29.09.2008

PROMINENTEPamelas Prinz

Das Busenwunder Pamela Anderson möchte sich neu erfinden. Es nimmt an einer Autorallye teil, die für Tierschutz wirbt und von einem Pforzheimer Bordellmillionär organisiert wird - auch der ist auf der Suche nach einem neuen Sinn. Kann das gutgehen? Von Alexander Osang
In Cannes, von wo aus Prinz Marcus zu seinem königlichen Rennen aufbricht, ist Pamela Anderson immer noch nicht viel mehr als ein Wunsch. Sie hat ihm eine E-Mail geschrieben, in der sie ihn um elektrische Lockenwickler bittet. An diesen Auftrag klammert sich der Prinz. Weshalb sollte sie elektrische Lockenwickler bestellen, wenn sie dann gar nicht kommt? Allerdings hat sich seine Freundin Gia auch gerade ein Rührei bestellt, das sie nun nicht isst.
"Schmeckt's nicht?", fragt Prinz Marcus.
"Sieht zu gelb aus", sagt Gia und steckt sich eine Zigarette an. Sie ist spindeldürr bis auf die Brüste, die wie zwei Bordwaffen an ihrem Oberkörper stecken.
Das Paar sitzt auf der Terrasse des Hotels Martinez, das normalerweise bis unters Dach mit Hollywood-Stars gefüllt sei, sagt der Prinz. Seine goldene Rolex glänzt in der südfranzösischen Sonne, in der Einfahrt drängeln sich die Ferrari, McLaren, Porsche und Rolls-Royce, die am "Royal Race" teilnehmen werden, das der Prinz organisiert hat: ein Rennen quer durch Europa, Cannes-Barcelona-Monaco-Gardasee-München. Sie übernachten in den besten Hotels, feiern in den besten Clubs, fünf Nächte, fünf Länder, heißt es auf der Einladung, Spaß, Rausch und so weiter.
Außerdem geht es um einen guten Zweck, sie fahren für den Tierschutz.
Es gibt zwölf Bodyguards, sie bewegen sich in schwarzweißen Hummer, die mit Police-Schildern beklebt sind, es gibt einen Porsche-Cayenne-Krankenwagen, es gibt ein Dutzend Hostessen, die in einem speziellen Royal-Race-Schönheitswettbewerb gecastet wurden und nun in knappen Phantasieuniformen herumspringen, die ihnen der Prinz persönlich ausgesucht hat.
Vor allem aber soll Pamela Anderson mitfahren, auf dem Beifahrersitz des Prinzen, in dessen 670 PS starkem Mercedes SLR. Gut 600 000 Euro hat der Wagen gekostet, die Türen klappen nach oben auf wie zwei Flügel.
"Schöne Frau, schönes Auto. Pascht zusamme", sagt der Prinz.
Gia drückt ihre Zigarette ins Rührei. Sie muss ihren Freund verlassen, wenn Pamela kommt. So ist das in der grausamen Märchenwelt des Prinzen, der eigentlich Marcus Eberhardt heißt und seine Karriere als Zuhälter in Pforzheim begann. Inzwischen ist er 41 Jahre alt, von denen er vier im Gefängnis verbrachte, und der wahrscheinlich größte Bordellbetreiber Deutschlands.
Er besitzt 19 Häuser, in denen über tausend Prostituierte arbeiten. Eros-Center, Tabledance-Bars, FKK-Clubs, vor allem in Südwestdeutschland. Er sei Millionär "im dreistelligen Bereich", sagt er. Er besitzt Häuser und Wohnungen auf der ganzen Welt. 1000 Quadratmeter Wohnfläche in Los Angeles, 1000 in Pforzheim, 300 in Fort Lauderdale und 180 in Dubai, am Yachthafen, aber da war er schon seit Jahren nicht mehr.
"Ich hab mir das wegen der Freihandelszone gekauft, Steuerparadies, aber es ist mir alles zu künstlich. Frankreich ist alt, da gibt's Napoleon und so weiter, aber das da unten ist ja schlimmer als Las Vegas", sagt der Prinz. "Außerdem kann ich die Araber nicht ab."
Im Dezember kauft er sich noch 140 Quadratmeter in Monaco dazu, sagt er. Er hat auch ein Flugzeug, elf Motorräder, Speedboote, und vor zwei Monaten hat er auf der Rennstrecke in Le Castellet einen 750 000 Euro teuren Porsche zerlegt, 280 000 Euro Schaden, allein die Ersatzeile haben 190 000 gekostet. Er kann auch den Hockenheimring mieten, mit Sicherheitspersonal und Catering, und in einer Kutsche mit 22 weißen Pferden zu seinem eigenen Geburtstag vorfahren, aber in letzter Zeit befriedigt ihn das nicht mehr so richtig.
Deswegen hat er sich den Adelstitel gekauft. Er hat jetzt eine neue Mutter, die Zsa Zsa Gabor, und einen Vater, den Frederic von Anhalt. Sie wohnen im selben Haus in Bel Air, die beiden unten auf 1100 Quadratmetern, er obendrüber auf 900, er nennt sie "die Mama" und "den Papa", nun braucht er noch eine Frau.
Die Gia geht nicht mehr, das ist klar.
Marcus Eberhardt ahnt, dass er, trotz Titel, in diesem Moment immer noch eher ein Frosch als ein Prinz ist. Er hat die Boote, die Häuser, die Uhren, sein Chefbodyguard Sandy Oschinger war vier Jahre bei den Feldjägern, er hat über 25 Hausangestellte auf drei verschiedenen Kontinenten, er hat seit zwölf Jahren nicht mehr selbst sein Bett gemacht, sagt er, aber er ist noch nicht erlöst. Er braucht den Kuss der richtigen Frau, um endlich kein Lude aus Pforzheim mehr zu sein. Und wenn jemand wie Prinz Marcus an die richtige Frau denkt, fällt ihm natürlich gleich Pamela Anderson ein.
"Sie ist das bekannteste Sexsymbol in der Welt. Bekannter geht nicht. Ich bin ein Typ, der fängt oben an zu fräge. Sonsch bringt's ja nix", sagt der Prinz.
Es traf sich gut, dass auch Pamela Anderson im Moment dabei ist, sich neu zu erfinden. Sie ist mit 41 Jahren genauso alt wie der Prinz, hat wie er ein bewegtes Leben hinter sich und festgestellt, dass es so nicht weitergeht. Sie war zwölfmal auf dem Titel des "Playboy", so viel wie keine andere Frau der Welt, sie war dreimal verheiratet, im Internet kursiert ein Video, das sie und ihren damaligen Mann Tommy Lee beim Sex zeigt, nun möchte sie sich mehr auf ihre Rolle als Mutter und Tierschützerin konzentrieren.
Und weil sie Pamela Anderson ist, gibt es eine achtteilige Fernsehserie, die diese Wandlung dokumentiert. Sie heißt "Pam: Girl On The Loose" und wird seit vergangener Woche auch in Europa gezeigt. In Deutschland läuft sie sonntagabends im Kabelfernsehen. Es gab ein paar begleitende Interviews in der Presse, in denen sie erklärte, dass sie ihren Ex-Mann immer noch liebt, aber keinen Sex mehr mit ihm hat. Außerdem entstand parallel zur Serie das Gerücht, sie habe eine Affäre mit Michael Jackson.
"Pamela Anderson ist eine Frau voller Widersprüche", heißt es im Werbetext.
Voller Widersprüche bin ich auch, dachte sich der Prinz vielleicht. Eddie Irvine, der frühere britische Formel-1-Rennfahrer, stellte den Kontakt her. Es könnte klappen, weil Pamela Anderson sowieso gerade in Europa ist, um für ihre Doku-Soap zu werben. Sie will ein Privatflugzeug, das sie aus London abholt und wieder zurückbringt, Bodyguards, Cranberry Juice, Wodka und elektrische Lockenwickler auf dem Hotelzimmer, sie will vegetarische Küche, nur mit Kameras aufgenommen werden, die über einen Ringblitzaufsatz verfügen, und sie will eine 50 000-Euro-Spende für Peta, die Tierschutzorganisation, die sie seit Jahren unterstützt.
"Tiere find ich gut. Tiere und Kinder sind ja die Einzigen, wo sich nicht selbst helfe könne", sagt der Prinz. "Im Gegensatz zum Beispiel zu den Arbeitslosen. Für die würde ich nichts machen."
Er hat alle Autos, die am Rennen teilnehmen, mit dem Royal-Race-Wappen bekleben lassen, das er selbst entworfen hat, aber auch mit dem Peta-Zeichen. Er hat sich um alles persönlich gekümmert. Es gibt Giftbags für jeden Teilnehmer, in denen sich T-Shirts, Mützen, Schlüsselanhänger und Navigationssysteme befinden. Dreimal ist der Prinz die Rennstrecke abgefahren, er hat die Hotels begutachtet und die Clubs. Es ist sein Projekt, es soll gut werden. Ein Neuanfang. Ein Schritt weg vom Rotlicht.
Die Teilnehmergebühr betrug 16 000 Euro pro Auto. Er wollte die Crème der europäischen Autofahrer dabeihaben, aber die meldete sich nicht.
Er halbierte die Teilnehmergebühr, und als das immer noch nichts half, rief er seine Freunde an und bat sie um einen Gefallen, den sie ihm nicht abschlagen konnten. Gökhan, der die Bar im FKK-Club in Stuttgart machte, Andreas Schilfert, der das "Pure Platinum" leitet, die beste Tabledance-Bar von Ulm, und natürlich Fips, einen Bordellbetreiber, dessen Oberarme so dick sind wie die Oberschenkel von Miroslav Klose und der aussieht, als würde er einem die Nase abbeißen, wenn man ihn reizt.
Die vorzeigbareren Reiseteilnehmer sind ein Wiener Bauunternehmer und Robert Geiss, der die Bekleidungsfirma Uncle Sam gegründet hat, für die einst Axel Schulz warb. Sie sind wahrscheinlich auch die einzigen Teilnehmer, die bezahlt haben. Sie fahren Bentley und haben Frauen mitgebracht, die aussehen, als wären sie Pamela Anderson nachempfunden worden.
Robert Geiss hat keine Berührungsängste zum Milieu, weil die Klamotten von Uncle Sam ja praktisch für Zuhälter geschneidert worden seien, sagt er. "Es war Mode für die Jungs mit den dicken Oberschenkeln, die in keine Jeans passten." Er hat seine Firma Ende der neunziger Jahre für 70 Millionen verkauft und ist nach Monte Carlo gezogen, 420 Quadratmeter Wohnfläche, sagt er. Die Terrasse allein misst 180. Er hat auch Häuser in Kitzbühel und St. Tropez, das Haus in Cannes hat er Anfang des Jahres an einen Russen verkauft.
"Der hatte noch mehr Geld als ich", sagt Geiss. "Das Haus hatte zwei Fahrstühle, einen Helikopterlandeplatz, 16 Garagenstellplätze, zwei Pools, 1000 Quadratmeter Wohnfläche. Das Wohnzimmer war 300 Quadratmeter groß."
"320", sagt seine Frau Carmen, die ein T-Shirt aus ihrer Royal-Race-Geschenktüte zieht. "Ich brauche 'ne S-Größe, keine M."
"Dann musst du dir die Brüste noch mal vergrößern lassen", brüllt der Prinz.
"Klar, wenn's nach dir geht, kann ich danach nur noch 'ne XL tragen", sagt Carmen Geiss.
"XXL", sagt der Prinz und grinst, dass seine Augen in seinem knallroten Gesicht verschwinden.
Am nächsten Morgen springt er in einem Königskostüm aus dem Hotel. Die Hostessen tragen knappe Polizistinnenuniform, Robert Geiss ist Seeräuber, Fips Hardrocker und Sandy Oschinger, der Chef des zwölfköpfigen Sicherheitsdienstes, trägt einen Arztkittel. Das hat sich alles der Prinz ausgedacht. Sie stehen in der Ausfahrt des Hotels neben ihren dicken Autos wie auf einem Kindergeburtstag. Weil die richtige Königin immer noch in London ist, steckt die hübscheste Hostess im Königinnenkleid. Sonja aus Schongau begleitet den Prinzen im SLR nach Barcelona. Sie ist nicht Pamela Anderson, aber sie war mal Miss Landsberg.
"Heute Abend in Barcelona ist die Pamela da", brüllt der Prinz und springt in seinen Wagen.
"Das glaube ich eher nicht", sagt Gregor Leutgeb leise, der das Rennen als Pressesprecher begleitet. Er lächelt, aber sein Blick ist fiebrig. Er ist erst seit dieser Woche Pressesprecher. Seine Vorgängerin hat der Prinz gefeuert, weil sie ihm zu negativ war. Sie hatte vor zwei Wochen vorausgesagt, dass es in Cannes heute regnen könne.
Der Prinz lässt die Hinterräder seines Rennwagens durchdrehen, durch die Einfahrt des Hotels Martinez treibt der Gummiabrieb, bis einem die Augen tränen. Einen Augenblick lang wünscht man sich, dass Pamela Anderson lieber nicht kommt, weil es so besser wäre, für alle. Für sie, für den Prinzen, aber auch für Deutschland und Amerika. Als der Prinz acht Stunden später vor dem Hotel in Barcelona vorfährt, ist sie jedenfalls noch in London.
Die Teilnehmer des Royal Race feiern in dem eleganten Beachclub, den sie gemietet haben. Er ist groß, leer und kühl. Aber die Getränke sind frei. Prinz Marcus sitzt ganz hinten in der Ecke an der Glaswand zur Tanzfläche, trinkt, raucht und kontrolliert ab und zu seine verwirrend vielen Handys.
Einmal zeigt er eine SMS, die er gerade von einer Frau bekommen hat.
"Ich vermisse dich", steht da. Er lächelt stolz.
"Ich kenn die gar nicht richtig", sagt er.
Will er denn eine Frau richtig kennenlernen?
"In zwei Jahren", sagt er, schweigt einen Moment und sagt dann, als gäbe es irgendeinen Zusammenhang: "Am 3. Oktober fliege ich nach Los Angeles. Da warten zwei neue Rolls-Royce. Ein Cabrio und eine Limousine, beide weiß. Vorher hatte ich silberne, aber jetzt find ich Weiß besser. So was geht ja in Deutschland nicht, in der Neidgesellschaft. Jemand wie ich, der gern herzeigt, was er hat, passt nicht nach Deutschland."
Findet er, dass aus Reichtum Verantwortung erwächst?
"Nein, nur Luxus und Lebensfreude. Geld ist Freiheit. Das Rennen hier kost mich insgesamt vielleicht 390 000 Euro, aber ich hab meinen Spaß. Denkst du, ich brauche zwölf Bodyguards? Nee. Ich find das einfach geil. Der Oschi, der ist doch super. Der hat Manieren."
Und Pamela Anderson, kommt die nun?
"Morgen ist sie da, definitiv", sagt der Prinz. "Ich stell ihr einen Jet hin, der kost mich allein 38 500 Euro."
Irgendwann surrt die Glaswand zur Discothek herunter, und der Prinz und seine Freunde gehen auf die andere Seite, um weiterzutrinken. Sie gehen um fünf ins Bett. Dadurch verzögert sich die Abfahrt am nächsten Tag nach Monte Carlo etwas. Aber Pamela Anderson geht es wahrscheinlich nicht viel besser. Sie soll gestern Nacht, gestützt von Bodyguards, volltrunken aus einem Londoner Club gestakst sein.
Irgendwann donnert der Prinz mit hochgeklappten Autotüren aus der Hoteleinfahrt, die Reifen qualmen, einer der Flügel klatscht an den Außenspiegel eines geparkten BMW.
"Grenzwertig", murmelt Pressesprecher Leutgeb, der eingestellt wurde, um das Image des Prinzen aufzupolieren. "Das war jetzt absolut grenzwertig."
Die Fahrt nach Monte Carlo ist langweilig, weil sie die Rennteilnehmer über dieselbe Autobahn führt, die sie gestern nach Barcelona brachte. Das liegt daran, dass der Kurztrip nach Ibiza, den sie ursprünglich zwischen Barcelona und Monaco mit zwei Boeings beziehungsweise Antonows einschieben wollten, ausfiel. Es war zu kurzfristig, um die Flugzeuge zu organisieren, und wahrscheinlich auch zu teuer für die wenigen Teilnehmer. Aber wenigstens ist Pamela Anderson in Monaco eingetroffen.
Als der Prinz im Hotel verschwindet, um zu duschen, ruft er einem Kamerateam zu: "Der Fürscht kommt heute Abend auch ins ,Jimmy'z'. Der Fürscht und Madonna."
Pamela Anderson zieht in diesem Moment von der Suite, die sie für sie reserviert hatten, in eine größere um. Ihre beiden Manager schritten das Zimmer ab und befanden es für zu klein. Dann machten sie sich auf die Suche nach einer geeigneten Pediküre für ihren Star. Zum Dinner, so heißt es, schaffe sie es nicht.
Schade, denn der Prinz hatte das "Belle Epoque" gemietet, ein riesiges Restaurant mit goldbemalter Decke. Es ist leer, der Prinz setzt sich mit Gia und Fips und dessen Freundin an den Tisch in der Mitte. Überall stehen Kellner herum, und auf einem Podest spielt ein Pianist an einem großen Flügel. Die vier sehen aus wie die letzten Gäste auf einem untergehenden Luxusdampfer. Später stehen sie auf der riesigen Terrasse des Belle Epoque und rauchen, unter ihnen funkelt der Hafen von Monte Carlo. Man fragt sich, ob Menschen sich überhaupt neu erfinden können. Und was nun eigentlich mit dem Tierschutz ist.
Es ist alles viel zu groß für Fips, den Prinzen und ihre ausgehungerten, überoperierten Frauen, es war ja auch für Pamela Anderson gedacht, den Traum, der jetzt auf seinem Hotelbett seinen Rausch ausschläft oder sich die Nägel machen lässt oder die Locken, alles für die Katz.
"Ist das Ihre Freundin?", fragt die Reporterin von "Brisant" und zeigt auf Gia.
"Ex-Freundin", sagt der Prinz.
Er hat einen hohen Preis gezahlt, um bereit zu sein für Pamela Anderson.
Sie kommt nicht ins Belle Epoque, sie kommt drei Stunden später ins Jimmy'z, den teuersten und exklusivsten Nachtclub von Monte Carlo, in den sich der Prinz heute Nacht eingemietet hat. Eine zerbrechliche Figur in einem dünnen Kleid, die sich pausenlos die Haare vorm Gesicht ordnet. Ein Schatten eher. Sie läuft am Prinzen vorbei und irrt mit ihren beiden Managern durch den Club, bis Sandy Oschinger sie sanft zurück zum Gastgeber führt. Sie nimmt zwischen Carmen Geiss und dem Prinzen Platz.
Kaum sitzt sie, fängt der Prinz an zu telefonieren, vielleicht will er sich rächen, vielleicht will er ihr auch zeigen, dass er viel beschäftigt ist. Pamela Anderson redet mit Carmen Geiss, man möchte sich nicht vorstellen, worüber, und nach zehn Minuten steht sie auf und fährt ins Hotel zurück.
Der Prinz gibt sich die Kante. Vielleicht ist Pamela On The Loose, er sowieso. Am nächsten Mittag steht er mit glasigen Augen auf der Terrasse des "Café de Paris", das er für den Brunch gemietet hat. Die Mittagssonne knallt auf seinen Schädel. Den Fürsten hat er nicht gesehen, Madonna auch nicht und Pamela Anderson nur sehr kurz.
Als ihn jemand fragt, ob sie gestern ihre Telefonnummern getauscht haben, sagt er: "Ich hatte noch nie was mit 'ner Frau, die älter als 40 war, nicht mal was mit einer, die älter war als 35."
Dann verschwindet er, weil er ja noch mit Pamela Anderson im offenen Wagen durch Monte Carlo sausen muss. Robert Geiss, der Millionärsfreund aus Monaco, sagt, dass die Pamela vielleicht doch 'ne Nummer zu groß für den Prinzen war. Er habe sich keinen Gefallen mit ihr getan, aber er versteht seinen Freund schon.
"Marcus will eine Marke werden, und er hat das Zeug dazu. So, wie Pamela Anderson", sagt Geiss, der Erfinder von Uncle Sam. "Oder wie die Verona Feldbusch."
Verona Feldbusch?
"Na ja, im übertragenen Sinne. Die steht auch für irgendwas, ohne dass man genau weiß, wofür. Marcus könnte natürlich keine Werbung für Kindernahrung machen, aber für andere Sachen. Autos und so weiter."
Als der Prinz die Flügeltür seines Rennwagens aufklappen lässt, zuckt Pamela Anderson zusammen, als hätte man auf sie geschossen. Die beiden drehen eine kurze Runde durch Monte Carlo, und obwohl man keine Wolken sieht, fängt es plötzlich an zu regnen. Sie flieht mit zerzausten Haaren vor den Kameras mit den aufgesetzten Ringblitzen in den bereitstehenden Rolls-Royce, der sie zur nächsten Station des Rennens bringen soll, an den Gardasee.
"Wie lange fahren wir?", fragt sie einen ihrer Manager.
"Vier Stunden", sagt er.
"Vier Stunden? Wo bringt ihr mich hin?", flüstert sie, als würde sie entführt.
Im Film "Borat" erscheint Pamela Anderson einem kasachischen Reporter in ihrem roten "Baywatch"-Badeanzug wie die Göttin der westlichen Welt. Wie die Erlösung. Borat, der Reporter, folgt ihr quer durch Amerika und versucht sie am Ende in einen Sack zu stecken und zu entführen. Prinz Marcus scheint gerade denselben Fehler zu begehen. Nur ist er kein Kasache, er ist ein Rotlichtkönig aus Pforzheim, er nimmt den Rolls.
Am Abend sagt Pamela Anderson ein paar Sätze auf einem kurzen roten Teppich. Europa sei sehr interessant für sie. Sie bekomme hier jede Menge Unterstützung für Peta. Ihre Fernsehserie laufe jetzt an. Und der Prinz? Oh, der Prinz ist sehr nett. Ein guter Fahrer. Sie haben sich noch nie in L. A. getroffen, vielleicht jetzt mal. Vielleicht. Nein, nein, sie sei gern hier. 50 000 Dollar für eine Runde in einem schicken Auto, das sei doch kein schlechter Deal, was?
Als eine Reporterin im Gedränge stolpert, springt Pamela Anderson zurück und bricht die Interviews ab. Es gibt noch ein Gruppenfoto mit Marcus, Fips, Robert Geiss und deren Frauen, dann verschwindet Pamela Anderson im VIP-Bereich des Strandclubs.
Prinz Marcus erklärt vor den zurückgebliebenen Kameras, dass Pamela Anderson ganz bestimmt keine Affäre mit Michael Jackson habe.
"Wer war denn das eben?", fragt ein italienischer Reporter.
Es gibt ein vegetarisches Buffet, zum ersten und einzigen Mal auf der Reise, und der Prinz erzählt dem Peta-Chef Dan Mathews, dass er dessen Buch gelesen habe, was ziemlich unwahrscheinlich ist, dem Peta-Chef aber sehr gefällt. Mathews erzählt, wie Pamela Anderson zur Tierschützerin wurde, nachdem sie als Kind beobachten musste, wie ihr Vater ein Reh schlachtete. Prinz Marcus erzählt nicht, dass er in Kitzbühel gern im dicken Nerz auftrat. Damit ist jetzt auch Schluss, in seinem neuen Leben als Wohltäter.
Um Mitternacht hat ein Fahrer Geburtstag, der DJ singt "Happy Birthday", und auch Pamela gratuliert, man erwartet, dass sie jetzt geht, aber sie bleibt. Sie trinkt Champagner, unterhält sich angeregt mit dem Prinzen, lacht, und einmal berührt sie ihn am Rücken, es sieht beinahe zärtlich aus.
In diesem Moment kann man sich vorstellen, dass es doch etwas wird mit den beiden. Eine "Pretty Woman"-Geschichte, mit umgekehrten Vorzeichen, die Nixe und der Zuhälter. Die Hochzeitsfeier würde auf irgendeiner Insel mit unfassbar vielen Quadratmetern stattfinden, eine Party mit weißen Pferden und Bentley, bewacht von der Schweizer Garde unter der Leitung von Sandy Oschinger. Das Kleid wäre von Versace, das Lied von Elton John und die Torte aus Tofu. Eine Traumhochzeit von zwei gelangweilten Menschen, die gegen ihr Wesen anrennen und gegen die Zeit. Die die Öffentlichkeit scheuen und suchen, alles gleichzeitig. Man könnte eine ewige Doku-Soap drehen, mit Hostessen und Schönheitsoperationen und heimlichem Fleischessen und Gerüchten und Pelzvideos, die im Internet kursieren. Ein ewiger Tanz ums Nichts. Wenn man Pamela Anderson eine Affäre mit Michael Jackson zutraut, warum dann keine mit Prinz Marcus aus Pforzheim. Den beiden kann eigentlich gar nichts mehr schaden.
Als der Prinz aufs Klo muss, tanzt er fast, so glücklich ist er.
"Das Mädel isch der Wahnsinn", sagt er.
Um drei geht Pamela Anderson ins Bett, allein. Der Prinz macht noch ein bisschen weiter, im Morgengrauen steuert er seinen 670 PS starken Wagen im Glücksrausch um den Hotelpool, der vor dem schwarzen Gardasee leuchtet, erzählt jemand. Wenig später checkt Pamela Anderson aus. Es ist 8.20 Uhr, und "so sah sie auch aus", sagt Sandy Oschinger, der ehemalige Feldjäger, der sie zum Flughafen nach Verona bringt, wo der Privatjet wartet.
Als Prinz Marcus sich Stunden später aus dem Bett schält, sitzt Pamela Anderson im Flugzeug nach Los Angeles. Er schaut in den Spiegel. Sie hat ihn an die Wand geworfen, aber es ist nichts passiert. Er ist immer noch ein Frosch. Er bürzelt sich die Haare an den Seiten nach oben, bis seine Frisur wirkt wie eine Krone. Am Pool sieht man noch die Reifenspuren der Hoffnung.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 40/2008
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PROMINENTE:
Pamelas Prinz

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