29.09.2008

GEHEIMDIENSTEOperation Papst

Neue Aktenfunde belegen, wie die Stasi nach dem Attentat auf Johannes Paul II. den Verdacht auf türkische Extremisten lenkte.
Schönhauser Allee im Februar 1982. Ismet Ergün, eine 32-jährige Kindergärtnerin aus West-Berlin, besucht einen Freund im Ostteil der Stadt, als ein uniformierter Mann an der Wohnungstür klingelt. Sie solle ihm folgen, ihr Wagen stünde im Parkverbot. Unten, in der Dunkelheit, geht es nicht mehr um das Auto. Dort warten zwei Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf sie. Der eine kommt schnell zur Sache. Er bittet die junge Türkin um ein Treffen.
Mit jener Begegnung in Ost-Berlin beginnt die Stasi-Geschichte von Ismet Ergün. Neu aufgetauchte Akten enthalten eine handschriftliche Verpflichtung. Die Frau erhielt den Decknamen "Isa" und übergab während der regelmäßigen Treffen in Ost-Berlin Informationen über türkische Gruppen auf der anderen Seite der Mauer. Tausend Seiten umfassen die Akten zu "Isa", die erst im Jahr 1989 enden. Die Frau, die seit ihrer Heirat einen anderen Namen trägt, bestreitet, eine Stasi-Agentin gewesen zu sein, gibt allerdings zu, sich drei Jahre lang 10- bis 15-mal mit zwei "Herren" getroffen zu haben.
Brisant sind die Dokumente vor allem aus einem Grund: "Isa" wurde offenbar Teil einer der größten Desinformationskampagnen der Ost-Geheimdienste. Dabei ging es um die Hintermänner des Papst-Attentäters Mehmet Ali Agca, der ihn 1981 in Rom niedergeschossen hatte. Weil Johannes Paul II. die Gewerkschaftsbewegung in seiner polnischen Heimat unterstützte, gerieten die Geheimdienste der sozialistischen Staaten unter Mordverdacht. Die Akten von "Isa" zeigen, wie die Gegenpropaganda funktionierte und wie der Staatssicherheitsdienst dabei half, den Verdacht auf türkische Extremisten zu lenken. Ganz aufgeklärt sind die Hintergründe des Anschlags bis heute nicht. Agca selbst trug mit bizarren Aussagen zur Verwirrung bei - so behauptete er vor Gericht, Jesus zu sein.
Einen Hilferuf seiner bulgarischen Genossen hatte DDR-Spionagechef Markus Wolf bereits nach Agcas Verhaftung im Mai 1981 erhalten. In den Medien kapitalistischer Staaten werde "Lügenmaterial" verbreitet und der Mordanschlag als das Werk der sowjetischen und bulgarischen Nachrichtendienste dargestellt, jammerten die Kollegen aus Sofia. Westliche Medien hatten von einem Bulgarien-Aufenthalt Agcas berichtet. "Angesichts der entstandenen Situation wird darum gebeten, die Vorbereitung von Dokumenten für die gemeinsame ,Operation Papst' zu beschleunigen", baten die Bulgaren.
Die Spur des Attentäters sollte von der Sowjetunion weg auf die "faschistische Terrororganisation" der "Grauen Wölfe" gelenkt werden. Der Papst-Attentäter war dort als junger Mann Mitglied gewesen. Die Grauen Wölfe, der militante Arm der nationalistischen Partei "MHP", hatten einen ihrer Stützpunkte Anfang der achtziger Jahre aus der Türkei nach West-Berlin verlegt. Dort sollte nun mit Hilfe von "Isa" Belastungsmaterial gesucht werden.
Der Deckname war mit Bedacht gewählt. Das arabische Wort "Isa" bedeutet Jesus; "Isa" war zugleich der Name des Hotels in der Nähe des Petersplatzes in Rom, in dem sich Agca auf seinen Anschlag vorbereitet hatte. Das wussten die Stasi-Offiziere aus den italienischen Ermittlungsakten, die ihnen vorlagen. "Isa" kam der Stasi wie gerufen. Als Mitglied eines linksgerichteten Vereins hatte sie die Grauen Wölfe ohnehin als politischen Feind beobachtet. Dem DDR-Geheimdienst lieferte "Isa" Namen von Landsleuten, die sich politisch engagierten, Berichte und Fotos inklusive.
Im Juni 1983 notierte ihr Führungsoffizier, dass er von der "ehrlichen und gewissenhaften Quelle" eine bedeutsame Information erhalten habe. "Daraus geht hervor, dass bei der Festnahme des Papst-Attentäters Mehmet Ali Agca in Italien in dessen Jackentasche die Anschrift Berlin,
Schererstraße 10, festgestellt wurde und es somit Bezugspunkte nach Berlin (West) bzw. der BRD gegeben hat." Das war genau jene Spur, auf die der DDR-Geheimdienst so sehnlich gehofft hatte.
Die ostdeutschen Agenten konnten vier türkische Namen ermitteln, die unter dieser Anschrift in den Wochen vor dem Attentat gewohnt und offenbar Kontakt zu Agca hatten. Die Stasi glaubte, das entscheidende Indiz für eine Beteiligung der Grauen Wölfe endlich gefunden zu haben. Zudem hatte sie erfahren, dass Agca sich bereits 1979 in Stuttgart aufgehalten hatte und im Mai 1980 "nach inoffiziellen Informationen" erneut in die Bundesrepublik gekommen war, mit falschen Personaldokumenten über Köln nach Berlin.
Es gab zwar weiteren Klärungsbedarf, doch das hinderte die Stasi nicht daran, ihre wenigen Indizien - angereichert um Erkenntnisse aus Italien und aus der Türkei - so zu streuen, dass sich bis heute die Legende hält, die Grauen Wölfe seien Agcas Auftraggeber gewesen. Die Bulgaren dankten 1984 dem MfS für "die bisher erwiesene Unterstützung". Sie forderten die DDR auf, ihre Erkenntnisse zu verbreiten und nach "westlichen Journalisten, Schriftstellern und Persönlichkeiten" Ausschau zu halten, die "sie bei der objektiven Erhellung der Wahrheit" unterstützen könnten.
Aus den Akten geht zwar nicht hervor, wie die Stasi ihre Erkenntnisse unter die Leute brachte. Fest steht aber, dass ihr Ansinnen Erfolg hatte. 1985 erschien im SED-Blatt "Berliner Zeitung" ein Artikel unter der Überschrift "Die ,türkische Spur' hat sich verdichtet - Graue Wölfe planten Ermordung des Papstes". Das DKP-Blatt "Unsere Zeit" schrieb: "Bulgarian Connection praktisch auf ein Nichts reduziert". Viele Zeitungen publizierten die Graue-Wölfe-These. Die "taz" schrieb sogar: "BRD-Geheimdienst wollte Bulgarien-Fährte bezahlen".
An der Planvorgabe, die Grauen Wölfe als Drahtzieher des Papst-Attentats regelrecht zu überführen, scheiterte die Stasi jedoch selbst nach jahrelangen Bemühungen. Die heiße Spur entpuppte sich als Flop. Die Berliner Kontaktanschrift war offenbar keine Zentrale der Hintermänner, sondern - so notierte es ein Offizier etwas resigniert in den Akten - diente Agca wohl dazu, eine deutsche Frau kennenzulernen und zu heiraten, um einen Pass der Bundesrepublik zu ergattern. Diese Ermittlungsergebnisse gab die Stasi allerdings erst nach langem Zögern weiter.
FERDA ATAMAN, PETER WENSIERSKI
* Im römischen Rebibbia-Gefängnis 1983.
Von Ferda Ataman und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 40/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Wilderer in Kamtschatka: Jagd aufs rote Gold
  • Vermisster Fußballer: Mahnwachen für Emiliano Sala
  • Zugefrorener Baikalsee: Glasklar bis auf den Grund
  • Amateurvideo aus Russland: Betrunkener versucht, Flugzeug zu entführen