08.09.2008

ISRAEL„Wir hätten Mengele töten können“

Der Kabinettsminister und frühere Geheimagent Rafi Eitan, 81, über die Jagd des Mossad auf den KZ-Arzt von Auschwitz, Josef Mengele
SPIEGEL: Josef Mengele wurde nach seiner Flucht aus Deutschland in Paraguay vermutet. Wann kamen Sie ihm auf die Spur?
Eitan: Im Frühjahr 1960, wir planten gerade die Festnahme Adolf Eichmanns, als wir einen Hinweis bekamen, dass sich auch Mengele in Buenos Aires aufhält. Unsere Leute überprüften die Adresse, sie stimmte.
SPIEGEL: Warum haben Sie Mengele nicht festgenommen?
Eitan: Wir waren nur elf Leute und hatten alle Hände voll mit Eichmann zu tun. Als wir Eichmann in das Haus gebracht hatten, in dem wir ihn bis zum Abflug versteckt hielten, rief mich Mossad-Chef Isser Harel an. Er wollte, dass wir auch Mengele festnehmen, aber der war inzwischen verreist. Wir sollten auf seine Rückkehr warten und ihn im selben Flugzeug wie Eichmann nach Israel bringen. Ich weigerte mich, ich wollte die Eichmann-Operation nicht gefährden.
SPIEGEL: Gab es eine Diskussion, welcher von beiden wichtiger war - Mengele, der "Todesengel von Auschwitz", oder Eichmann, verantwortlich für die Deportation und Ermordung von Millionen Juden?
Eitan: Nein, wir hatten 1958 den Beschluss gefasst, einen ehemaligen Nazi zu fangen und ihn in Israel vor Gericht zu bringen. Wir hatten als Zielpersonen Mengele, Eichmann, den ehemaligen Gestapo-Chef Heinrich Müller und Martin Bormann, Hitlers rechte Hand, ausgeguckt. Der Erste, den wir ausfindig machen konnten, war Eichmann, also konzentrierten wir uns auf ihn.
SPIEGEL: Wurde Mengele durch Eichmanns Festnahme gewarnt?
Eitan: Das nehme ich an. Wir wollten Eichmanns Überführung nach Israel geheim halten und nach Buenos Aires zurückkehren, um Mengele zu schnappen. Um einer Indiskretion zuvorzukommen, gab Premier David Ben-Gurion aber eine offizielle Mitteilung über unseren Erfolg heraus. Als unsere Agenten nach Argentinien zurückkehrten, hatte Mengele die Wohnung aufgegeben und war untergetaucht.
SPIEGEL: Er wurde nie gefasst und starb 1979 bei São Paulo beim Schwimmen an einem Schlaganfall. Waren Sie noch einmal auf seiner Spur?
Eitan: Wir haben Mengele später noch einmal ausfindig gemacht, aber es gelang uns nicht, eine Operation zu seiner Festnahme zu organisieren. Wir hätten ihn mit Hilfe eines Scharfschützen töten können, aber das wollten wir nicht. Es ging uns nicht um Rache.
SPIEGEL: Der Mossad hat durchaus Nazis liquidiert, etwa den "Henker von Riga", Herbert Cukurs, 1965 in Montevideo.
Eitan: Es gab solche Operationen, aber ich war dagegen. Kriminelle müssen vor Gericht gestellt werden.
SPIEGEL: Jagt denn der Mossad auch heute noch alte Nazis?
Eitan: Die Zeit ist vorbei. Aber das muss nicht heißen, dass solche Operationen generell der Vergangenheit angehören.
SPIEGEL: Was heißt das?
Eitan: Es könnte doch sein, dass sich ein Staatsführer wie der iranische Präsident Ahmadinedschad irgendwann vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wiederfindet.
SPIEGEL: Meinen Sie das ernst?
Eitan: Absolut. Wer Gift versprüht und ein anderes Volk auslöschen will, muss damit rechnen.

DER SPIEGEL 37/2008
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