06.10.2008

USA

Vor der Schlammschlacht

Von Hujer, Marc; Meyer, Cordula; Rohr, Mathieu von

John McCains Chancen aufs Weiße Haus stehen momentan eher schlecht. Dafür sorgt die Krise des Kapitalismus im Land - und seine Mitstreiterin Sarah Palin, die rasant an Strahlkraft verliert.

Es vergeht fast eine Stunde, bis die erste Panne passiert. Diesmal hat Sarah Palin die Namen der Akteure, der Orte und Länder gelernt, aus denen sich Weltpolitik zusammensetzt. Ihre Stimme ist fest, sie nutzt jede Gelegenheit für ein Lächeln, das ihr gut steht. Aber dann passiert es: Aus dem Isaf-Oberkommandierenden in Afghanistan macht sie den ehemaligen Pressesprecher von George W. Bush.

Ein kleiner Patzer, mehr nicht, aber alle haben genau darauf gewartet. Und jeder Patzer ist jetzt zu viel.

Es ist Donnerstagabend, die einzige Fernsehdebatte findet statt zwischen Sarah Palin und Joseph Biden, dem Vizepräsidentschaftskandidaten von Barack Obama, und eigentlich sind solche Versprecher eine Vorlage, die sich kein Profi entgehen lässt. Aber Biden, der alte Routinier, schweigt, verzieht nicht einmal das Gesicht. Als er das Wort ergreift, lenkt der Senator aus Delaware das Thema auf Bosnien statt auf Afghanistan.

Selten sind solche Duelle so um Freundlichkeit bemüht, so von Höflichkeit durchdrungen. Palin hat den Stoff, den sie vorher nicht beherrschte, fließend gelernt, und Biden, der ein loses Mundwerk besitzt, gibt sich als Gentleman. Zwei dressierte Kandidaten.

Zwei Wochen lang hatte Palin mit ihren Interviews ihre Freunde in die Verzweiflung getrieben und ihre Verächter beglückt. Ihre außenpolitischen Erfahrungen führte sie auf die Tatsache zurück, dass sie von ihrem Heimatstaat Alaska aus bei schönem Wetter bis ins Ausland schauen kann, nach Russland. Auf die Frage, welche Zeitungen sie lese, konnte sie keine einzige benennen, und McCains Wirtschaftspolitik vermochte sie nur lückenhaft zu erläutern. Selbst konservative Kommentatoren erklärten ihre Kandidatur zur Katastrophe und legten ihr den Rücktritt nahe, um McCain zu retten. "Kann irgendjemand bitte Sarah Palin aus ihrer Agonie erlösen?", bettelte "Newsweek"-Chefredakteur Fareed Zakaria.

Eigentlich sollte sie McCain Glück bringen. Er wählte sie aus, damit sie für ihn die religiöse Rechte mobilisiert und in der Mitte die weißen Mütter gewinnt, die Hillary Clinton wählen würden, doch nicht Obama. Nun sieht die Gouverneurin aus dem hohen Norden nicht mehr wie McCains Retterin aus, sondern wie sein größter Flop. Der Auftritt an diesem Donnerstag fiel zwar weitaus weniger schlimm aus als befürchtet, aber Sarah Palin, der Shooting-Star, ist auf Normalmaß geschrumpft, und mit Durchschnitt ist diese Wahl für McCain kaum noch zu gewinnen.

Alle neuen Umfragen verheißen ihm die Niederlage. Nachdem beide Kandidaten monatelang etwa gleichauf lagen, ist plötzlich sogar ein Erdrutschsieg Obamas drin. Landesweit ist der Republikaner bis zu neun Prozentpunkte hinter den Demokraten zurückgefallen. Auch in den entscheidenden Wechselwähler-Staaten - in Florida, Ohio, Pennsylvania, Virginia und Colorado - liegt er hinten.

In Michigan, wo es viele weiße Arbeiter gibt, die Obama nicht unbedingt nahestehen, stellte er vorige Woche überraschend seine Kampagne ein und schickte seine Helfer stattdessen ins kleine Maine, wo er sich mehr Chancen verspricht. Nach den entscheidenden Wahlmännerstimmen liegt Obama, momentaner Stand, mit einem deutlichen Vorsprung von 265 zu 163 vorn.

Für den Umschwung ist Sarah Palin allerdings nicht allein verantwortlich. Dafür sorgte vor allem die Finanzkrise, die Amerika heimsucht. Denn die Wähler machen für die Misere vor allem die Republikaner und den Präsidenten George W. Bush verantwortlich, wobei McCain in Mithaftung gerät. Vom frei flottierenden Kapitalismus haben die Amerikaner offensichtlich genug. Und die Demokraten werden nicht müde, daran zu erinnern, sie wären schon lange für die Kontrolle der Kapitalströme eingetreten.

Die Amerikaner sehnen offenbar das Ende der Ära Bush herbei, sie scheinen einer neuen Generation die Chance einzuräumen, die Macht zu übernehmen. Da McCain damit nicht dienen kann, hatte er gehofft, die Wähler mit Überraschungscoups für sich zu gewinnen.

Palin war so ein Aufreger. Aber der schöne Augenblick hielt nicht lange an.

Die Republikaner, bis dahin nur mäßig begeistert von ihrem Kandidaten, verliebten sich in die attraktive Frau aus Alaska, die Elche schießen kann, fromm und entschlossen auftritt. Es sah so aus, als hätte McCain einen "Hail Mary Pass" gelandet - so nennen die Amerikaner einen Spielzug, den eine verzweifelte Football-Mannschaft in höchster Not versucht, weil er eigentlich überhaupt nicht gelingen kann. Wenn er aber vom eigenen Mitspieler gefangen wird, kann er den Sieg sichern.

Nach dem Rededuell mit Biden sind immerhin die Stimmen verstummt, dass McCain seine Vizekandidatin aus dem Rennen nehmen sollte, um der Chancen aufs Weiße Haus willen. Sie hat jetzt nur noch begrenzten Nutzen für ihn: Die konservativen Christen, die 2004 Bush die Wiederwahl sicherten, sind von der gottesfürchtigen Mutter, die Abtreibung ablehnt, noch immer angetan. Kaum zu glauben aber, dass ihr die oft hochpolitischen Wechselwähler zulaufen. Um sie muss sich McCain jetzt schon selbst kümmern. Mit der gewünschten Arbeitsteilung wird es nichts.

Binnen zwei Wochen verlor Palin dramatisch an Popularität. 51 Prozent aller Amerikaner halten sie mittlerweile für nicht qualifiziert, im Falle von McCains Tod die Präsidentschaft zu übernehmen.

Um den Absturz in den Umfragen aufzuhalten, versuchte es McCain mit einem weiteren Paukenschlag: Als die Wall Street zu beben begann, verkündete er mit großer patriotischer Geste, er werde den Wahlkampf aussetzen. Er wollte auch die erste von drei TV-Debatten mit Obama verschieben. Er erntete nichts als Spott und Unverständnis.

Dann flog er nach Washington, versuchte seine widerspenstigen Parteikollegen im Senat davon zu überzeugen, für den Rettungsplan von Finanzminister Henry Paulson zu stimmen. Am Ende saß er im Weißen Haus schweigend dabei, als ausgerechnet die Republikaner dem Präsidenten die Gefolgschaft verweigerten. Führung sieht anders aus.

Zusehends wird McCain seinem alten Ruf gerecht. Er neigt zu sprunghaften Entscheidungen und fällt so gegenüber Obama ab, der kühl und methodisch seinen Wahlkampf anlegt. "Jetzt wissen wir, wer in einer Krise erratisch reagiert. Wenn dieser Mann Auto fährt, geht lieber auch vom Bürgersteig herunter", spottete ein Obama-Sprecher.

Obamas Strategie hat sich seit längerem nicht geändert. Er setzt McCain und Bush gleich, macht den einen wie den anderen für den Irak-Krieg und die kapitalistische Krise daheim verantwortlich. In einer Zeit, in der gerade einmal zwölf Prozent der Wähler der Ansicht sind, das Land befinde sich "auf dem richtigen Weg", ist das ziemlich wirkungsvoll.

McCain dagegen versucht, Obama als gefährlich unerfahrenen Novizen mit einem Mangel an Patriotismus hinzustellen. Das begünstigte ihn, als der Krieg in Georgien ausbrach, aber das Zwischenhoch ist verweht. McCain und seine Leute machen mitunter den Eindruck, als gingen ihnen die Ideen und die Hoffnung aus.

Lange Zeit war McCain ein Star der Mitte, weil er sich gezielt von Bush oder den Evangelikalen fernhielt und überparteiliche Kompromisse mit den Demokraten schmiedete. Er trat auf als der amerikanische Held, der für sein Vaterland gelitten hat, der Unkonventionelle, der Unberechenbare, dem die Sache wichtiger ist als das Ego - das war sein Nimbus, der ihm unvergleichbare Aura verlieh. Es gab sogar Momente, in denen McCain erwog, die Partei zu wechseln, dann aber versöhnte er sich doch wieder mit den Republikanern und Präsident Bush. Und nun muss er im Wahlkampf, um zu gewinnen, die Rechten und die Frommen umgarnen. Der "Economist" stellte die Forderung auf: "Bringt uns den richtigen McCain zurück!"

Dieser richtige McCain dürfte in der letzten Phase des Wahlkampfs noch unkenntlicher werden. Viele Experten erwarten, dass er wüste Angriffe auf Obama starten und ihn als verkappten Radikalen darstellen wird: befreundet mit dem umstrittenen Pastor Jeremiah Wright oder dem Hochschullehrer Bill Ayers, einem einstigen Anführer der Terrorgruppe Weathermen.

Das ist die Methode: der weißen Mittelklasse Angst einzujagen vor einem Mann, dessen multikultureller Hintergrund vielen Amerikanern immer noch ein bisschen unheimlich ist. Vermutlich werden dabei die rassistischen Untertöne wieder schärfer ausfallen: McCain, der weiße Patriot, gegen Obama, den unamerikanischen Schwarzen.

"Sie müssen jeden Tag damit verbringen, Barack Obama als Präsidenten der Vereinigten Staaten inakzeptabel zu machen", empfiehlt Dan Bartlett, einst Pressechef des Präsidenten Bush, als Strategie bis zum 4. November.

Entschieden ist dieser Wahlkampf noch lange nicht. Aber McCain brauche einen "game-changing moment", einen Einfall, der dem Spiel eine Wende gibt, schreibt "Time".

Zweimal noch sollen John McCain und Barack Obama miteinander debattieren. Zweimal noch kann der republikanische Kandidat seine Vorzüge herausstellen und auf Fehler seines Gegners hoffen, der allerdings ein Ausbund an Selbstkontrolle zu sein scheint.

McCain kann wohl nur noch darauf hoffen, dass sich das Spiel von selbst wendet. MARC HUJER, CORDULA MEYER,

MATHIEU VON ROHR


DER SPIEGEL 41/2008
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