15.09.2008

KulturBauern, Bomben, Helden

Nahaufnahme: Holocaust und kein Ende - im Münsterland entsteht ein großer Film über große Zivilcourage.
Sie heißen Aschoff, Pentrop, Südfeld, Sickmann und Silkenbömer. Namen so schwer wie westfälische Ackerkrume, offene Gesichter, kantige Schädel. Kants Moralkritiken haben sie sicher nicht studiert, aber gutkatholisch den Rosenkranz gebetet. Weil das alle Bauern taten im Münsterland.
Schwer zu glauben, aber so sehen Helden aus. Nie hätten sie es für möglich gehalten, dass ihre Namen einmal an einem Ort wie Jad Waschem, dem Jerusalemer Gedenkort für den Holocaust, als "Gerechte unter den Völkern" geehrt werden würden.
Sie hatten doch nur getan, was eigentlich Christen-, Kameradschafts- und Nachbarspflicht war, nämlich zu verhindern, dass der jüdische Pferdehändler, ein Kriegskamerad aus dem Ersten Weltkrieg und westfälischer Mitbürger, Siegmund ("Menne") Spiegel, dessen Frau Marga und die kleine Tochter Karin 1943 nach Osten in den Tod "verschickt" wurden. Die Bauern versteckten die Familie und begaben sich damit selbst in Todesgefahr.
Seit Mitte August lässt der Ex-WDR-Redakteur und heutige FilmForm-Kinoproduzent Joachim von Mengershausen ("Heimat") die bereits 1965 erschienenen Lebenserinnerungen von Marga Spiegel, 96 - die später den Titel "Retter in der Nacht" erhielten -, verfilmen. Marga Spiegel ist eine Verwandte des vor zwei Jahren verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel.
"Unter Bauern" heißt der Arbeitstitel des entstehenden Films. Alles soll möglichst unheldisch wirken, schlicht und geradeaus klingen, nach Selbstverständlichkeit, die keine großen Worte braucht. Veronica Ferres - sie spielt blond und voller Enthusiasmus die jüdische Überlebende Marga - möchte zeigen, was damals möglich war. Sie glaubt, dass Zivilcourage aus "Herzensbildung" entsteht, dass die große Geschichte eine kleine Geschichte des Mutes und des Entschlusses zum unverstellten Gefühl ist.
Ferres, oft als Drehzicke verschrien, hat sich dem Filmprojekt, wie es aussieht, mit Herz und großem Engagement verschrieben. Sie liebt es, wenn Kameramann Daniel Schneor und Regisseur Ludi Boeken am Set Hebräisch sprechen. Sie hat privaten Kontakt zu Marga Spiegel und führt mit der alten Dame Gespräche unter Frauen.
Zum Beispiel darüber, wie das so war als Mutter einer kleinen Tochter, der man auch im Versteck nicht die Wahrheit sagen konnte. Wie es war als junge Frau, die aus Angst vor Entdeckung ein Leben in Lüge und Selbstverleugnung führen musste. Die als Städterin mit der Eifersucht der Bauersfrauen zu rechnen hatte, die das Kruzifix an der Wand nicht abnehmen durfte, wenn sie mit der Tochter in der Kammer schlief. Die mit den Verzweiflungsausbrüchen ihrer Beherberger zu rechnen hatte, wenn die Nachrichten vom Kriegstod der Bauernsöhne eintrafen und die Eltern sich fragten, warum sie Juden und nicht die eigenen Söhne vor Hitlers Wahnsinn versteckt hatten.
Mit den Folgen der Hilfe für die unschuldig Verfolgten in jener Zeit Tag für Tag umzugehen war harte Arbeit. So viel die Juden und ihre Beschützer sich in schlaflosen Nächten an Vorsichtsmaßnahmen auch überlegten, das Leben schuf Mitwisser und Verratsmöglichkeiten, mit denen man nicht rechnen konnte.
Die Vorsicht vor einem gläubigen Hitlerjungen kann ja noch leichtfallen, aber der Zufall, dass ein gelber Stern beim Tanzen zum Vorschein kommt, wie tatsäch-
lich geschehen, ist unvorhersehbar. Der Erlebnisbericht und der Film machen deutlich, dass Retter von einem Netz umgeben sein mussten, von Menschen, die nicht zur Polizei gingen, selbst wenn sie die Juden wiedererkannten, von Polizisten, die nicht ganz so gründlich nachfragten, von dem Glück, unverdächtige Papiere mit Tarnnamen zu bekommen, weil Bomben die Ämter zerstört hatten, von jungen Menschen wie der Bauerstochter Anni Aschoff, deren Ablehnung, geprägt durch das Propagandabild vom jüdischen Schädling, sich durch das tägliche Zusammenleben mit Marga in eine Freundschaft verwandelte, die bis heute anhält.
Von der Rücksicht auf die Lebensleistung von Verfolgern und Rettern ist am Set viel zu spüren. Regisseur Boeken besucht mit Marga Spiegel die Synagoge. Alle versuchen ihr Bestes, haben Haus und Hof an anderer Stelle als damals, aber doch im Münsterländischen sorgfältig rekonstruiert.
Bei aller Liebe gibt es in der großen Filmfamilie auch Missverständnisse. So überreichte die Truppe der Kostümbildner dem nichtsahnenden Regisseur etwas Eingepacktes, als wäre es ein Präsent. Der öffnete gerührt das kleine Paket und entdeckte gelbe Sterne, die er der Kamera wegen selbst in verschiedenen Größen bestellt hatte. Lieb gemeint und doch ein Erschrecken.
Die Zeit heilt keine Wunden, der Film auch nicht. Die Zeitzeugin Marga Spie-gel besichtigt die Dreharbeiten zu den Schlusseinstellungen des Films. Die Amerikaner stürmen den Hof der Aschoffs. Menne Spiegel (Armin Rohde) muss den skeptischen US-Soldaten beweisen, dass er Jude ist und versteckt worden war. Die Hose fällt, die Beschneidung wird kontrolliert, erst dann verlieren die Befreier ihr Misstrauen.
Im Kino wird hiernach der Abspann erscheinen, der Zuschauer ist erleichtert, alle Helden sind gerettet. Aber Marga weiß, dass persönliche Erinnerung und Film nie vollständig übereinstimmen. Ihr fällt die schwere Zeit nach der Befreiung ein, die grausamen Nachrichten von all den ermordeten Verwandten und Freunden. Von allen, die keine Retter in der Nacht fanden. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* Oben: Ausweis Marga Spiegels mit aufgedrucktem "J".
Von Nikolaus von Festenberg

DER SPIEGEL 38/2008
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