DER SPIEGEL



KONZERNE

Wolfsburger Mobilmachung

Von Hawranek, Dietmar

Der Meister des Machtspiels, Ferdinand Piëch, gerät selbst unter Druck. Angehörige des mächtigen Clans wollen seine Ablösung als VW-Aufsichtsratschef prüfen.

Ferdinand Piëch hat schon für einige Überraschungen gesorgt. Ende vergangener Woche aber gelang ihm eine ganz besondere. Der Aufsichtsratsvorsitzende von VW und Miteigentümer von Porsche machte sich unsichtbar und ließ auch noch einen Top-Gewerkschafter für sich sprechen - und abstimmen.

Das absurde Drama versetzte den Clan der Porsche-Piëchs so in Aufruhr, dass einige jetzt sogar gegen ihren eigenen Verwandten mobilmachen. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Wirtschaftskrimis, der mittlerweile gleich vier Fronten erlebt, seit die Stuttgarter Porsche-Riege den viel größeren VW-Konzern gekapert hat:

An der Basis stehen sich die mächtigen Betriebsratschefs beider Unternehmen misstrauisch gegenüber. Das Management wird von Eifersüchteleien und Machtkämpfen regiert, die bis hoch zu Porsche-Boss Wendelin Wiedeking und seinem Wolfsburger Kollegen Martin Winterkorn reichen. Dazu streiten nun auch noch neue Schwesterfirmen wie Audi und Porsche gegeneinander, die am Markt natürliche Konkurrenten sind.

Und ganz oben ficht einer gegen alle: Ferdinand Piëch. Er will Wiedeking abservieren und VW die alte Macht zurückgeben. Wahrscheinlich will er sich von dem Stuttgarter Turbo-Manager auch einfach nicht sagen lassen, wie in seinem Wolfsburg die Modellpalette auszusehen hat. Es geht selten "nur" um Milliarden. Meist geht es auch um Egos.

Das jüngste Drama begann am vorigen Donnerstag um 17.50 Uhr im Wolfsburger Hotel Ritz-Carlton. Dort hatten sich die VW-Kontrolleure zur Präsidiumssitzung versammelt. Doch statt des Aufsichtsratschefs erschien nur ein Mitarbeiter und teilte mit, Piëch komme nicht zur Sitzung. So stand am Anfang vor allem sein Schützling, VW-Chef Martin Winterkorn, in der Kritik. Der VW-Lenker musste sich von Wolfgang Porsche vorhalten lassen, den Konflikt mit dem Großaktionär Porsche anzuheizen.

Dabei habe es bereits am 4. September ein Treffen zwischen Winterkorn und VW-Vorstand Horst Neumann auf der einen Seite und den Porsche-Managern Wiedeking und Holger Härter auf der anderen gegeben. Das Quartett sei sich einig gewesen, dass Entscheidungen über die Marken- und Modellstrategie nur einvernehmlich zwischen den Vorständen von VW und Porsche getroffen werden können. Selbst eine gemeinsame Erklärung sei in Vorbereitung gewesen. Doch Winterkorn habe dies abgelehnt - und wenig später den Konflikt noch befeuert.

Der VW-Chef konterte. Die meisten Fragen seien offengeblieben. Vor allem bei der Konzerntochter Audi herrsche große Verunsicherung. Jürgen Großmann, RWE-Chef und VW-Aufsichtsrat, warf angesichts dieses Zoffs den Porsche-Leuten vor: "Ihr versteht den Laden hier nicht."

Bei all den kleinen Nadelstichen und großen Krächen geht es vor allem um die Macht im neuen Porsche-VW-Konzern. Das VW-Management will sich den neuen Herren nicht unterordnen, und die wollen sich das Kommando nicht nehmen lassen. Über allem eskaliert jetzt auch noch der Streit zwischen Ferdinand Piëch und dem Rest des Porsche-Piëch-Clans.

Einem Treffen der Familien vor zwei Wochen war Piëch ferngeblieben. Die Teilnehmer forderten deshalb schriftlich von ihm, auf der kommenden Aufsichtsratssitzung von VW in ihrem Interesse abzustimmen. Vor allem sollte er einen Antrag des VW-Betriebsrats ablehnen. Dessen Ziel: Gemeinschaftsprojekte von Porsche und Audi sollen künftig vom VW-Aufsichtsrat genehmigt werden müssen, was die Zusammenarbeit der beiden Konzerne weiter erschweren würde.

Der Angeschriebene antwortete erst gar nicht. Als die Sitzung des Aufsichtsrats am Freitag begann, war das Phantom Piëch wieder nicht anwesend - aber dennoch präsenter, als vielen lieb war. Grund: Er hatte eine Vollmacht eingereicht und dem VW-Aufsichtsrat und IG-Metaller Jürgen Peters mitgegeben. Ausgerechnet Peters, dessen Gewerkschaft am selben Tag über 30 000 VW-Arbeiter zum Protest gegen die Abschaffung des VW-Gesetzes und den Großaktionär Porsche mobilisiert hatte!

Als über den Antrag des VW-Betriebsrats abgestimmt wurde, votierten neun Kapitalvertreter dagegen. Doch Piëch sorgte mit seiner schriftlichen Enthaltung dafür, dass die zehn Arbeitnehmervertreter eine Mehrheit bekamen. Der Österreicher steht nun allein gegen alle. Selbst sein Bruder Hans Michel soll stinksauer auf ihn sein. Wolfgang Porsche ist "entsetzt". Clan-Mitglieder prüfen gar, ob sie Piëch als VW-Aufsichtsratschef ablösen könnten oder sollten.

Manche sind sicher, der Meister des Machtspiels habe diesmal überzogen. Andere rätseln, weshalb Piëch die Eskalation suchte, aus der er kaum als Gewinner hervorgehen kann. Andererseits müsste sein Sturz vom zweiten VW-Großaktionär unterstützt werden, dem Land Niedersachsen. Und dessen CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, einst ein harter Piëch-Kritiker, dürfte sich zurückhalten.

Auch er vermisst ein klares Konzept, wie Porsche VW führen will. Die Vertrauenskrise zwischen VW und Porsche, sagt Wulff, könne man nicht durch den Austausch von Personen lösen. Nur: wie dann? DIETMAR HAWRANEK


DER SPIEGEL 38/2008
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