06.10.2008

TERRORISMUSDer Gefangene Nr. 760

Er gilt als Helfer der Attentäter des 11. September und schwor Osama Bin Laden die Treue. Die US-Behörden halten den Mauretanier Mohamedou Ould Slahi für eine Koryphäe der Qaida. Seine Karriere lässt sich exemplarisch rekonstruieren - von Duisburg bis Guantanamo.
Duisburg-Hochfeld ist klassisches Arbeitermilieu aus dem 20. Jahrhundert, viele heruntergekommene Häuser, meistens zwei oder drei Stockwerke hoch, der letzte Anstrich ist lange her. Wer wegziehen konnte, ist weggezogen. Gekommen ist die neue Unterklasse der Einwanderer, die auf ein besseres Leben im reichen Westen hoffen.
Mohamedou Ould Slahi war einer von ihnen, zumindest gab er sich diesen Anschein. Er kam als Student aus Mauretanien, ein schmaler junger Mann mit auffallend guten Manieren. Auch die vielen FBI- und CIA-Agenten, die ihn später in Mauretanien, Jordanien, Afghanistan und schließlich in Guantanamo verhörten, waren erstaunt über die Diskrepanz zwischen seiner Höflichkeit und den monströsen Taten der Qaida, mit denen sie ihn in Verbindung brachten.
Slahi lebte in einem gelben, zweistöckigen Haus in der Eigenstraße 92. Die Wohnung bestand aus zweieinhalb Zimmern und lag im Erdgeschoss unten rechts. Er heiratete eine 17 Jahre junge Frau aus seinem Heimatland Mauretanien, sie zog bei ihm ein und lernte Deutsch, ein junges, ehrgeiziges Paar, sie hätten Modellimmigranten sein können. Noch heute sagt sie, sie habe keine Ahnung vom Doppelleben ihres Mannes gehabt.
Mohamedou Ould Slahi ist mittlerweile 38 Jahre alt. Er soll eine große Nummer gewesen sein im Netz des Terrorismus, das Osama Bin Laden und Aiman al-Sawahiri woben, um einen militanten Dschihad gegen die "Ungläubigen", die "Kreuzfahrer" und vor allem gegen die Supermacht Amerika zu führen. Er soll mehrere Todespiloten des 11. September gekannt haben, die sich in der Marienstraße in Hamburg versammelten, Studenten wie er, mit einem Doppelleben wie er. Einer seiner Verwandten war noch weiter oben in der Hierarchie der Qaida angesiedelt.
Slahi, eine zentrale Figur des internationalen Terrorismus, mitverantwortlich für die mörderischen Attentate in New York und Washington - so sehen es vor allem die Agenten des FBI und der CIA, aber auch Donald Rumsfeld. Rumsfeld war bis 2006 Herr im Pentagon, er kannte die Akte Slahi und verfügte persönlich, den Gefangenen, der inzwischen in Guantanamo saß, so lange ins Verhör zu nehmen, Folter inbegriffen, bis er erzählte, was er wusste.
Noch heute trauen die Amerikaner dem Mauretanier viel zu. Sie gründen ihre Vorwürfe auf schwer belastende Aussagen wie die von Ramzi Binalshibh. Auch Binalshibh hielt sich vor dem 11. September in Deutschland auf, er lebte in Hamburg, er kannte mindestens zwei der Todespiloten. Auch Binalshibh sitzt in Guantanamo, auf ihn wartet möglicherweise die Todesstrafe.
Fest steht: Slahi war ein Trommler für den weltweiten Dschihad. Er predigte in den tristen Hinterhof-Moscheen in Duisburg und Krefeld, er erzählte den Muslimen aus dem Ruhrpott, welche Konsequenzen ihr Glaube für ihr Leben haben sollte. Er verschickte Geld an einen hochrangigen Qaida-Mann, was ihn verdächtig machte. Er reiste nach Afghanistan, was ihn noch verdächtiger machte. Er bewegte sich wie ein Fisch im Wasser in einem Milieu, in dem einige der weltweit meistgesuchten Terroristen zu Hause waren.
Das alles sind Indizien, die in der Welt nach dem 11. September schwer wiegen. In einem Verfahren nach den Regeln des Rechtsstaates hätten die Ankläger dennoch größte Mühe, ihm Schuld nachzuweisen. Im Reich der rechtlichen Grauzone Guantanamos haben sie es - noch - erheblich leichter.
Mohamedou Ould Slahi ist ein exemplarischer Fall für die Jahre vor und nach dem 11. September 2001, sein Lebenslauf dokumentiert fast lückenlos ein Jahrzehnt des Terrorismus gegen den Westen und dessen Schwierigkeiten, darauf eine angemessene Antwort zu finden. Wenn es noch ein Beispiel brauchte, dass das System Guantanamo gescheitert ist, dann ist es Slahis Biografie, die sich dank einer Fülle von Dokumenten, Briefen und Aussagen so detailliert rekonstruieren lässt wie vielleicht kein zweiter Fall. Und sie zeigt auch, dass Deutschland als Unterschlupf geradezu ideal für Dschihadisten schien - zu einem Zeitpunkt, als die meisten Deutschen den Namen Bin Laden noch nie gehört hatten.
Einer, der Slahi unverbrüchlich die Treue hält, lebt in Düsseldorf: Es ist sein jüngster Bruder Jahdih. Sein Ein-Zimmer-Apartment ist zur Zentrale für die Unterstützer des Mauretaniers geworden. Jahdih ist seinem Vorbild zu einer Zeit nach Deutschland gefolgt, als Mohamedou schon wieder in Mauretanien war - bis er dort 2001 verschwand. Mohamedou hatte ihm noch das Flugticket bezahlt.
Wo sein Bruder steckte, erfuhr Jahdih Ould Slahi im Oktober 2002 aus dem SPIEGEL: in Guantanamo. Mittlerweile schreibt der große Bruder dem kleinen Briefe mit guten Ratschlägen, auch in Deutsch ("Ich weiß, dass du Computer-Hardware magst, aber versuch mal, eine Programmiersprache wie Java zu lernen, so was wird in Deutschland gebraucht").
Solche Passagen lassen sich auch so lesen: Geh deinen eigenen Weg, geh nicht meinen.
Mohamedou Ould Slahi hat Jahdih Vollmacht für seine Angelegenheiten erteilt, Koordination der Verteidiger inklusive. Der kleine Bruder schrieb Briefe an den Präsidenten der Vereinigten Staaten, an den damaligen Verteidigungsminister, an die Außenministerin Condoleezza Rice und beteuert darin die Unschuld seines großen Bruders.
EIN SOHN IN GUANTANAMO
An einem Freitag im Juni 2008 um 12 Uhr findet sich die Familie Slahi im Büro des Internationalen Roten Kreuzes in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott ein: die Mutter, die Brüder, die Schwestern, Neffen, Nichten und Tanten, gekleidet in wallende Gewänder, wie für ein Familienfest. Sie dürfen mit Mohamedou, dem verlorenen Sohn, telefonieren. Die "Joint Task Force" in Guantanamo hat die Genehmigung erteilt, das Internationale Rote Kreuz hat vermittelt. Im Büro liegen dicke Teppiche auf dem Steinfußboden, vor den Fenstern wehen helle Gardinen.
"Mein Sohn, mein Sohn, wie geht es dir?", fragt die Mutter. "Ich bin so glücklich, dich zu hören." Dann bricht sie in Tränen aus, zum ersten Mal seit mehr als sechs Jahren vernimmt sie seine Stimme. Der ältere Bruder spricht 40 Minuten lang mit ihm. Slahi erzählt, es gehe ihm gut. Er will wissen, wer wen geheiratet hat, wie es den Geschwistern geht, wer ein Kind bekommen hat. "Das war mein Bruder, wie ich ihn kenne, er hat sich nicht verändert", sagt Hamoud Ould Slahi danach.
In diesem Sommer hat Mohamedou Ould Slahi sechs Jahre in Guantanamo hinter sich. Aus dem renitenten Gefangenen, zart von Körperwuchs, aber eisern im Willen, der seine Vernehmer beschimpfte und darüber klagte, er werde "völlig ungerecht behandelt", wie ein Beamter des Bundesnachrichtendienstes notierte, ist ein konzilianter Gefangener geworden. Deshalb genießt er Privilegien, wozu auch das Telefonat mit seiner Familie gehört. Zu seiner Zelle sagen die Verhörspezialisten "Suite", weil sie größer ist als andere, weil darin ein Computer und ein Farbfernsehgerät stehen. Slahi darf sich Essen von McDonald's bestellen und teilt sich mit anderen Gefangenen einen kleinen Tomatengarten.
Seine Vernehmer halten den Mauretanier für eine ihrer besten Quellen. Er hat Excel-Tabellen und Grafiken erstellt, um ihnen das Innenleben der Qaida verständlich zu machen. In seiner "Suite" hat er sogar eine Autobiografie geschrieben. "Slahi ist ein kurzer, kleiner Typ. Er trägt keinen Bart, er hat ein Kindergesicht", sagt einer der Männer, die ihn regelmäßig verhört haben, zum SPIEGEL. "Er ist eine gescheite, fähige, liebenswerte Person und ein hervorragender Schachspieler."
Aber wie kam er dann nach Guantanamo? Und wo begann diese Karriere?
Die Slahis wohnen etwas außerhalb von Nouakchott, in Boudiane, die Behausung der Familie Slahi trägt die Nummer A 158. Im Innenhof steht ein Zeltdach, Ziegen laufen frei herum. Das Zimmer, das Mohamedou Ould Slahi bewohnte, ist ein kahler Raum mit zwei Fenstern zum Hof und an die Wand gelehnten Matratzen.
Der Vater war Kamelhändler, er brachte dem Jungen bei, den Koran zu lesen. "Er konnte als Einziger sehr früh schon den Koran auswendig", sagt die Mutter. Slahis Leidenschaft ist der Fußball. Den Jungs aus der Nachbarschaft gibt er die Namen deutscher Nationalspieler: Karl-Heinz Rummenigge, Pierre Littbarski, sein Favorit ist Hans-Peter Briegel. "Bei Fußball-Länderspielen waren wir immer für die Deutschen", sagt sein Bruder Jahdih.
Mohamedou Ould Slahi macht Abitur mit dem Schwerpunktfach Mathematik. Danach bewirbt er sich um ein Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Deutschland. 40 Kandidaten gibt es, 4 werden genommen. Er ist einer davon.
An einem Freitag im Spätsommer 1988 besteigt er ein Flugzeug. Er ist das erste Familienmitglied, das studieren wird, noch dazu im Ausland. Die Mutter schluchzt bitterlich beim Abschied. "Er sollte uns wirtschaftlich retten", sagt sein Bruder Jahdih heute. Der Fußball sei ein wichtiger Grund für seinen Bruder gewesen, ausgerechnet nach Deutschland zu gehen, erzählt Jahdih. So kommt er zuerst nach Essen, später zieht er nach Duisburg.
Slahi ist ein eifriger Student. Er absolviert einen Sprachkurs, das Vorbereitungspraktikum und auch das Studienkolleg. Ab dem Wintersemester 1990/91 studiert er an der Duisburger Mercator-Universität. Als er im Sommer 1991 zu Besuch nach Hause kommt, schenkt er den kleinen Brüdern und Neffen Spielzeugautos mit Fernsteuerung, Fotoapparate und Fußbälle. Er ist der reiche Onkel aus dem reichen Westen. Alle bewundern ihn.
In diesem Sommer, er ist 21 Jahre alt, heiratet er die 17-jährige Wafa Bent-Sief. Sie lebt heute mit ihrem zweiten Mann in Nouakchott und spricht noch immer fließend Deutsch. Sie sagt, Slahi habe sie damals auf der Straße angesprochen. Einige Wochen nach dem Hochzeitsfest fährt Slahi wieder nach Deutschland. 1995, im Jahr, in dem er sein Examen ablegt, zieht sie zu ihm. Regelmäßig, sagt Wafa, gehen beide in die Duisburger Taqwa-Moschee. "Er war allerdings viel häufiger da als ich."
In dieser Zeit muss Mohamedou Ould Slahi längst ein Doppelleben geführt haben. Seine Frau sagt, er habe ihr nie davon erzählt, und sie habe nichts bemerkt.
Schon seit den Anfängen als Student war er bekannt in den Moscheen in Duisburg und Krefeld. Slahi habe Rekruten für den Krieg gegen die Ungläubigen geworben, sagt der Marokkaner Karim Mehdi seinen Vernehmern. Mehdi, 41, studierte Chemie und gehörte zur Duisburger Gruppe um Slahi.
Mehdi sitzt seit 2003 in Frankreich im Gefängnis, verurteilt zu neun Jahren wegen der Planung eines Anschlags auf eine Ferienanlage auf La Réunion. Er ist der erste Zeuge, der Slahi schwer belastet. Slahi habe ihn 1991 für den Dschihad gewonnen, er habe ihn ermuntert, nach Afghanistan zu reisen. Slahi sei dort zweimal in einem der Ausbildungscamps gewesen, 1990 und 1992. Beim zweiten Mal seien sie gemeinsam nach Deutschland zurückgekehrt.
Mehdi ist nicht der einzige Terrorist, bei dessen Vernehmung der Name Slahi fällt. Niemand belastet ihn stärker als Ramzi Binalshibh. Der Jemenit Binalshibh gehörte zur Wohngemeinschaft in der Hamburger Marienstraße, er war einer dieser Studenten um Mohammed Atta, die im Westen lernten, den Westen von Grund auf zu hassen. Er hätte gern zu den 19 Terroristen gehört, die am 11. September in den Morgenstunden die Flugzeuge entführten. Dreimal beantragte er bei der Botschaft in Berlin ein US-Visum, dreimal wurde er abschlägig beschieden. So begnügte er sich mit der Rolle als Vermittler zwischen den Todespiloten und der Qaida-Führung in Afghanistan.
Binalshibh wurde im September 2002 in Karatschi gefasst. Derzeit steht er vor den Militärrichtern in Guantanamo, die ihn womöglich zum Tode verurteilen werden.
Wenn es stimmt, was Binalshibh seinen Vernehmern erzählte, dann wären ohne Mohamedou Ould Slahi die Zwillingstürme vielleicht nicht eingestürzt, und womöglich wären an diesem Tag nicht 2973 Menschen ermordet worden.
Denn ursprünglich hätten Mohammed Atta und die anderen Attentäter aus Deutschland nach Tschetschenien ziehen wollen, um den Muslimen dort gegen die russische Armee beizustehen, berichtete Binalshibh seinen Vernehmern. Slahi habe sie stattdessen zur Reise nach Afghanistan aufgefordert, bei einem Treffen in Duisburg mit zwei der späteren Todespiloten, Ziad Jarrah und Marwan al-Shehhi.
Warum sollte Binalshibh Märchen erzählen? Andererseits: Erzählen Leute wie er unter Folter nicht allerlei, um ihre Vernehmer hinters Licht zu führen?
Die deutschen Ermittler, die sich in der Vorgeschichte der 9/11-Attentate auskennen, sind vorsichtiger in der Beurteilung, welchen Rang Slahi in der Qaida innehatte. Sie sagen, Binalshibhs Aussage über das Anwerben der Attentäter habe "Legendenstatus", es gebe dazu keine eigenen Erkenntnisse.
Slahi selbst bestreitet vehement, dass er vom 11. September vorab wusste.
Die deutschen Dienste nehmen die Duisburger Gruppe um ihn seit 1998 in Augenschein, auf einen Tipp von amerikanischen Kollegen hin. Beim Beschatten eines Qaida-Mannes in Khartum, der Hauptstadt des Sudans, waren die Amerikaner auf Geldtransfers, abgewickelt über die Düsseldorfer Citibank, aufmerksam geworden. Sie vermuten, es könne sich um "Qaida-relevante Gelder" handeln.
Das Konto bei der Citibank gehört Mohamedou Ould Slahi, der inzwischen eine Firma mit 50 000 Mark Grundkapital gegründet hat, die Ould Slahi GmbH für den "Import von Textilien und nichtedlen Metallen", angemeldet beim Amtsgericht Essen am 2. April 1998. Der Handelsregistereintrag verzeichnet den "Export elektronischer Geräte aller Art".
Beim Qaida-Mann in Khartum handelt es sich um Abu Hafs al-Mauretani, einen Cousin, der das religiöse Komitee der Qaida geleitet haben soll.
Der deutsche Verfassungsschutz legt zu Slahi Ende 1998 einen Vorgang mit dem Codenamen "Kassierer" an und überwacht fortan seine Konten. Wenig kommt dabei zutage. Slahi sagt später aus, sein Cousin habe ihn um Geld gebeten, zweimal habe er ihm etwas überwiesen, zum Beispiel 8000 Mark im Dezember 1998, weitere Transfers habe er abgelehnt.
Am 26. November 1999, die Hamburger sind gerade auf dem Weg nach Afghanistan, wo sie als künftige Piloten in den Angriff auf die USA eingeweiht werden, verlässt Mohamedou Ould Slahi Deutschland. Er reist nach Kanada, offiziell zu einem Studienaufenthalt in Montreal. Seiner Frau sagt er, er wolle nach einer Arbeit und einer Wohnung für sie beide suchen. Später hat Slahi eine andere Version für den Trip: Er habe sich in Deutschland und Mauretanien unter Beobachtung gefühlt, er habe in ein freies Land wechseln wollen.
Doch auch kanadische Geheimdienstagenten bleiben Slahi auf den Fersen. Sie verdächtigen ihn, er wolle Kontakt zu den algerischen Kämpfern der "Bewaffneten Islamischen Gruppe" aufnehmen - einer davon soll Ahmed Ressam sein. Ressam wird am 14. Dezember 1999 an der Grenze zwischen Kanada und den USA festgenommen. Im Kofferraum seines Autos liegen mehr als 50 Kilogramm Sprengstoffkomponenten, gedacht für einen Anschlag auf den Flughafen von Los Angeles.
Ressam wird zum Kronzeugen. Vor Gericht sagt er aus, er habe den Marschbefehl für den Anschlag von einem Mann aus Mauretanien erhalten: von Slahi.
Egal, ob es sich um Karim Mehdi, Ramzi Binalshibh, Abu Hafs oder um Ressam handelt: Immer wieder fällt Slahi auf als jemand, der sie alle zu kennen scheint.
Aber war er wirklich an der "Millenniumsverschwörung" beteiligt, wie Ressam behauptet?
Anders als US-Geheimdienste neigen die deutschen Kollegen zu einer nüchternen Beurteilung Slahis. In einem als geheim eingestuften Bericht heißt es: "Im Ergebnis der Ermittlungen ergaben sich aber nicht nur keine Anhaltspunkte für eine Einbindung des Ould Slahi in die Anschlagsplanungen/-vorbereitungen, sondern auch keine Erkenntnisse, dass Ressam und Ould Slahi sich persönlich kannten."
Genug belastende Indizien haben Anfang 2000 offenbar auch die amerikanischen und kanadischen Behörden nicht zusammengetragen, denn Slahi darf nach der Festnahme Ressams erstaunlicherweise unbehelligt aus Kanada ausreisen. Bei einer Zwischenlandung im Senegal wird er doch festgenommen, über das verhinderte Attentat in Los Angeles befragt - und wieder freigelassen. Seiner Frau sagt er, sie solle wissen, dass er mit Anschlägen, bei denen Frauen oder Kinder getötet werden könnten, nichts zu tun habe und nie zu tun haben werde.
Das hört sich an wie ein Entschluss nach reiflicher Überlegung.
Im Mai 2000 lässt Slahi Duisburg hinter sich und geht zurück nach Mauretanien. Fortan arbeitet er in einem Internet-Unternehmen. Er wohnt wieder bei seiner Familie, gemeinsam mit seiner Frau. Er bleibt jedoch in Kontakt mit Freunden in Deutschland, wie Mails auf der Festplatte seines Computers beweisen, die dem SPIEGEL vorliegen.
So meldet sich am 31. Dezember 2000 "Bruder Ibrahim" aus Deutschland und schreibt: "Möge Allah uns verzeihen." Ibrahim heißt bürgerlich Christian Ganczarski, ein konvertierter Muslim. Mit dem Marokkaner Mehdi und dem Mauretanier Slahi bildete der Deutsche den Kern der Duisburger Gruppe.
Ganczarski ist der Mann, der im April 2002 einen Anruf aus Djerba erhält. Am Apparat ist der Attentäter, der kurz darauf die Synagoge auf der tunesischen Insel mit 5000 Liter Flüssiggas in Flammen aufgehen lässt. Er erbittet vom Deutschen den Segen. "Gehe mit Frieden, Gottes Gnade und Segen sei mit dir", sagt ihm Ganczarski. 77 Minuten später sterben auf Djerba 21 Menschen, darunter 14 deutsche Touristen.
Im Mai 2001, kurz vor den Anschlägen vom 11. September, steigt der elektronische Verkehr auf Slahis Web-Seite rapide an. "Es kann sein, dass er sie als Nachrichtenbörse genutzt hat, mit Sicherheit lässt sich das allerdings nicht sagen", sagt Guido Rudolphi von der Schweizer Internet-Detektei Netmon, die die Web-Seite untersucht hat.
Slahi kennt sich gut aus mit Software und Hardware. In seinem Job versorgt er etliche mauretanische Orte mit InternetLeitungen. Er verlegt sogar welche im Präsidentenpalast von Nouakchott.
Dann zerbricht die Ehe mit Wafa. Im April 2001 lässt sie sich scheiden. Zwei Monate später heiratet Slahi seine Cousine Zara - ein dunkelhaariges Mädchen von 17 Jahren mit weichen Gesichtszügen und einer Vorliebe für viel Schmuck. Zara lebt bei ihrer Familie, sie sitzt in einem Wohnzimmer mit dicken roten Teppichen und sagt: "Mein Mann ist kein Terrorist. Er hat mir nie zu erkennen gegeben, dass er etwas mit diesen Leuten zu tun hat." Am 11. September habe er stundenlang mit ihr ferngesehen, er habe gar nicht wegschauen können. "Aber er hat damals nichts zu mir gesagt, rein gar nichts", erklärt sie.
VERSCHLEPPT UND GEFOLTERT
Mohamedou Ould Slahi steht unter der Dusche, als mauretanische Polizisten ins Haus kommen. Es ist der 20. November 2001, Ramadan, 17 Uhr, Slahi ist gerade von der Arbeit zurückgekehrt. Er möge mit aufs Revier kommen, sagen die Polizisten. In einer Darrah, dem blau-weißen mauretanischen Traditionsgewand, die Lesebrille in der Hand, verlässt er das Haus. "Mach dir keine Sorgen", sagt er zu seiner Mutter, "ich bin gleich wieder da."
Er wird nie wiederkommen.
Slahi steigt in seinen grauen Nissan, er fährt dem Wagen der Beamten hinterher. Sie haben ihn nicht festgenommen, die Polizei hat ihn schon mehrmals befragt. Aber diesmal ist es ernst.
Slahi wird sieben Tage lang vernommen, von mauretanischen Beamten und vom FBI. Am achten Tag fliegen die Amerikaner den Gefangenen nach Jordanien, mit Zustimmung der mauretanischen Regierung. Jordanien ist berüchtigt dafür, Gefangene im Dienst der CIA zu foltern. So müssen sich die amerikanischen Agenten nicht selbst die Hände schmutzig machen.
Am 19. Juli 2002 wird Slahi von Jordanien nach Afghanistan geflogen, in einer "Gulfstream" mit der Kennung N379P, die regelmäßig als "Folterjet" im Einsatz ist. Im August 2002 bringt das Militär ihn nach Guantanamo. Auf der Zufahrt zum Camp passiert man Betonpoller, darauf die Inschrift in Großbuchstaben: "Honor Bound to Defend Freedom" - "Durch Ehre verpflichtet, die Freiheit zu verteidigen".
Der Mauretanier gibt sich verschwiegen, selbstbewusst, unbelehrbar. Er wirkt wie ein Fanatiker.
Ein Ermittler der "Criminal Investigation Task Force" (CITF), einer vom Pentagon eigens für Camp Delta aufgestellten Ermittlungseinheit, erhält im August 2002 den Auftrag, Slahi zu befragen und die Anklage gegen ihn vorzubereiten. "Uns wurde mitgeteilt, dies sei einer unserer wichtigsten Fälle", sagt der damalige CITF-Chef Britt Mallow gegenüber dem SPIEGEL. Mallow stellt ein Team zusammen und sichtet die Beweislage: "Alles, was wir hatten, waren geheimdienstliche Erkenntnisse, die wir vor Gericht nicht verwenden könnten", sagt der Chef-Ermittler.
Im September 2002 dürfen zwei BND-Mitarbeiter und ein Verfassungsschützer zu Slahi. Nach 90 Minuten geben sie auf. Slahi habe "versucht, die Befrager mit kritischen Anmerkungen zu provozieren", heißt es im geheimen Befragungsprotokoll des BND. Der Verfassungsschützer vermerkt kühl, Slahi "berichtete nichts, was nicht schon bekannt war".
Die amerikanischen Militärs und Geheimdienste haben sich für ihre Befragung der Gefangenen ein anderes System ausgedacht. Die Häftlinge werden von verschiedenen Teams bearbeitet. Neben den Ermittlern vom Pentagon gibt es noch die Bundespolizisten vom FBI und dazu die "Joint Task Force", das sind die hartgesottenen Leute von den militärischen Geheimdiensten. "Jeder wollte mit Slahi reden", sagt Mallow.
Theoretisch gehen die Ermittler eine klar abgegrenzte Arbeitsteilung ein: Militär- und Bundespolizisten leisten ganz normale kriminalistische Ermittlungsarbeit - die Grundlage für jede Anklage. Für nachrichtendienstliche Erkenntnisse hingegen ist die Joint Task Force zuständig. Sie wird zu diesem Zeitpunkt geleitet von General Geoffrey Miller - dem Mann, der bald darauf seine menschenverachtenden Methoden auch in Abu Ghureib anwenden darf, bis die Bilder von nackten Gefangenen an Hundeleinen für einen weltweiten Skandal sorgen.
Die FBI-Beamten gehen ihren Gefangenen Slahi routiniert an: bad cop, good cop. Einem von ihnen gelingt es, dem Mauretanier näherzukommen. Der Beamte sieht aus wie ein Hippie, er trägt schulterlanges Haar und hat die ersten Verse des Koran auswendig gelernt. Aber dann wird dem FBI der Fall entzogen, die Geheimdienstleute der Joint Task Force übernehmen.
CITF-Chef Mallow bekommt auf Umwegen heraus, dass Slahi jetzt mit "speziellen Vernehmungstechniken" befragt werden soll. Er weiß, was darunter zu verstehen ist, und er weiß, dass den Aussagen, die auf diese Art aus den Gefangenen gepresst werden, kaum zu trauen ist. "Wir waren besorgt, dass es jede Chance auf eine Anklage gegen Slahi zunichtemachen würde, wenn diese Taktiken bei ihm angewandt würden", sagt Mallow. Er alarmiert deshalb sofort seine Vorgesetzten.
Was nun passiert, ist bemerkenswert: Angehörige der Militärpolizei schicken eine E-Mail an einen der engsten Berater von Donald Rumsfeld im Verteidigungsministerium, an William Haynes. Sie warnen davor, dass Folter eine Anklage gegen Slahi gefährden könne - weil das Gericht unter Folter erzwungene Aussagen als Beweismittel verwerfen kann.
Doch ihre Bedenken ändern nichts: Am 22. Mai 2003 übernehmen die Geheimdienstleute die Regie. Am 1. Juli genehmigt General Miller einen Vernehmungsplan, der den widerspenstigen Häftling innerhalb von 90 Tagen eines Besseren belehren soll. Dazu gehört, dass Slahi eine Kapuze über den Kopf bekommt und an Bord eines Helikopters gebracht werden soll. Er soll denken, er werde an einen neuen, noch schrecklicheren Ort verlegt, "wo die Regeln andere sind", so raunen sie ihm mit düsterer Stimme zu.
Zu Millers Plan gehören auch 15-stündige Vernehmungen mit Schlafentzug, dann eine Ruhepause von 4 Stunden. Oder: Dauerlärm, um "Slahis Konzentration zu stören und ihm Angst zu machen", wie es in einem Bericht heißt, den das Justizministerium im Juni 2008 veröffentlichte.
Am 17. Juli ziehen die Soldaten Slahi aus, bis er fast nackt ist. Sie machen sich darüber lustig, dass er zwar zweimal verheiratet war, aber keine Kinder hat. Sie mokieren sich über seine sexuelle Leistungsfähigkeit, sie zeigen ihm Bilder nackter Frauen. Slahi behauptet später gegenüber US-Beamten, die ihn nach den Haftbedingungen befragen, zwei Soldatinnen hätten ihn sexuell stimuliert.
Die Lagerleitung schickt einen Beamten in die Zelle, der sich als "Navy Captain Collins" aus dem Weißen Haus ausgibt. In Wahrheit ist er der Teamchef der "Special Projects" in Guantanamo - spezialisiert auf "besonders wertvolle Gefangene". Der falsche Captain legt Slahi ein ebenso falsches Schreiben vor, auf dem Briefkopf steht "Geheimdienstdirektor der US-Armee". Im Brief geht es um Slahis Mutter: Sie sei wegen der mangelnden Kooperationsbereitschaft ihres Sohnes vernommen worden, sie werde womöglich nach Guantanamo überstellt. Collins sagt auch, wenn Slahi nicht endlich rede, werde er "in einem dunklen Loch verschwinden".
Je länger der Gefangene den Verhörtechniken widersteht, desto mehr wächst die Überzeugung, bei ihm handele es sich um eine große Nummer der Qaida. So erfährt auch Rumsfeld vom Mauretanier und genehmigt am 13. August 2003 persönlich die verschärften Verhörbedingungen.
Der Freibrief ermutigt die Vernehmer. Knapp zwei Wochen danach, am 25. August, holen mehrere Soldaten Slahi aus seiner Zelle in Camp Delta, sie ziehen ihm eine Isolationsbrille über, er ist jetzt orientierungslos. Ein Boot fährt mit ihm hinaus aufs Meer. Slahi muss glauben, dass die Soldaten ihn gleich hinrichten werden, sie werden ihn verschwinden lassen, so reden die Beamten, er soll alles mithören. Vor Angst uriniert er in die Hosen.
14 Tage später kapituliert Mohamedou Ould Slahi. Er bittet um ein Gespräch mit Captain Collins. Der falsche Captain berichtet später vor einem Untersuchungsausschuss, wie der Gefangene mit der Nummer 760 seinen Sinneswandel rechtfertigte: "Er sagte seiner Wache, er wolle Captain Collins sprechen, da er nicht bereit wäre, andere zu schützen zum Schaden seiner Familie und seiner selbst."
Slahis Schwachstelle war nicht die Gewalt, waren nicht die Schläge. Slahis Schwachstelle war seine Mutter.
EINE ERGIEBIGE QUELLE
Es gibt ein US-Dokument aus Guantanamo, in dem Slahi als die ergiebigste Einzelquelle unter allen Verhörten bezeichnet wird. Ein Beamter sagt, Slahi habe ihm die Struktur der Qaida auf der ganzen Welt erschlossen. "Nachdem er aufgegeben hatte, fing er an zu sprudeln", sagt ein anderer. "Er erzählte uns mehr, als wir verarbeiten konnten. Wir gaben ihm sogar einen Computer."
Was Slahi erzählt, reicht weit zurück in die Geschichte des Dschihad, es beginnt 1990. Slahi ist gerade Student in Duisburg und hat sich aufgemacht nach Afghanistan. Er trainiert sechs Wochen lang im Ausbildungslager Faruk, er lernt mit Sturmgewehren und Panzerfäusten umzugehen. Er gibt auch zu, dass er in den Reihen der Mudschahidin kämpfte, zehn Wochen lang.
Die Vernehmer halten ihm vor, er sei 1992 erneut nach Afghanistan gereist, er habe in Gardiz als Kämpfer an einer Geschützbatterie gestanden. "Das ist korrekt", antwortet Slahi. Und er gesteht, dass er, zurück im Ruhrgebiet, Kämpfer rekrutiert habe. Dann aber habe er geheiratet, studiert und sein Leben geändert.
Am meisten interessiert die Vernehmer natürlich, was Slahi über die Genesis der Anschläge des 11. September zu erzählen hat. Wenn sich nachweisen lassen sollte, dass er die Todespiloten unterstützt hat, dann droht ihm die Todesstrafe.
Laut Ramzi Binalshibhs Version hatte den Hamburgern ein Gesinnungsgenosse während einer Zugfahrt die Telefonnummer des Mauretaniers zugesteckt und ihnen empfohlen, sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Im Herbst 1999 seien sie dann zu dritt per Bahn nach Duisburg gefahren: Binalshibh, der Libanese Ziad Jarrah und Marwan al-Shehhi. Slahi habe sie vom Bahnhof abgeholt und ihnen den Ratschlag erteilt, über Pakistan nach Afghanistan zu reisen. Zwei Wochen später hätten die drei den Mauretanier noch einmal besucht. Slahi habe ihnen Adressen in Pakistan genannt, behauptet Binalshibh.
"Sie sagen, Sie wussten im Vorfeld des 11. September nichts von den Plänen?", fragt der Vernehmer Slahi im Dezember 2005. "Sie kannten auch keine Gerüchte?"
"Das ist richtig", antwortet Slahi und wiederholt energisch, er habe die Todespiloten nicht nach Afghanistan vermittelt.
Slahi mag eine sprudelnde Quelle sein. Die Aussage von Binalshibh und seine passen aber überhaupt nicht zusammen.
Wie viele Verhöre er eigentlich über sich ergehen lassen musste und was er alles so ausgesagt habe, hat seine US-Anwältin Sylvia Royce von ihm wissen wollen. Slahi hat geantwortet: "Wie soll ich mich an Einzelheiten erinnern? Die letzten sieben Jahre waren ein einziges ununterbrochenes Verhör. Wenn ich mich jetzt an einzelne Aussagen erinnern soll, dann ist das so, als würde man Charlie Sheen fragen, mit wie vielen Frauen er etwas gehabt hat." In einem Brief schreibt er im November 2006: "Ich habe zu jedem Vorwurf, den mir die Vernehmer machten, ja gesagt."
ZWEIFEL EINES STAATSANWALTS
Stuart Couch war früher Marinepilot wie John McCain. Er schied vor neun Jahren aus den Streitkräften aus und arbeitete danach als Anwalt. Doch nach den Anschlägen in Amerika meldete er sich freiwillig im Pentagon. Er ist ein Patriot, er will seinem Land dienen, er ist kein Liberaler. Er hat für George W. Bush gestimmt, auch bei dessen Wiederwahl, als es Guantanamo schon gab, den Krieg gegen den Terror und all die Fehltritte dieses Präsidenten. Stuart Couch ist ein Prototyp des weißen, konservativen Amerika, das die Welt nach 2001 in Gut und Böse unterteilt hat.
Als ihm die Anklage im Fall Slahi übertragen wird, gratuliert ihm einer seiner Kollegen: "Du hast einen der wichtigsten Fälle überhaupt bekommen", sagt er.
Couch hat einen persönlichen Grund für die Rückkehr zum Militär. Am 11. September verlor er einen guten Freund, Michael Horrocks, der als Pilot im Cockpit des Flugzeugs saß, das um 9.03 Uhr in den Südturm des World Trade Center raste.
An einem sonnigen Herbsttag im Oktober 2003 fliegt Couch zum ersten Mal nach Guantanamo. Dort sitzt er in einem der Verhörtrakte und wartet auf einen Häftling. Er schaut sich um, alles ist neu für ihn, und er sieht etwas, was ihm missfällt.
In der Zelle gegenüber hockt in der äußersten Ecke ein bärtiger Mann im orangefarbenen Overall. Seine Arme sind gefesselt und gegen die Beine gepresst. Ohrenbetäubender Lärm durchdringt die Zelle, die Musik stammt von Metallica, einer amerikanischen Heavy-Metal-Band. Offenbar benommen vom Lärm wippt der Häftling vor und zurück. Er sieht aus wie ein Junkie im Drogenrausch.
"Ich wusste sofort, was da passiert", sagt Couch. "Das war die Behandlung eines Kriegsgefangenen in feindlicher Haft, die ich selbst am eigenen Körper trainieren musste." Seine Ausbilder brachten ihm bei, dass diese Methode gegen die Genfer Konventionen verstößt und einzig von "Schurkenstaaten" angewendet werde.
"Haben Sie das gesehen?", fragt Couch den diensthabenden Captain. Die Antwort ist barsch, der Mann schlägt die Tür zur Zelle zu. "Das ist hier so. Probleme damit?", fragt er.
Ja, Probleme.
"Die Marines", sagt Couch, "haben ihre eigene Art, Dinge zu erledigen. Wir mögen es nicht, wenn wir keine Antworten bekommen." Couch, der Marinepilot, sucht ab jetzt Antworten.
Er ist in Guantanamo, und hier herrscht Sonderrecht, auch für den Ankläger. Was Slahi ausgesagt hat, steht in einer zehnseitigen Zusammenfassung in indirekter Rede und Großbuchstaben. Der Rest wird als geheim gesperrt. Couch bekommt ausweichende Antworten auf seine Fragen, aber nach und nach lernt er, was wirklich passiert ist. Für ihn ist der Fall durch die Folter unrettbar verdorben, er will ihn niederlegen.
Den entscheidenden Impuls dazu bekommt Couch, der bekennende Christ und Verehrer von Dietrich Bonhoeffer, bei einer Taufe in seiner Kirche in Falls Church, unweit von Washington, es ist eine konservative anglikanische Gemeinde. Die Predigt dreht sich um Frieden und Menschenwürde, der Pastor fragt seine Gemeindemitglieder: "Wirst du die Würde jedes menschlichen Wesens respektieren?"
Am nächsten Morgen schreibt Stuart Couch ein Memorandum an seinen Vorgesetzten. Im Fall Slahi, so steht darin, hätten die USA rechtlich, ethisch und moralisch falsch gehandelt. Rechtlich, weil die Anti-Folter-Konvention der Uno und die Genfer Menschenrechtskonvention Folter verbieten. Ethisch, weil er sich verpflichtet fühle, auch Entlastendes für den Angeklagten zu beachten. Deshalb gebiete ihm die Moral, das Mandat niederzulegen.
Sein Chef, ein Colonel namens Bob Swan, ruft ihn in sein Büro. "Glaubst du, dass du ein besserer Mensch bist als alle anderen?", fährt er ihn an. In seiner Kirche in Falls Church fragen sie ihn, ob ihm das Leben Tausender Terroropfer weniger wert sei als das eines Terroristen.
Knapp fünf Jahre später, im Juni 2008, sitzt Stuart Couch in einem Restaurant in Arlington, er trägt ein lindgrünes Holzfällerhemd, isst Rindsgulasch auf Kartoffelbrei und spricht darüber, worin sich ein guter Ermittler von einem schlechten unterscheidet: Ein guter Ermittler, sagt er, ist einer, der einen Fall aufklären möchte. Ein schlechter Ermittler ist ein Missionar, der einseitig sucht.
Die Anklage abzugeben sei die schwierigste Entscheidung seiner Karriere gewesen, meint Couch: "Slahi schien der Mann mit dem meisten Blut an den Händen zu sein." Couch arbeitet heute als Richter bei der Marine, er behandelt Fälle junger Soldaten, die sich danebenbenommen haben.
Mittlerweile versucht sich der dritte Ankläger an Slahi. Es gibt noch immer keine Anklageschrift. Es gibt nur die Aussicht, dass die unter Folter erlangten Aussagen vor Gericht keinen Bestand haben werden und dass der nächste US-Präsident, ob er Barack Obama oder John McCain heißt, die Verhältnisse auf dem kubanischen Militärstützpunkt anders beurteilen dürfte.
Und was wird aus Slahi?
Sylvia Royce, seine Anwältin, hat ihm Sudoku-Bücher in die Zelle geschickt und einen Standardband der Medizin, er würde gern Arzt werden. In Guantanamo hat er sich Englisch beigebracht, er spricht auch Deutsch, Französisch und Arabisch. Auf makabre Art und Weise ist Mohamedou Ould Slahi ein Weltbürger geworden.
Einmal ist er im Verhör gefragt worden, wo er denn am liebsten leben würde, wenn er aus Guantanamo freikäme. Er antwortete: in den USA, aber die Aussichten dürften schlecht sein. Das zweite Land seiner Wahl wäre Kanada, doch die Regierung in Ottawa hat bereits verlauten lassen, dass er dort unerwünscht sei. Nach Mauretanien will Slahi nicht, trotz seiner Familie. Die Regierung in Nouakchott habe ihn ja den Amerikanern überlassen.
Vielleicht liegt die Zukunft des Mauretaniers dort, wo er studiert und gepredigt hat und sein kleiner Bruder jetzt auf ihn wartet. Dort, wo alles anfing: in Deutschland. JOHN GOETZ, MARCEL ROSENBACH,
BRITTA SANDBERG, HOLGER STARK
Von John Goetz, Marcel Rosenbach, Britta Sandberg und Holger Stark

DER SPIEGEL 41/2008
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