15.09.2008

GEORGIENWettlauf zum Tunnel

Die Nato und westliche Geheimdienste waren von Anfang an überzeugt, dass Staatschef Saakaschwili den Kaukasus-Krieg begann. Amerikaner wie Europäer wollen die Kriegsgründe nun genau untersuchen, auch die Russen haben offenbar gelogen.
Hillary Clinton hat tiefe Ringe unter den Augen. Es ist Dienstag vergangener Woche, abgekämpft sitzt sie an ihrem Arbeitsplatz im Senat, selbst ihr Blazer sieht heute farblos aus. Er ist beige, darunter trägt sie ein T-Shirt in Schwarz.
Vorbei der Parteitagsglamour von Denver, wo die Demokraten Barack Obama auf den Schild hoben, vorbei der Traum von der Präsidentschaftskandidatur 2008. Der politische Alltag hat sie wieder, der Verteidigungsausschuss tagt, es geht um den Konflikt zwischen dem großen Russland und dem kleinen Georgien.
Clinton spricht spät. Ihre Stimme klingt müde. Aber politisch ist sie die alte, sie bringt die Debatte auf den Punkt.
"Haben wir Georgien auf irgendeine Weise ermutigt", militärische Gewalt einzusetzen?, fragt sie in die Runde. Habe die Bush-Regierung Moskau und auch Georgien wirklich ausreichend vor den Konsequenzen eines Krieges gewarnt? Und wie habe es sein können, dass Amerika vom Ausbruch dieser Feindseligkeiten so überrascht worden ist? Diese Fragen, mahnt Clinton, solle eine nationale Kommission klären, "die erst mal die Fakten feststellt".
Hillary Clinton spricht nur wenige Minuten, aber ihre Worte zeigen, dass sich die Stimmung gegenüber Georgien in den USA gerade wendet.
War der Krieg im fernen Kaukasus, drüben in der Alten Welt, für die Amerikaner nicht eben noch ein Kampf zwischen einem expansiven Riesenreich, das sich ein kleines demokratisches Land unterwerfen will? Eines, das angegriffen wird, nur "weil wir frei sein wollen", wie Staatschef Micheil Saakaschwili nahezu stündlich in die CNN-Kameras sagte?
"Heute sind wir alle Georgier", hatte der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain deklamiert. Mit dem Überfall der Nazis 1938 auf das Sudetenland verglich der neokonservative Kommentator Robert Kagan die russische Aktion. Und Bush-Vize Richard Cheney versicherte Saakaschwili bei einem Treffen Unterstützung für dessen dringendsten Wunsch: die Aufnahme in die Nato.
Nun aber, fünf Wochen nach Kriegsende im Kaukasus, hat sich der Wind in Amerika gedreht. Auch in Washington wächst der Argwohn, Saakaschwili, der umworbene Freund, sei womöglich ein Hasardeur. Einer, der den blutigen Fünftagekrieg selbst ausgelöst und den Westen in den Tagen danach dreist belogen hat.
"Die Vorbehalte gegenüber Russland sind geblieben", sagt Russland-Experte Paul Saunders, Direktor des konservativen Nixon Center in Washington, und meint damit, was für die westliche Einschätzung weiter gilt: dass Russlands militärischer Racheschlag gegen den Kaukasus-Zwerg Georgien unangemessen war, dass Moskau mit der Anerkennung der Separatistenrepubliken Völkerrecht gebrochen hat und schließlich Tiflis als Vehikel zur Demonstration seiner imperialen Renaissance nutzte.
Dann aber fügt Saunders sein "Aber" an: "Immer mehr Leute sehen, dass es in diesem Konflikt zwei Seiten gibt und dass Georgien weniger ein Opfer als vielmehr ein williger Mitspieler war." Auch in der Regierung von Präsident George W. Bush wächst die Nachdenklichkeit. Georgien sei nach einer Serie von Provokationen "in die südossetische Hauptstadt einmarschiert", sagt Daniel Fried, Unterstaatssekretär im Außenministerium.
Waren die amerikanischen Solidaritätsbekundungen für Saakaschwili also ebenso verfrüht wie jene der Europäer? Großbritanniens Premier Gordon Brown hatte eine "radikale" Überprüfung der Beziehungen zu Moskau gefordert, Schwedens Außenminister Carl Bildt beklagte die Verletzung internationalen Rechts, und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel versprach Georgien, dass es irgendwann, "wenn es will, Mitglied der Nato sein wird". Nun werden die großen Töne gegenüber Moskau leiser.
Vorige Woche sprach sich auch Merkels Außenminister Frank-Walter Steinmeier öffentlich für eine Klärung der Kriegsschuldfrage aus. "Wir müssen schon ein bisschen genauer wissen, wer mit welchen Anteilen an Verantwortung an der militärischen Eskalation beteiligt war", sagte er vor den über 200 Botschaftern Deutschlands, die sich in Berlin trafen. Schließlich werde die EU jetzt "mittel- und langfristig unsere Beziehungen zu den Konfliktparteien definieren müssen". Jetzt müssten konkrete Informationen auf den Tisch.
Von der Klärung der Schuldfrage hängt tatsächlich vieles ab. Der Westen muss sich fragen, ob er nach diesem Krieg ein Land wie Georgien wirklich in die Nato aufnehmen will - mit der Konsequenz, bei einem ähnlichen Konfliktfall militärisch selbst im Kaukasus eingreifen zu müssen. Und welche Art Partnerschaft soll er künftig mit Russland anstreben, das nun erstmals so unumwunden wie Amerika auf Respektierung seiner Einflusszonen pocht?
Der Versuch einer Rekonstruktion des Fünftagekriegs vom August dreht sich weiter vornehmlich um eine Frage: Welche Seite schlug zuerst militärisch los? Informationen aus der Nato und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) skizzieren inzwischen ein anderes Bild, als es sich vielen in den ersten Tagen der Schlacht um Südossetiens Hauptstadt Zchinwali bot - und nähren damit die Zweifel westlicher Politiker.
Die georgische Regierung datiert den Kriegsbeginn unverändert auf Donnerstag, den 7. August, 23.30 Uhr. Zu dieser Zeit hätte sie mehrere Geheimdienstberichte erhalten, wonach ungefähr 150 Armeefahrzeuge von Russland aus durch den Roki-Tunnel unterm Kaukasuskamm nach Georgien vorgestoßen seien, in die Separatistenrepublik Südossetien. Ihr Ziel: Zchinwali; ab drei Uhr nachts seien weitere Armeekolonnen gefolgt.
"Wir wollten die russischen Truppen vor den georgischen Dörfern stoppen", so hat Präsident Micheil Saakaschwili dem SPIEGEL den Marschbefehl an seine Armee erklärt: "Als unsere Panzer nach Zchinwali einrückten, haben die Russen die Stadt bombardiert. Sie - und nicht wir - haben Zchinwali in Trümmer gelegt." Doch in Berichten der OSZE stellt sich die Lage in jenen kritischen Stunden anders dar.
Die OSZE unterhält eine Mission in Südossetien, die bei Kriegsausbruch selbst zwischen die Fronten gerät. "Kurz vor Mitternacht kam das Zentrum von Zchinwali unter schweres Feuer und Granatbeschuss, vermutlich auch von Grad-Abschussrampen und Artillerie, die außerhalb des Konfliktgebiets stationiert war", heißt es in einem sogenannten Spot-Report, den die OSZE am 8. August um elf Uhr georgischer Zeit abfasste: "Das Zchinwali-Büro der Mission wurde getroffen, die verbleibenden drei internationalen Mitarbeiter suchten im Keller Schutz."
Die Spot-Reports werden regelmäßig an die Wiener Vertretungen der 56 Mitgliedstaaten versandt. Der Bericht vom 8. August ist neutral gehalten, schließlich sind sowohl Georgien als auch Russland Mitglieder der Organisation. So führt er möglichst distanziert Informationen auf, ohne sie zu bewerten: Hier hätten die Russen georgischen Luftraum verletzt, dort die Georgier südossetische Dörfer besetzt.
Ein weitaus entschiedeneres Urteil über die Ereignisse vor Ort wagt zu dieser Stunde, wie der SPIEGEL erfuhr, ein anderes Gremium: die Nato. Deren Internationaler Militärstab wertete in Windeseile das vorliegende Material aus; er arbeitet dem Militärausschuss zu, dem höchsten militärischen Gremium der Allianz. Alle 26 Nationen sind hier mit Offizieren vertreten.
Am Mittag des 8. August war für die Nato-Experten der russische Vormarsch - den Saakaschwili später als Angriff, Moskau aber als Aktion zur "Erzwingung des Friedens" bezeichnen wird - in seiner Dimension nicht zu ahnen. Doch sie warnen zu dieser Stunde intern, dass angesichts der ersten russischen Angriffe mit Kampfflugzeugen und Kurzstreckenraketen mit Moskauer Passivität nicht zu rechnen sei.
Eines war für die Brüsseler Offiziere bereits klar: Die Georgier hätten angefangen, und zwar weniger aus Notwehr oder als Reaktion auf russische Provokationen, sondern aus eigenem Kalkül. Es sei eine kalkulierte Offensive gegen die südossetischen Stellungen gewesen, um vollendete Tatsachen zu schaffen; die Schusswechsel der vorhergehenden Tage wurden in Brüssel kühl als geringfügige Vorgänge eingestuft. Noch deutlicher: Im Nachhinein seien sie keineswegs als Begründung für die georgische Kriegsvorbereitung zu werten.
Die georgische Behauptung, die Russen hätten provoziert und Truppen in den Roki-Tunnel einmarschieren lassen, wurde von den Nato-Experten keineswegs bezweifelt. Doch in der Bewertung der Fakten überwog die Skepsis, dass dies die wahren Ursachen für Saakaschwilis Vorgehen waren.
Zu den Wertungen der Nato passen jene Details, die westliche Geheimdienste aus ihrer Funkaufklärung filterten. Am Morgen des 7. August haben die Georgier demnach rund 12 000 Soldaten an der Grenze zu Südossetien zusammengezogen. Bei Gori stehen 75 Panzer und gepanzerte Schützenwagen - ein Drittel des Armeebestands. Saakaschwilis Plan sieht vor, in einem 15-Stunden-Blitzkrieg bis zum Roki-Tunnel vorzudringen und das Nadelöhr zwischen Nord- und Südkaukasus zu schließen. Damit wäre Südossetien von Russland abgeschnitten.
Am 7. August, um 22.35 Uhr, also knapp eine Stunde vor dem von Saakaschwili behaupteten Einmarsch der russischen Panzer in den Roki-Tunnel, beginnt der georgische Artilleriebeschuss von Zchinwali: 27 Raketenwerfer sind beteiligt, die Georgier schießen teilweise mit 152-Millimeter-Kanonen, auch Streumunition wird eingesetzt. Drei Brigaden beginnen den nächtlichen Vorstoß.
Im Äther verfolgen die Geheimdienste die russischen Hilferufe, aber die 58. Armee, unter anderem in Nordossetien stationiert, scheint nicht gefechtsbereit zu sein. Jedenfalls nicht in dieser Nacht.
Die georgische Armee wiederum besteht im Wesentlichen aus Infanterieverbänden, die auf die Hauptverkehrsstraßen angewie-
sen sind. Sie bleibt schnell stecken und kommt über Zchinwali nicht hinaus. Es gibt "Handhabungsdefizite" an den Waffen, stellen die westlichen Lauscher fest. Im Klartext: Die Georgier kämpfen schlecht.
Nach den Erkenntnissen der Dienste feuert die russische Armee erst um 7.30 Uhr am 8. August - mit dem Abschuss einer SS-21 auf die Stadt Borschomi, südwestlich von Gori, die Rakete soll Bunkerstellungen von Armee und Regierung treffen. Kurz darauf fliegen russische Kampfflugzeuge erste Angriffe auf die georgische Armee. Jetzt schwillt der Funkverkehr im Äther an, die russische Armee erwacht.
Erst gegen elf Uhr ziehen ihre Truppen aus Nordossetien durch den Roki-Tunnel. Diese Zeitabfolge gilt inzwischen als Beleg dafür, dass Moskau nicht offensiv gehandelt, sondern nur reagiert hat. Später werden weitere SS-21 nach Süden verlegt. Die Russen führen 5500 Soldaten bis nach Gori; an der georgisch-abchasischen Grenze sind 7000 Soldaten aufmarschiert.
Dass die Georgier bereits im Juli Truppen an der Grenze zu Südossetien massiert hätten, bestätigt ein anderer Kenner der Lage, der vor Ort in Tiflis war: Wolfgang Richter, Oberst im Generalstab und Leitender Militärberater der deutschen OSZE-Mission. In einer vertraulichen Sitzung am vergangenen Mittwoch belegte er in Berlin vor Verteidigungsminister Franz-Josef Jung und den Obleuten der Bundestagsfraktionen aus Außen- und Verteidigungsausschuss, dass die Georgier teilweise über Truppenbewegungen "gelogen" hätten. Für Saakaschwilis Behauptung, die Russen seien in den Roki-Tunnel einmarschiert, bevor Tiflis den Angriffsbefehl gab, fand Richter keine Belege. Ausschließen mochte er es aber auch nicht. Für manche Abgeordnete hörten sich seine Aussagen danach an, als unterstützten sie die russische Interpretation. "Er hat keine Interpretationsspielräume gelassen", befand einer der Zuhörer. "Klar ist: Die Verantwortung lag eher bei den Georgiern als bei den Russen", resümierte ein anderer.
Nach all diesen Berichten war den westlichen Beobachtern klar, wer das Pulverfass Südossetien gezündet hat. Die Hintergründe des Konflikts, zu denen auch die jahrelangen Provokationen Russlands gegenüber Tiflis gehören, haben die Analysten im Pulverdampf des Gefechts verständlicherweise unberücksichtigt gelassen.
Nun ist es hohe Zeit, dass sich auch die Europäische Union mit der Entstehung des Kriegs befasst. Dass sich die Europäer bislang geweigert hatten, Saakaschwilis Sturm auf Zchinwali zu verurteilen und stattdessen vor allem mit dem Finger auf Russland zeigten, hatte dort tiefes Unverständnis ausgelöst. Denen fehle wohl "Mut gegenüber Washington und dessen Alliierten in Tiflis", argwöhnte ein Diplomat im Moskauer Außenministerium.
Bei einem informellen Treffen vorletztes Wochenende im französischen Avignon sprachen sich Europas Außenminister für "eine internationale Untersuchung" des Konflikts aus. Wer vermitteln wolle, so die Logik des Beschlusses, dürfe nicht parteiisch in der Bewertung dessen sein, was im Kaukasus geschah. Das sahen offenbar selbst die Emissäre der Briten, Schweden, Balten und anderer osteuropäischer Staaten ein. Die hatten bis dahin eher für eine harte Haltung gegenüber Moskau und mehr Solidarität mit Tiflis plädiert - unabhängig von der Faktenlage.
Anfang dieser Woche wollen die 27 ihren Untersuchungsauftrag förmlich beschließen. Nur wer diese heikle Mission übernehmen soll, bleibt einstweilen völlig offen: die Vereinten Nationen, die OSZE, Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaftler - oder alle gemeinsam? Lediglich eines ist klar: Die EU selbst will sich der Sache auf keinen Fall annehmen. Denn das, so die Sorge, würde den Graben zwischen Hardlinern und den auf vorsichtigen Ausgleich mit Moskau Bedachten gleich wieder aufreißen.
Micheil Saakaschwili, der cholerische Herrscher von Tiflis, verfolgt die Meinungswende im Westen mit wachsendem Unbehagen. Zwar trägt er täglich mit Fernsehauftritten seine Version vom Angriff auf Georgien in die Welt, eine internationale PR-Firma traktiert westliche Medien rund um die Uhr mit wohlsortiertem Material, und vor den Internationalen Gerichtshöfen in Den Haag klagt Tiflis bereits wegen "ethnischer Säuberungen" durch die Russen.
Aber Saakaschwili ist sich seiner Verbündeten inzwischen nicht mehr sicher. Kurz bevor diese Woche Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer nach Tiflis reisen wollte, rief der Georgier das westliche Bündnis noch einmal zur Geschlossenheit auf: Schwäche gegenüber Moskau würde zu "einer endlosen Geschichte russischer Aggressionen" führen.
Auch im Innern seines Landes steht der Staatschef inzwischen unter Druck, die während des russischen Vormarsches entstandene Einheitsfront bröckelt. Jetzt melden sich all jene wieder zu Wort, die Saakaschwilis Führungszirkel seit langem als "autoritäres Regime" kritisieren. Er sei ein Teil jener Kreise, "für die Macht alles ist", sagte Georgij Chaindrawa, 2006 entlassener Minister für Konfliktregelung, schon im Dezember 2007 dem SPIEGEL. Wenige Wochen zuvor hatte Saakaschwili Sonderpolizei in Tiflis einrücken lassen und wegen Massendemonstrationen der Opposition den Ausnahmezustand verhängt. Es bestünde die Gefahr, gab Chaindrawa damals zu bedenken, dass Saakaschwili sein angeschlagenes Image bald durch einen "kleinen, siegreichen Krieg" aufmöbeln wolle - gegen Südossetien.
Schon im Mai 2006 hatte auch Ex-Außenministerin Salomé Surabischwili vor ihrem früheren Chef gewarnt. Die "enorme Aufrüstung", die er betreibe, mache "keinen Sinn", sie wecke den Verdacht, er wolle die Konflikte mit Abchasien und Südossetien militärisch lösen.
Vorige Woche forderten nun die Chefs zweier Parteien Saakaschwilis Rücktritt und den Einsatz einer "weder prorussischen noch proamerikanischen, sondern progeorgischen Regierung". In Moskau wiederum sammelt der frühere georgische Vize-Innenminister Temur Chatschischwili, der wegen eines Attentats auf Saakaschwili-Vorgänger Eduard Schewardnadse sieben Jahre im Gefängnis saß, Getreue um sich - er will auf die über eine Million in Russland lebenden Georgier einwirken, um sie für einen Machtwechsel in der Heimat zu gewinnen.
Ist Micheil Saakaschwili, vor fünf Wochen das vom Westen bedauerte Opfer einer russischen Invasion, politisch also bereits ein toter Mann? Ausgerechnet der "Rote Stern", die Zeitung des russischen Verteidigungsministeriums, kam ihm vorige Woche zu Hilfe. Dort meldete sich ein Offizier der 58. Armee mit Äußerungen zu Wort, die Moskau inzwischen dementierte. Dennoch nährt der Offizier ironischerweise Zweifel an den Schlussfolgerungen von westlichen Geheimdiensten und Nato, wonach russische Armeeeinheiten erst am 9. August Zchinwali erreicht hätten.
Hauptmann Denis Sidristy, Kommandeur einer Kompanie des 135. motorisierten Infanterieregiments, schildert, wie er bereits in der Nacht zum 8. August mit seiner Einheit von Nordossetien aus durch den Roki-Tunnel nach Zchinwali vorrückte. Begann Moskaus Aufmarsch also doch früher als bislang zugegeben?
Vorige Woche hatten Moskauer Ermittler erstmals auch eingeräumt, beim Angriff der Georgier auf Zchinwali habe es nicht etwa 2000 zivile Opfer gegeben, wie offiziell von Russland immer wieder behauptet - sondern 134.
Auf die Darstellung im "Roten Stern" angesprochen, erklärte ein Sprecher des Moskauer Verteidigungsministeriums dem SPIEGEL, es habe sich um einen technischen Fehler gehandelt. Zudem sei der betreffende Offizier verletzt, er "könne sich nicht mehr so genau erinnern".
Hauptmann Sidristy, von Russlands Verteidigungsminister inzwischen mit dem Tapferkeitsorden ausgezeichnet, bekam vorigen Freitag im "Roten Stern" eine neue Chance, seine Version der Ereignisse zu schildern. Seine Einheit, so korrigierte er sich nun, sei etwas später als von ihm zuerst angeben auf Zchinwali vorgerückt.
Wahrheit und Lüge über den kurzen Krieg am Kaukasus sind noch immer schwer zu trennen.
RALF BESTE, UWE KLUßMANN, CORDULA MEYER,
CHRISTIAN NEEF, MATTHIAS SCHEPP, HANS-JÜRGEN SCHLAMP, HOLGER STARK
* Links: am 6. September in Avignon; rechts: am 4. September in Tiflis.
Von Ralf Beste, Uwe Klußmann, Cordula Meyer, Christian Neef, Matthias Schepp, Hans-Jürgen Schlamp und Holger Stark

DER SPIEGEL 38/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEORGIEN:
Wettlauf zum Tunnel

Video 02:24

Trumps Idee gegen Waldbrand Holt die Harken raus!

  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Großküche für Waldbrandopfer: Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich" Video 01:25
    Großküche für Waldbrandopfer: "Wir kochen bis zu 6000 Gerichte täglich"
  • Video "Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen" Video 00:54
    Gedenkmarsch für Franco: Teilnehmer verprügeln Femen-Aktivistinnen
  • Video "Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht" Video 01:22
    Trump besucht Waldbrandgebiete: Der Klimawandel war's nicht
  • Video "Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn" Video 00:45
    Überwachungsvideo: Fahrbahn wird zur Rutschbahn
  • Video "Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus" Video 03:52
    Ärztemangel in Hessen: Zur Blutabnahme in den Bus
  • Video "Merkel-Besuch in Chemnitz: Eine Provokation, dass sie hier ist" Video 04:36
    Merkel-Besuch in Chemnitz: "Eine Provokation, dass sie hier ist"
  • Video "Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool" Video 00:46
    Überraschender Badebesuch: Elefant am Swimmingpool
  • Video "Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb" Video 01:27
    Proteste gegen Macron: Frankreich sieht Gelb
  • Video "Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise" Video 01:57
    Drohnenvideo aus Kalifornien: Das zerstörte Paradise
  • Video "Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung" Video 00:53
    Das war knapp: Arbeiter kappt aktive Starkstrom-Leitung
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!