraft für eines seiner rhetorischen Spielchen.
Er fragt, ob die Beamten vom BKA stammen oder vom Landeskriminalamt.
BKA, antworten die Ermittler.
Das sei "interessant", entgegnet Gelowicz, weil das BKA sich nicht mit Kleinkriminellen befasse, dann müsse es sich "um eine größere Sache handeln".
Eigentlich sollte diese "größere Sache" wohl im Oktober 2007 stattfinden, rund um die Bundestags-Entscheidung über die Verlängerung des Isaf-Afghanistan-Mandats der Bundeswehr. Das schließen die Ermittler aus einer Schreibkladde, die sie in dem Ferienhaus fanden, und in der das Datum 13.10.2007 vermerkt ist, mit einem Fragezeichen. Fritz erwähnt den Tag auch in einem Gespräch, er weiß, dass das Mandat an diesem Stichtag abläuft, und fügt hinzu, dass die Zeit ihnen reichen werde, wenn Gott es so will. Die Zeit um den 11. September hält Fritz für keine gute Idee, das ist ihm zu nah am Beginn des Ramadan.
Wann sein Fall vor Gericht verhandelt wird, steht noch nicht fest, es wird aber mindestens Ende des Jahres werden. Es gibt einen Kern der Vorwürfe, der kaum zu bestreiten ist: die Beschaffung von Anschlagsutensilien, die mitgeschnittenen Gespräche über mögliche Ziele, der Versuch, die Wasserstoffperoxidlösung einzukochen. Aber es bleiben ungeklärte Fragen.
Waren die drei wirklich Teil einer internationalen terroristischen Vereinigung, wie die Bundesanwaltschaft behauptet? Haben sie sich den Weg in die pakistanischen Lager allein geebnet, oder gibt es unbekannte Hintermänner? Hätten sie ihre Tatvorbereitungen, für die sie nach BKA-Erkenntnissen ungefähr 9000 Euro ausgegeben haben, zu Ende bringen können? Und hätten ihre geplanten Höllenmaschinen überhaupt funktioniert? Von den insgesamt 26 Zündern, die sie beschafft hatten, waren einem BKA-Gutachten zufolge die meisten "nicht geeignet, Sprengstoffe zu initiieren", offenbar waren sie feucht geworden.
Gelowicz ist in der Haft weitgehend isoliert, sogar seinen einstündigen werktäglichen Hofgang verbringt er allein, in einem speziellen überdachten Innenhof. Mit seiner Familie ist er nie allein, eine Glasscheibe trennt ihn und seine Besucher.
Er weiß, dass sie ein Verbrechen infernalischen und unmenschlichen Ausmaßes geplant haben, auch Adem Yilmaz weiß es. Sie reden darüber auf jener Autofahrt am 20. Juli vergangenen Jahres.
"Achi, weißt du, wenn wir erwischt werden, weißt du, was wir sagen? Gar nichts. Das ist doch viel besser", schlägt Yilmaz vor. "Ich sage: Nein, ich bereue gar nichts. Ich bereue nur, dass ich das nicht hingekriegt habe, Achi." Sie überlegen, was mit ihnen passieren würde, wo man sie hinbrächte und wie lange sie sitzen würden. "Guantanamo sowieso", mutmaßt Yilmaz. Und Gelowicz sagt: "Eine Ewigkeit, ewig."
Und wie gehen sie nun damit um, dass es so kam? Dass sie Allahs vermeintlichen Willen nicht vollstrecken konnten?
Fritz Gelowicz sucht die Antwort offenbar an vertrauten Stellen. Kaum in Haft, bat er um einen Koran.
* Mit Jörg Ziercke, BKA-Chef, im Hintergrund Wasserstoffperoxid-Kanister.
Von Rosenbach, Marcel, Stark, Holger

DER SPIEGEL 36/2008
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