08.09.2008

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEChampagner, Sir?

Warum sich ein Schotte eine noble Geste 100 000 Euro kosten ließ
Es ist nicht so, dass Chris James einem guten Tropfen abgeneigt wäre, schließlich ist seine Heimat, die Westküste Schottlands, im Rest der Welt ziemlich bekannt für ihre Whiskys. In kleinen Destillerien reift das Zeug manchmal ein halbes Jahrhundert, während draußen immer neue Sturmtiefs Wolken über die baumlosen grünen Hügel schieben.
Aber James gehört zu jener neuen Klasse britischer Aristokraten, die es sich nicht mehr leisten können, die Tage mit Golfspiel und Jagd zu verbringen und den Müßiggang schon nach dem Morgentee mit stimmungshebenden Getränken zu verstärken. Chris James muss arbeiten.
Damit sein Schloss nicht verfällt und er es im Winter heizen kann, ist er gezwungen, im Sommer das Volk hereinzulassen. Gegen den Eintritt von sechs Pfund dürfen die Besucher auf seinem ochsenblutroten Chesterfield-Sofa sitzen, in seinen Büchern blättern, auf die Zwölfender und den Tiger schauen, den James' Vorfahren erlegten. Wenn einer der Tagesgäste auf einem Sessel wegdämmert, wird das in der Familie des Schlossherrn als Kompliment verstanden. "Anscheinend finden es die Leute bei uns nicht unbehaglich", sagt Lady James.
James' Urgroßvater ging mit Churchill zur Jagd, der hier auf der Isle of Mull seinen ersten Bock schoss. Sein Vater segelte um Kap Hoorn, erforschte den Südpol, suchte nach dem Ungeheuer von Loch Ness und saß für die Konservativen im Unterhaus. Bargeld war immer knapp. Für die Privatschulen der Kinder bezahlte der Schlossherr, indem er seinen Besitz an der Versicherungsbörse Lloyd's verpfändete.
Chris James schließlich, der Fünftgeborene, erbte den Kasten, weil die übrigen Geschwister keine Lust hatten auf die Einsamkeit, die feuchten Mauern und die Verantwortung für Schloss Torosay.
Gemütlichkeit ist ein mühsames Geschäft, und so kommt es, dass Chris James frühmorgens über seine Felder rennt, sich um seine kleine Eisenbahn kümmert, die die Besucher transportiert, Bäume pflanzt und weggeworfene Papiertaschentücher aufsammelt.
Nicht wirklich erstaunlich also, dass der Schlossbesitzer bei 30 000 Leuten pro Jahr nicht die Ruhe hat, die Beine hochzulegen, den Blick über die Bucht und das Hochland gleiten zu lassen und Jahrgangs-Champagner zu schlürfen.
Trotzdem ist es komisch, dass sich eine Flasche Veuve Clicquot ein Jahrhundert lang verstecken konnte, ehe er sie fand.
James, kräftig, rothaarig, offener Kragen, deutet auf die Anrichte im Speisezimmer. Eines der vier Fächer an der Seite sei verschlossen gewesen, der Schlüssel verschwunden. Jahrelang störte ihn das nicht, aber irgendwann an einem jener langen, dunklen Winterabende, an denen er das Privileg genießt, sein Schloss mit seiner Familie zu bewohnen, erreichte er eine Vorstufe zu dem, was gewöhnliche Stände Neugier nennen. Er baute eines der Schlösser aus, ließ einen Nachschlüssel anfertigen.
Als das Türchen ein paar Tage später aufsprang, fand James eine Flasche Brandy aus dem Jahr 1865, eine Flasche Château La Tour Carnet, Jahrgang 1893. Die Brandy-Flasche war zerbrochen, der Rotwein leer - aber der Champagner, ebenfalls Jahrgang 1893, war verkorkt, teilweise verdunstet, aber immer noch zu einem Drittel gefüllt. Statt zu feiern, stellte James die Flasche zurück in die Anrichte. "In einem großen Haus wie diesem verliert man dauernd Dinge, es ist ein Alptraum", sagt James. "Also am besten wieder dorthin, wo ich sie herhatte." Er dachte an Südpolforscher, an Großwildjäger, wahrscheinlich, meint er, lag die Flasche deshalb so lange herum, "weil meine Vorfahren zu beschäftigt waren, um sich zu amüsieren".
Er wartete vier Jahre. Als er bei Veuve Clicquot Ponsardin anrief, dachten sie dort, ein Irrer sei am Apparat. Erst ein Foto überzeugte die Franzosen. Das Champagnerhaus gehört zum Luxuskonzern LVMH, einem milliardenschweren Unternehmen.
James hätte seinen Schatz für 100 000 Euro verhökern können, schätzen Leute, die sich mit so etwas auskennen. Aber er wollte davon nichts wissen. Er setzte sich in seinen alten Land Rover, engagierte seinen Schwiegervater Ronnie als Beifahrer und fuhr nach Reims in die Veuve-Zentrale. Dort schenkte er die Flasche den Franzosen, die sie jetzt in ihrem Museum ausstellen, als einzigartiges Sammlerstück.
James schaut ein wenig schwermütig, wenn man ihn fragt, warum. Für 100 000 Euro hätte er ein paar Winter lang sein Schloss heizen können, ohne im Sommer die Papiertaschentücher von Fremden aufzuheben.
"Vielleicht war ich naiv", sagt er, "vielleicht dumm, aber gewisse Dinge gehören an ihren Platz." Etwa zur gleichen Zeit hatte James den Anruf einer Frau aus Belgien erhalten, die die Erkennungsmarke seines Großonkels gefunden hatte, der im Ersten Weltkrieg kämpfte. Chris James ist sich bis heute nicht sicher, ob sein Großonkel die Marke verlor oder einem hübschen Mädchen schenkte. Auf der Rückreise von Reims hatten sie das Ding abgeholt. "Die Lady aus Belgien war ebenso wenig an Geld interessiert wie ich für meine Flasche", sagt James. Die Geste zählt. James schätzt diese Haltung.
Es reicht, dass ihn die modernen Zeiten zwingen, sein Sofa mit Fremden zu teilen. Es ist ein gutes Gefühl, sich nicht von Geld stressen zu lassen, wenn es um Champagner geht. THOMAS HÜETLIN
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 37/2008
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