06.10.2008

UMWELTScheinhelligkeit im Wohnzimmer

Wie gut sind Energiesparlampen wirklich? Ein neuer Test ergibt: Oft sind sie dunkler als angegeben und gehen schneller kaputt. Vor allem aber enthalten sie Gifte.
Sparwunder und Klimaretter? Oder funzeliger Fetisch für Weltverbesserer? Beim Thema Energiesparlampe scheiden sich die Geister. Nun facht die Zeitschrift "Öko-Test" den Streit noch einmal kräftig an: "Energiesparlampen sind kein wirklicher Fortschritt und keine echte Alternative zu Glühlampen", so das vernichtende Urteil der Zeitschrift in ihrer Oktoberausgabe.
Grundlage ist ein Test von 16 "warmweißen" Energiesparbirnen, die allesamt in erstaunlich schlechtem Licht erscheinen. Viele von ihnen
* brauchen über eine Minute, bis sie einigermaßen hell leuchten;
* erreichen längst nicht die Helligkeit der 60-Watt-Birne, die sie ersetzen sollen;
* bringen weit weniger als die versprochenen 80 Prozent Energieersparnis;
* verlieren binnen 2000 Betriebsstunden zwischen 8 und 57 Prozent ihrer Leuchtkraft;
* gehen lange vor der angegebenen Lebensdauer kaputt;
* stinken zum Teil unangenehm durch das Ausdünsten von Glykol (Osram) beziehungsweise Phenol (Ikea);
* verbreiten Flackerlicht, das angeblich zu Schwindel und Kopfschmerz führen kann.
Nicht nur Vertreter der Industrie sind empört über den Verriss. Auch Ökoverbände wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) nehmen die geschmähten Birnen in Schutz. Der Vorwurf: "Öko-Test" halte sich nicht an die Standardmessverfahren und mache eine eigentlich gute Technik leichtfertig schlecht.
Tatsächlich ist das Prüfverfahren ungewöhnlich, das aber ist nicht unbedingt eine Schwäche. Bei der Lichtmessung zum Beispiel ist "Öko-Test" praxisnäher, weil man sich daran orientiert, wie viel Licht tatsächlich auf eine Tischplatte fällt. Viele Ökofunzeln, die baubedingt ungleichmäßig strahlen, geben viel Licht ungenutzt zur Seite ab. Das wird in herkömmlichen Tests nicht berücksichtigt; gemessen wird dort oft eine abstrakte Scheinhelligkeit.
Aber "Öko-Test" behauptet auch, dass Energiesparlampen durch ihr Flimmern "wie ein Blitzlichtgewitter" diffuse Leiden auslösen können wie "Kopfschmerzen, Schwindel, Unwohlsein" und "Hormonprobleme". Belege bleiben die Ökotester schuldig. Durch solch fragwürdige Unterstellungen untergraben sie ihre eigene Glaubwürdigkeit.
Trotzdem wird durch die Untersuchung deutlich: Eine Neubewertung der Energiesparlampen ist längst überfällig. Wie ökologisch sind sie wirklich?
Sie sparen Strom und Geld, das leugnen selbst die Ökotester nicht, auch wenn der Effekt oft deutlich bescheidener ausfällt, als es die Hersteller behaupten. Immerhin käme Deutschland bei flächendeckendem Einsatz von Sparlampen mit zwei Kohlekraftwerken weniger aus, so die DUH.
Dennoch sind die angeblich so umweltschonenden Energiesparlampen alles andere als unbedenklich. Das Problem: Sie enthalten pro Stück über zwei Milligramm Quecksilber, ein gefährliches Gift. Und rund zwei Drittel aller Gasentladungslampen landeten 2006 in Deutschland im Hausmüll, also rund 70 Millionen Stück, so eine Schätzung der Lampenhersteller.
Diesen Einwänden zum Trotz folgt die Politik weiter dem Dogma: Energiesparlampe gut, Glühbirne schlecht. Die EU erwägt sogar, ab 2010 den Verkauf von Glühbirnen über 40 Watt zu verbieten, nach dem Vorbild von Australien und Neuseeland, wo Ähnliches bereits beschlossen ist.
Auch das Bundesumweltministerium (BMU) wirbt für den Einsatz der Sparbeleuchtung. Doch wenn es um die Quecksilberverseuchung geht, schiebt man den Schwarzen Peter den Verbrauchern zu: Seit 2006 müssten Energiesparlampen als Elektroschrott entsorgt werden, heißt es beim BMU. Doch erstens wissen das viele Verbraucher gar nicht. Und zweitens ist es lästig, die Ökobirnen extra zu einem Recyclinghof zu bringen. Wieso gibt es keine allgemeine Rücknahmepflicht wie auch bei Elektrobatterien und PET-Flaschen? "Wir wollen nicht gleich die Regulierungskeule schwingen", heißt es dazu im BMU.
"Nicht nur die Händler, auch die Hersteller lässt man weitgehend gewähren", kritisiert Mariangiola Fabbri vom World Wide Fund for Nature (WWF). Besonders ärgerlich: Auf Drängen der Industrie, vor allem von Osram, hat sich die EU mit Strafzöllen von bis zu 66 Prozent gegen chinesische Billiganbieter abgeschottet, statt sinnvolle Ökokriterien für alle zu formulieren. So wurde zwar der Preis hochgehalten - nicht aber die Qualität.
Die Zeche zahlen die Kunden. Gerade Großanbieter wie Aldi, Ikea und Obi fielen der Stiftung Warentest schon im März unangenehm auf durch den Verkauf von Birnen mit "erheblichen Falschangaben". Die Billigbirnen machten häufig schneller schlapp als vom Hersteller versprochen.
Am 18. Oktober wird der Importzoll voraussichtlich fallen, und damit der Lampenpreis. Dadurch dürfte der Markt zugleich auch unübersichtlicher werden. Gute Empfehlungen bietet dabei das Projekt Eco Top Ten (www.ecotopten.de).
Einhelliges Urteil der Experten: Es lohnt sich, auf hochwertige Markenlampen zu setzen. Aber teuer bedeutet nicht immer besser. Das belegt das Ergebnis von "Öko-Test". Ausgerechnet die mit fast zehn Euro teuerste Lampe legt einen erstaunlichen Negativrekord hin: Sie spart nicht Strom, sondern steigert den Verbrauch - um volle 14 Prozent.
HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 41/2008
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