01.09.2008

FILM

Ich hasse dieses Gestöhne

Der Berliner Regisseur Andreas Dresen, 45, über Kino-Sex, die Vorzüge des Älterwerdens und sein neues Liebesdrama "Wolke 9"

SPIEGEL: Herr Dresen, Ihr neuer Film beginnt mit dem Beischlaf eines weit über 60-jährigen Liebespaars. Hoffen Sie darauf, die Leute zu provozieren?

Dresen: Keineswegs. Ich will einfach zeigen, wie es ist. Es ging mir nicht um den Tabubruch.

SPIEGEL: "Wolke 9" erzählt ein klassisches Liebesdrama. Eine Ehefrau bricht aus und verliebt sich neu - nur tut sie es hier nach 30 Jahren Ehe mit Mitte 60.

Dresen: Warum denn nicht? Auch so etwas soll es geben. "Wolke 9" ist eine Geschichte darüber, dass man sich nicht zu sicher sein soll in seinen Verhältnissen, und über die archaische Kraft der Liebe. Und die ist eben nicht nur ein schönes Hochgefühl, sondern kann auch eine Menge Schmerz bereiten - auch im Alter kann einen diese Erfahrung noch treffen.

SPIEGEL: Würden Sie mit einer Liebesgeschichte unter halb so alten Menschen nicht viel mehr Zuschauer anlocken?

Dresen: Vielleicht. Aber wir erzählen davon, dass mit 70 das Leben keineswegs zu Ende sein muss. Das geht nicht mit jungen Menschen. Ich sehe auch keinen Sinn darin, verdrängen zu wollen, dass die Haut faltiger wird, wenn wir älter werden.

SPIEGEL: Gibt es filmische Darstellungen von Geschlechtsverkehr, die Sie als Vorbilder gelten lassen ?

Dresen: Sogar eine ganze Reihe. Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" hat mich zum Beispiel sehr beeindruckt. Aber auch in neueren Filmen wie Patrice Chéreaus "Intimacy" gibt es großartige Sexszenen. Was ich hasse, ist dieses allgemeine Gestöhne, bei dem man nicht so genau weiß, was die eigentlich machen. Da kann man die Sexszene doch gleich weglassen. Ich finde jedenfalls Konkretheit wichtig. Im Film "9 Songs" von Michael Winterbottom haben die Schauspieler sogar realen Sex vor der Kamera: So weit würde ich allerdings nicht gehen.

SPIEGEL: Steckt in "Wolke 9" aber nicht auch eine Menge Spekulation mit dem Modethema der alternden Gesellschaft?

Dresen: Wenn das Kino ein Ort ist, an dem man die Welt und das Leben erkunden kann, verstehe ich nicht, warum alte Leute dort nicht vorkommen sollen. Und zwar so, wie sie sind! Im Fernsehen müssen die alten Menschen immer schön sein. Männer brauchen einen Waschbrettbauch, und Frauen bearbeiten ihre Falten mit Botox. Dabei sind natürlich gealterte Gesichter sehr schön.

SPIEGEL: Jetzt beschönigen Sie selber!

Dresen: Warum denn? Ich bestreite nicht, dass Altern auch ein Fluch sein kann. Ich dachte früher selber, dass man im Alter keinen Sex mehr hat, weil das gar nicht mehr geht. Für mich war es total überraschend, Geschichten von Leuten zu hören, die mit 70 ihre Sexualität überhaupt erst richtig entdecken, weil plötzlich der Leistungsdruck wegfällt. Denn man überträgt ja den Stress des Alltags ins Bett: Und immer muss man einen Orgasmus haben! Wenn man älter wird, hat man offensichtlich viel mehr Zeit für den Sex, es gibt mehr Zärtlichkeiten. Da hat man doch direkt noch was, worauf man sich freuen kann!


DER SPIEGEL 36/2008
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