22.09.2008

GesellschaftDer Pächter

Ortstermin: In Düsseldorf soll aus einem Hartz-IV-Empfänger, der selbständig wurde, wieder ein Hartz-IV-Empfänger werden.
Kaffee läuft ganz gut heute Morgen, nicht so gut wie Bier, aber das tut er ja nie. Damir Tumbas steht in seiner kleinen Trinkhalle am Düsseldorfer Lessingplatz, Sonnenstraße 22, und macht das, was er in letzter Zeit eigentlich immer gemacht hat. Er verkauft Bier und ein bisschen Kaffee und fragt sich ansonsten, ob die Düsseldorfer Stadtverwaltung noch alle Tassen im Schrank hat.
Tumbas ist ein zurückhaltender Mann, er hat lange über die Stadtverwaltung nachgedacht und über die Macht, die der Staat hat, und inzwischen ist er sich sicher. Wenn jemand einen ehemaligen Hartz-IV-Empfänger, der sich eine eigene Existenz aufgebaut hat, wieder zum Hartz-IV-Empfänger machen will und dafür keinen vernünftigen Grund hat, dann bleibt doch nur eines: "Die haben nicht mehr alle Tassen im Schrank."
Seit fast drei Jahren betreibt Tumbas die kleine, gelbgestrichene Trinkhalle. Acht Quadratmeter, kein fließend Wasser, keine Heizung, 600 Euro Pacht. Der Lessingplatz liegt in Oberbilk, einem Stadtbezirk, den Düsseldorfer meiden, wenn sie es sich leisten können. Hoher Ausländeranteil, etablierte Drogenszene, das Rotlichtviertel um die Ecke.
Eigentlich gibt es nur ein Geschäft, das hier funktioniert - eine Trinkhalle. Bei Tumbas kostet die Flasche gekühltes Alt einen Euro, die kleine Flasche Magenbitter 1,50 Euro. Er hat auch Capri-Sonne im Angebot, aber die wird auf einem Regal über dem Kühlschrank alt. Tumbas' Kunden sind vor allem Trinker, Obdachlose und die vielen anderen Verlorenen um den Lessingplatz, die mit Alt und Schnaps versuchen, durch den Tag zu kommen. Damir Tumbas muss nur durch das Fensterchen schauen, um zu sehen, was Alkohol und Hoffnungslosigkeit aus Menschen machen können.
Zweieinhalb Jahre war er selbst "auf Hartz IV", wie er es nennt. Heute verkauft Tumbas ihnen den Alkohol, aber er wird nicht einer von ihnen werden. Das hat er sich geschworen.
"Hier steht's! Hier steht drin, warum sie mich dichtmachen. Ende des Monats muss ich hier raus!" Herr Tumbas greift einen der Briefe, die er auf der kleinen Ablage neben dem Telefon gestapelt hat. Das Büro des Oberbürgermeisters hat ihm vor einiger Zeit geschrieben: "Sehr geehrter Herr Tumbas, im Laufe der letzten Jahre gab es immer wieder Beschwerden bezüglich des Verhaltens Ihrer Kunden an der Trinkhalle am Lessingplatz, da die Käufer alkoholischer Getränke diese direkt vor Ort konsumieren und es hierdurch zu negativen Begleiterscheinungen gekommen ist ... Ein Angebot des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes, die Trinkhalle ohne den Verkauf alkoholischer Getränke fortzuführen, haben Sie in einem persönlichen Gespräch am 05.05.2008 abgelehnt."
Das Problem ist, dass diese Trinkhalle der Stadt gehört. Tumbas ist nur der Pächter. Ungefähr 30 Schritte entfernt betreibt ein Kollege ein anderes Büdchen, wo selbstverständlich auch Bier verkauft wird. Der Kollege hat sein Büdchen privat gemietet. Niemand redet ihm rein, vor allem die Stadt nicht.
Und diese Stadt, deren vermutlich bekanntester Song die Zeilen enthält: "Ja, sind wir im Wald hier, wo bleibt unser Altbier? Wir haben in Düsseldorf die längste Theke der Welt!", schlägt nun einem Trinkhallenbesitzer in Düsseldorf-Oberbilk vor, künftig Capri-Sonne statt Altbier zu verkaufen.
"Verstehen Se jetzt, warum ich glaube, dass die spinnen?"
Damir Tumas redet leise, er hat einen kleinen, gemütlichen Bauch, den er hinter einem weiten Sweatshirt versteckt. Seine Eltern kamen als kroatische Gastarbeiter nach Deutschland. Er ist vor 37 Jahren in Langenfeld geboren worden und bekommt schlechte Laune, wenn Schalke mal wieder verliert. In den vergangenen drei Jahren hat er nicht einen Tag frei gehabt. Jeden Morgen macht er die Trinkhalle um sieben auf und jede Nacht um elf wieder zu. "Ich habe zwei Kinder und muss 700 Euro im Monat für die Eigentumswohnung abzahlen, kann doch nicht den Laden zumachen."
Vermutlich würden Leute wie Hans-Olaf Henkel oder Friedrich Merz jemanden wie Damir Tumbas einen vorbildlichen Bürger nennen. So ziemlich alles, was an Schlechtem über Hartz-IV-Empfänger behauptet wird, widerlegt Tumbas. Er ist fleißig, zuverlässig, ordentlich, ein kleiner Geschäftsmann, der sich auf die Wünsche seiner Kunden eingestellt hat, so, wie sich Düsseldorf auf die Wünsche der Touristen einstellt, die in der Altstadt die vielen Kneipen aufsuchen.
"Chef, noch ein Alt, ja."
Die Kaffeezeit ist langsam vorbei. Tumbas greift in den tiefen Kühlschrank und holt eine Flasche Bier raus.
"Ich weiß wirklich nicht, wie es weitergehen soll."
Anfangs hatte ihm die Stadt eine Stelle als zweiter Hausmeister im Rathaus angeboten. 1900 Euro brutto, bei 48 Stunden in der Woche. Das wären 64 Stunden weniger die Woche bei ungefähr dem gleichen Geld. Tumbas sagte zu. Dann kam plötzlich ein Brief mit der Absage. Zurzeit seien doch keine Stellen mehr frei, weitere Stellenanzeigen würde er in der Tagespresse oder im Internet finden. Beste Grüße.
Es ist das alte Problem. Stadtverwaltungen tun sich schwer damit, dass es Menschen in ihrer Stadt gibt, die mehr trinken, als ihnen guttut. Noch schwerer tun sie sich aber damit, wenn sie es an öffentlichen Plätzen tun, wo man ihnen dabei zusehen kann. Die Idee für den Lessingplatz ist nun, die Quelle auszutrocknen. Wenn Herr Tumbas keinen Alkohol mehr verkauft, verschwinden die Trinker. Das ist der Plan.
Die Frage ist nur, ob Damir Tumbas Schuld hat an dem Problem. Oder ob er genauso Schuld hat wie der Mann, der das Bier von der Brauerei zu ihm bringt. Oder der Mann, der das Bier braut. Oder der Mann, der das Bier brauen lässt. Oder eben all die Leute, die kaufen oder verkaufen, also das tun, was in der Marktwirtschaft getan wird. JUAN MORENO
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 39/2008
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