08.09.2008

UNIONDie Heimatlosen

Die Konservativen waren immer Bestandteil des politischen Systems. Doch seit Angela Merkel Kanzlerin ist, treten sie nicht mehr in Erscheinung. Was ist passiert? Von Jan Fleischhauer
Es geht um eine einfache Frage: Wo sind Deutschlands Konservative geblieben? Man hört und sieht in letzter Zeit so wenig von ihnen, dabei regieren sie doch seit geraumer Zeit wieder mit. Also Besuch bei Wolfgang Schäuble, Bundesminister des Innern und schon ewig so etwas wie der heimliche Ehrenvorsitzende des bürgerlichen Lagers.
Schäuble ist keine schlechte Adresse, um über Werte und Überzeugungen in der Politik zu reden. Niemand ist so lange dabei wie er, 36 Jahre im Bundestag, 17 davon an der Seite von Helmut Kohl, dem Mammut des deutschen Konservativismus. In Schäubles Büchern finden sich alle Themen, die rechts der Mitte Anklang finden - Familie, Nation, der ganze deutsche Tugendkanon. Also, Herr Schäuble, was ist los mit den Konservativen?
"Ich bin eigentlich gar kein richtiger Konservativer", sagt Schäuble und legt den Kopf schräg. Das ist eine verblüffende Selbsteinschätzung, es klingt nach einem Scherz. Er ist bekannt für einen eigenwilligen Humor, aber er verzieht nicht einmal die Mundwinkel.
Was wäre ihm denn angenehm als Bezeichnung? Moderat, sagt Schäuble, so wie in Dänemark, wo die Gemäßigten jetzt die Regierung stellten. Er schmeckt dem Wort nach: Ja, moderat, das wäre angemessen. Okay, Dänemark, interessant, wäre einem nicht auf Anhieb als christdemokratischer Vorbildstaat eingefallen.
Die nächste Stunde vergeht damit, dass der Innenminister erklärt, warum die alten politischen Begriffe ihre Bedeutung verloren hätten. Rechts und links, konservativ und progressiv, all die traditionellen Markierungen, an denen sich Standpunkte und damit auch Differenzen festmachen lassen. Für ihn gebe es nur noch die Mitte, behauptet Schäuble. Er sagt auch, dass er das als Gewinn empfinde und nicht als Verlust.
"Afghanistan, soll man als Konservativer drinbleiben oder rausgehen?", fragt der Minister.
Natürlich bleiben und kämpfen, es geht schließlich um die Verteidigung der westlichen Werte.
"Sehen Sie, in die Falle gegangen!", ruft er triumphierend: "Dregger hätte sofort den Rückzug deutscher Truppen verlangt." Alfred Dregger, man erinnert sich, war nicht nur als Rechtsaußen unbeugsam, sondern, nach seinen Erfahrungen an der Ostfront, auch als Kriegsgegner.
"Für Europa zu sein, ist das konservativ? Pro Türkei-Beitritt? Für ein klares Bekenntnis zu Amerika?"
Schäuble braucht jetzt keine Antworten mehr, um mit seinem Spiel weiterzumachen. Er sieht rundum zufrieden aus, als ob er einen Sieg davongetragen hätte.
Das also ist das Ergebnis nach drei Jahren Großer Koalition: Der ehemalige Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands, Mitglied des Vorstands und des Präsidiums der CDU, legt Wert darauf, nicht mehr als Konservativer angesprochen zu werden.
Es sieht nicht gut aus für die Vertreter der konservativen Sache, das lässt sich jetzt schon festhalten. Nicht einmal in der Chefetage der Union haben sie offenbar noch Freunde. Man muss nach Schäubles kleiner Demonstration fast den Eindruck bekommen, dass sie dort als Leute gelten, von denen man sich besser fernhält.
Noch immer sind die Christdemokraten die politische Kraft in Deutschland, die von der großen Mehrheit der Deutschen als konservativ wahrgenommen wird. Aber die CDU scheint fest entschlossen, das zu ändern. Ihr Spitzenpersonal lässt keine Gelegenheit aus, sich als große politische Patchworkfamilie zu empfehlen, bei der auch alternative Lebensentwürfe willkommen sind und sich niemand mehr wegen anderer Meinungen ausgeschlossen fühlen soll.
Die CDU glaubt jetzt auch, dass sich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen vor allem an der Stundenzahl bemisst, die beide im Beruf verbringen. Sie ist heftig besorgt um das Klima und den Regenwald und möchte, dass sich alle mächtig ins Zeug legen gegen Treibhausgase und Energieverschwendung. Sie hat ihr Herz für die Ausländer entdeckt, die Schwulen, die Alleinerziehenden und überhaupt alle, die es schwer haben im Leben. Und natürlich findet sie es richtig, wenn der Staat möglichst früh familiäre Erziehungsaufgaben übernimmt. Eigentlich ist sie für alles, für das Rot-Grün auch schon war - bis auf die Reformen der Agenda 2010, deshalb werden die jetzt auch Stück für Stück rückgängig gemacht.
Es ist ein aufregender Identitätswechsel, der hier auf offener Bühne vorgeführt wird. Parteien müssen sich immer dem Zeitgeist zuwenden, wenn sie nicht verknöchern wollen, aber das Tempo und die Rigorosität, mit denen die Union ihre Wandlung vollzieht, sind in der Parteiengeschichte ohne Vorbild. Das gibt dem Vorgang das Waghalsige und auch etwas Unseriöses.
Im Grunde müssten alle aufleben, die sich rechts der Mitte sehen. Die Linken finden sich gerade in einem Bündnis zusammen, das von gemäßigten Sozialdemokraten bis zu den Versprengten der sozialistischen Weltrevolution reicht. Aber es tut sich nichts. Tatsächlich ist das bürgerliche Lager in diesen bewegten Tagen so ruhig, dass sich die Frage stellt, ob es überhaupt noch Leute gibt, die man im engeren Sinne als konservativ bezeichnen kann.
Bevor die Spurensuche beginnt, wäre erst einmal zu klären, was der Begriff überhaupt noch bedeutet. Dabei müsste Michael Stürmer helfen können, Professor für Geschichte, langjähriger Kohl-Berater und jetzt "Welt"-Kolumnist. Er ist gerade in der Tiefgarage, auf dem Weg zum Aufzug, er muss noch einen Artikel über die Identitätskrise der Nato fertigstellen. "Wie kommen Sie auf mich?", brummt er missmutig ins Handy. "Sie haben mich wohl bei Wikipedia unter 'Konservativer Historiker' entdeckt. Alles Quatsch. Ich war immer ein Liberaler." Nun gut, das verspricht auch wieder eher schwierig zu werden.
Eine Woche später, 19. Stock Springer-Hochhaus, Journalistenclub. Natürlich sei er konservativ, sagt Stürmer aus einem der dicken Lederfauteuils, aber in einem angelsächsischen, weltoffenen Sinne. Er legt Wert darauf, nicht für einen Anhänger des schwiemeligen, rückwärtsgewandten Ressentiment-Konservativismus gehalten zu werden, der gern über die Zumutungen der Moderne zetert und dessen Geist sich ansonsten in Vorbehalten gegen Ausländer, Schwule und die Frauenemanzipation erschöpft. Doch die Verwechslungsgefahr ist bei ihm von vornherein gering.
Wenn Stürmer über das Konservative spricht, dann geht es zunächst um gesellschaftliche Umgangsformen, um den Wert von Sitten und Gebräuchen, die den Menschen zivilisieren und auch in größeren Ansammlungen erträglich machen, das Gefühl für Distanz und Respekt. Für den Historiker beschreibt der Begriff eine Charakterhaltung, alles Politische folgt nach.
Wer so denkt wie Stürmer, hat natürlich auch ein anderes Verhältnis zum Hergebrachten und Gewachsenen. Er betrachtet das Gefüge aus Tradition und Bindungen nicht als etwas, von dem man sich in einem großen emanzipatorischen Akt befreien muss, sondern eher als Schutzwall gegen die Zumutungen der modernen Welt. Diese Daseinsverbundenheit kann ein großer Vorteil sein, sie verschafft einem die Gelassenheit des beheimateten Menschen. Sie ist im politischen Geschäft aber auch von Nachteil. Der Konservative braucht ein Milieu, das ihn hervorbringt und trägt, er kann, anders als sein linker Gegenspieler, nicht auf der Luftwurzel seiner Überzeugungen existieren.
"Zum Konservativen gehörte immer eine gewisse Theoriefeindlichkeit", sagt Stürmer über seinen englischen Tee hinweg, "man lebt es mehr, als dass man es Büchern entnimmt." Deshalb sei die CDU auch immer von Vorsitzenden repräsentiert worden, die das Lebensgefühl ihrer Anhängerschaft eher ausstrahlten, als dass sie es begründen konnten: am Anfang der knochige Patriarch Konrad Adenauer, dann der behagliche Wohlstandsbürger Ludwig Erhard, die zigarrepaffende Verkörperung der Aufbaujahre, schließlich Helmut Kohl als Gegenmodell zu den Verstiegenheiten der 68er-Generation mit seiner Strickjackennormalität und dem Aquarium im Hintergrund.
Und Merkel?
Ach, Merkel, seufzt Stürmer, die weiß doch gar nicht, was konservativ ist. Er guckt etwas gequält, so, als hätte er auf ein Stück Zitrone gebissen. Dann sieht er erst aus dem Fenster, dann in seine Tasse.
"Den Kohl konnten Sie um 3 Uhr in der Früh wecken und fragen, wofür stehst du, und dann sagte er Heimat, Mutter, Familie. Wenn Sie die Merkel befragen, hören Sie einiges Technokratisches, ein paar hier und da zusammengeklaubte Platituden, aber nichts, was das Herz anspricht."
Die CDU ist im Augenblick keine besonders glückliche Partei. Sie stellt die Kanzlerin, das erfüllt sie mit Stolz. Machtbesitz wird in der Union traditionell hoch geschätzt und tröstet über vieles hinweg. Aber sie ist sich ihrer selbst nicht mehr sicher. Weil sie jetzt auch die berufstätige Frau ansprechen soll und das großstädtische Szenepublikum, verlangt die Führung mehr Jugendlichkeit und Frische.
Es sind gar nicht so wenige in der Union, die glauben, dass Merkel dabei sei, die CDU zu ruinieren. Es gibt viel Missmut über den neuen Kurs, aber er hat sich verkrochen, in Hinterzimmer und Abendrunden, wo die Unzufriedenen nun beim Bier zusammenhocken. Allein in Berlin gibt es drei Gesprächskreise, in denen sich regelmäßig Vertreter des Traditionsflügels treffen. Die Mitglieder kommen aus der Fraktion und den Landesverbänden, auch einige Journalisten sind darunter, von der "Welt" und der ARD, und ein paar Versprengte des alten Kohl-Lagers.
Es sind trostlose Abende. Eine seltsam resignative Stimmung herrscht da, die in auffälligem Kontrast zur Aggressivität mancher Wortbeiträge steht; es wird gejammert und geflucht, aber nie finden die Teilnehmer die Kraft, aufzustehen und einmal vernehmlich Krach zu schlagen.
Von den Konservativen, die sich in diesen traurigen Klagerunden versammeln, ist nichts mehr zu erwarten. Deshalb geht von ihnen für Merkel und die Neuerer in der Führung auch keine Gefahr aus. Statt den Blick nach vorn zu richten und sich in die Programmarbeit einzumischen, irren sie wie die Überlebenden einer Katastrophe zwischen den Trümmern ihrer verlorenen Welt herum, auf der Suche nach Versatzstücken, die sich irgendwie retten lassen.
Vielleicht ist das größte Eingeständnis der Schwäche die Fixierung auf Merkel. Sie ist die Vorsitzende, aber sie ist nicht die Partei. Ihre Macht reicht nicht so weit, jeden Abgeordneten daran zu hindern, seine Meinung zu sagen. Er müsste allerdings bereit sein, einen Preis zu zahlen für die Unbotmäßigkeit, widersprochen zu haben. Der Preis wäre der Verzicht auf Beförderung durch die Kanzlerin.
Die Männer, die Merkel holt, kommen ohne tiefere Überzeugungen aus. Von außen erfüllen sie alle das Bild des jungen Konservativen: Sie haben ausgezeichnete Manieren und gutsitzende Sakkos mit dezenten Krawatten, aber wenn man mit ihnen über Prinzipien sprechen will, die unverrückbar sind, gucken sie einen etwas irritiert an. Sie sind mehr daran interessiert, die Dinge am Laufen zu halten.
Warnfried Dettling, lange an der Seite des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Heiner Geißler, hat eine interessante Theorie, warum die Kanzlerin mit Überzeugungen nicht viel anzufangen weiß. Er glaubt, dass ihr Vorleben in der DDR sie instinktiv misstrauisch mache, Politik mit Inhalten aufzuladen: "Merkel hat Angst", sagt er, "dass Inhalte gleich zu Bekenntnissen werden und Ideen zu Ideologie." Er sagt auch, dass eine Partei, die konservative Wähler ansprechen wolle, Personen brauche, die dieses sinnfällig machten. Die Hälfte der Präsidiumsmitglieder der CDU ist kinderlos oder geschieden.
Der letzte politische Vertreter der Konservativen sitzt in seinem Büro unter einem Ölbild des Preußenkönigs Friedrich II. und arbeitet Akten ab. Vor ein paar Tagen war Jörg Schönbohm im Kanzleramt bei seinem alten Bekannten Thomas de Maizière. Die beiden sprachen lange über die Partei und das, was der brandenburgische Innenminister als ein "um sich greifendes Gefühl der Heimatlosigkeit" ausmacht. "Da bricht etwas weg", hat er den Kanzleramtschef gewarnt und von den Briefen und Gesprächen berichtet, in denen er immer gefragt werde, was eigentlich mit der CDU los sei.
Schönbohm hat sich nie den Mund verbogen, auch nicht in den Gremien, in denen er mit Merkel saß. "Warum greifen Sie mich so an?", fauchte sie ihn einmal an. "Weil Sie die Chefin sind", antwortete der Ex-General. Seine Frau war 35 Jahre Lehrerin, die Schwiegertochter ist Ärztin, seine Tochter hat neben der Kindererziehung immer gearbeitet, trotzdem findet er, "dass man den Müttern dankbar sein soll, die sich ganz ihren Kindern widmen". Jedenfalls solle sich der Staat aus der Familienplanung heraushalten, deshalb war er auch gegen das Elterngeld.
Eigentlich könnte die CDU gut jemanden wie ihn gebrauchen. Nach einer Studie der Adenauer-Stiftung liegt der Anteil der "Traditionsbewussten" unter den Mitgliedern bei 26 Prozent. Auf dem Parteitag in Dresden vor zwei Jahren trat er zur Wiederwahl ins Präsidium an, Merkel hatte ihn ermuntert. Dann war ihr aber doch Friedbert Pflüger wichtiger, der vor einer schwierigen Wahl in Berlin stand. Nun gibt es im höchsten Führungsgremium keinen Vertreter der "Traditionsbewussten" mehr, das erste Mal seit Gründung der CDU.
"Er war nicht mehr wichtig", kommentiert Schäuble kühl aus der Höhe seines Amtszimmers. Aber wer spricht nun für den rechten Flügel? "Das macht Frau Merkel jetzt alles selber." Es ist nicht zu erkennen, ob Schäuble das für eine gute Lösung hält.
Was immer sich die CDU-Führung ausgerechnet hat, bislang ist es nicht aufgegangen. Die Union steht wie in Zementschuhen zwischen 35 und 37 Prozent, sie hat sich seit dem verheerenden Ergebnis bei der Bundestagswahl vor drei Jahren nicht vorwärts bewegt. Wo die Bürger inzwischen wieder zur Wahlurne gerufen wurden, hat sie sogar nur verloren. In Bayern ist die CSU jetzt schon froh, wenn sie wieder die absolute Mehrheit holt; das wäre an sich ein respektables Ergebnis, aber angesichts der Sonderstellung der CSU natürlich ein Desaster.
Insgesamt hat das bürgerliche Lager seit der Bundestagswahl 2,1 Millionen Wähler eingebüßt, wie der Wahlforscher Manfred Güllner anhand der Landtagswahlergebnisse ausgerechnet hat. Die Anhänger sind nicht zur Konkurrenz übergelaufen, das kommt für die meisten nicht in Frage, sie sind einfach zu Hause geblieben. Die eigentliche Gefahr für Merkel sind nicht die Linken, es sind die Nichtwähler.
Die Gründe für die Wahlenthaltung liegen auf dem Tisch von Renate Köcher, der Hausdemoskopin der Partei. Als Geschäftsführerin des Meinungsforschungsinstituts in Allensbach lässt Köcher die Deutschen nicht nur nach ihren Parteipräferenzen aushorchen, sondern auch nach ihren Normen und Moralvorstellungen.
80 Prozent wünschen sich für ihr Leben eine ganz normale Familie mit Kindern, hat Frau Köcher herausgefunden. 88 Prozent nennen Höflichkeit und gutes Benehmen als wichtigstes Erziehungsziel, bei den jüngeren Eltern sind es sogar noch mehr. Vor 15 Jahren sollte das Elternhaus den Kindern noch unbedingt vermitteln, dass sie sich durchsetzen und sich nicht so leicht unterkriegen lassen, nun zählen neben guten Manieren wieder Fleiß, Gewissenhaftigkeit, Hilfsbereitschaft und Sparsamkeit. Wenn Köcher recht hat, sind die Deutschen ein ziemlich bodenständiges Volk. Die CDU müsste über die Zahlen aus Allensbach sehr froh sein, aber so, wie die Dinge liegen, machen sie die Lage eher komplizierter.
Besuch in der Provinz, in Fulda, im Quellgebiet des Konservativen. Wer hier für die CDU antritt, holt verlässlich um die 50 Prozent, so war es jedenfalls bisher. Dregger war hier Bürgermeister, bevor er den Landkreis dann im Bundestag vertrat. Bischof Johannes Dyba hat 17 Jahre im Dom gepredigt, nach seinem Tod wurde ihm zu Ehren die Kastanienallee umbenannt. Es ist eine sehr alte Stadt, eingebettet in hügeliges Land, kinderreich, gläubig, rechtschaffen. Seit dem Jahr 2005 ist Fulda der Wahlkreis von Michael Brand, 34.
Brand, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder, hat kein Problem, sich als konservativ zu bezeichnen. Er sagt, dass auch die meisten Leute, die er in seinem Wahlkreis treffe, damit keine Probleme hätten, es werde nur nie danach gefragt. "Hier herrscht noch über viele Dinge Einverständnis. Bei uns stehen die Kinder noch morgens auf, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und das Zentrum des Lebens ist die Familie und nicht der Beruf." Die Schwierigkeiten beginnen für ihn, wenn er Fulda verlässt.
Als Brand in Berlin als Abgeordneter anfing, sagten die Kollegen oft: ah, Dreggers Wahlkreis. Sie sprachen von der hessischen CDU, in der Brand lange Pressesprecher war, als "Kampfverband". Er dachte, sie meinten das anerkennend, er fühlte sich geschmeichelt, bis er dahinterkam, dass es spöttisch gemeint war, abschätzig. Er stellte überrascht fest, dass politische Wendigkeit als clever gilt, nicht Standhaftigkeit.
Brand versucht dennoch, sich treu zu bleiben. Er war einer von fünf CDU-Abgeordneten, die im vergangenen November gegen die Diätenerhöhung stimmten. Auf dem letzten Parteitag in Hannover hat er mit einer Handvoll Aufmüpfiger einen Antrag zum Embryonenschutz eingebracht, der knapp scheiterte, weil sich die Kanzlerin mit ihrer ganzen Autorität dagegenstemmte.
Am Abend ist Brand zu Gast beim Kolpingwerk, er soll mit einem Arzt und einem Priester über Spätabtreibungen reden. Am Eingang hängt eine Einladung zur "Fußwallfahrt auf den Maria Ehrenberg". Der Saal ist voll, 200 Leute sind gekommen. Brand berichtet von seinem Versuch, an der Gesetzeslage etwas zu ändern, die es in Deutschland erlaubt, ungeborene Kinder noch im achten Monat im Mutterleib zu töten. Es gibt etwa 250 Fälle im Jahr, es ist ein politisches Randthema, das es in Deutschland noch nicht einmal ins Plenum des Bundestags geschafft hat.
Der Arzt schildert die medizinischen Details, die meisten Kinder werden durch eine Spritze ins Hirn ums Leben gebracht. Plötzlich erscheinen 250 Fälle doch ziemlich viel. "Pofalla und die anderen in der Führung glauben, dass die Stammwählerschaft bleibt, egal wie sehr wir die Partei verbiegen", sagt Brand auf dem Rückweg. "Aber das ist eine Fehleinschätzung. Allein mit den Wechselwählern werden wir keine Mehrheiten haben."
Unter den Jüngeren gibt es ein paar Abgeordnete, die wie Brand denken und aus ihrer inneren Distanz zur Spitze kein Hehl mehr machen. Der JU-Vorsitzende Philipp Mißfelder gehört dazu, Thomas Bareiss aus Baden-Württemberg, Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg von der CSU. Sie haben noch keine Macht, keine wichtigen Posten, aber sie haben Positionen, und sie haben Zeit.
Das größte Problem der Konservativen sei nicht die Linke oder die Kanzlerin, sagt Guttenberg, sondern die eigene Ängstlichkeit. "Zum Konservativen gehört Verlässlichkeit, und das bedeutet auch die Treue zu sich selbst. Vielleicht hängt der Verdruss über Politik ja auch damit zusammen, dass wir uns diesen einfachen Gedanken zunehmend abgewöhnt haben."
Am vergangenen Mittwoch war er in Aufseß, einer kleinen Gemeinde in Oberfranken. Eine Scheune oben beim Schloss der Baronin, 15 Tische mit weißblauen Papiertischdecken, es gibt Bier und Würste. Die Leute wollen Gründe, warum sie diesmal wieder CSU wählen sollen. Guttenberg hat sich vorgenommen, auch über Afghanistan zu reden und die Notwendigkeit von Kampfeinsätzen.
Er spannt einen weiten Bogen, er spricht über die Liebe zur fränkischen Heimat und über Ehrlichkeit in der Politik, bis er dann plötzlich in den Bergen von Kundus ist. "Bis heute leisten wir uns eine merkwürdige Verdruckstheit, warum unsere Soldaten in Afghanistan stehen. Wir reden ständig davon, dass es Werte gibt, die wir an unseren Grenzen nicht mehr sichern können. Aber die wenigsten trauen sich zu sagen, dass die Bundeswehr nicht zum Winken und Brunnenbuddeln da ist, sondern dass ein Soldat auch einmal die Waffe in die Hand nehmen muss."
Es ist jetzt sehr still in der Scheune, Anfang der Woche ist ein Soldat in Zweibrücken zu Grabe getragen worden, aber die Leute hören aufmerksam zu. Guttenberg hat sein Versprechen gehalten. Mehr ist für den Anfang nicht zu erwarten.
Von Jan Fleischhauer

DER SPIEGEL 37/2008
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