06.10.2008

GESUNDHEIT Verfolgte Unschuld

Renommierte Mediziner lassen ihre Forschungen von der Tabakindustrie finanzieren. Sie wollen auch fortan nicht auf diese Sponsoren verzichten.
Der Professor ist ein entschiedener Gegner des Rauchens. Erst im September meldete sich Eckart Fleck in der "Bild"-Zeitung zu Wort, um wieder einmal vor den Gefahren des Tabaks zu warnen. Wer als Frau rauche, gab der Kardiologe des Deutschen Herzzentrums in Berlin zu Protokoll, werde "13,7 Jahre früher" einen Herzinfarkt bekommen. Und Fleck hatte auch einen Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn man Nichtrauchern günstigere Krankenkassentarife anböte, als Belohnung für Vernünftige?
Die Abneigung des Professors gegen das Rauchen ist groß, aber nicht so groß, dass sie sich auch noch auf die Tabakindustrie erstreckt. Der Direktor der Klinik für Innere Medizin, der schon das Herz des russischen Präsidenten Boris Jelzin untersuchen durfte, hat zwischen 2003 und 2005 von der Research Foundation des Tabakriesen Philip Morris (Marlboro) insgesamt 937 000 Euro kassiert, um damit Forschung zu betreiben.
Der Fall Fleck zeigt, wie die Tabakindustrie ihre Methoden der öffentlichen Beeinflussung in den vergangenen Jahren immer mehr verfeinert hat. Früher wurden Forscher regelrecht gekauft, um das Rauchen zu verharmlosen, die tödliche Wirkung der Sucht herunterzuspielen und die Gefahren des Passivrauchens abzustreiten.
Doch Ende der neunziger Jahre änderten die Konzerne ihre Taktik. Aus einem Strategiepapier von Philip Morris ("Strategic Plan - Draft") vom Dezember 1998 geht hervor, wie nun auch renommierte Wissenschaftler für den Konzern gewonnen werden sollten, um die Glaubwürdigkeit der Tabakindustrie zu erhöhen. Dahinter stecke auch das Bemühen, sagt der Lungenchirurg Thomas Kyriss von der Klinik Schillerhöhe bei Stuttgart, "herauszubekommen, was gerade über die Folgen des Zigarettenkonsums geforscht wird, um dann an anderer Stelle mit eigenen Daten dagegenhalten zu können".
Unternehmensunterlagen von Philip Morris belegen, wie der Konzern bis heute etwa 20 Forscher von Hamburg bis München und von Dresden bis Mainz mit ungewöhnlich hohen Summen unterstützt. Bei einigen von ihnen, etwa Arbeitsmedizinern, ist die Nähe zur Tabakindustrie bekannt, doch auf der Liste stehen auch angesehene Kardiologen, Pathologen, Biophysiker und ein designierter Universitätsrektor.
Flecks anrüchige Nähe zu Philip Morris hat nun eine Debatte angestoßen, die lange überfällig war. Ist es zulässig, dass Wissenschaftler Geld von Herstellern eines Produkts nehmen, "das als Todesursache Nummer eins gilt?", fragt etwa Gerhard Sybrecht, Direktor der Klinik für Pneumologie am Universitätsklinikum des Saarlandes - und antwortet mit einem klaren Nein. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass mit dem Tabakgeld "viel manipuliert und viel Nonsens geforscht" worden sei. Die Annahme der Zahlungen sei für Mediziner "moralisch bedenklich", und die Sponsoren seien von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie "geächtet" worden.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert inzwischen keine Forschungsprojekte mehr, die einen Bezug zum Rauchen haben, wenn die Antragsteller "direkt oder indirekt" finanziell mit der Tabakindustrie verbunden sind. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach geht noch weiter. Er fordert einen generellen Ehrenkodex und hält es für "erbärmlich", dass deutsche Mediziner noch immer nicht darauf verzichten wollen, mit Zigarettenkonzernen zu kooperieren.
Fleck hingegen gibt sich als verfolgte Unschuld. Man solle sein Forschungsprojekt nicht "in ein schiefes Licht rücken", sondern "besser mit etwas Stolz zur Kenntnis nehmen, dass eine deutsche Institution" bei der Ausschreibung zum Zuge gekommen sei, rechtfertigt sich der Berliner Arzt und Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) kann nichts Anrüchiges an dem Fleck-Deal finden. Die Philip Morris Stiftung sei schließlich "eine anerkannte Institution" und die DFG nicht "der Moralapostel der Nation", sagt eine Sprecherin.
Diese Haltung sei naiv und zeuge von Unkenntnis der neuen, subtileren Methoden der Tabakindustrie, kritisieren Experten wie Kyriss. Aus internen Unterlagen geht hervor, dass Philip Morris eigens ein "externes Forschungsprogramm" entwickelte, in das auch viele deutsche Wissenschaftler eingebunden wurden. Thomas Hummel von der Universitäts-HNO-Klinik Dresden untersuchte etwa, "wie sich bei Riechstörungen die Empfindlichkeit auf Düfte" auswirkt. Mit Rauchen, sagt der Fachmann für Riechen und Schmecken, habe das nichts zu tun gehabt. Der Sponsor habe keinen Einfluss auf seine Arbeit genommen, beteuert auch Hermann Bolt, bis Anfang des Jahres Direktor des Instituts für Arbeitsphysiologie der Universität Dortmund. Der hochdekorierte Professor hatte rund 250 000 Dollar bekommen, um an Schweineblasen die Schädigung des Erbguts durch Tabakrauch zu erforschen.
Vielen deutschen Spitzenwissenschaftlern fällt es schwer, das Geld von Philip Morris abzulehnen, weil sie mehr denn je auf Drittmittel angewiesen sind. Die Höhe der Summe, die von der Industrie kommt, entscheidet über das Image der Forscher und spielt eine wesentliche Rolle bei Berufungen auf begehrte Stellen. Viele Professoren kritisieren, dass die Grundlagenforschung immer weniger vom Staat unterstützt werde. Man sei geradezu gezwungen, Industriegelder einzuwerben.
Rund 220 000 Euro bekam etwa Markus Sauer, Physiker der Universität Bielefeld. Das Verfahren sei "ohne Einflussnahme" von Philip Morris gelaufen, sagt Sauer; er sehe auch keinen Grund, "zur Entwicklung besserer und schnellerer Verfahren zur Tumorfrühdiagnostik" auf weitere Anträge zu verzichten.
Forschungen nach Markern zur Früherkennung des Krebsrisikos wie die von Sauer sind im Interesse der Bevölkerung. Doch auch Philip Morris profitiere von den Ergebnissen, glaubt der Lungenchirurg Kyriss. Die Industrieunterlagen ließen vermuten, wie die Forschungsergebnisse benutzt würden, um die "Gefährlichkeit des Passivrauchens zu verschleiern" und um "Produkte entwickeln zu können, bei deren Genuss diese Marker nicht mehr nachweisbar sind". Die Resultate seien nützlich, um die Risiken der Zigarette kleinreden zu können.
Viele internationale Forschungseinrichtungen in Harvard, Washington oder Sydney lehnen deshalb Mittel der Tabakindustrie grundsätzlich ab. In Deutschland haben es sich Lungenfachärzte wie auch das Krebsforschungszentrum in Heidelberg selbst auferlegt, mit der Tabakindustrie nicht zusammenzuarbeiten. Die meisten Wissenschaftler wollen eine solche Vereinbarung aber nicht.
Eine Forscherin wie Dorothee Dartsch hat mittlerweile Bedenken, Tabakgeld anzunehmen. Sie hatte von Philip Morris rund 500 000 Euro für Personal- und Sachmittel bekommen, um die molekularen Mechanismen der Tumorförderung durch Zigarettenrauch zu erforschen. Der Sponsor habe zwar keinen Einfluss auf die Studien genommen, sagt sie, aber die Ergebnisse seien nicht widerspruchsfrei gewesen, so dass sie nicht veröffentlicht worden seien. Ein Vorgehen, das Philip Morris dann kritisiert habe.
Die Professorin am Institut für Pharmazie der Universität Hamburg befürwortet inzwischen einen generellen Verhaltenskodex, kein Geld mehr von Unternehmen der Tabakindustrie anzunehmen. Ein weiterer "Fall Fleck", glaubt auch SPD-Experte Lauterbach, dürfe nicht vorkommen. Das sei für den Forschungsstandort Deutschland "eine unglaubliche Peinlichkeit". UDO LUDWIG
Von Ludwig, Udo

DER SPIEGEL 41/2008
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