29.09.2008

BILDUNG

Flucht vor dem Frust

Von Jacobsen, Lenz und Wensierski, Peter

Die türkische Mittelschicht gründet eigene Privatschulen, weil sie sich im öffentlichen System benachteiligt fühlt - und stößt damit auf Widerstand.

Die Zusammensetzung von Christians Klasse ist der Alptraum deutscher Eltern und Schulpolitiker. Fast alle Mitschüler des 13-Jährigen sind türkischer Herkunft. Christian ist der einzige Deutsche, und doch beklagt er sich nicht über die Verhältnisse an seiner Schule im Berliner Stadtteil Spandau. "Hier werden die Kinder mit Respekt behandelt", sagt seine Mutter, "es gibt keine Gewalt, hier wollen alle nur lernen."

Christian besucht ein türkisches Privatgymnasium, dessen Ruf exzellent ist. Aus ganz Berlin kommen Kinder zumeist wohlhabender Migranten und einiger weniger Deutscher hierher, in den Westen der Stadt. Sie nehmen lange Fahrwege auf sich, um in einem entlegenen ehemaligen britischen Kasernengebäude zu lernen.

In den Fluren der Schule hängen Wandzeitungen über bedeutende Deutsche: Erich Kästner, Hermann Hesse und Heinrich Böll. Viele Kinder hier möchten Arzt werden, Lehrer, Ingenieur, Hotelier oder Geschäftsmann. Alle wollen in Deutschland bleiben, sie hoffen auf eine große Karriere.

Das Spandauer Privatgymnasium ist Teil eines bundesweiten Trends. Frustriert von den miserablen Chancen, die Migrantenkinder an öffentlichen Schulen haben, gründen ihre Eltern zunehmend Privatschulen für den Nachwuchs. Rund ein Dutzend Einrichtungen in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen oder Berlin gibt es schon, und mit jedem Schuljahr kommen neue hinzu.

Seit der ersten Pisa-Studie ist klar, dass in kaum einem anderen Land die Schulleistungen von Migrantenkindern so deutlich hinter denen ihrer Mitschüler zurückbleiben wie hierzulande. Schüler der zweiten Generation schneiden sogar schlechter ab als diejenigen, die als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen sind.

Migrantenkinder holen nicht etwa wie in anderen Ländern von Generation zu Generation auf, sie fallen sogar weiter zurück. "Wir wissen schon seit den achtziger Jahren, dass die Migranten benachteiligt sind", sagt Ingrid Gogolin, Professorin für Interkulturelle Erziehungswissenschaft in Hamburg. Geändert habe sich jedoch wenig. Da sei es nur verständlich, dass die Türken sich jetzt eigene Wege suchten.

"Unsere Eltern wollen ihre Kinder vor der Situation in den staatlichen Schulen retten und ihnen eine wirkliche Chance geben", sagt Horst-Helmut Köller vom türkisch-deutschen Schülerbildungsverein Tüdesb, "sie lernen in den überfüllten Klassen weder richtig Deutsch noch richtig Türkisch." An Köllers Schule in Berlin-Spandau sollen sie beides lernen. Dabei sind die Prioritäten klar: Deutsch ist die Unterrichtssprache, Englisch erste Fremdsprache, Türkisch zweite. Von den 21 Lehrern sind nur vier türkischer Abstammung. Die Schule gilt als religionsneutrale Zone. Auf dem Stundenplan steht nicht Islamunterricht, sondern Ethik.

Hinter den Privatschulen steht eine Bevölkerungsschicht, die nur selten für Schlagzeilen sorgt: die gut integrierte türkische Mittelschicht. Nach Angaben der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer leben in Deutschland 70 000 türkische Selbständige, die mit 400 000 Beschäftigten einen Umsatz von 34 Milliarden Euro machen. Hinzu kommen 21 400 Studierende mit türkischem Pass.

In Städten mit großem türkischem Bevölkerungsanteil, in Berlin, Köln, Stuttgart und Mannheim, sind aus dieser Mittelschicht bereits Schulinitiativen hervorgegangen. Migrationsexperten wie Armin Laschet, Integrationsminister in NRW, begrüßen diese Entwicklung. Die Schulen würden "gut in die Vielfalt unserer privaten Bildungslandschaft" passen, sagt der CDU-Politiker, "sie setzen nicht auf Abschottung, sondern sind für jeden offen". Sie alle haben mit islamistischen Kaderschmieden nichts gemein, müssen aber trotzdem gegen Verdächtigungen kämpfen. Lokalpolitiker und deutsche Behörden tun sich mit ihnen schwer.

In Berlin-Kreuzberg etwa stellt eine Privatschulinitiative die Schulverwaltung vor eine schwierige Entscheidung. In einem leerstehenden Schulgebäude mitten im Multikulti-Kiez Bergmannstraße will der Trägerverein Tüdesb eine weitere Grundschule eröffnen. Doch auch eine evangelische Initiative, getragen von deutschen Mittelschichteltern, will im selben Gebäude eine Schule aufbauen.

Nun muss die Behörde entscheiden, wer den Vorzug erhält: Christen oder Muslime? Am liebsten hätte die Verwaltung keine der beiden Privaten in ihrem Bezirk. "Unsere öffentlichen Schulen drohen dadurch zu Restschulen zu verkommen", fürchtet eine Senatsbeamtin aus der Schulverwaltung, "die letzten guten Schüler gehen uns verloren." Tüdesb-Schulgründer Köller hält dagegen: Eine türkisch geprägte Privatschule würde "wenigstens dazu beitragen, die soziale Mischung der Eltern im Stadtteil zu erhalten".

Experten sehen in den Schulen tatsächlich ein wirksames Mittel gegen Desintegration und Verelendung. Denn sie sind keine Erfindung von Politikern, sondern die Folge von oft jahrelanger Eigeninitiative. Sie entstanden aus Hausaufgabenhilfen für türkischstämmige Kinder, sie bieten Ganztagsunterricht mit Schulspeisung, moderne Ausstattung und intensive Sprachförderung. Wie in der Türkei ist Schuluniform meist Pflicht. Weiße Hemden, Blusen und Schlips signalisieren Aufstiegswillen.

Etwa die Hälfte der Kosten für die Schulen zahlen Länder oder Kommunen. Den Rest finanzieren die Träger über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Das Schulgeld beläuft sich, je nach Angebot, auf 150 bis 330 Euro im Monat. Es kann durch gute Noten bis auf null sinken. Dieser Anreiz ermöglicht es selbst Schülern aus ärmeren Verhältnissen, hier zu lernen, sofern sie sich um gute Leistungen bemühen.

Für die Kritiker und Gegner allerdings sind die Schulen rein türkische Veranstaltungen. "Je länger das so bleibt, desto schwieriger wird es, aus der Ecke wieder rauszukommen", gibt auch Gregor Hohmann-van Haaren zu, Direktor einer von Migranten gegründeten Schule in Köln.

In Solingen kritisiert deshalb das CDU-Schulausschuss-Mitglied Edith Vieth die Pläne zur Gründung einer türkischen Privatschule: "Wenn eine Schule mit 30 türkischstämmigen Schülern anfängt, dann ist dies das Gegenteil von Integration." Die meisten Politiker der Stadt sind deshalb gegen das Vorhaben. Auch Lale Akgün, deutsch-türkische SPD-Bundestagsabgeordnete, fürchtet, die Spezialschulen würden zur Abschottung beitragen.

Ihr bereitet zudem der Einfluss aus der Türkei Sorgen. "Viele der Gründer orientieren sich mehr oder weniger offen an Fethullah Gülen", vermutet sie. Gülen ist ein ehemaliger türkischer Prediger und Intellektueller, dessen weltweite Anhängerschaft in die Hunderttausende geht. Er propagiert Schulgründungen als Weg, um die Muslime auf die Globalisierung vorzubereiten. Der Vordenker gilt als gemäßigt und westlich orientiert, aber selbst Experten wissen wenig Konkretes über Gedankenwelt und Ziele seiner gut vernetzten Bewegung. "Schulen, die sich auf einen Prediger berufen", sagt Sozialdemokratin Akgün, "sind für mich Weltanschauungsschulen, und die lehne ich ab."

Necattin Topel, Mitinitiator der Solinger Privatschulpläne, bestreitet dagegen jede Verbindung zum Gülen-Netzwerk. Mit einer Geste will er die Offenheit der zukünftigen Schule bekräftigen. Den ersten fünf deutschen Kindern soll das Schulgeld, immerhin rund 2000 Euro im Jahr, komplett erlassen werden.

Das Kölner "Privatgymnasium Dialog" erhielt im April sogar eine "Europamedaille" als "Schule der Zukunft", die Europäische Volkspartei lobte sie als "beispielhaft für einen guten interkulturellen Dialog". Und dennoch gibt es auch hier Streit. Der Trägerverein will einen Neubau für über 700 Schüler errichten, doch die zuständigen Kommunalpolitiker sperren sich. "Wir brauchen hier so was nicht", sagt Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs (SPD), "wir haben genug öffentliche Schulen."

Gemeint sind jene Schulen, denen die türkische Mittelschicht ihre Kinder nicht mehr anvertrauen will - stattdessen werden lieber 5000 Euro im Jahr für einen Platz am deutsch-türkischen Internat Eringerfeld im ostwestfälischen Geseke gezahlt. Turan Devrim, der Vorsitzende des Trägervereins, preist seine Einrichtung, idyllisch neben einem altehrwürdigen Schloss gelegen, als diskriminierungsfreies Biotop. "Unsere Kinder sind so oft Opfer gewesen, hier bei uns können sie endlich geschützt und behütet aufwachsen", sagt er. Und mit den Privatschulen ist für Devrim die Entwicklung noch lange nicht am Ende: "Warum sollte es in zehn Jahren nicht auch türkische Universitäten in Deutschland geben?"

LENZ JACOBSEN, PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 40/2008
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