15.09.2008

ÖKUMENEFegefeuer für Protestanten

Wegen eines papstkritischen Liedes wird ein evangelischer Pfarrer von katholischen Fundamentalisten bedroht. Inzwischen brauchte er schon Polizeischutz.
Es gibt Situationen, in denen es sinnvoll sein kann, auf eigene Rechte zu verzichten. Für Clemens Bittlinger, 49, ist es das Postgeheimnis, das er in diesen Tagen lieber nicht in Anspruch nimmt. Als der evangelische Pfarrer aus Darmstadt in der vergangenen Woche ein schmales Päckchen erhielt, übergab er es ungeöffnet den Spezialisten des Hessischen Landeskriminalamts. Behutsam nahmen sie die Sendung unter die Lupe, suchten nach Sprengstoff, Gift oder einer anderen Substanz, die dem Liedermacher und Mann Gottes gefährlich werden könnte, doch am Ende fanden sie nichts.
Die Sendung aus dem Städtchen Aschaffenburg enthielt einen Katechismus und einen Schmähbrief, in dem Bittlinger aufgefordert wurde, sich endlich zum wahren Glauben zu bekehren, dem allein selig machenden Katholizismus. Der Absender gehört zu einem Kommando von Glaubensfundamentalisten, die seit Wochen das Fegefeuer gegen Bittlinger anheizen.
Denn der hatte mit einem Song ("Mensch Benedikt") zwar die Mehrzahl seiner Zuhörer beglückt, eine papsttreue Minderheit aber gegen sich aufgebracht. Die konnte es nicht ertragen, was der Protestant dem Heiligen Vater als Sünde vorhielt: "Du verbietest die Kondome auch den Armen dieser Welt, förderst damit Aids-Verbreitung, auch wenn dir das nicht gefällt." Mit ähnlichen ungelenken Reimen kritisierte Bittlinger die Erklärung "Dominus Iesus" des Papstes, andere Kirchen seien keine Kirchen im eigentlichen Sinne: "Warum schmähst du andere Christen? Wer im Glashaus wirft mit Steinen, endet schnell im Scherbenmeer, und auch viele Katholiken decken diesen Stil nicht mehr."
Als Bittlinger das Lied im Mai auf dem Osnabrücker Katholikentag das erste Mal vortrug, applaudierten die meisten der 1500 Zuhörer. Und der Liedermacher bekam selbst von katholischen Priestern und Religionslehrern hinter vorgehaltener Hand Zuspruch, so dass er bereits auf eine "konstruktive ökumenische Auseinandersetzung auf Augenhöhe" hoffte.
Doch seit der Hinweis auf den Song auf rechtskonservativen katholischen Internet-Seiten erscheint, ist Schluss mit Ökumene. Bittlinger wird so massiv bedroht, dass die Behörden sein Premierenkonzert zur neuen CD "Habseligkeiten" im hessischen Rimbach vorsorglich unter Polizeischutz stellten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen einige der Drohbriefschreiber, deren Identität hinter ihren E-Mail-Adressen leicht zu entschlüsseln war.
"Du dreckige Protestantensau", heißt es in einem Schreiben, "ich scheiß auf dich und deine Dreckslieder. Ich reiß dir dein Maul auf und scheiß rein, haste verstanden?" Ein anderer schreibt: "Wenn man in der Zeitung nur eine Karikatur von Mohammed bringt - dann brennen ganze Städte. Wenn man jedoch den Heiligen Vater auf blasphemische Art und Weise in die Lächerlichkeit zieht, dann sollen wir das einfach schlucken? Nein - so nicht, Herr Bittlinger - Sie werden schon noch Ihre ausgleichende Gerechtigkeit erfahren."
Die Verfasser stammen offenbar aus fundamentalistischen Kreisen der katholischen Kirche, die sich auf Internet-Plattformen wie "Kreuz.net" oder "Kath.net" austoben. Von moderaten Katholiken werden diese Rechtgläubigen in Diskussionsforen gern als "Katholiban" verspottet.
"Wer Wind sät, wird Sturm ernten", warnt einer der fundamentalistischen Papstkritiker Bittlinger, andere halten ihn schlicht für "vom Teufel besessen", "einen Stinker" oder beklagen, keine "Aggressionen" gegen ihn "rauslassen" zu können. Ein besonders Glaubenstreuer appelliert an die Gesinnungsgenossen, die religiösen Reihen fest zu schließen: "Da gibt es nur eins im Angesicht des Feindes: knallhart beim wahren Glauben an die einzige katholische Kirche bleiben."
Die Wutwelle habe ihn "vollkommen unerwartet" getroffen, sagt Bittlinger, der "Sonderbeauftragte für musikalisch-kulturelle Verkündigung" der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau ist und zudem "Referent für Mission und Ökumene". Seit 25 Jahren tritt er mit seinen Liedern auf und absolviert jährlich mehr als hundert Konzerte. Nichts liege ihm ferner als die Beleidigung anderer Christen.
Dem Papst widersprechen allerdings wollte er schon. Weil der wiederholt bekräftigt habe, dass die Protestanten nicht zur wahren und einzigen Kirche gehörten. "Das war für mich wie ein Schlag ins Gesicht", sagt Bittlinger. Er habe sich "den Frust vom Leib geschrieben, denn man muss reagieren, wenn jemand die Christen in erste und zweite Klasse unterteilt".
Bittlingers Dienstherr Peter Steinacker, Kirchenpräsident von Hessen und Nassau, hat sich hinter ihn gestellt: "Die Kritik mancher katholischer Kreise, die sogar vor Morddrohungen nicht zurückschrecken, ist inakzeptabel." Für ihn zeige sich da "ein Potential an Gewalt, Selbsterhöhung und fundamentalistischer Intoleranz, das als Gefahr jeder Religion und Konfession innewohnt und darum besonders beachtet und befriedet werden muss".
Nur Steinackers katholisches Gegenüber fühlt sich nicht angesprochen. Für Kardinal Karl Lehmann in Mainz ist der Protestant, der von Katholiken bedroht wird, kein Thema. Lehmann lässt durch seinen Sprecher erklären: "Das Bistum hat keine Veranlassung, sich dazu zu äußern."
PETER WENSIERSKI
Von Peter Wensierski

DER SPIEGEL 38/2008
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