22.09.2008

ÖSTERREICHDer Wilde und der Milde

Vor den Wahlen wetteifern die Populisten Heinz-Christian Strache und sein einstiger Ziehvater Jörg Haider um die Stimmen der Politikverdrossenen. Mit beachtlichem Erfolg.
Es ist halb elf, draußen beschert der Spätsommer noch einmal schweißtreibende Temperaturen; drinnen, in der Klagenfurter Messehalle, feiert Kärnten sich selbst. Die Holzmesse wird eröffnet, ein Funktionär nach dem anderen begrüßt die Besucher. Aus Wien ist der Wirtschaftsminister angereist, selbst der Bischof ist gekommen. Holz ist kostbar.
Schließlich tritt auch der Landeshauptmann ans Mikrofon - wie stets bei solchen Anlässen im Trachtenjanker, braun gebrannt, mit blitzweißer Zahnreihe. Stolz berichtet Jörg Haider, wie sein Bundesland allmählich aus der Schlusslichtposition heraustrete, welche "tollen Industriebetriebe" es gebe und dass mehr als 12 000 neue Arbeitsplätze entstanden seien. Kärnten als Zukunftsmodell für ganz Österreich: Das ist Haiders Botschaft.
Der Chor der Kärntner Jägerschaft, in Lodengrün, singt den "Alpengruß". Später dann schnappt sich Haider einen Taktstock und lässt mit zufriedenem Grinsen die Kapelle einen Marsch spielen. Schon wahr: Kärnten tanzt nach Haider-Takt - bei der letzten Landtagswahl 2004 erhielt er 42,5 Prozent der Stimmen. Beim nächsten Mal, im Frühling, wird das wohl nicht viel anders sein. Es sei denn, "der Jörgi", wie ihn die meisten hier nennen, wäre dann längst wieder in Wien.
Denn am kommenden Sonntag wählen die Österreicher ein neues Parlament, und das einstige Enfant terrible Haider, inzwischen 58, will auch auf Bundesebene wieder mitmischen. Sein "Bündnis Zukunft Österreich" (BZÖ) - eigentlich nur eine Splittergruppe, die sich seit ihrer Gründung 2005 vergebens über die Schwelle zur politischen Bedeutsamkeit zu hieven bemüht - soll dann "einige Prozent gutmachen", wie er sagt. Es ist seine letzte Möglichkeit, in Wien wieder Einfluss zu nehmen.
Die Chancen stehen nicht einmal schlecht. Die Große Koalition, die ewige mal schwarz-rote, mal rot-schwarze "Packelei", haben die meisten Österreicher gründlich satt, nur noch 20 Prozent schenken ihr derzeit Vertrauen. Am 7. Juli hatte Wilhelm Molterer, Chef der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP), sie aufgekündigt; seither herrscht ein wilder populistischer Wahlkampf, der sich am vermeintlichen Volkswillen orientiert.
Da entdecken die Sozialdemokraten von der SPÖ, dass sie eigentlich EU-Skeptiker sind und dass alles Böse aus Brüssel kommt. Die Parteiführung der ÖVP hat dagegen Mühe, Profil zu zeigen und setzt schon mal auf platte Parolen gegen Ausländer. Und trotzdem müssen die beiden großen Parteien damit rechnen, nach der Wahl erheblich kleiner dazustehen.
Als mutmaßliche Gewinner haben die Demoskopen die Urbilder rüpelhafter Volkstümlichkeit ausgemacht: den rechten Block, Haiders BZÖ, vor allem aber die FPÖ des Heinz-Christian Strache, jene Partei also, die Haider einst zur zweitstärksten in Österreich gemacht hat und die er dann, nach allerlei peinlichen Capricen, verließ.
Nur, dass der gefürchtete rechte Block gar kein Block mehr ist, weil dessen Führer - aus wechselseitig enttäuschter Zuneigung - einander spinnefeind sind. Die Frage, die ganz Österreich umtreibt, lautet daher: Spinnefeind für immer, oder wäre eine Zusammenarbeit möglich, wenn klarwürde, dass ein Rechter sogar die Kanzlerschaft einfordern kann?
An diesem Spätsommernachmittag empfängt Haider zum Gespräch in der Lido Lounge am Wörthersee, von der aus der Blick auf die mächtigen Karawanken geht. Der Kärntner trägt jetzt einen grauen Anzug, er legt sein Handy auf den Tisch, lächelt charmant. Hinter der Gesichtsbräune treten deutlich die Falten hervor, er sieht müde aus. Enten quaken, dann rauscht ein Zug vorbei. Haider wartet, bis sich der Lärm gelegt hat und er erläutern kann, wie wichtig es sei, in dieser verfahrenen Lage, in der die Großparteien sich selbst desavouiert haben, mit seinem BZÖ als "politisches Korrektiv" aufzutreten.
Das ist der neue Haider, der vorsichtiger geworden ist und sich seine Chancen nicht noch einmal verbauen will. Deshalb pflegt er nun den Ton eines Elder Statesman, der schließlich schon seit Jahrzehnten Regierungsverantwortung trägt, erst in Kärnten, dann in Wien und jetzt wieder in Kärnten. Beim Stichwort "Zuwanderung" beispielsweise hält er kurz inne, dann sagt er zahm: "Wir können keine isolierte Festung sein." Eine Aufteilung in Österreich hier und den Rest der Welt dort mache keinen Sinn, zu stark seien die Vernetzungen. Das klang früher anders, als er noch gegen die "importierte Kriminalität" zu Felde zog, gegen das "arbeitsscheue Gesindel" und gegen den EU-Vertrag von Maastricht, diese "Fortsetzung von Versailles, nur ohne Krieg".
"Ich bin ruhiger geworden", sagt Haider, seine Lust am Provozieren scheint gebremst. Er würde also nicht noch mal die Beschäftigungspolitik der Nazis loben? Nein, wiederholen würde er so etwas sicher nicht. Im Übrigen habe er ja nie das Dritte Reich verherrlichen wollen. Warum er dann Wehrmachtssoldaten zu Opfern hochstilisiert habe? Ihm sei es nur darum gegangen, die kollektive Verurteilung einer ganzen Vätergeneration zu hinterfragen, beteuert er.
Und jetzt, bei dieser Wahl, gehe es darum, den Menschen nicht mit sozialer Kälte zu begegnen. Das habe er doch alles in Kärnten vorgemacht: Dort habe er die "Katastrophe der Teuerung" erfolgreich bekämpft - Wohnungsbeihilfen, Gratiskindergärten, Direktzahlungen an Bedürftige, das alles sei doch dem "kleinen Mann" zugute gekommen. "Ich habe gezeigt, wie es geht."
Dieser Satz ist ein gezielter Seitenhieb auf seinen größten Widersacher: Heinz-Christian Strache. Denn der erfolgreiche Landespolitiker Haider muss mitansehen, wie sein einstiger Protegé und Bewunderer in allen Umfragen an ihm vorbeizieht. Seit dem Bruch mit der FPÖ vor drei Jahren ist es Strache, der - obgleich intellektuell seinem Ziehvater deutlich unterlegen - im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht.
Empfindet er Neid, womöglich gar Reue, dass er die Freiheitlichen verließ? Haider schüttelt den Kopf. Nein, Strache sei doch lediglich eine Kopie von ihm, er nutze sogar noch die alten Wahlkampfslogans. Seit seinem Weggang gebe es bei der FPÖ nicht eine einzige neue Idee, das "Original" sei immer noch er. Da hat er wohl recht, aber Straches Wähler scheint ein leiser Haider nicht mehr zu erreichen.
Die Schaltstelle des neuen FPÖ-Maulhelden liegt 250 Kilometer weiter nordöstlich. Im Wiener Parlamentsbüro der FPÖ stakst eine Sekretärin im champagnerfarbenen Kleid vorbei, als sei sie Gast auf einem Cocktailempfang. Jünglinge mit Schmissen im Gesicht laufen geschäftig umher: Zahlreiche FPÖ-Anhänger sind bei schlagenden Verbindungen aktiv. Strache selbst ist alter Herr bei der Wiener Burschenschaft mit dem trefflichen Namen "Vandalia".
Die Tür zu seinem Büro geht auf, Strache, das etwas schmierige Dauerlächeln im Gesicht, nimmt neben einer riesigen Palme Platz, er trägt Jeans und Jackett. Schon nach wenigen Sekunden läuft er auf vollen Touren und hetzt gegen die "Politclowns" von den großen Parteien, gegen das "EU-Verfassungsdiktat", den "Globalisierungswahnsinn" und gegen Haider. Dabei beugt er sich vor, sein Hass und seine Verachtung werden überdeutlich. Ein "Polit-Zwerg" sei Haider heute, nichts weiter: "Er tut mir leid."
Seine eigene wilde Vergangenheit, die paramilitärischen Geländespielchen mit bekannten Rechtsextremisten, will Strache vergessen machen. Demnächst möchte er am liebsten Innenminister werden. Das ist nicht einmal völlig ausgeschlossen: Bei der Wahl könnte der 39-jährige Zahntechniker seinen größten Triumph feiern, gar zum Königsmacher aufsteigen. Umfragen zufolge liegt die FPÖ bei knapp 20 Prozent; zusammen können die verfeindeten Geistesbrüder Strache und Haider mit annähernd so vielen Stimmen rechnen wie SPÖ oder ÖVP. Allen drei Gruppierungen sprechen Demoskopen jeweils zwischen 25 und 28 Prozent der Wählerstimmen zu.
Also wäre eine Wiederaussöhnung mit seinem ehemaligen Vorbild strategisch doch zwingend? Strache schüttelt den Kopf. Haider sei jemand, der für seine politischen Ziele sogar "die eigene Großmutter" verkaufen würde. Nein, mit Lügnern und Betrügern habe er abgeschlossen.
Es ist Freitagnachmittag in Linz. In der einstigen Lieblingsstadt von Adolf Hitler eröffnet die FPÖ offiziell den Wahlkampf. "HC", so nennen ihn seine Fans hier, betritt das Podium, das Haar nass gegelt, zur Musik schwenkt er eine Fahne in den Nationalfarben Rot-Weiß-Rot. Dann legt er los: Die "Herrschaften" von SPÖ und ÖVP hätten eine Politik gegen die eigene Bevölkerung betrieben und die Menschen mit ihren Problemen allein gelassen. Die vermeintlichen Volksvertreter seien in Wahrheit "Volksverräter".
So wild, so ungezähmt sprach einst auch Haider. Heute gibt sein Schüler den Unbändigen, wenn er, in wütendem Stakkato, gegen die Massenzuwanderung wettert. "Willst du eine Wohnung haben, musst du nur ein Kopftuch tragen", höhnt er. Die rund 2000 Zuhörer, junge Männer mit Wadentattoos, die Blondinen in knallengen Röhrenjeans, aber auch Rentnerinnen mit karierten Einkaufstaschen klatschen Beifall. Hinter Strache heben FPÖ-Anhänger kleine Tafeln in die Luft: "Heimatland braucht Mittelstand" ist da zu lesen und "Asylbetrug heißt Heimatflug".
Es ist der Sound, der die Verdrossenen packen soll. Viele, bei denen die populistischen Parolen ankommen, fühlen sich seit langem von den großen Parteien im Stich gelassen. Sie leben in Sozialwohnungen, es sind Arbeitslose, Zukurzgekommene, aber auch viele Malocher - eigentlich eine klassische SPÖ-Klientel.
Bei den großen Parteien wächst die Angst, ob Haider, der alte, und Strache, der neue Demagoge doch noch einen Pakt schmieden, ihre Stimmen bündeln und dadurch zu einem noch größeren Machtfaktor im Alpenland werden könnten.
Noch sagt die FPÖ nein. In seinem Wiener Büro macht Strache eine abfällige Handbewegung. Er sei der einzige ernstzunehmende Vertreter des dritten Lagers, und damit basta.
Haider, immerhin, signalisiert seine Bereitschaft, die Gräben zuzuschütten. Hauptgegner sei schließlich Rot-Schwarz, sagt er. Ob ihn die offene Verachtung seines einstigen Weggefährten Strache nicht schmerze? Beinahe milde blickt der Landeshauptmann auf den glitzernden See, murmelt: "Ich kenne ihn ja gut genug." Um seinen ärgsten Alptraum, eine neue Große Koalition, zu verhindern, ist Jörg Haider bereit, alles zu vergessen.
MARION KRASKE
Von Marion Kraske

DER SPIEGEL 39/2008
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